In ureigenster Sache: wider die funktionale Prostitution der Sprache

Man sollte es nicht glauben, aber es gibt Leute, die lesen meine Sermone bis zum Schluss und liken nicht nur kurz irgendwelche dummen Sprüche, die ich zuweilen auch poste. Dafür herzlichen Dank an alle tapferen Leser. Dann und wann erreichen mich – neben wüsten Beschimpfungen, weil ich etwas geschrieben habe, was irgendjemandem so nicht passt – wohlmeinende, höfliche, nette Hinweise und Ratschläge, wie ich meine Texte Leser-freundlicher, besser aufgebaut, optisch ansprechender, Suchmaschinen-optimierter – you name it – gestalten könne. Ganz ehrlich, vielen Dank für diese Hinweise, und ja, Sie alle haben damit zweifelsohne Recht, und oweh, zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust. Ich kenne ein paar dieser Regeln des Schreibens und Gestaltens für’s Internet, um die eigenen Texte besser lesbar zu machen, Suchmaschinen-freundlicher zu gestalten, die user experience zu optimieren und weiss‘ der Geier was nicht noch alles. Das mag notwendig, das mag Pflicht sein für Online-Texte eines Unternehmens, wenn ich werben und verkaufen will, schnell und gut gefunden werden will, meinem Kunden ohne Umschweife genau die Information geben will, die er in seiner jetzigen speziellen Situation braucht.

Optimierung tötet Vielfalt: technisch oktroyierte Sprachkastration

Aber damit optimieren wir uns nicht nur zu Tode, wir töten auch die Vielfalt nicht nur des Internets in gewisser Weise, sondern auch der Sprache als solcher. Um es auf den Punkt zu bringen: da schreibt einer, dass Fleischfresser Mörder seien, Tiere wären Mit-Geschöpfe und nicht zum Essen da, außerdem seien die Haltungsbedingungen Quälerei und Fleischgenuss ungesund usw. usf.; derweil schreibt ein anderer, dass Schweinefleisch das Leckerste überhaupt sei, wohlschmeckend und die Manneskraft stärkend, der Mensch habe schon immer Fleisch gegessen, vegetarische Ernährung sei einseitig-gesundheitsschädigend und außerdem hätten Veganer sowieso ein Rad ab. Lassen wir die – müßige – inhaltliche Diskussion einmal außen vor, so diametral diese Positionen sind, im Internet unterwerfen sich plötzlich beide gleichermaßen den Diktaten der Such-Algorithmen und der user experience, vielleicht nutze beide sogar dieselben SEO- und UX-Speziallisten, um ihre Aussagen im Netz gut auffindbar und recht hübsch zu gestalten.

Wider der gemaßregelten Sprache

Wie wäre es nun, wenn sich einer diesen Diktaten entzöge und einfach schriebe, wie ihm der Schnabel gewachsen ist? Wie wäre es nun, wenn einer nicht auf Teufel komm raus gefunden werden will, um dem Leser sodann die gebratenen Text-Täubchen in’s Maul zu stopfen? Wie wäre es nun, wenn einer um des Schreibens willen schriebe (oh mein Gott, voll in die L’art pour l’art – Diskussion gerasselt, und zwar mitten rein; man möge sich an dieser Stelle vertrauensvoll an Herrn Stefan George wenden: „Diese zeitschrift im verlag des herausgebers hat einen geschlossenen von den mitgliedern geladenen leserkreis.“) und nicht um sich für Klicks, Visits, Visitors, Followers – und am Ende doch nur für Werbegelder und Umsatz – breitbeinig zu prostituieren? Wie wäre es nun, wenn einer Ecken und Kanten zeigte – inhaltlich und formal – in dieser Google-gestreamlinten gleichgeschalteten Online-Welt?

Sozialisierung zur Sprachknittelung

Wahrscheinlich liegt diese Sehnsucht nach ungegängelter Sprache begründet in meiner Sozialisation. Solange ich denken kann, wurde meine Sprache gemaßregelt. Als Kind wuchs ich Großteils bei meinen Egerländischen Großeltern auf, alldieweil meine Eltern in den Geschäften zu tun hatten; die Folge war, dass ich im zarten Alter von 6 fließend Egerländisch sprach, aber kaum Hochdeutsch, und so wurde ich vor der Einschulung einer ziemlich radikalen Sprachumerziehung unterworfen; meine Eltern reagierten einfach nicht, wenn ich Egerländisch sprach, wollte ich das Salz haben, so musste ich auf Hochdeutsch bitten, sonst wurde ich ignoriert: eine brutale, aber effektive Methode (zumal mich meine Eltern zuvor selber in diese Egerländisch-Nummer reingeritten hatten). In der Grundschule kämpfte mein geliebtes Fräulein J. (ein echtes schlesisches Fräulein, auch noch im Alter von 60, unverheiratet, ganz und gar feine Junkers-Tochter, die auch gerne mal Ohrfeigen verteilte, geschadet hat’s nichts) gegen meine Legasthenie und gegen meine Sau-Klaue, tapfer und beharrlich, aber letztendlich erfolglos. (An dieser Stelle, nochmals posthum: vielen Dank für Alles, Fräulein J.!) In der Mittelschule mussten wir bei Dr. L. bis zum Erbrechen Kurzzusammenfassungen anfänglich von Kurzgeschichten, später gar von der Effie Briest in einem einzigen Satz schreiben – „In dieser Kurzgeschichte wird erzählt, wie …“ –, selbst Semikola waren verboten, daher mag mein Hang zum hypotaktischen Satzbau kommen, aber alles in allem eine gute Übung, das wirklich Wesentliche aus einem Text herauszuarbeiten. Als Student dann habe ich recht fleißig nebenher wissenschaftlich publiziert; da sitzt man wochenlang in Bibliotheken und schreibt dann nächtelang weltbewegende, ellenlange, ausführlichste Traktate über den Begriff der sensibilité im Spätwerk Denis Diderots oder über Jungsche Archetypen in der Theatertheorie Antonin Artauds (gewiss wäre die Welt heute nicht mehr in ihren Angeln, hätte ich nicht vor Jahrzehnten all diese Erkenntnisse dezidiert niedergeschrieben), reicht stolz sein Manuskript auf 40 Schreibmaschinenseiten bei einer renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift wie z.B. Maske und Kothurn ein, um dann ein paar Monate später per Brief die Antwort zu bekommen, man werde meinen weltbewegenden Artikel sehr gerne veröffentlichen, nur nicht auf 40, sondern bitte auf 5 Seiten, ob ich den Text vielleicht noch etwas kürzen könne (Schreibmaschine, nicht PC, d.h., alles nochmals neu tippen). Damit nicht genug, mein Studentenleben lang musste ich mich mit kommunistischen Wixgriffeln rumärgern, zuerst gesprengte Vorlesungen durch ein paar Spinner, später wissenschaftlich, allen voran mit den Erzkommunisten Dieter Prokop auf west- und Lothar Bisky auf ostdeutscher Seite. Das ursprüngliche Manuskript meiner Dissertation enthielt ein komplettes Kapitel darüber, warum kommunistische Filmtheorie vollkommener Schwachsinn ist und von der Stasi finanziert, und die Belege ebenso wie die Argumentationskette waren wasserdicht. „Well done,“ sagte mein Doktorvater Prof. H. 1990 zu mir und ergänzte very British: „but please leave it out. Don’t kick a man, when he’s down!“ Also nahm ich dieses Kapitel – an dem viel Herzblut hing – aus meiner Dissertation heraus, bis heute hat niemand sonst diese vernichtende Kritik gelesen, vielleicht sollte ich sie nochmals raussuchen und separat publizieren. So ging es weiter. In der Staatskanzlei lernte ich eine hölzerne, gänzlich spaßbefreite Diktion, „Ich danke für Ihre Mühewaltung …“ ließ ich dort unter Briefe schreiben, oder wir erarbeiteten Wortmonster wie „Die amtliche Statistik im Freistaat Sachsen hat im föderativ gegliederten Gesamtsystem der amtlichen Statistik die Aufgabe, entsprechend dem Informationsbedarf von Bund, Ländern, Gemeinden, Landkreisen und sonstigen kommunalen Körperschaften, Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung unter Beachtung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung laufend Daten über Massenerscheinungen zu erheben, zu sammeln, aufzubereiten, darzustellen und zu analysieren.“ Es folgte die Privatradio- und die Wirtschaftsförderungs-Zeit, die betont lockere, auf easy living und Verkauf zugleich zielende Diktion, welcher wir uns dort zu befleißigen hatten, ist vielleicht am besten zusammenzufassen mit den unsterblichen Worten von Ronny K.: „Draußen ist schönes Wetter, deshalb haben wir alle gute Laune!“ – „Draußen ist schlechtes Wetter, trotzdem haben wir alle gute Laune!“ Huddli-huddli-huh, kann ich da nur noch ergänzen. Am prägendsten und am härtesten war – was die Sprach-Knittelung anbelangt – wahrscheinlich die Berater-Zeit: wer ist der Adressat der Kommunikation, wie ist er gestrickt, und was wollen wir, dass er genau tut? Kleiner, aber fachlich top-fitter Abteilungsleiter, oder Detail-verliebter CEO mit einer Vorliebe für kurze Röcke, oder abgehobener, kunstsinniger, verträglicher Aufsichtsratsvorsitzender mit unendlich viel Macht? Soll nach der Präsentation ein Change-Prozess beginnen mit zahlreichen kleinen Schritten und Stellschrauben, oder soll das halbe Management gefeuert und mit der Konkurrenz fusioniert werden, oder soll der eigene Beratervertrag für ein weiteres Jahr verlängert und die Beraterzahl nochmals aufgestockt werden? Und all das idealer Weise jeweils auf maximal 10 Folien. Nach wochenlangen Analysen haben wir Tage damit verbracht, 1.000 Seiten aus der Analysephase auf 20 Folien zu pressen, die wurden uns dann regel- und gewohnheitsmäßig kurz vor dem Präsentationstermin vom Senior-Partner um die Ohren gehauen und dann feilten wir Nächte- und Wochenenden-lang daran, nicht nur aus 20 Folien 10 zu machen, sondern jedes einzelne dieser vielleicht 200 Wörter auf den Folien exakt auf den Adressaten zu fine-tunen. Mag er Anglizismen oder nicht? Weiß er, was eindreifach-verwuselter Dingsda-Verstärker ist, oder müssen wir es erklären (obwohl die Firma Millionen damit umsetzt)? Will er eine Herleitung der Zahlen, oder reicht ihm dick und fett „7 Millionen Einspar-Potential“? Ganze Sätze oder besser Buzz-Words? Usw., usf. Und verbindliche Regeln gibt es hier keine, das ist von Adressat zu Adressat ganz verschieden, denn wer zahlt, schafft bekanntlich o‘. (Wer sich darüber aufregen mag, dass ich hier nur die maskuline Form und nicht pc „er/sie“ verwendet habe, nun, während meiner ganzen Berater-Zeit habe ich – glaube ich – vor einer einzigen Frau präsentiert, und da waren wir uns nicht sicher, ob es sich tatsächlich um eine handelte …) Selbst mein Ex-Weib bemühte sich nach Kräften, mich sprachlich zu gängeln: sagte ich spaßeshalber „Spiegeleierplatz“ knurrte sie zurück „Das heißt Stiegelmeierplatz!“.

Gesellschaftlich oktroyierte Sprachkastration

Dazu kommt auch noch die ganze gesellschaftlich oktroyierte Sprachkastration, die ich – gelinde gesagt – zum Kotzen finde. Ich werde nie verstehen, warum ich einen Neger nicht mehr so bezeichnen darf, wie er von Generationen zuvor bezeichnet wurde, nämlich Neger, sofern ich natürlich gleichzeitig den notwendigen Respekt an den Tag lege; sehr wohl aber darf ich einen Polizisten heutzutage straflos einen Bullen heißen, selbst wenn ich ihm gegenüber nicht ein Mindestmaß an Respekt aufbringe. Kraftausdrücke, Zoten, altfränkische Worte, ellenlange Satzwelten, im Diskurs abschweifende Gedanken, die nach einigen Umdrehungen um sich selber wieder zum eigentlichen Thema zurückkehren, un-pragmatische, nicht funktional optimierte Sprache, Redundanzen (je mehr sie fehlen, desto effektiver ist die Kommunikation meist, aber auch umso fehleranfälliger), sprachliche Rebellion gegen die Denk- und Sprechverbote und die real existierende Zensur der imperialen Besatzer und ihrer Gutmenschen-Knechte, … das alles ist ein weites, ein sehr weites Feld. Noch habe ich nicht die lethargische Resignation des alten von Briest, um mit ihm zu sagen: „Ach, Luise, lass … das ist ein zu weites Feld.“

Klick-Ficks, Dysfunktionalität, Ausdruck ohne Verständnis, Eco, Mannequins und Zigaretten-Erben

Von daher: wider die funktionale Prostitution der Sprache, die für ein paar Klick-Ficks ihre Individualität und Einmaligkeit aufgibt, es lebe die Dysfunktionalität! Dysfunktionale Sprache ist dabei natürlich immer auch eine Gratwanderung, denn Sprache kann nur insoweit dem eigenen Ausdruck dienen, als sie auch vom anderen – von einigen anderen zumindest, es müssen ja keineswegs immer alle sein – verstanden werden muss, denn Ausdruck ohne Verständnis durch einen anderen wäre Monolog, und der ist wiederum keine Verständigung. Aber jetzt wird’s semiotisch, und der Tod von Umberto Eco letztes Jahr hat mich weit mehr berührt als der von George Michael. Also: ein gerüttelt Maß an Sprachanarchie ist voll mein Ding … Selbst Arno Schmidt hat es mit seinem wirklich recht eigenwilligen sprachlichen Ausdruck geschafft, Leser und sogar Fans zu gewinnen, und ich teile voll und ganz seine Antwort an Martin Walser, als dieser ihn 1953 für die Gruppe 47 anwerben wollte: „Lassen Se man: ich eigne mich schlecht als literarisches Mannequin.“ Also, ich suche mir jetzt einen durchgeknallten Zigaretten-Erben als Sponsor, ziehe in’s Moor und schreibe, wie mir der Schnabel gewachsen ist!

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