Gerad drei Jahre ist es her, dass die langjährigen – sehr beliebten und erfolgreichen, sollte man hinzufügen – Wirtsleute des Lamms in Wangen, Rosemarie und Franz Christberger ihren Rückzug ankündigten, um in den verdienten Ruhestand zu gehen. Lange Zeit sah es so aus, als würden sie keine Nachfolger finden und das Lamm das Schicksal so vieler altehrwürdiger schwäbischer Gasthäuser ereilen, nämlich die Schließung oder – ungleich schlimmer – die Umwandlung in eine Dönerbude oder einen Allerwelts-Italiener. Genau so erging es der nicht weniger altehrwürdigen Weinstube Kempter, direkt neben dem Lamm gelegen, wo heute ein Asiate seine invasive Kost zwischen Holzvertäflung und Butzenglasscheiben brutzelt; nichts gegen Asiaten und ihr Futter, aber bitte nicht an solch einem historischen Ort.

Nicht so im Lamm: zum Glück fangen sich mit Bjondida und Bujar Duraki neue Pächter, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, die schwäbisch-gut-bürgerliche Gastronomie- und Küchentradition des Hauses ohne Bruch fortzuführen. Die Gaststube wurde sacht renoviert, das Personal übernommen. Das Ambiente ist nach wie vor rustikal-ungezwungen, viel Holz, rustikale Wirtshausmöbel, großer Schanktresen, warmes Licht, lockere Atmosphäre, flotte, scherzende, freundliche Bedienungen, Stofftischdecken, Papierservietten, einfaches, aber ordentliches Geschirr und Besteck, in der schönen Jahreszeit ein paar Tische vor dem Haus in der Sonne: hier ist man Mensch, hier darf man sein. Auf der Speisekarte finden sich keine (verfluchten) Burger, Tiefkühlpizzen, vegane Currys und ähnliches modernistisches, gebietsfremd-verdrängendes Futter. Eigentlich ist die Speisekarte (fast) genauso geblieben, wie früher bei den Christbergers: Gaisburger Marsch, Maultaschen, saure Linsen, saure Kutteln, saurer Romadur, Krautkrapfen, Zwiebelrostbraten, Leichenfinger (vulgo G’schlagene, d.s. feine Bratwürste ohne Pelle, eine schwäbische Spezialität), und zu allem selbst und frisch gemachte Spätzle und herrlich schlorziger schwäbischer Kartoffelsalat: ein Panoptikum traditioneller schwäbischer Küche. Nur ein paar Grillgerichte scheinen mir neu dazu gekommen sein: Lammsteaks, Surf & Turf oder ein Grillteller mit einem verstohlenen Cevapcici, wahrscheinlich eine kleine Reminiszenz an die Herkunft des Wirts.


Die Qualität ist wie eh und je weitgehend tadellos: kräftige Flädlesuppe, sehr ordentliche geschmälzte Maultauschen mit viel und leckerer Brätfüllung, dazu herrlich schlorziger schwäbischer Kartoffelsalat, das Dreierlei aus Krautkrapfen, Maultasche, sauren Linsen, Speck und Spätzle gibt dem interessierten kulinarischen Schwaben-Eleven auf einem Teller eine gute Einführung in typische schwäbische Küche, der Zwiebelrostbraten schließlich ist riesig, hervorragendes Fleisch, zart, wohlschmeckend, mit reichlich geschmälzten Zwiebeln und – natürlich – einem Berg frisch gemachter, sehr guter Spätzle, zum Abschluss die Nonnenfürzle – für Nicht-Schwaben: frittierte kleine Krapfen aus Brandteig, in Zucker und Zimt gewälzt, in Schwaben traditionell zu Fasnacht gebacken – sind frisch gemacht, noch lauwarm, ein hochkalorisches Gedicht, das Convenience-Eis dazu von der besseren Sorte. Wenn die etwas im Lamm nicht können, dann sind das kleine Portionen, trefflich satt wird man hier allemal, und relativ wohlfeil dazu, nur ein Gericht über 30 EURO, die meisten sogar unter 20 EURO. Will man mit Gewalt etwas kritisieren, so ist der Beilagensalat mit zwei Riesenblättern Batavia on top, darunter sehr mäßiger Krautsalat, ein Berg von kleingehäckseltem Eisbergsalat und Kartoffelsalat deutlich optimierbar, und ob die Bratensauce zum Zwiebelrostbraten tatsächlich selber gemacht wird, würde ich dann doch bezweifeln.


Der Erfolg gibt den Durakis Recht, der Laden brummt, ohne Reservierung geht oft gar nichts, man sitzt nicht zu zweit an einem Vierertisch, hier wird flugs ein anderes fremdes Paar dazugesetzt, selten habe ich ein Lokal erlebt, in dem nicht nur alle Tische, sondern alle Plätze belegt sind, und das mehrmals pro Schicht. Die Gäste sind nicht dumme Lauftouristen (die es in Wangen ohnehin nur sehr wenige gibt), sondern vorwiegend einheimische Stammgäste, immer ein gutes Zeichen.

Leider – das ist den Wirtsleuten nicht anzulasten – ist das Lamm kein Gasthaus, sondern ein Restaurant mit strikten Öffnungszeiten mittags und abends. Stammtische, eine fröhliche Zecherrunde beim Feierabendbier, einen stillen Trinker in der Ecke, ein spontanes Treffen von Vereinsmitgliedern wird man hier nicht finden. In’s Lamm geht man, isst und trinkt und ist nach ein, zwei Stunden trefflich gefüttert wieder weg. Wer nur ein Bier trinken oder sich mit Freunden treffen will – zumal untertags – ist in Wangen in der Mohrenpost besser aufgehoben, Stoffels Stadtbräu möchte ich hier nicht empfehlen.

Gasthaus Lamm
Bujar Duraki
Bindstraße 60
88239 Wangen im Allgäu
Tel.: +49 (75 22) 66 75
Fax: +49 (75 22) 35 07
E-Mail: kontakt@lamm-wangen.com
Online: https://www.lamm-wangen.com/
Hauptgerichte von 10,80 (Ofenkartoffeln mit Sauerrahm-Dip und gegrilltem Gemüse) bis 32,80 EURO (Surf & Turf, Beilage); Drei-Gänge-Menue von 21,30 bis 48,10 EURO

