Landzunge (2/2): Nochmal Landgasthof zum Adler, diesmal in Gaisbeuren (Bad Waldsee)

Ein anderes Haus, das sich der LandZunge-Vereinigung angeschlossen hat, ist das Hotel Gasthaus Adler (die Namensgleichheit ist Zufall) der Familie Bösch in Gaisbeuren, wieder mitten im Dorfe, diesmal sogar – wie es sich für ein Dorfwirtshaus gehört – unmittelbar an den Hof der Dorfkirche St. Leonhard angrenzend, und diesmal an der B 50, vielleicht 5 Kilometer südlich von Bad Waldsee. 21 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung von Fellheim hatte der Adler in Gaisbeuren bereits das verbriefte Recht, dass alle Hochzeiten, Hochzeitstage, Gemeindezusammenkünfte und Gastmähler nur in seinen Mauern abgehalten werden dürfen (ein tolles Recht, hätte so mancher Gastwirt gewiss auch heute noch). In den folgenden Jahrhunderten diente der Adler daneben als Brauerei, Bäckerei, Ortsmetzgerei, Zollstation und auch als Rathaus, seit hunderten von Jahren – niemand weiß wohl heute mehr, wie lang genau, gehört der Adler der Familie Stützle-Bösch. Nach einer Ausbildung zum Koch studierte der heutige Patron Alexander Bösch an der FH Kempten Tourismusmanagement, arbeitete nach einem Traineeship in Brenner‘s Park-Hotel in Baden-Baden im wunderschönen Castlemartyr 5-Sterne Resort bei Cork in Irland, um 2008 dann als Gastronomieleiter zurück zu Oetker in Brenner’s Park-Hotel zu gehen. Seit 2013 leitet der passionierte Jäger Bösch den Adler und renovierte das damals schon liebenswerte, aber halt in die Jahre gekommene Haus in den nächsten beiden Jahren erst einmal gründlich. Im Gegensatz zum Adler in Fellheim steht das ebenfalls zweigeschossige, fensterreiche Gebäude des Adlers in Gaisbeueren mit der langen Seite zur Bundesstraße, hinter dem Haus auf der Wiese ein ruhiger Anbau mit Gästezimmern und ein sehr schöner Gastgarten (Biergarten wäre die falsche Bezeichnung). Und im Gegensatz zum Adler im Fellheim hat die Gaststube des Adlers in Gaisbeueren bereits ihre Patina, das Terroir (ja, ich weiß, dass die Verwendung dieses Ausdrucks hier etwas schräg scheinen mag, und dennoch passt er irgendwie), das … Magisch-Heimelige entwickelt, obwohl auch noch nicht hunderte von Jahren in dieser Form bestehend, mit Ausnahme des gemauerten Kachelofens vielleicht. Holzbänke an den halbhoch holzvertäfelten Wänden, helle Butzenscheiben, solide Wirtshaustische und –stühle ebenfalls aus Massivholz, die Tische mal blank, mal liebevoll mit Damast eingedeckt, wenig Dekoration, hier ein Geweih (klar, seit Jahrhunderten sind die Wirtleute Jäger), dort ein altes Bild, dann ein Blumentopf, aber erfreulich wenig Tinnef (mit dem kreativ-wütige Wirtsgattinnen die Etablissements so oft verunstalten), 30 Personen finden hier vielleicht Platz, aber mehr Gäste gibt Gaisbeueren meist auch nicht her. Wenn mehr Gäste kommen, zu Familienfeiern, am Sonntagmittag, wenn anscheinend die ganze Region auf einen Schlag essen geht, dann bieten diverse Nebenräume – und im Sommer eben auch der Garten – genügend Platz, um alle unter- und satt zu bekommen. Innenarchitektonische Highlights sind diese Nebenräume nicht, das o.g. „Magisch-Heilige“ entwickelt sich in diesen Funktionsräumen gewiss nicht, aber Pech gehabt, hätte man halt rechtzeitig in der Stube reserviert, wenn man weiß, dass der Laden brummen wird. Apropos, ein wirkliches Highlight im Adler in Gaisbeuren: es gibt immer die komplette Speisekarte im Angebot, dieser großkotzige/faule (je nachdem, wie man’s sieht) Quatsch, dass es Sonntagmittag nur drei oder vier Menues gibt (weil die Küche mehr Vielfalt angeblich nicht schafft … dann stellt halt mehr Leute ein – oder verzichtet auf mich als Gast (ich weiß, so mancher Gastwirt würde das liebend gern tun)), den macht man hier nicht mit. Hier gibt es nicht nur Allzeit Alles, hier werden sogar problemlos, freundlich und richtig Sonderwünsche erfüllt, selbst wenn der Laden bis auf den letzten Platz besetzt ist und die Servicekräfte sich rauchende Hacken rennen. Ich weiß, wie umständlich Beilagenänderungen für die Küche beim Hochbetrieb sind, aber wo andere schlichtweg sagen „Geht nicht!“, ist es im Adler in Gaisbeuren kein Problem, die Sauren Linsen als Vorspeisen- statt als ganze Portion zu bekommen oder zum Rosa gebratenen Rehrücken statt Brotknöpfle Spätzle zu bestellen. Respekt!

Insgesamt ist die Speisekarte des Adlers in Gaisbeuren weitestgehend traditionell-regional geprägt, sieht man mal von wenigen Zugeständnissen an die Veggie-Fraktion wie Bulgurblinis auf Ratatouille oder veganes Kürbiscurry einmal ab, dominiert echte Schwäbische Hausmannskost: je drei Suppen und Salate, zwei Fische, ansonsten Filettöpfle, Zwiebelrostbraten, Tafelspitz, Saure Linsen, Maultaschen, Rehragout, Rehrücken, und das war’s dann – bis auf die Nachtische und zünftige Vesperkarte – auch schon. Und was würde ein schwuler Sozen-Bürgermeister jetzt sagen? „Und das ist gut so!“ Hier wird nicht crossover dilettiert, hier wird nicht faul aufgetaut, hier wird nicht jeder kulinarischen Modesau, die mal wieder durch’s frugale Dorf getrieben wird, blind hinterhergerannt, hier wird nicht jedem Tierchen sein Pläsierchen geboten – hier wird sich bewusst beschränkt, auf das Typische, auf das, was die regionalen und saisonalen Märkte hergeben, auf das, was man – sehr gut – kann. Um es kurz zu machen: Fleischbrühe kräftig-wohlschmeckend, die Flädle darinnen selbst gemacht, deutlich gewürzt, nicht matschig; Wildkraftbrühe mit Rehmaultaschen hervorragend; Filettopf  mit Rahmchampignons und Spätzle sehr gut, frisch gebratenes, tatsächlich rosanes Schweinefilet, kräftige Rahmsoße, frische Pilze, hausgemachte Spätzle (und tatsächlich Spätzle, nicht Knöpfle); Zwiebelrostbraten butterzart, rosa, deutlicher Fleischgeschmack, frisch frittierte Zwiebeln, kräftige Jus; Saure Linsen mit Saitenwürstchen wie bei Großmuttern; perfekt rosa gebratener Rehrücken, knackiger Rosenkohl, gigantische Wildsoße …. Dazu gibt es im Adler am letzten Wochenende eines jeden Monats noch etwas ganz Besonders, nämlich traditionelle oberschwäbische Gerichte aus Urgroßmutters handgeschriebenem Kochbuch, das sind dann so Sachen wie Saure Kutteln mit Bratkartoffel, Aufbruch vom Reh (Leber, Herz, Nieren), gekochte Kalbszunge in Weißweinsauce oder gebackenen Kalbskopf mit Remoulade; das ist Alles nicht wirklich meins, aber schön, dass es das gibt und dass es Leute gibt, die auch das mögen, schließlich soll man ja nichts wegwerfen von den geschlachteten Tieren. Erwähnenswert sind im Adler sicher auch noch die Desserts; da gibt es einmal die 08/15-Mövenpick-Eiskarte mit allerlei Zeugs auf dem Einerlei-Eis mit allerlei Phantasienamen, da gibt es aber auch immer ein paar extraordinäre hausgemachte Desserts, Dörrpflaumenparfait mit Gewürzorangen oder Wallnussparfait mit marinierten Trockenfrüchten.  Der Adler in Gaisbeuren, eine grundsolide, sichere, heimatverbundene kulinarische Bank, wo man gehobene regionale Küche und schwäbische Freundlichkeit und Gemütlichkeit findet.

 

 

Hotel Gasthaus Adler
Alexander Bösch
Bundesstraße 15
88339 Bad Waldsee
Tel.: +49 (75 24) 99 80
Fax: +49 (75 249 99 81 52
Email: mail@hotel-gasthaus-adler.de
Internet:  www.hotel-gasthaus-adler.de

Hauptgerichte von 9,50 € (Saure Linsen) bis 25,50 € (Rehrücken), Drei-Gänge-Menue von 26,50 € bis 49,50 €

DZ Ü/F 92 – 105 € (pro Zimmer, pro Nacht; höhere Preise zu Messezeiten)

Das sagen die Anderen:

Tripadvisor: 4,0 von 5 Punkten bei 21 Bewertungen
Holidaycheck: 5,4 von 6 Punkten, 100 % Weiterempfehlung bei 15 Bewertungen
Varta: 1 von 5 Diamanten (Restaurant); 2 von 5 Diamanten (Übernachtung)
Guide Michelin: n.a.
Booktable: n.a.
Gault Millau: n.a.
Schlemmer Atlas: n.a.
Gusto: n.a.
Dehoga-Klassifizierung: 3 Sterne
HRS-Klassifizierung: 3 von 5 Sternen; HRS-Kundenbewertung: 8,2 von 10 (bei 62 Bewertungen), 87 % Weiterempfehlung
Booking.com-Klassifizierung: 3 von 5 Sternen; Booking.com-Kundenbewertung: 8,3 von 10 (bei 98 Bewertungen
Yelp: n.a.

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