Hotel Lamm in Rotensol: Eingespielte Routine

Summa summarum: Was bleibt ist ein diffuses Bild. Eigentlich hat das Lamm in Rotensol alle Voraussetzungen für ein gediegenes, angenehmes Landgasthaus mit hübschen Zimmern, gutem Essen, erfreulichen Weinen und freundlichen Menschen. Die Menschen sind freundlich, durch die Bank weg, aber die Patzer bei den Zimmern können einem ebenso die Laune vermiesen wie die zuweilen routinierte Ambitionslosigkeit der Küche. Eigentlich wollte ich zur Kunstmesse in Karlsruhe Ende Februar nochmals mit Caro für ein Kunst-Relax-Schlemmer-Süffel-Wochenende in’s Lamm, aber für mich ist das Lamm kein Gasthaus, wo ich ohne Not ein zweites Mal hin muss, und schon gar nicht mit Caro …

Messe in Karlsruhe. Obwohl es nur ein paar recht kleine Messehallen gibt, scheint die komplette Gegend angesichts des Großereignisses ausgebucht zu sein: Ochse, Walk’sches Haus, Schwitzer’s, Hammerschmiede, Krone, alle voll, noch freie Zimmer, aber Phantasiepreise im Erbprinzen und im Schlosshotel: ihr könnt mich mal. Schließlich lande im Lamm in Rotensol, einem  Schwarzwald-Dörfchen bei Bad Herrenalp. Einen Bip Gourmand vom Michelin, 5 Pfannen und 2 Bestecke vom Gusto, lobend erwähnt von Varta und Aral, von Volkes Stimme und Scharlatanen 4,5 Punkte bei Tripadvisor, 4,6 bei Google, 5,5 bei Holidaycheck, dazu eine nette, aber bodenständige Webpage (offensichtlich kein so hochgerüstetes Lügen-Marketing-Instrument), verheißungsvolle Speisekarte mit einem Spagat von Badischer Regionalküche und internationaler Hochküche, große Weinkarte, vernünftige Preise, keine halbe Stunde von der Karlsruher Messe entfernt, warum also nicht Lamm in Rotensol?

Das langgestreckte Gebäude direkt an der (spärlich befahrenen) Hauptstraße mitten im idyllisch gelegenen, beschaulichen Schwarzwald-Dörfchen Rotensol ist erst einmal gänzlich unspektakulär, vielleicht sollte man besser unprätentiös schreiben. Innendrinnen viel Holz, Steinfußboden, alles etwas düster durch die recht kleinen Fenster und funzligen Lampen, schneller, problemloser und freundlicher Check-in an der Rezeption, der Meldezettel ist schon mit meinen persönlichen Daten von der Buchung ausgefüllt, ich brauche nicht nochmals meine Adresse zu kritzeln, nur unterschreiben, ich mag solche Kleinigkeiten, Lift in den zweiten Stock, wieder ein düsterer Gang, das Zimmer dann recht hübsch, eine Mischung aus Gastronomie-Systemeinrichtung und individueller Möblierung, 2 bequeme Sessel, eine alte Kommode, kleiner Schreibtisch, ordentliches W-LAN, mittelprächtiger Flachbildschirm, sehr, sehr gute Matratze, einfaches, aber hinreichendes, ordentlich geputztes Duschbad, flauschige Handtücher, ausreichend Echtholz-Kleiderbügel ohne Diebstahlsicherung, netter Balkon mit Blick auf Pferdekoppel und Wald … das alles ist gediegener bis gehobener Drei-Sterne-Standard. Aber, … es gibt auch eine Menge „Abers“ im Lamm in Rotensol. Am augenscheinlichsten gleich beim Betreten des Zimmers ist die Tatsache, dass der dicke, weiche, mit Tupfen gemusterte karminrote Teppichboden schlecht gesaugt ist, an den Ecken, Türstöcken, Fußleisten liegt schlichtweg dick Staub auf dem Teppich, der einerseits nicht weggehen kann, wenn nur mal schnell durchgesaugt wird, der sich andererseits auch nur so massiv ansammeln kann, wenn andauernd beim Saugen nur gepfuscht wird. Im Bad roch es zumindest in meinem Zimmer deutlich nach Kloake. Es gibt zwar eine kostenlose Flasche Mineralwasser vom Haus, aber Minibar fehlt ebenso wie Zimmerservice, eines von beiden sollte es schon geben. Der Tresor ist so winzig, dass maximal eine Funke oder ein Brillant-Kollier reinpasst, keinesfalls aber ein Laptop oder Aktenordner. Sowas ist dann ärgerlich. Es soll noch schönere und luxuriösere Zimmer im Lamm geben, nur die waren alle schon ausgebucht, insgesamt war das Haus mitten in der Woche voll bis auf’s letzte Zimmer, ich hatte den Eindruck, vor allem Geschäftsleute, Berater und Techniker lassen es sich hier auf Dienstreisen für vertretbares Geld wohl ergehen, statt in irgend einem Ibis in der Stadtmitte zu hausen.

Später, zum Dinner in der verwinkelten Gaststube mit reichlich Nebengelassen, begrüßt ein großer brennender Kachelofen, die Wände sind komplett holzvertäfelt, ländliche Massivholzmöbel, Leinentischtücher und –servietten, gewöhnungsbedürftiger Tischschmuck, gedämpftes bis funzliges Licht, eine große Heiligenstatue wacht über dem Tableau,  insgesamt eine gepflegte, aber nicht steife Atmosphäre, gediegener Landgasthof würde ich sagen. Die Küche ist halb-offen und zeigt, dass sie nichts zu verbergen hat, der Patron trägt eine weiße Kochjacke und durchmisst bärbeißig-freundlich-professionell seine Besitzungen, die jungen Bedienungen in Schwarz sind allesamt sehr freundlich, nett, zuvorkommend, flott, kompetent, dabei meist an der Grenze zwischen ungezwungen und anbiedernd, aber immer auf der sicheren Seite bleibend, hier fühlt man sich wohl und wird aufmerksam, schnell und freundlich bedient, so soll’s sein. Die Speisekarte wagt den Spagat zwischen Hoch- und Regionalküche. Da gibt es einerseits Delice von der Entenleber mit Macadamia-Nüssen und gebratener Entenleber an Ananaschutney, oder Hummerschaumsüpple mit gebratener Jakobsmuschel und Gamba, oder Trüffelrisotto mit Pecorinochip und Trüffelkäse oder Rosa gebratene Entenbrust mit Winteraromen und Sesam an Burgunderrotkohl, Fingerkarotten, Maronen und Kartoffelroulade; andererseits werden aber auch Maultaschensuppe, oder Kalbskutteln in Trollinger mit Bratkartoffeln, oder Paniertes Schweineschnitzel mit Preiselbeeren und Kartoffelsalat oder Zwiebelrostbraten vom Albtäler Weiderind mit hausgemachten Spätzle und buntem Salat angeboten. Wenn ich schon mal im Badischen bin (dabei ich bin mir da nicht ganz sicher, Bad Herrenalb selber gehörte immer zu Württemberg, aber das Waldhufendorf Rotensol wurde erst 1972 eingemeindet und liegt sehr hart an der ehemaligen Grenze des Großherzogtums Baden), will ich auch Badisch essen, notfalls auch Württembergisch, wenn es die Lokal-Patriotismus-Räson verlangt. Allora: eine Mouse von Roter Bete mit knackigen Rote Bete Würfelchen und einem Scheibchen luftgetrockneten Schinkens als Amuse Geul sehr nett, geschmackvoll, angenehme Konsistenzen, , bodenständig, einfach gut. Die überbackenen Schnecken groß, fleischig, tadellos gesäubert, die Kräuterbutter mit reichlich frischen Kräutern gemacht, nur leider etwas unterwürzt. Die abgeschmälzten Maultaschen dann schlichtweg enttäuschend, sicher hausgemacht, aber einfach als Roulade aufgewickelt und dann mit dem Kochlöffelstiel zerteilt und zugedrückt (gewiss, man kann das so machen), die Füllung unterwürzt, die Brühe dünn, die Zwiebeln wenig, der Kartoffelsalat dazu breiig und eiskalt. Ganz OK dann der Zwiebelrostbraten, gutes Fleisch auf den Punkt rosa gebraten, Spätzle naja, recht dick, Sößchen naja, recht dünn, die Zwiebeln wenig. Zum Nachtisch die Crème brûlée tadellos, aber auch nicht mehr, der Schwarzwälder Kirsch Becher mit Industrie-Eis, Industrie-Kirschen, Sprühsahne und einem Schluck Kirschwasser aber sowas von enttäuschend. Da konnte zum Glück der Digestivwagen helfen, mit wenigen, nicht wohlfeilen, aber wohl gewählten Bränden. Diesem in Summe eher enttäuschenden Essens-Erlebnis steht eine formidable Weinkarte gegenüber von jemandem, der sich furios durch die nicht so preisintensiven Lagen der populären Weinanbaugebiete der dreiviertel Welt gekauft hat, dazwischen dann noch ein paar Château Lafite Rothschild und Château Petrus, falls es ein Gast dann doch mal richtig krachen lassen will. Dominieren tun allerdings heimische Weine aus Baden, Württemberg, Pfalz, Nahe, Rheingau, da finden sich wirklich nette Flaschen zu sehr bezahlbaren Preisen. Aber die Fass-Biere der Brauerei Ketterer aus Pforzheim und der Familienbrauerei Bauhöfer aus Renchen-Ulm in der Ortenau sind ebenfalls sehr – Caro wird mich jetzt schimpfen – lecker.

Das Frühstück dann tadellos, Bäckerbrötchen, gutes Obst, wenig, aber gute Wurst, Schinken, Käse, Lachs, Cerealien und das übliche Angebot, Eierspeisen à la minute, nur die Bedienungen kommen zur Stoßzeit zwischen 07:30 und 08:30 – wenn die Geschäftsleute, Berater und Techniker sich allesamt für ihren Arbeitstag stärken – nicht mit dem Abräumen und Neu-Eindecken nach, so dass es hier schon mal Engpässe geben kann.

Was bleibt ist ein diffuses Bild. Eigentlich hat das Lamm in Rotensol alle Voraussetzungen für ein gediegenes, angenehmes Landgasthaus mit hübschen Zimmern, gutem Essen, erfreulichen Weinen und freundlichen Menschen. Die Menschen sind freundlich, durch die Bank weg, aber die Patzer bei den Zimmern können einem ebenso die Laune vermiesen wie die zuweilen routinierte Ambitionslosigkeit der Küche. Eigentlich wollte ich zur Kunstmesse in Karlsruhe Ende Februar nochmals mit Caro für ein Kunst-Relax-Schlemmer-Süffel-Wochenende in’s Lamm, aber für mich ist das Lamm kein Gasthaus, wo ich ohne Not ein zweites Mal hin muss, und schon gar nicht mit Caro …

 

 

Hotel LAMM KG
Karl Schwemmle
Mönchstraße 31
76332 Bad Herrenalb – Rotensol
Tel.: +49 (70 83) 9 24 40
Fax: +49 (70 83) 92 44 44
E-Mail: schwemmle@lamm-rotensol.de
Internet: https://lamm-rotensol.de

 

Hauptgerichte von 13,60 € (abgeschmälzte Maultaschen mit Salat) bis 33,50 € (Tournedo vom Albtäler Weiderind mit Morchelcreme, Nüdele und Saisongemüse), Drei-Gänge-Menue von 23,80 € bis 56,90 €

 

Doppelzimmer mit Frühstück (pro Zimmer, pro Nacht) 114 € bis 173 €

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.