Is(s) ja widalich …

Da fährt man eines Sonntag Vormittags vom Winzer am Fuße des Centgrafenberges kommend, den Wagen voll mit Rieslingen, Früh- und Spätburgundern heimwärts, bewusst die Autobahn vermeidend, statt dessen auf Landsträßchen stur nach Süden, quer durch den Odenwald (auch so’n vergessenes Stück Deutschland) bis in den Kraichgau, also den Landstrich im nordwestlichen Baden-Württemberg zwischen Odenwald im Norden, Stromberg und Heuchelberg im Osten, dem Schwarzwald im Süden und der Oberrheinischen Tiefebene im Westen. Und da hat man seine Reiseplanung geschickt so gelegt, dass man die vermeintlichen kulinarischen Wonnen Baden-Württembergs just zur Mittagszeit erreicht. Und da findet man dann auch noch ein Dorfgasthaus – Zum Ochsen, Zum Lamm, Zur Traube, Ratskeller, Weinstube, Krone, Zum Löwen … so heißen die alle hier – mit eigener Metzgerei und Biergarten. Und vor dem Dorfgasthaus ist alles kreuz und quer zugeparkt mit Autos mit einheimischen Nummernschildern, und innendrin ist alles brechend voll mit eindeutig schwäbelnden Eingeborenen, die hier offensichtlich ihr Sonntagsmal einzunehmen gedenken oder bereits mit großer Wonne einnehmen. Und die Speisekarte verheißt solche delikaten Dinge wie „Hausgemachte Maultaschen, abgeschmälzt in der Brühe mit hausgemachtem Kartoffelsalat“, „Saure Linsen mit hausgeräucherten Saitenwürstchen und handgeschabten Spätzle“, „Gaisburger Marsch“, „Saure Kutteln mit Bratkartoffeln“ und natürlich „Schwäbischer Zwiebelrostbraten mit handgeschabten Spätzle und Wintersalaten“ … da fühlt sich der hungrige Reisende doch gleich wie in Württembergs kulinarischem Himmel und beachtet die Grausamkeiten daneben auf der Speisekarte gar nicht weiter, etwa das „Putengeschnetzelte Indische Art mit Kroketten“, das „XXL-Schnitzel mit Pommes“ oder das „Pangasius Fischfilet mit Hoolandaise (sic!) gratiniert mit Salzkartoffeln“, das hält er für grausame Zugeständnisse an Volkes Geschmack eines auf’s Geldverdienen bedachten – und darauf angewiesenen – Kraichgauer Wirts. Und tatsächlich erhält der Reisende von der stämmigen, freundlichen Bedienung noch ein Plätzchen an einem der fast vollen Tische in dem brechend vollen Gasthaus. Und enthusiasmiert bestellt der hungrige Reisende erwartungsvoll den Schwäbischen Zwiebelrostbraten mit handgeschabten Spätzle und Wintersalaten, den Zwiebelrostbraten bitte  medium-rare …

… und dann: Griff in’s Klo, und zwar sowas von volle Möhre. Als erstes bringt die stämmige, freundliche Bedienung die „Wintersalate“: ein ordentlicher Teller voll mit geraspelten Sauergemüsen aus dem Eimer, dazu ein Mittelding zwischen Kartoffelsalat und Kartoffelsuppe, wohl am besten mit Kartoffelschleim umschrieben, darüber ein paar schlecht geputzte, welke Blätter von Grünem Salat und Radicchio, alles ertränkt in übel riechender Essigtunke, wahrscheinlich die Lake aus den Sauergemüse-Eimern. Danke schon mal, aber diesen Ekelfraß kann man hier nochmals Kraichgau, Odenwald, Centgrafenberg, Württemberg, Schwaben, Zwiebelrostbraten, Convenience, Salatleicht toppen. Der „Schwäbische Zwiebelrostbraten mit handgeschabten Spätzle“ entpuppt sich als dünner, von Fett und Sehnen durchzogener, zäher, totgebratener Fetzen alte Kuh mit ein paar glasigen, kalten Zwiebelringlein obendrauf,  in einer künstlich-chemisch schmeckenden, lauwarmen, hellbraunen, aus industriellem Soßenpulver angerührten Tunke, dazu ein großer Berg ebenfalls lauwarmer Eierteigwaren aus dem Plastiksack (nie und nimmer handgeschabt oder auch nur hausgemacht), gekrönt von ein paar spärlich gebräunten Fertig-Panade-Bröseln. Der hungrige Reisende nimmt zwei Bissen von dem Trauerspiel, schiebt den Teller beiseite und verlangt die Rechnung. Ob etwas denn nicht stimmte, fragt die stämmige, schon nicht mehr so freundliche, eher verwunderte Bedienung. Nein, nein, antwortet der Reisende, der keine Lust hat, sich ob solchen Drecks auch noch zu streiten, er wolle nur zahlen. Die vollends konsternierte Bedienung holt verunsichert den Chef, einen kräftigen schwäbischen Metzger, der mit schmutziger Schürze aus der Küche herbeieilt. Was mit dem Zwiebelrostbraten nicht in Ordnung sei, fragt er bestimmt, der Reisende antwortet nicht darauf und verlangt erneut die Rechnung. Fast schon aggressiv hakt der Wirt nach, was es an seinem Zwiebelrostbraten auszusetzen gäbe, und als der Reisende weiter eisern schweigt, bricht eine Schimpfkanonade los, von das hätte er ja noch nie erlebt, und das sei ja wohl eine Unverschämtheit, und noch jeder habe seinen Zwiebelrostbraten gegessen, und noch jeder habe ihn bisher gemocht, und wo der Reisende überhaupt herkäme, und dass man den Zwiebelrostbraten hier schon immer so gemacht habe, und dass der Reisende gar nicht beurteilen könne … So redet er sich in Rage, der Kraichgauer Metzger und Wirt, und als der Reisende so gar nicht reagiert und die anderen Gäste schon verwundert schauen, schnauft er schließlich in Richtung Bedienung, sie möge das Getränk in Rechnung stellen und den Rest stornieren, schauft’s und stapft grußlos zurück in seine Grusel-Küche. Der Reisende zahlt, gibt – zur vollständigen Verwirrung der stämmigen, zwischenzeitlich offensichtlich verunsicherten Bedienung – brav gut 10% Trinkgeld, denn an ihrem Service war ja gar nichts auszusetzen, und begibt sich zur Türe. Beim Verlassen des Gasthauses blickt der Reisende auf die Teller der anderen Gäste mit „Putengeschnetzeltem Indische Art mit Kroketten“, mit „XXL-Schnitzel mit Pommes“ oder mit „Pangasius Fischfilet mit Hoolandaise (sic!) gratiniert mit Salzkartoffeln“, und er muss zugeben, alle spachteln hier nicht nur klaglos, sondern offensichtlich mit großem Genuss diesen allein schon grausam aussehenden Fraß in sich hinein. Das ist Siebecks Plumpsküche in Reinkultur, und wahrscheinlich nochmals ungleich schlimmer. Der Erfolg und die brechend volle Gaststube geben dem Wirt und seinen Kochkünsten beredt Recht, also muss es wohl der Reisende sein, der hier falsch liegt.

Zwei Dörfer weiter findet der Reisende ein anderes Dorfgasthaus – Zum Ochsen, Zum Lamm, Zur Traube, Ratskeller, Weinstube, Krone, Zum Löwen … so heißen die alle hier –, diesmal ohne eigene Metzgerei und ohne mit einheimischen Wagen zugeparkter Straße, die nämlichen Württemberger bzw. Schwäbischen Spezereien auf der Karte verheißend wie das erste, gefühlt vielleicht 25% teurer. Hier ist die Gaststube vielleicht halb gefüllt, einige leere Tische, an einen davon setzt sich der Reisende, der noch immer nicht seinen Glauben an die Kraichgauer Wirte verloren hat, wird diesmal von einer ebenfalls freundlichen, aber eher zierlichen Kellnerin bedient und siehe: der Salat ist frisch, der Zwiebelrostbraten tadellos, prima Fleisch, rosa gebraten, frisch kross frittierte Zwiebeln, tatsächlich handgeschabte Spätzle, ein kurzes, tiefbraunes Bratensößchen … mehr will man doch gar nicht.

Bleibt die Frage, warum ist das erste Gasthaus brechend voll, das zweite hingegen halb leer? Sind es tatsächlich die 25% Preisunterschied? Oder will das gemeine Volk lieber XXL-Schnitzel, Putengeschnetzeltes und große Berge wohlfeilen Convenience-Drecks? Man weiß es nicht. Aber der Reisende hat da so eine Vermutung …

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One comment

  1. Reinhard Daab

    Freut mich sehr, dass Sie ebenfalls gerne einmal über Land fahren.
    Im Kraichgau ist es tatsächlich nicht einfach eine vernünftige Restauration zu finden.

    Zur heutigen Situation möchte ich Ihnen einmal den verlinkten Bericht der ARD empfehlen. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, dann brauchen wir wirklich keine Köche mehr.

    http://www.ardmediathek.de/tv/45-Min/Frisch-auf-den-Tisch-Die-Wahrheit-%C3%BCber-/NDR-Fernsehen/Video?bcastId=12772246&documentId=37685126

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