Kräuterpension Säumerpfad in Mauth: Mogelpackung

Summa Summarum: einfaches Dorfgasthaus am Ende der Welt mit einfachen Pensionszimmern, sehr schönem , idyllischen Garten, ausgesprochen rustikalem Essen, nur zum Frühstück und Abendessen geöffnet, dem Anspruch „Kräuterpension“ wird man hier vorne und hinten nicht gerecht

Kurz vor Passau verlässt man die A3, fährt hoch auf die grünen Hügel („Berge“ wäre wahrlich übertrieben) des Bayrischen Waldes in die dunklen, ausgedehnten Wälder, Freyung sieht schon ziemlich nach Arsch der Welt aus, doch weit gefehlt, Freyung ist eine der Metropolen und Hotspots dieser Gegend, dahinter wird’s dann richtig ländlich, schmale, kurvige Staats- und Kreisstraßen, kleine Flecken mit anscheinend völlig überdimensionierten Kirchen, große, stolze Gehöfte und armselige Höfe, irgendwann, ganz kurz vor der tschechischen Grenze erreich man Mauth, ein Straßendorf mit Tankstelle, Getränkemarkt, Gärtnerei (samt Poststelle und Malerbedarf – wo sonst sollte man seine Wandfarbe kaufen, wenn nicht in der Gärtnerei?), Apotheke, zwei wirklich krämerigen Krämerläden, einem Metzger, zwei meist unbesetzten Bankfilialen, einer ziemlich guten Konditorei, einem stattlichen, frisch renovierten, lausigen Dorfwirt, einer überdimensionierten Kirche und einer Glashütte, die sich auf Touristen-Kitsch spezialisiert zu haben scheint, viel mehr ist da nicht, außer noch unübersehbarem massigem Leerstand. Fast könnte man sich nach dem pulsierenden Leben in Freyung zurücksehen.

Doch es gibt noch mehr in Mauth als man vermuten sollte, nämlich die Kräuterpension Säumerpfad, abseits versteckt in einem ganz kleinen, schmalen Seitensträßchen, nur ein unscheinbares Schild weist den anreisenden Gästen den Weg, Gäste wie uns etwa, die – aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Ursachen – irgendwie die Webpage www.pension-saeumerpfad.de im Netz gefunden und dort dann gelesen hatten „eine rosenbewachsene Oase, geeignet zum Entspannen und Genießen“, „Philosophie von Nachhaltigkeit und Einvernehmen mit der Natur“, „eine große Vielfalt an Kräutern aus dem eigenen Garten, Wild und Fisch, Fleisch aus der Umgebung“. Derart angefixt hatten wir spontan an einem verlängerten Wochenende für 6 Tage ein Doppelzimmer in der Kräuterpension Säumerpfad gebucht, mit 89 EURO für Übernachtung mit Frühstück nicht wirklich teuer, aber für die Lage und den Komfort auch nicht wirklich billig, aber uns war ja auch nicht nach Luxus und Highlife, sondern nach Ruhe, Entschleunigung und eben gutem, ländlichem Kräuter-Essen. Die per Mail und per Telephon zweimal erbetene Bestätigung meiner Buchung kam nie, aber am Tage unserer Anreise versicherte mir eine brummige Männerstimme zuvor am Telephon, das ginge schon alles in Ordnung, er habe uns in’s Buch eingetragen. Nun gut, wir standen wohl tatsächlich im Buch, jedenfalls bekamen wir das bestellte Zimmer: winziger Vorraum, kleines Zimmer mit Bett, durchgelegener Matratze, schlaffen Kissen, Schrank, Tisch, zwei Sessel, keine Schreibgelegenheit, Fernseher, netter Eichendielen-Boden, schmalen Balkon mit 2 Stühlen und Spinnweben, dazu ein durchaus geräumiges, altertümlich gefliestes, Fenster- und Lüftungs-loses Bad mit Dusche, WC, einem Waschbecken, kratzigen, zerschlissenen, recht kleinen Handtüchern und zwei Wärmflaschen. Das ist als Pensionszimmer schon OK, funktional, aber weit entfernt von wohlfühlen und preiswert. Wohlfühlen, das könnte man sich wahrscheinlich in dem in der Tat recht hübschen, naturbelassenen, eingewachsenen Garten mit Wiese, verstreuten Sitzgelegenheiten und Liegen, dazu ein ganz kleiner Gastgarten mit ein paar Tischen, das macht einen sehr hübschen Eindruck, nur leider spielte das Wetter nicht mit, aber dazu kann nun niemand was. Die Gaststube hingegen ist ein großer, L-förmiger Raum, Steinfußboden, niedrige Holzdecke, mächtiger Schanktresen, wenig Fenster, schummriges Licht aus wattsschwachen Funzeln, blanke Tische, massive Wirtshausmöbel, alte Bilder und Bock-Geweihe, für’nen Hirsch reicht’s hier nicht, das Plakat der Münchner Kammerspiele von Botho Strauss‘ Heimkehrergesängen von 1996 wirkt irgendwie deplatziert, kündend von besseren Tagen, als Peter Bachmayer noch Wirt des Schlachthofs in München, gelegentlicher Laienschauspieler und Tatort-Statist war, bis er gemeinsam mit seiner Frau Waltraud den Ausstieg wagte und eben diese Kräuterpension hier im Nirgendwo eröffnete. Gleichwohl in der Peripherie bei der Eingangstüre des Gastraumes stehend, bildet ein stets lodernder Kaminofen das Zentrum dieses Ensembles, sorgfältig und unablässig befeuert von der Wirtin persönlich. Solch ein Kaminofen mag romantisch sein, im Herbst im Innenstadt-Penthaus, am Wochenende mal zusätzlich zur Fußbodenheizung mit ordentlich geschnittenen und sauber verpackten, überteuerten Holzscheiten aus dem Baumarkt genutzt, vor allem der netten Stimmung wegen. Hier in Mauth ist der Ofen Notwendigkeit, denn es ist frisch in der fast immer gähnend leeren, großen Wirtsstube, immer wieder stehen die Wirtsleute vor dem Ofen und wärmen sich ein paar Minuten, das kann ich durchaus nachvollziehen, und dennoch ist es ein Unding und No-Go, dass ausgerechnet der schönste Platz in der ganzen Kneipe – Tisch und Sofa vor dem Kaminofen – ständig von den Wirtsleuten mit Zeitungen, Brillen, Stiften, Papieren in Beschlag genommen wird, damit es sich kein anderer dort gemütlich mache. Nun gut, sie sind die Hausherren.

Das Speisenangebot ist – sagen wir – durchwachsen, zwei Suppen, eine Vorspeise, drei vegetarische, vier Fleisch-Gerichte, zwei Nachspeisen, dazu Brotzeiten. Bei den wenigen Besuchern, die während unseres Aufenthaltes da waren – drei Nächte lang waren wir die einzigen Gäste, Laufkundschaft aus der Umgebung gibt’s kaum, „Die mögen uns hier nicht, weil wir Zua’greiste sind.“ sagte mir die Wirtin – müsste jedes größere Angebot TK und Convenience sein. Glasfleisch vom Dorfmetzger und abgebräunter Leberkäs sind sicherlich keine kulinarischen Großtaten. Die Kartoffel-Steinpilzsuppe lauwarm, sahnig, schwer. Die Brennnessel-Spinat-Knödel sicher selbst gemachte, plumpe, fettige, sättigende Semmelknödel mit viel Butter darunter und Käse darüber, Brennnessel und Spinat nur optisch als Farbtupfer, nicht geschmacklich wahrnehmbar. Wirklich gut die Rindssuppe mit selbst gemachten Flädle oder die auf den Punkt knackig gekocht die Gemüsespaghetti, nur wieder in fetter Crème Double ertränkt, die frischen Saiblingsfilets darauf perfekt, hier kann einer kochen, wenn er will, aber weder das Rumpsteak noch die Zwetschgenknödel legten Zeugnis davon ab. Viel mehr konnten wir ohnehin nicht probieren, denn Montag/Dienstag bleibt das Wirtshaus zu, selbst für Hausgäste. Auch untertags zwischen Frühstück und 17:00 Uhr ist die Wirtsstube verrammelt, kein nachmittägliches Schreiben am Kaminofen oder ein Kaffee im hübschen Garten, no service till 5. Das Frühstück schließlich … Solange noch andere Gäste im Haus waren, gab’s ein kleines Buffet, Backlinge, frisches Obst, regionale Würste und Käse, wirklich gute selbst gemachte Marmeladen, dünnen Kaffee, Tee aus dem Beutel, Eierspeisen à la minute von der Wirtin persönlich, sogar Lachs mit frisch gerissenem Kren, das passte alles irgendwie für eine Pension. Als wir dann alleine im Haus waren gab’s – verständlicher Weise – kein Buffet mehr, sondern einen eingedeckten Tisch mit einer Etagere mit Wurst, Schinken, Käse, zwei Schälchen mit frischem Obst und auf Nachfrage fast alles, was das Frühstücksherz begehrte; so weit so gut, wäre die Etagere und ihr Belag nicht jeden Tag der gleiche gewesen, nur spärlich aufgefüllt und re-arrangiert, aber am dritten Tage ist eine Schnittkäsescheibe halt wirklich vertrocknet und verbogen, das sieht man, ebenso die Wurst. Und ein brummig-freundlicher Wirt in Jogginghosen oder eine unfrisiert-zerzauste Wirtin, die des Morgens das Frühstück servieren, das kann man liebenswert-rustikal nennen, oder aber schlampig-inakzeptabel.

Alles in allem ist diese Kräuterpension hinten und vorne eine Mogelpackung. Ein, zwei Kräutergerichte auf der Karte, ein winziges Töpfchen Ringelblumensalbe wohl selbst angerührt vom örtlichen Apotheker auf dem Zimmer als Werbegeschenk und ein hauseigener Kräuterschnaps machen längst noch keine Kräuterpension aus. Dabei fielen mir ad hoc Dutzende von Dingen ein, die ich in einer Kräuterpension erwarten würde bzw. schön fände. Als allererstes statt des industriellen Teebeutels mit Kräutertee des Morgens zum Beispiel ein Kräutertee-Buffet mit Dosen voller getrockneter Pfefferminze, Kamille, Malve, Melisse, Rooibos, … wohlfeil im Kilo-Pack gekauft und zum selber mischen lose feilgeboten, das wäre wahrscheinlich sogar billiger als diese vermaledeiten Industrie-Beutelchen; und wenn mir die Wirtin die Mär – gelogen oder nicht – auftischte, sie hätte die Kräutlein selber im Schweiße ihres Angesichts gesammelt und getrocknet, ich wäre durchaus bereit, ihr zu glauben, und auch alte Kräuterweiblein-Weisheiten – mische dieses Kraut mit jenem und lasse sie 7 Minuten in Wasser ziehen, dann kannst Du kacken wie ein Kleinkind oder rammeln wie ein Wombat –, auch das wäre ich bereit zu glauben, wenn es nur nett präsentiert würde. Auf dem Frühstücksbuffet würde ich statt Massen-Produkten vielmehr Kräuterkäse, Kräuterwurst, Kräuterschinken, s’graved Lachs, Kräuterbrote, Kräuteröle, Kräuterbutter, … erwarten, am besten von regionalen Erzeugern oder selbst gemacht, und natürlich müsste die Speisekarte Sommers wie Winters nur so wimmeln von Kräutergerichten, und Cordon Bleu gefüllt mit Obatzden gehört sicherlich nicht dazu. Mit einem Investment von 500 oder 1.000 EURO könnte man selbst in der Metro leicht ein riesiges Sortiment aus Kräuterschnäpsen zusammenstellen, das jedem Alkoholiker die Leber raushaute; und wenn man statt Metro-Schnäpsen Brände örtlicher und regionaler Brenner nähme und zu jeder Flasche eine nette Geschichte auftischte – „Der Seppel-Huber hat das Rezept von seinem Urgroßvater, und der hat es nach dem Krieg aus Timbuktu von den tanzenden Derwischen mitgebracht …“, „Der Enzian für diesen Schnaps, der darf nur zur Sonnenwende gepflückt werden, weil …“, „Die Aumillers, die waren schon immer Wilderer, Schmuggler und Schwarzbrenner, ich weiß gar nicht, ob die heute eine Lizenz haben, aber Schnaps brennen, das können sie …“, solche Geschichten halt –, so wäre das Saufen nochmals ungleich schöner, eigentlich würde man in diesem Falle ja gar nicht saufen, sondern Geschichten nachvollziehen, Camouflage, das mag jeder Alkohol-Kranke. Auf den Zimmern wären natürlich Kräuter-Pflegeprodukte schön, dazu Kräuter-Duftlampen, Zirbenkissen, Blumentöpfe mit Lavendel und Rosmarin, … Vor dem Haus ein Schau- und Nutzkräutergarten, außerdem geführte Kräuterwanderungen, Kräutervorträge, Kräuterkochkurse, Kräuterschulungen, natürlich auch ein Kräuterladen als netter Zusatzverdienst (der Fonse lässt grüßen) … Mit solchen Sachen – manche einfach, manche aufwändig – hätte man den Titel Kräuterpension verdient. Aber so ist das nur eine Wanderer-Pension, und dazu weder eine sonderlich schöne, gemütliche noch eine mit sonderlich gutem Essen noch eine ausgesprochen wohlfeile. Des Abends müde vom Wandern ankommen, eine Dusche nehmen, im Biergarten zwei, drei Bierchen trinken und eine Brotzeit essen, schlafen, frühstücken, weiterwandern, dafür reicht’s allemal, aber keinesfalls für einen längeren, erholsamen, kulinarischen, angenehmen Urlaub.

Wirtshaus – Pension Säumerpfad
Peter und Waltraud Bachmayer
Hüttenbergweg 994151 Mauth
Tel.: +49 (85 57) 12 10
Fax: +49 (85 57) 9 10 17
Email: info@pension-saeumerpfad.de
Internet: www.pension-saeumerpfad.de

Hauptgerichte von 8,20 € (Abgebräunter Leberkäse mit Ei) bis 17,90 € (Rumpsteak mit Röstkartoffeln), Drei-Gänge-Menue von 15,40 € bis 29,50 €

Doppelzimmer mit Frühstück (pro Zimmer, pro Nacht) 89 €

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