Es mag jetzt rund 30 Jahre her sein, da saß ich eines späten Abends nach dem Job in der Schildkröte, einem echten alt-berliner Lokal in einer kleinen Seitenstraße des Kudamms, trotz seiner Nähe zur Touristen-Idioten-Rennmeile damals noch nicht geflutet von knipsenden Reisenden aus aller Welt, seeking out authentic, unfiltered local life for lovely family album pictures, long before the days of social media. Es war ein Scheiß-Tag gewesen, Job bescheiden gelaufen, Kollegen und Klienten mies drauf, Wetter beschissen, viel Stress, trotzdem nichts Richtiges auf die Kette gekriegt, geschweige denn was zu Essen. Nach solchen Tagen, die es im Berater-Leben leider immer wieder gibt, war die Schildkröte damals genau die richtige Adresse, 15 Fußminuten vom Interconti, meinem damaligen zweiten Zuhause, entfernt, zuerst ein kurzer Spaziergang, um den Kopf wieder frei zu bekommen, dann ein paar Bier und Schnaps, um den Kopf wieder voll zu bekommen, dazu deftiges, ehrliches, brachiales Essen, um auch den Wanst voll zu bekommen, dazu die Möglichkeit, in Gesellschaft allein zu sein, ich wollte weder Klienten noch Kollegen sehen, weder schlaue Fachgespräche noch freundlichen, unverbindlichen small talk haben, ich wollte meine Ruhe, wortkarg, gerade mal ein paar Sätze mit dem Kellner wechseln, ansonsten trefflich essen und trinken (oder trinken und essen?), andere Leute beobachten, die Klappe halten, nicht mit klugen Sprüchen oder harmlosen Witzchen brillieren müssen vor Leuten, mit denen ich mein Geld verdiente, die mir aber ansonsten zumeist piep-schnurz-egal waren. So viel zu meiner Gemütsverfassung am damaligen Abend.

Ich hatte mich bewusst in die Weinstube im hinteren Teil des Lokals gesetzt, um dem Kneipentrubel etwas zu entgehen. Hier saßen nur wenige Gäste. Ich hing bei Bier und Schnaps meinen Gedanken und der Vorfreude auf mein Eisbein nach. Ein Mann setzte sich gruß- und wortlos an den Nachbartisch, ohne Bestellung brachte der Kellner ihm ein großes Bier und zwei große Schnäpse, ein Stammgast offenbar. Er trug einen sehr gut sitzenden schwarzen Anzug (ein wenig Man-in-Black-Uniform, nur weiter geschnitten), weißes Hemd, goldene Manschettenknöpfe, keine Krawatte, eine ziemlich dicke Uhr, tadellose Lackschuhe, gepflegter Haarschnitt, ein ziemlich geldiger Herr, ob anscheinend oder scheinbar, das weiß man in Berlin nie so genau, war mir aber auch egal, wie so vieles an dem Abend. Erst auf den zweiten oder dritten Blick erkannte ich, dass das wohl Harald Juhnke, der (damals) bekannte, ja berühmte Schauspieler und Entertainer, war, der da am Nebentisch große Mengen Alkohol in kurzer Zeit konsumierte. Ich sprach ihn nicht an, wie er wollte auch ich nur meine Ruhe.
Wahrscheinlich provoziert oder neugierig geworden durch meine konsequente Ignoranz und mein Schweigen sprach mich Juhnke von sich aus nach einiger Zeit an. Es war eine Ansprache so ganz im Juhnke-Stil: „Was trinken Sie da?“ „Fürst Bismarck,“ antwortete ich, „ich bin immer für drink local.“ (Ich hatte den Namen Bismarck einfach mit Berlin assoziiert und wusste damals noch nicht, dass der Schnaps im Sachsenwald bei Hamburg gebrannt wurde, dass Otto von Bismarck selbst die Brennerei ab 1874 geleitet hatte). „Dann bin ich mit meinem Vodka offenbar ein Vaterlandsverräter,“ antwortete Juhnke mit einem versuchten Scherz. „Was machen Sie Berlin? Geschäfte nehme ich an, Touristen und Berliner tragen hier in der Schildkröte keine Anzüge.“ Brav erzählte ich, welch widriges Schicksal mich beruflich in die Hauptstadt verschlagen hatte, Juhnke hörte offenbar interessiert zu, stellte Zwischenfragen, wollte wissen, wie das Berater-Leben so generell sei, und doch drohte das Gespräch in Richtung small talk abzugleiten, und darauf hatte ich – wie gesagt – Null Bock, selbst mit einer Show- und Bühnengröße wie Harald Juhnke nicht. „Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?“ fragte er nach einiger Zeit mit einer Mischung aus Verwunderung und Beleidigtsein. „Harald Juhnke, nehme ich an, oder ein verdammt gutes Double.“ „Mich kann niemand doubeln!“ antworte er selbstbewusst bis empört. Wir plauderten weiter, primär über unsere Professionen, weniger über unsere persönlichen Umstände, geschweige denn über unsere Befindlichkeiten, Hoffnungen, Ängste. „Weißt Du,“ – er hatte mir zwischenzeitlich wie selbstverständlich das Du angeboten – „so verschieden sind wir gar nicht. Wir beide sind Vortänzer, wir bereiten uns beide akribisch auf unsere Auftritte vor, Du vor geldgeilen Managern, ich vor einem vergnügungsgeilen Publikum, wir spielen unsere Rollen und geben dem Publikum, was es haben will, ich Unterhaltung und Sketche zum Lachen, Du kluge Konzepte und Strategien, um noch mehr Geld zu scheffeln. Und danach sind wir leer, die Vorstellung ist gelaufen, im besten Falle gut gelaufen und das Publikum ist zufrieden, uns schert es nach der Vorstellung nicht mehr, wir ziehen wir diese Anzüge aus, gehen in fremde Hotels, die wir im Grunde nicht mögen, auch wenn sie noch so viele Sterne haben, sind dann allein … oder wir gehen hierher … und trinken.“ „Da hast Du Recht,“ entgegnete ich. „Es gibt nur einen kleinen Unterschied zwischen uns beiden, Du verdienst wahrscheinlich das Zehnfache oder mehr mit Deinen Auftritten, aber keine Angst, kein Sozialneid, es sei Dir von Herzen gegönnt. Wenn ich den Job gut weitermache, lande ich irgendwann auch mal in Deiner Gehaltsklasse.“ „Das macht doch keinen Unterschied. Geld ist egal …“ (ein großer Satz!) „… aber wir tragen beide unsere Haut zu Markte. Der Unterschied ist, Du im Verborgenen, ich in der Öffentlichkeit. Nach der Vorstellung kann ich fast gar nicht allein sein, jeder kennt mich, jeder erkennt mich. Wenn man jung ist, ist das noch schmeichelhaft, aber irgendwann wird das nur noch lästig. Ich kann fast nirgends mehr hingehen, ohne um ein Autogramm oder ein Photo gebeten zu werden, und wenn ich mal wieder einen Totalabsturz habe, steht’s am nächsten Morgen fett in der B.Z. Das ist der Unterschied, Du kannst hier den Boden vollkotzen, zahlst die Reinigung und wirst rausgeschmissen. Wenn ich das gleiche tue, zahle ich zwar nichts für die Reinigung und werde wahrscheinlich auch nicht rausgeworfen, dafür steht’s Morgen in der Zeitung, Peter Wolf hält mir eine Standpauke am Telephon, meine Frau sowieso, Produzenten und Theaterdirektoren fragen an, ob ich für das nächste Projekt noch zuverlässig bin, Mütterchen sprechen mich mitleidig auf der Straße an, das kann alles zum Spießrutenlaufen ausufern, tage- und wochenlang. Ich würde viel geben, auch mal wieder in der Anonymität leben zu können, geht aber nicht, meine Haut hängt öffentlich auf dem Markte zur Schau für alle. Hier in der Schildkröte kann ich mich wenigstens ein wenig verstecken.“ Wir haben mehr Schnäpse bestellt, prosten uns schweigend zu. „Warum hast Du mich eigentlich nicht nach einem Autogramm gefragt?“ „Ich wollte meine Ruhe haben, Du wolltest Deine Ruhe haben, warum sollte ich da nach einem Autogramm fragen? Wozu? Um es einzurahmen und damit anzugeben, dass ich Harald Juhnke persönlich getroffen habe?“ „Ja, wozu eigentlich? Aber die Leute wollen fast alle eines haben, einmal die Nähe eines Prominenten spüren, ich verstehe auch nicht wirklich, warum. Sammlerwert jedenfalls haben meine Autogramme nicht, so viele, wie ich in meinem Leben davon rausgehauen habe.“ „Ich will jetzt ja nicht großkotzig wirken, aber wenn man zur Berlinale im Interconti wohnt …“ „Warum wohnst Du nicht im Kempi?“ „Gute Frage, hat sich so ergeben. Ich finde das Kempi auch schöner, das war in den Sechzigern das erste Fünf-Sterne-Hotel, in dem ich jemals übernachtet habe, mit meinen Eltern. Aber als ich den Job hier angetreten habe, hat meine Sekretärin das Interconti für mich gebucht, meine Kollegen wohnen auch dort, und irgendwie bin ich die letzten Monate da hängen geblieben, wohl auch aus Bequemlichkeit. … Was ich sagen wollte: wir haben Berlinale, im Interconti habe ich in den letzten Tagen Jodie Foster, Julia Roberts, John Travolta, Danny DeVito, Jack Lemmon getroffen, mit Bruce Willis saß ich sogar an der Bar und wir haben ein paar belanglose Worte gewechselt, aber ich habe keinen von denen um ein Autogramm gefragt, wie gesagt, wozu auch?“ „Kann es sein, dass Du ziemlich arrogant bist?“ „Vielleicht. Ich liebe viele von Euch auf der Leinwand, dem Bildschirm, der Bühne, viele von Euch – längst nicht alle, man muss heutzutage nicht mehr zwangsläufig gut sein, um ein Star zu sein – sind toll in Eurer Profession. Aber deswegen Starkult? Nein Danke. So ein Gespräch wie jetzt, von Mensch zu Mensch, auf Augenhöhe, und nicht, weil Du ein Star bist, das finde ich gut und interessant.“ Der Abend plätscherte weiter vor sich hin. Lange nach Mitternacht verließen wir reichlich angeschickert das Lokal. Wir hatten uns für den nächsten Abend in der Bristol Bar im Kempi verabredet. Harald erschien nicht, wir haben uns nie wiedergesehen.



Heute, 30 Jahre später, bin ich wieder in der Schildkröte (eigentlich gehe ich bei jedem Berlin-Aufenthalt wenigstens einmal hierher). Harald Juhnke lebt längst nicht mehr, die Speisekarte ist zwischenzeitlich in EURO, ansonsten hat sich wenig verändert. Die Suppe ist nach wie vor kräftig, das Eisbein riesig, fett, nahrhaft, die Currywurst noch immer ohne Pelle und nur dezent scharf, die Fritten bestimmt nicht EU-konform. Und es gibt noch immer das Näpfchen mit Senf statt eines abgepackten Plastiksackerls, ich liebe es. Nur Berliner sieht man immer weniger hier. Und statt der Stars von einst (die sind Legion, über Hans Albers und Hans Rosenthal bis hin zu Franz Josef Strauß und Götz George, sogar Gene Hackman war auf der Suche nach Milch hier) verkehren heute hier viele Touristen aus aller Welt und vermaledeite Influencer, die die Schildkröte durch die die virtuellen Räume der asozialen Medien zerren. Halte durch, Schildkröte!

Hauptgerichte von 14,00 EURO (Currywurst mit Pommes) bis 29,50 EURO (Steak oder Wiener Schnitzel mit Beilagen); Drei-Gänge-Menue von 23 bis 45 EURO
Schildkröte
Tafelrunde Gaststättenbetriebs GmbH
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