Summa summarum: altfränkischer, solider, heimeliger Landgasthof mit funktionalen Zimmern, bürgerlicher Speisekarte ohne Spinnereien und verlässlicher Küchenleistung
Irgendwie ist es ein wenig wie nach Hause kommen. Das Gebäude ist unspektakulär, architektonisch gewiss kein Kleinod, auch nicht sonderlich herausgeputzt, damit reiht es sich harmonisch ein in die anderen architektonisch nicht ansprechenden, nicht herausgeputzten Häuser dieses eher tristen Straßendorfs inmitten der wirklich schönen, fast schon idyllischen, bewaldeten Rhöner Hügellandschaft. Die Einrichtung ist unverändert-vertraut, altmodisch, aus der Zeit gefallen, eine Gaststube wie aus den siebziger oder achtziger Jahren, nur der Zigarettenrauch fehlt, kein modernistisch-steriles Restaurantdesign von der Stange, stattdessen sanft renoviert wo notwendig, beherzt angebaut wo das Geld da war, alles historisch gewachsen, der ganze Gasthof dadurch fuchsbaugleich mit Treppen, verzweigten Gängen, keinem Lift, für den Neuling leicht verwirrend, mittlerweile kenne ich mich aber aus und verlaufe mich nicht mehr. Den omnipräsenten Senior- und den Juniorchef kenne ich vom Gesicht her, auch das Personal ist vertraut, ebenso wie die Speisekarte, hier scheint keine Fluktuation zu herrschen, sondern Kontinuität. Man wird nicht bei jedem Besuch mit neuen Mitarbeitern, einer neuen Dekoration, einem neuen „spektakulären Highlight“, einem neuen Um- oder Anbau, einem neuen kulinarischen Trend geflasht, man kennt die Küchenleistung, da gibt es – bis auf jahreszeitliche kleine Sonderkarten, wie z.B. Spargel – keine nennenswerten Veränderungen, alles ist halt wie immer, fast als würde man zu Mutti in ihr vertrautes Häuschen heimkommen, die wie seit Jahrzehnten in der Küche ihren Rinderbraten schmort. Selbst die anderen Gäste sind vertraut, obwohl ich sie nicht kenne, zur Hälfte Geschäftsreisende mit beschränktem Übernachtungsbudget, Handelsvertreter, Handwerker, Monteure, die hier regelmäßig Station auf ihren Touren machen, zur Hälfte Einheimische, knochig-freundliche echte Rhöner (heißt ein Bewohner der Rhön tatsächlich „Rhöner“?), die hier schmausen, fröhlich sind, Gemeinschaft pflegen, feiern, dazu ein paar Niederländer auf Zwischenstation in Richtung Süden und in der Saison ein paar Sommerfrischler.


Wir sind im Gasthof zum Biber in Motten, verkehrstechnisch sehr günstig gelegen, mitten in Deutschland, ungefähr auf halbem Wege zwischen München und Hamburg, fast an der A7, keine zehn Minuten von der Ausfahrt Bad Brückenau-Volkers, und doch schon mitten in der Natur der Rhön, nur die riesige Autobahnbrücke im Hintergrund zeugt von der nahen Hauptverkehrsroute, die B27 direkt vor der Haustüre stört mangels Verkehrs kaum. Wer hier Außergewöhnliches, gar Sensationen oder Hervorragendes erwartet, ist fehl am Platze. Die Zimmer sind unspektakulär-funktional, weder sonderlich hübsch noch sonderlich gemütlich, geschweige denn stylisch, Bett, Bad, Kleiderschrank, Tisch, Stuhl, Lampe, im Neubau teilweise Balkon, das ist alles pragmatisch-funktional, aber Hauptsache sauber und zum Schlafen reicht’s allemal. Mit 114 bis 129 EURO pro Nacht sind die Zimmer für tiefste Provinz noch nicht einmal sonderlich wohlfeil, die nahe Autobahn rechtfertigt die Preise wohl. Die Gasträume sind – wie bereits gesagt – altfränkisch-unmodern und doch – oder gerade deswegen – gemütlich, die kleine Terrasse im Garten ist lauschig, die Blicke von dort auf bewaldete Hügel und Autobahnbrücke sind – sagen wir mal: kontrastreich.
Die Speisekarte schließlich gibt sich konsequent gut bürgerlich-konservativ: hausgemachte Suppen, Schnitzel, Variationen von der gebratenen Kuh, Wild, Rhön-Forelle und andere Fischlein, Schmorgerichte, ein wenig vegetarisches Zeugs, Schlachteplatten aus der hauseigenen Metzgerei, dazu eine solide Vesperkarte, keine Salatkarte und keine zeitgeistigen Kniefälle wie Burger, Pizzen, Bowls oder Halal. Das ist „Futtern wie bei Muttern“ oder Futtern wie in den Siebzigern. Muss ja nicht schlecht sein. Die Küchenleistung ist jedes Mal verlässlich-solide, kulinarische Highlights oder Innovationen bleiben ebenso aus wie bittere Enttäuschungen. Die Portionen sind weniger für sesselpupsende Stadtfräcke als vielmehr für eine körperlich hart arbeitende Landbevölkerung ausgelegt. Positiv sind auch die Küchenöffnungszeiten täglich durchgehend von 11 bis 21 Uhr, für Hausgäste bei Anmeldung sogar bis 23 Uhr: hier richtet sich ein Wirt nach den Bedürfnissen seiner Gäste und nicht die Gäste nach den ökonomischen Regeln des Wirtes. Ich sehe ja ein, wenn ein Wirt von 14 bis 17 Uhr seine Küche zusperrt oder gleich nur abends öffnet, wenn die Gaststube zu Randzeiten gähnend leer bleibt, aber im Biber sorgt die Gäste-Mischung aus Geschäftsreisenden, Einheimischen und Sommerfrischlern für eine kritische Masse, die eine ganztätige Bewirtschaftung erst lukrativ macht. Das Personal ist durch die Bank weg freundlich und aufmerksam. Das kleine Frühstücksbuffet schließlich ist nicht überbordend, aber gut sortiert und reicht, um des morgens trefflich wach und satt zu werden.



Damit ist der Gasthof zum Biber in Motten ein Vertreter einer mehr und mehr aussterbenden Spezies, nämlich des soliden Landgasthofs, der Reisenden sichere Herberge und Labsal bietet und zugleich kommunikativ-nahrhafter Treffpunkt für die Einheimischen ist. Sowas gehört doch geschützt.
Gasthof Zum Biber
Harald und Gerd Ziegler
Hauptstraße 17
D – 97786 Speicherz
Tel.: +49 (97 48) 9 12 20
Fax: +49 (97 48) 91 22 66
E-Mail: info@gasthof-zum-biber.de
Online: https://www.gasthof-zum-biber.de/
Hauptgerichte von 14,30 EURO (Wildschweinragout mit Preiselbeeren, Rotkohl und Kartoffelknödel) bis 34,50 EURO (Filetsteak à la Maier mit Spiegelei, Bratkartoffeln und Salatteller), Drei-Gänge-Menue 24,20 bis 50,30 EURO
Doppelzimmer Übernachtung/Frühstück von 114 bis 129 EURO (pro Zimmer)

