„Ich will den Leuten von hier einfach nur einen Platz zum Essen, Trinken, Reden, Aufwärmen, Feiern, Trauern, Versammeln geben“

Buchmesse, auch dieses Jahr für’n Arsch, ich ärgere mich, dass ich überhaupt hierhergefahren bin. Wo früher der Nabel der Literatur-, Bildungs- und Wissenschafts-Welt war, ist heute nur noch tote Hose. Die paar literarischen Highlights werden in den Medien verdrängt von ein paar Publicity-geilen woken Wort-Wixern, die sich über irgendwas aufregen, was angeblich nicht pc sein soll. Ganz offen wird Zensur gefordert, Verlage, die nicht dem verqueren Weltbild dieser Menschen entsprechen, sollen auf der Messe nicht mehr präsent sein dürfen, welche Verlage das sind, entscheidet allein die überlaute Minderheit. Zensur … woran erinnert mich das nur? Der kritische Diskurs wird mehr und mehr durch das kollektiv affirmierte Narrativ ersetzt, und wo das nicht ausreicht, durch blanken Krawall. Die Halle 4.2 – früher einmal das Walhalla der Fachverlage, der unermüdlichen Lieferanten von Fachinformationen für Handwerk, Industrie, Wissenschaft – ist nunmehr nur noch ein Schatten ihrer selbst, durch Stellwände radikal verkleinert, „aufgefüllt“ mit kleinen ausländischen Verlagen, die irgendwie keine Belletristik machen, sondern z.B. didaktische Kinderbücher. Fachinformationen werden längst viel praktischer online verteilt, jede Gesetzesänderung, jede neue Norm, jedes Urteil, jedes neues Produktionsverfahren ist tagesaktuell online verfügbar, und nicht mehr monatlich über eine Fachzeitschrift oder vierteljährlich durch eine neue Loseblatt-Lieferung oder dreijährig durch die neue Auflage eines Standard-Werkes, nicht umsonst nennen sich die ganzen Lieferanten nicht mehr „Fachverlag“, sondern „Fachmedienunternehmen“. Nur mit Einem gehe ich mit den Auf-Krawall-Gebürsteten konform: Juergen Boos muss endlich weg, dieser Repräsentant des 20. Jahrhunderts, der der Buchbranche (die ich liebe) mit ewig-gestrigen kopierten Konzepten die Möglichkeit nimmt, sich selbst neu zu erfinden; statt dessen gleicht die Frankfurter Buchmesse einer Leichenfeier, bei der die Leichen wechselseitig an den eigenen Gräbern stehen, sich Mut zusprechen, sich an die guten, alten, gemeinsamen Zeiten erinnern und blauäugig und tatenlos auf bessere Zeiten hoffen.

Aber darum geht es hier gar nicht. Missgelaunt mache ich mich gegen 16 Uhr zurück auf den Weg zu Caro, bei der ich untergekommen bin; eines hat sich nämlich nicht geändert zur Buchmesse: die Hotelpreise in Frankfurt sind zur Messe-Saison noch immer astronomisch. Sie werkelt noch in ihrer Kanzlei, irgendwelche wichtigen Klienten, als sie heimkommt, schlafe ich längst den Schlaf der Ärgerlichen. Am nächsten Morgen schleiche ich mich aus dem Haus, hole bei Gangel in Kalbach frische Semmeln und bei Kaiser etwas Wurst, bei dem nahen Türken frisches Obst, ist zwar alles nicht fußläufig, lohnt sich aber allemal. Später, beim Frühstück auf der Dachterrasse in der vernieselten Oktobersonne, fragt Caro, ob ich noch Zeit und Lust auf einen Ausflug auf’s Land hätte. Na klar habe ich … Wir fahren den Main hoch, nicht auf der Bundestraße, sondern Landstraße, irgendwann biegen wir rechts nach Süden ab, hoch in den Odenwald, immer auf kleinen Sträßchen, ich kotze meinen Ärger über die Buchmesse raus, Caro erzählt mir – streng anonym – von ihren aktuellen Fällen (und kotzt dabei zuweilen auch, ziemlich heftig sogar, es gibt offensichtlich sehr schlechte Menschen), es ist eine Art Plaudern auf hohem Niveau, ohne das Wetter zu bemühen. Das reichliche Frühstück reicht über Mittag, doch am späten Nachmittag beginnt der Hunger, uns zu quälen. Die meisten Dorfgasthäuser sind hier längst geschlossen, verwaist, vernagelt, wie so oft dieser Tage, leider. Mit einem Male fahren wir an einem offenbar geöffneten Dorfgasthof – Ort und Name sollen hier keine Rolle spielen – vorbei, nicht nur der Parkplatz, auch die Straße vor dem Haus sind zugeparkt mit Autos mit örtlichen Kennzeichen; wenn die Einheimischen hier so massiv und in so großer Zahl verkehren, so ist das – so vermuten wir – ein untrügliches Indiz dafür, dass der Laden richtig gut sein muss. Durchreisende Gäste gewinnt man mit entsprechendem Marketing oder von mir aus mit – gekauften oder „echten“ – Auszeichnungen in irgendwelchen Reise- oder Gastronomie-Führern, eine massive Ansammlung von Einheimischen lässt darauf schließen, dass der Laden auch ohne Marketing gut sein muss, denn Einheimische kennen ihre Pappenheimer in der Regel.

Ein paar hundert Meter hinter dem Gasthof finden wir ein nicht zugeparktes Stücklein Gehweg, stellen die Karre ab und laufen zurück zum Gasthof. Ich schätze, 50er-Jahre Bau, unspektakulär-pragmatisch, durchaus unhübsch, aber solide, kalte, lange Diele mit Steinfliesen, weiter hinten die Türen zu den Aborten und der Hintereingang zur Küche, holzvertäfelte Gaststube, alter, speckiger Holzboden, massive Wirtshausmöbel, blanke Tische ohne Tischwäsche, aber mit kleinen Vasen mit schlichten Wiesenblumen, monströser Schanktresen, alte Schwarz-Weiß-Photos von Feuerwehren, Bauernhöfen, Volksfesten, Ernte-Szenen an den Wänden, ein reinweg rustikales Tableau. Entgegen unseren Erwartungen ist die Gaststube weitgehend leer, pralles lokales Leben geht anders. Später werden wir merken, dass die Fahrer der reichlichen lokalen Wagen vor dem Haus im Festsaal im Anbau des Hauses bei einer Hochzeitsfeier versammelt sind. Einerlei. Die Speisekarte bietet geröstete Grießsuppe, Koch- und Handkäse in vielen Variationen, Bratwurst, Kräutersoß (eine sehr Schnittlauch-lastige Variante der Frankfurter Grünen Sauce), Krautwickel, Kirschmichel, Hirsebrei … da riecht absolut nix nach internationalistischem Zeitgeist oder nach Convenience, das klingt alles nach solider, regionaler Hausmannskost. Während wir unseren Hunger mit Markklößchen-Suppe und gekochtem Rindfleisch mit Meerrettich stillen, füllt sich die Gaststube, es geht gegen Abend, Familien beim gemeinsamen, bodenständigen Schmausen, Bauern beim Feierabendbier, Eigenbrötler in der Ecke. Ohne mich vorher zu fragen, fragt Caro vor der Bestellung des dritten – ziemlich leckeren – Schmucker Bieres die Bedienung, ob wir auch übernachten könnten, andernfalls müsse sie jetzt auf Cola umsteigen, und dazu habe sie jetzt echt keine Lust. Da müsse sie den Chef fragen, entgegnet die Bedienung und entschwindet; kurze Zeit später kommt sie zurück und informiert uns, dass gerade noch etwas frei sei, trotz der Hochzeit, aber das seien ja sowieso meist Leute von hier, die keine Übernachtung bräuchten. Freudig bestellt Caro ihr drittes Bier und gleich dazu einen doppelten Mollenbuscher Birnenbrand von der regionalen Beerfurther Edelobstbrennerei; ob ich auch einen wolle, fragt sie mich scheinheilig, natürlich will ich, obwohl ich so einer Spontan-Übernachtung ohne Zahnbürste und ohne Wechsel-Unterhose immer etwas skeptisch gegenüberstehe, aber hey, es ist Caro.

Bei Bier und Bränden wird es Abend, aus der Plauderei während der Autofahrt ist ein echtes Gespräch geworden, Caro tut gut. Irgendwann tritt ein Mann, keine fünfzig, stämmig, schütteres Haar, Lederschürze, billige Schuhe an unseren Tisch, offensichtlich der Wirt. Ob wir es seien, die nach einer Übernachtungsmöglichkeit gefragt hätten, wir bejahen, ein Zimmer koste allerdings 48 EURO, aber mit eigenem Bad und mit Frühstück, sagt der Wirt fast entschuldigend, das sei schon in Ordnung, antworten wir. Er geht zurück hinter seinen Schanktresen und kommt mit Meldezettelblock und Schlüsseln, der Große sei für die Haustüre, falls wir nachts noch raus wollten, ich halte das für eher unwahrscheinlich. Gegen neun leert sich Gaststube rapide, die Essens-Gäste sind durch, ein paar mürrische Alte sitzen noch schweigend vor sich hinstarrend bei ihren Bieren, die letzte Bedienung räumt die Tische auf, aus dem Saal klingt Tanzmusik – grausame deutsche Schlager – von der Hochzeit herüber, der Wirt zapft stoisch Bier und gießt Schnäpse ein, zuweilen auch mal einen Wein aus einer Zwei-Liter-Flasche, stellt alles auf große Tablette, die von zwei reichlich verschwitzt aussehenden Männern in schwarzen Kellnerwesten abgeholt und offenbar in den Saal geschleppt werden. Unsere Versorgung mit Bier und Schnaps hat der Wirt zwischenzeitlich selbst übernommen. „Lassen Sie sich ruhig Zeit,“ sagt er zu uns, als er mit einer neuen Runde an unseren Tisch kommt, „die Feier wird noch lange gehen, man heiratet ja nur einmal im Leben, und die beiden lassen’s richtig krachen. Mir soll’s recht sein.“ Wie wir ausgerechnet in seinen Gasthof gekommen seien, fragt er unvermittelt. „Wir sind einfach so durch den Odenwald gefahren,“ entgegne ich, „irgendwann bekamen wir Hunger, und als wir die vielen Autos mit einheimischen Kennzeichen sahen, dachten wir uns, wenn hier so viele Einheimische essen, muss es ja gut sein. Und das war Ihr Essen ja nun auch, das war wirklich sehr lecker und gut gekocht.“ Caro stimmt mir deutlich zu. „Na, wenn’s Ihnen nur geschmeckt hat. Kann ich Ihnen noch Verdauungs-Korze ausgeben, selbst gemacht?“ Bei solch einem Angebot lassen wir uns nicht lumpen. Der Wirt kommt mit drei Schnapsgläsern und einer unbeschrifteten Flasche, halbvoll mit einer klaren Flüssigkeit, zurück. „Und was genau ist das nun“ fragt Caro etwas skeptisch? „Mein Hausgeist“ antwortet der Wirt, während er drei Gläser davon einschenkt, „ich trinke auch einen mit, damit Sie sehen, dass ich Sie nicht vergiften will.“ Dabei lacht er. „Wissen Sie, dass ist reiner Weingeist, den versetze ich mit heimischen Kräutern, Beeren, Samen, Schalen, Blättern, die Rezeptur stammt noch von meinem Urgroßvater, das lasse ich dann 21 Tage stehen, danach wird alles abgesiebt und der Sprit auf Trinkstärke herunterverdünnt, der hat jetzt 48 Prozent. Prost!“ Der Wirt ext sein Glas, doch Caro und ich sind etwas skeptisch, nippen erstmal nur. Höllisch scharf ist der Alkohol, aber dahinter schmeckt man durchaus diffuse Kräutlein und Gewürze, ohne genau ausmachen zu können, welche. „Und schmeckt Ihnen das Piffsche?“ Caron und ich exen nun auch unsere Gläser und nicken. Ungefragt schenkt der Wirt nochmals nach. „Wissen Sie, das Einzige, was ich bei dem Geist anders mache als mein Vater, Großvater, Urgroßvater, ist, ich reinige die Flüssigkeit nach dem Absieben noch durch einen Holzkohlefilter. Durch die ganzen Pflanzen ist der Alkohol nach dem Ziehen tiefgelb, das wird auch durch das Verdünnen mit Wasser nicht besser. Deshalb haben die Leute diesen Schnaps früher auch ‚Wirtspisse‘ genannt. Das hat mich geärgert, außerdem ist sowas schlecht für’s Geschäft, also habe ich ein wenig nachgelesen und rumexperimentiert, und siehe da, mit einen Holzkohlefilter wird der Alkohol tatsächlich wieder klar, ohne seinen Geschmack zu verlieren. Und den Ausdruck Wirtspisse kennen nur noch die Alten.“ „Und was genau ist da drin, außer reinem Alkohol“, frage ich. „Das wollen alle wissen, aber ich verrat’s nicht, außer irgendwann mal meinem Sohn. Das Rezept für meinen Hausgeist bleibt mein Geheimnis. Aber es sind nur einheimische, gute, gesunde Pflanzen drinnen, sonst nix. Manche meinen sogar, in Maßen genossen sei er gut für die Manneskraft.“ Dabei blickt er mich schelmisch an und nickt in Richtung Caro, die diese Macho-Geste einfach ignoriert. Irgendwie kommt der Wirt in’s Plaudern und kümmert sich mehr um unseren Tisch als um seinen Schanktresen, aber der Getränkebedarf der Hochzeitsgesellschaft scheint auch rückläufig zu sein, was man vom Geräuschpegel aus dem Saal nicht sagen kann. „Wissen Sie, eigentlich will ich gar keine Gästezimmer haben. Ich will Dorfwirt sein, ich mag gut und ehrlich kochen, ich mag meine Lieferanten persönlich kennen, ich mag gute, heimische Rohstoffe verwenden, heimische Biere, Säfte, Schnäpse ausschenken, ich will die traditionelle oureweller“ – unvermittelt verfällt der Wirt bei dem Wort in den hiesigen Dialekt, das Odenwälderische bzw. Ourewellerisch – „Küche hochhalten, ich will den Leuten von hier einfach nur einen Platz zum Essen, Trinken, Reden, Aufwärmen, Feiern, Trauern, Versammeln geben. Mehr will ich eigentlich gar nicht. Wer Hamburger, Döner, Wachteleier und so’n Scheiß essen will, der soll das sonst wo tun, auf meine Speisekarte kommt so’n Dreck nicht. Und diese ganzen Sterne und Bewertungen sind mir auch schnuppe, ich brauche keinen Stern, um gutes Fleisch in gutem Fett zu braten oder eine Endivie aus dem Garten ordentlich zu putzen.“ Er hat sich offenbar warmgeredet und gießt nochmals nach. „Wissen Sie, mit dem Wirtshaus kommen ich und meine Familie eigentlich gut über die Runden. Früher gab es im näheren Umkreis mal vierzehn – vierzehn! – Wirtshäuser, alle zu, pleite gegangen, keinen Nachfolger gefunden, zugemacht weil’s sich nicht mehr rentiert hat und stattdessen lieber in die Fabrik arbeiten gegangen, es sind immer die gleichen Geschichten. Dadurch, dass wir die Letzten sind, läuft das Geschäft ganz gut, die Leute müssen ja quasi zu uns kommen, wenn sie nicht sonstwo hinfahren wollen. Das Haus ist seit Generationen abbezahlt, wir haben keine Kredite am Laufen, was an Instandhaltung, Ersatz- und Neubeschaffung nötig ist, können wir so wuppen, meine Familie hilft mit, wo es nötig ist, dazu haben wir einen eigenen Wald, aus dem wir unser Brennholz kriegen, die Situation wäre eigentlich recht kommod, wären da nicht die Preisexplosionen bei Energie und Rohstoffen, und bei Inflation und Krieg halten die Leute ihr Geld auch beisammen, da wird nicht mehr so viel Essen gegangen und gefeiert, das spüren wir hier natürlich auch, viel stärker als das die Simbl in Berlin spüren. Aber ich will mich nicht beklagen.“ Hut ab, denke ich mir, jemand der sich dieser Tage nicht beklagt. „Die Gästezimmer würde ich am liebsten abschaffen. 48 EURO pro Nacht, das hört sich erstmal nach viel Geld an. Aber die Dinger wollen jeden Tag geputzt sein, geheizt, mache Gäste machen die Heizung voll an und dann das Fenster auf, andere duschen Stundenlang, manche machen sich ohne zu bezahlen aus dem Staub oder klauen den Fernseher, alle zehn, fünfzehn Jahre muss man die Zimmer komplett-renovieren, jemand muss ab sechs da sein für die paar Frühstücke … das ist keine 48 EURO wert. Aber ich lasse die Fremdenzimmer trotzdem. Wenn zu einer Feier bei uns im Haus Auswärtige eingeladen werden, die müssen ja auch irgendwo schlafen. Oder wenn die ganze Familie von überall her zu Omis Geburtstag daheim zusammenkommt und es zu wenige Schlafmöglichkeiten bei denen gibt, die können dann auch bei uns schlafen. Oder mal ein durchreisender Vertreter oder Monteure oder so, die brauchen ja auch ein Dach über dem Kopf. Ich lasse die Zimmer nicht des Geldes wegen, der Ärger ist da größer als der Gewinn, ich lasse sie eher als Service für unsere Dorfgemeinschaft.“ „Aber warum erhöhen Sie nicht einfach die Preise, bis der Gewinn wenigstens den Ärger aufwiegt“, will Caro wissen? „Was meinen Sie, was Ihnen so ein Bauer oder ein Monteur oder ein Hochzeitsgast erzählt, wenn er mehr als 50 EURO für ein Zimmer zahlen soll? Den Vogel zeigt er Ihnen, schlimmstenfalls fahren sie auch besoffen oder übermüdet weiter.“ Er hält inne, erwartet wohl eine Reaktion unsererseits, aber irgendwie reagieren wir nicht; vielmehr überlege ich gerade krampfhaft, ob dieser Wirt die Gästezimmer wirklich als ‚Service für die Dorfgemeinschaft‘ betreibt oder ob er uns gerade ein Riesen-Märchen aufbindet. Nachdem wir keine Reaktion zeigen, redet der Wirt einfach weiter. „Wissen Sie, eines mache ich ganz konsequent und bewusst nicht: Werbung für unsere Gastwirtschaft. Die Einheimischen kennen uns alle, und sie wissen, was sie bei uns erwartet, und zwar ganz genau und von Kindesbeinen an. Natürlich haben diese ganzen Verbrecher von diesen Buchungsportalen schon mal bei mir angeklopft, teilweise wollen die 20 Prozent von jeder vermittelten Übernachtung. Wer bin ich denn, dass ich denen 20 Prozent von meinem schwer verdienten Geld in den Rachen werfe? Manchmal kommen auch sogenannte ‚Journalisten‘ vorbei und bieten mir an, dass sie in irgendwelchen ganz tollen Reisemagazinen einen ganz tollen Artikel über mein Haus mit ganz tollen Photos veröffentlichen würden, wenn ich Gegenzug mal ein, zwei Anzeigen in diesen Magazinen schalten würde. Andere bieten an, den positiven Artikel zu schreiben, und ich muss dann im Gegenzug tausend oder mehr dieser Magazine kaufen und kann sie als ‚Service‘ für meine Gäste auf den Zimmern auslegen. So ein Schmarren. Auch diese ganzen Regional-Marketing-Gesellschaften, bei denen man Mitglied werden kann und dann von denen beworben wird, die können mich mal. Am besten sind allerdings diese ganzen Internet-Hawwag, diese sogenannten Blogger, Gastrokritiker von eigenen Gnaden, die ganz frech und offen kostenloses Essen, Trinken und Übernachten fordern und dafür versprechen, irgendwas Nettes auf ihrem Blog dafür zu schreiben; und wenn man ablehnt, dann drohen sie, stattdessen etwas Schlechtes über einen zu schreiben und dazu noch schlechte Bewertungen auf Google und Tripadvisor und wie die alle noch heißen. Diese Droddl habe ich wirklich gefressen. Dabei ist es mir eigentlich am liebsten, wenn niemand was über unser Haus schreibt. Touristen brauche ich nicht, die im Sommer für ein paar Monate die Zimmer belegen, am Essen rummeckern und Hamburger und Feng-Shui“ (er sagt tatsächlich ‚Feng-Shui‘) „fressen wollen. Und wenn ich die Zimmer für richtige Gäste brauchen würde, Leute wirklich eine Übernachtung brauchen, weil sie bei uns auf einer Feier sind oder Verwandte besuchen oder hier was zu erledigen haben oder arbeiten müssen, dann sind die Zimmer blockiert mit nörgeligen Stadtfräcken, die spätestens im Herbst wieder weg sind, wenn das Wetter rauer wird. Schönwetter-Reisende, also ne, das ist das letzte, was ich brauche. Natürlich kann ich die schlecht ablehnen, wenn sie ganz konkret und höflich anfragen … aber manchmal tu‘ ich’s schon, wenn mir die Nase oder der Ton nicht passen. Ich betreibe hier einen Gasthof für jeden, der einen braucht und der sich benehmen kann, zuerst aber mal für die Leute von hier, mehr für Stammgäste als für Stadtfräcke – obwohl, Sie sind ja auch nur Stadtfräcke, warum erzähle ich Ihnen das überhaupt?“ unterbricht er sich selbstreflektierend-nachdenklich und schenkt drei Wirtspisse nach.

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