Imperium

Ich frage mich, ob ich der Einzige bin, dem dies auffällt: es ist nicht nur ein wenig wie im alten Rom, es ist ganz viel so. Ich bin im Zentrum der Macht, in der Hauptstadt der Erde, auch wenn sie niemand mehr so nennt. Die Truppen stehen in der ganzen bekannten Welt, hoch gerüstet, quasi unangreifbar, und werden sie doch mal angegriffen oder begehren die Unterdrückten und Besetzen auf, so antworten die Generäle vor Ort mit Blutbädern, brutal, grausam, unnachgiebig, notwendige Akte der Selbstverteidigung nennen es die Systemmedien, und wenn auch das nichts hilft, so wird halt die lokale Marionettenregierung ausgewechselt, ein kleiner Putsch inszeniert, die richtigen Vasallen unterstützt, wenn nötig auch schon mal mit einem direkten gezielten Militärschlag befreit und eingenordet. Ein paar Barbarenreiche an der Peripherie leisten noch Widerstand, aber das Imperium ignoriert sie, die dortigen Bodenschätze und Ressourcen lassen weitere Eroberungen als nicht als wirtschaftlich erscheinen, gerade Krieg muss sich am Ende rechnen, also bleibt man dort weg, auch um die eigenen Kräfte nicht zu überdehnen, weise. Im Zentrum der Macht herrscht unglaublicher Reichtum für die Reichen, und es gibt unglaublich viele davon, Wohlstand für die Wohlhabenden, und es gibt unglaublich viele davon, Fettlebe selbst für die einfachen Leute, und der humanoide Bodensatz wird auch irgendwie mit durchgefüttert, die meisten zumindest, Verhungerte auf der Straße sind schlecht für den Burgfrieden. Spezereien aus aller Herren Länder gibt es zu kaufen, Früchte  aus Afrika, Fleisch aus Asien, Weine aus Europa, Drogen aus aller Welt, es gibt nichts, was es nicht gäbe, hier. Selbst Wasser wird aus der Toscana und von den Fiji-Inseln in kleinen 0,25 Liter-Fläschchen herangekarrt, nicht etwa für die Superreichen zu Superpreisen, sondern für jedermann, einfach so im Straßencafé. Nicht nur die Herrschaftsrasse wohnt hier, auch Leute aus den unterworfenen Gebieten, daneben aber auch massive Kolonien aus den nicht unterworfenen Barbarreichen, sie geben sich als Flüchtlinge vor den blutrünstigen Herrschern daheim, doch niemand weiß wirklich, ob es tatsächlich Flüchtlinge sind oder aber verdeckte Voraustruppen in der vierten und achten Generation. Nicht nur hungernde Wirtschaftsflüchtlinge, die für ganz kleines Geld jeden, j-e-d-e-n Job im Imperium machen – Müllarbeiter, Auftragsmörder, Hausangestellte, Hure – sind hier, sondern auch die opportunistische Intelligenzia aus den unterworfenen Gebieten, daheim für teures Geld von der Gesellschaft ausgebildet, die sich aber hier im Imperium größeren Reichtum und größere Fettlebe verspricht. In den Straßen hört man Idiome aus aller Herren Länder, ein verkümmertes Derivat des Englischen ist die Lingua Franka, eine Sprache, die die zuverlässige Kommunikation von Aktienkauf, Luftschlag, Arschfick, ungesättigte Aminosäuren und Gottesfurcht sicherstellt, und das hoch effizient, die aber ansonsten nur zu wenig taugt und die jegliche Eleganz und Schönheit nachhaltig vermissen lässt. So vielfältig wie die Idiome sind die Küchen. Die hiesige Herrschaftsrasse, Gesindel aus der ganzen Welt, vor allem der Abschaum Europas, das vor 400 Jahren antrat, die Einheimischen in einem nie dagewesenen Genozid auszulöschen und sich das Land anzueignen, war nie in der Lage, eine wirkliche eigene Küche zu entwickeln, man war zu sehr beschäftigt mit Kolonialisieren, Geschäfte machen und Eroberungskriege in die Welt zu tragen als dass man Zeit gehabt hätte, sich mit Kultur, geschweige denn Esskultur zu beschäftigen. Also gibt es den Fleischklops im Labberbrötchen als nationale kulinarische Ikone, und ansonsten importierte und domestizierte Länderküchen aus aller Welt („Die Italiener haben die Pizza erfunden, wir haben sie perfektioniert, heute ist sie ein Amerikanisches Gericht!“ sagte gerade ein Koch-Nichts im imperialen Frühstücksfernsehen.), aber keine eigene kulinarische Identität. Das panem et circenses der alten Römer hat man in den Stadien der Yankees perfektioniert und man hat das getan, was Hitler nicht schaffte, den Scheiß via Bewegtbild Millionenfach in die Wohnzimmer des Plebs zu schleppen und ihn sogar noch selber für die sinnbefreite Sedierung zahlen zu lassen, genial. So lebt es sich im Zentrum der Macht vor sich hin. Man ist satt, ruhiggestellt und zufrieden, im Prinzip, aber immer hungrig nach mehr. Der allmächtige Herrscher zündelt zuweilen etwas, aber das interessiert niemanden – außer die Unternehmer, denn wo was abfackelt muss was Neues aufgebaut werden, und neue Waffen wollen auch ständig geliefert sein –, schließlich ist er der Herrscher, und der darf sowas. Wirklichen Schaden anrichten kann er ohnehin nicht, dazu ist seine Macht zu begrenzt, auch wenn sie nach Außen quasi unbegrenzt scheinen mag. Selbst der Herrscher ist nur eine Marionette des Systems, irgendwer muss ja den Herrscher geben, aber in Wahrheit beherrscht das System sich selber, würde nie einen wahren Herrscher über sich dulden. New York City 2019.

Und doch… Die Schwingungen sind nicht gut. Viel zu große, fette Kinder sitzen noch in Kinderwägen und werden von den Alten geschoben, die werden niemals in Dünkirchen an Land gehen oder in My Lai metzeln, das ist aber heutzutage nicht mehr nötig, man bombardiert gefahrlos aus der Luft, schickt Drohen oder Bodentruppen der Vasallen, während man die eigenen Armeen schont, ganz wie im alten Rom, man könnte sagen, die Generäle sind schlau geworden, feige wäre ein anderes Wort. Doch der Wahn der Unangreifbarkeit ist gefährlich, kreuzgefährlich.  Heute mögen die Waffen unschlagbar und die Strategien totsicher (meint: den sicheren Tod der anderen) sein. Doch Zeiten ändern sich, Waffen und Strategien auch. Die Herren der Welt wissen, dass ihre Waffen und Strategien stets und immer die besten sein müssen, sonst werden sie hinweggefegt von den Unterdrückten, den Besetzten, den Fremden, den Barbaren, selbst von den vermeintlichen Freunden. Und alle arbeiten geschäftig an neuen Waffen, neuen Strategien, was zum Beispiel nützte die schönste und tödlichste Atombombe noch, wenn jemand in der Lage wäre, ihre gesamte Steuerung lahmzulegen, oder schlimmer noch, sie gleich im Silo detonieren zu lassen? Das sind so die Ängste der Herren der Welt, auch nicht wirklich schön. Es herrscht allseits geschäftige Agonie.  Das Volk lebt selbstverliebt und mit dumpfem Gefühl vor sich hin, alle Zeichen ignorierend. Dabei hat Leonhard Cohen doch schon alles dazu gesagt:

Everybody knows that the dice are loaded
Everybody rolls with their fingers crossed
Everybody knows the war is over
Everybody knows the good guys lost
Everybody knows the fight was fixed
The poor stay poor, the rich get rich
That’s how it goes
Everybody knows

Everybody knows that the boat is leaking
Everybody knows that the captain lied
Everybody got this broken feeling
Like their father or their dog just died
Everybody talking to their pockets
Everybody wants a box of chocolates
And a long-stem rose …

Man handelt, forscht, entwickelt, die Produktion selber geschieht weitgehend in den Vasallenstaaten, im Zentrum der Macht versucht man, sich auf die strategischen, renditestarken und erfolgskritischen Wertschöpfungsketten-Schritte zu konzentrieren, die Krümel sind für die Vasallen. Mehr und mehr geschieht irgendwie im nirgendwo und kommt fertig zusammengeschraubt in’s Imperium. Man glaubt immer noch, Herr des Verfahrens zu sein … und ist es längst nicht mehr. Die Einen oder Anderen mögen es ahnen, die Meisten ignorieren oder verdrängen es. Dabei ist das alles keine Sache von Monaten oder Jahren, das ist eine Sache von Dekaden, vielleicht Jahrhunderten, doch Letzteres ist unwahrscheinlich in dieser schnelllebig gewordenen Welt. Die Herrscher der Welt ignorieren das, zumindest öffentlich. Niemand weiß, ob ihre Oberen nicht längst Raumschiffe bauen, für die „Zeit danach“, oder wenigstes Farmen in Neu Seeland und Argentinien. Der Rest macht Geschäfte wie immer, unfähig, das Menetekel auch nur wahrzunehmen.

Wie bindet man sowas ab, fasst es zusammen? Schwierig! Vielleicht so: wenn ich jetzt 100 Millionen EURO zum investieren hätte, und ich könnte die mit 20 Prozent Rendite in eine Immobilie in Manhattan investieren, das würde ich nicht machen … So viel dazu.

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