Geschichten aus dem Pfaffenwinkel

Bestenfalls – bestenfalls! – bekäme ich eine saftige Abmahnung eines auf Krawall gebürsteten Winkeladvokaten, schlimmstenfalls eine gehörige Tracht Prügel vom Juniorchef und seinen Burschen, vielleicht würde der Juniorchef auch nur laut schallend lachen, mir ganz bewusst etwas zu fest auf die Schulter klopfen, mich in seinem ur-bajuwarischen Idiom auffordern, mich zu ihm und seinen Burschen an den Tisch zu setzten und ein Bier mitzutrinken. Man weiß es nicht, aber ich habe auch keine gesteigerte Lust, es auszuprobieren, also schreibe ich folgende Geschichte anonym, ohne direkte Nennung des Dorfgasthauses, wo sie tatsächlich passiert ist, aber sie ist passiert, ziemlich genau so und hier sodann getreulich wiedergeben. Aber „Geschichte“ ist es eigentlich auch keine, sondern eine von der Willkür des Lebens diktierte Abfolge von Anekdötchen.

Wir schreiben den Wonnemonat im dritten Seuchenjahr, die Politirrwische verheren das Land unverändert im Inneren, der neue Zaren-Verschnitt tut nach Kräften das seine im Äußeren dazu, die Welt ist längst nicht mehr, wie sie einmal war. Ich habe die Stadt verlassen und bin über Seitensträßchen in den Süden des Freistaats gefahren, zwei Stunden wären es mit Autobahn und Bundesstraßen gewesen, ich habe viereinhalb daraus gemacht, und die Fahrt im Cabrio in der Mai-Sonne war wunderschön. Jetzt bin ich in einem mittelgroßen intakten Dorf im Pfaffenwinkel, nicht so bildhübsch-gemalt-herausgeputzt wie manche Dörfer im Fünf-Seen-Land (machen wir uns nichts vor, das sind meist reiche Stadtfräcke aus München, die sich hier ihre Anakreon-Wochenend-Domizile oder ihre ständigen Heimstätten zum Pendeln in die S-Bahn-nahe Stadt errichtet haben, derweil der Spross ursprünglich, gesund und ungefährdet von den Unbillen der Großstadt inmitten des heilen Landlebens aufwachsen kann; die Stadtfräcke bringen dann genügend Kauf- und Steuerkraft mit, damit auch die örtlichen Wirtshäuser, Krämer, Handwerker, Sinnlos-Boutiquen, Bäcker, Metzger, Kirchen und natürlich die Rathäuser prosperieren, und so wird dann alles bildhübsch-gemalt-herausgeputzt), sondern noch ursprünglich gewachsen, weitgehend authentisch, nicht künstlich aufgehübscht, da sind kleine Gewerbebetriebe – Autowerkstatt, Metallbauer, Tankstelle, Discounter, Gärtnerei – mitten in der ursprünglichen bäuerlich Wohn- und Hofbebauung, zuweilen noch ein echter Misthaufen vor dem Hof inmitten des Dorfes; sowas lockt kaum Touristen, Ausflügler, Kamerateams und Reisejournalisten an, aber es ist pragmatisch und dient der örtlichen Nahversorgung. Dem Busfahrplan entnehme ich, dass unter der Woche 21 Busse täglich fahren, 6 am Samstag, 4 an Sonn- und Feiertagen; die Bewohner allhier unterstützen gewiss mit ganzem Herzen die Individual-Verkehr-Vernichtungs-Politik. Mitten im Dorf stehen Kirche, Rathaus, Kriegerdenkmal und der örtliche Wirt, von Heiliger Vierfaltigkeit zu sprechen wäre Blasphemie, und doch cum grano salis. Hier heißen die Gasthöfe Alter Wirt, Oberwirt, Unterer Wirt, Neuwirt, Brucknwirt, vielleicht noch Post, hundert Kilometer weiter westlich im Schwäbischen heißen sie dann Lamm, Löwe, Ochsen, Traube oder eben auch Post, dieser eine Wirtshausname ist beiden Landstrichen gemein. An der Kirche lädt ein großes Plakat zum speziellen Jugendgottesdienst, die Freiwillige Feuerwehr mahnt zur Mitgliedschaft, das Gärtchen um das Kriegerdenkmal ist penibel gepflegt, in dem Obelisken sind schmerzhaft viele Namen eingemeißelt „Xaver Hiebl *16. März 1922 Neudorf, + Mai 1943 Stalingrad“, am Fuß der Stele liegen frische Feldblumen. Das Wirtshaus wurde im frühen 18. Jahrhundert gebaut und ständig erweitert, zuletzt um ein schmuckes Mehrgenerationen-Wohnhaus der Wirtsleute und ein Schlachthaus für die hauseigene Metzgerei samt Solarpanelen auf dem Dach, auch auf dem Land geht man mit der Zeit und mit den Subventionstöpfen, neben dem Hauptgebäude zwei alte, mächtige Kastanien, darunter Parkplätze und ein nicht wirklich romantischer Gastgarten. Man betritt das Wirtshaus über zwei Stufen durch eine große Flügeltüre in einen breiten, langen Gang über die ganze Länge des Gebäudes, links der große Gastraum, rechts drei separate Nebenräume und Stüberl, im hinteren Teil die Türen zu Küche, Kühlraum, den Aborten und der Metzgerei, im ersten Stock der große und der kleine Festsaal, der Große sicherlich für ein paar hundert Leute, sogar mit Bühne. Der Boden des Ganges besteht aus Natursteinfliesen, ansonsten im ganzen Haus knarzende alte Holzdielen, darauf massive, schmucklose, aber robuste Wirtshaus Möbel aus Massivholz, so einen Stuhl möchte man bei einer Kneipenschlägerei – die es hier gefühlt noch regelmäßig gibt – nicht ins Kreuz bekommen, Fenster mit Butzenscheiben und rot-weiß karierten Vorhängen, an den Wänden dreiviertelhohe, dunkle Holzvertäflungen und lange Bänke, allerlei alte Photographien von Bierkutschern, Männern in Tracht, eine Sportmannschaft, Jagdszenen, die örtliche Feuerwehr um die vorletzte Jahrhundertwende, in der Ecke ein großes Kruzifix mit einem frischen Sträußlein aus Buchsbaum-Zweiglein, liebevoll mit einer weißen Schleife zusammengebunden, ein mächtiger, altertümlicher Schanktresen, daneben Durchreiche und offene Tür zur Küche, darin ein Gewusel von wenigstens einem halben Dutzend Männern und Frauen unter dem Kommando einer resoluten älteren Frau. Hinter dem Schanktresen zapft ein alter, meist freundlicher, aber etwas verpeilter Bucklichter im Akkord Biere und Limonaden, später werde ich erfahren, dass er der Seniorchef des Wirtshauses ist, der längst an seinen Sohn übergeben hat, aber noch immer tatkräftig mitarbeitet. Einer der Kellner zankt mit dem bucklichten Seniorchef, in eine Goaßn-Halbe (ein bayrisches Bier-Mix-Getränk aus dunklem Bier und einem Shot Schnaps oder – besonders bei Jugendlichen beliebt – Kirschlikör) gehörten 2 cl Obstler, 4 cl seien ohnehin schon ein Entgegenkommen, aber 8 cl Obstler in 0,5 l Bier, das sei gegen jede Tradition (man beachte, es geht nicht um Wareneinsatz oder Alkoholmissbrauch, sondern allein um die Tradition des richtigen Mischverhältnisses); lachend entgegnet der Bucklichte, „diese Burschn“ bräuchten das, und das ginge schon klar. Einchecken ist zur Mittagszeit an einem Sonntag irgendwie nicht möglich, ich stehe ausgesprochen dumm rum, um mich herum rennen ziemlich viele Leute, schleppen volle und leere Teller und Getränke rein und raus, dreimal fragt mich jemand nach meinem Begehr, dreimal antworte ich, Einchecken sei mein Begehr, dreimal erhalte ich ein gemurmeltes „Kimmt glei“ zur Antwort, dreimal kimmt nix. Also beschließe ich, erstmal ein Ankunfts-Bier zu trinken und zu Mittag zu essen und setze mich hinter‘s Haus in den Gastgarten. Auch hier Service-Gewusel – obwohl längst nicht alle Tische besetzt sind – Kellner und -innen laufen hin und laufen her, laufen her und laufen hin, auch an meinem Tisch vorbei, ohne mich zu beachten, trotz deutlicher Handzeichen, ich fange an, mich zu fragen, ob ich heute Morgen mal wieder Alberichs Kappe erwischt habe. Schließlich gelingt es mir doch, ein Bier zu bestellen und die Speisekarte zu ordern. Letztere kommt sofort, ersteres geht unter, wird schlichtweg vergessen, irgendwie kein Wunder, nicht eine Person kümmert sich fest um meinen Tisch und mich, jede der wenigstens vier Servicekräfte, die hier rennen und schleppen, kümmert sich offensichtlich unkoordiniert irgendwie um jeden Tisch … oder auch nicht. Einerseits ist die Speisekarte liebenswert, nur traditionelle bajuwarische Gerichte, keinerlei Burger-, Pfannengyros- und Süßkartoffelpommes-Scheiß, andererseits ist die Speisekarte liebenswert, keinerlei vegetarische Salate (genau genommen überhaupt keine Salate außer dem Beilagensalat), keine veganen Bowls, keine Hirsebratlinge, kein Tofu-Curry, das vegetarischste Gericht auf der Karte ist der Kaiserschmarrn: nehmt das, ihr Pflanzenfresser. Irgendwann kriege ich dann endlich mein Bier, kann aber die Bestellung für Suppe und Haxe nicht aufgeben, alldieweil die Bedienung zu schnell wieder weg ist. Aber ich habe frei, habe Zeit, also widme ich mich erstmal meinem Hellen, der Umgebung und den Menschen. Die Einheimischen sind absolut in der Überzahl, außer mir sind noch ein paar Monteure und ein Grüppchen Radfahrer offensichtlich nicht von hier. Die meisten Gäste sind Männergruppen, Paare oder Familien; Frauen scheinen alleine kaum in dieses Etablissement zu gehen. Und von den Männern trägt wenigstens die Hälfte Tracht oder zumindest Lederhosen. Die Tracht besteht aus weißem, offen getragenem Hemd mit Stehkragen, dunkler Weste, gerne mit reich verzierten Knöpfen und goldener Uhrkette, Trachtenjanker, Lederhose, gestrickten Wadel-Schonern, schwarzen Haferl-Schuhen ohne Socken, alles bekrönt mit einem Seppelhut, mal mit, mal ohne Federbusch. Das kollektive Idiom ist tiefstes Bayrisch, nur die paar wohl osteuropäischen Bedienungen sprechen gebrochenes Hochdeutsch mit bayrischem Akzent, ganz ein kurioser Zungenschlag. Der Umgangston unter den Gästen ist wahrhaft herzlich, „Servus Hundling“, „Do lecktst mi am Oarsch, habe die Ehre“, „Hock Di her do und holt Dei Maul“ sind Standards des vertrauten Umgangstons der Einheimischen miteinander. Aber die Menschen haben offensichtlich Spaß. Kaum einer hat seine Funke vor sich auf dem Tisch liegen (mit Ausnahme der Monteure), geschweige denn, dass einer unkommunikativ hineinstarren würde. Die Leute reden miteinander, schier unentwegt, lachen, fluchen, gestikulieren, manche hören auch nur still zu, aber die Menschen sind zusammen, und nicht nur einfach räumlich nebeneinander, dieses Tableau atmet gelebte Gemeinschaft. Bier fließt unentwegt und reichlich. Ich bin mir sicher, käme jetzt einer und riefe, der Gaul sei in den Tümpel gefallen und käme aus eigener Kraft nicht mehr aus dem Morast heraus, wenigstens die Hälfte der Anwesenden würde aufstehen, sich auf Trekker und Pickups schwingen, egal ob hackedicht oder halbwegs nüchtern, zum Tümpel fahren, um dem armen Gaul irgendwie zu helfen, und sie würden ihn gewiss rausbekommen, ohne THW, Kriseninterventionsteam und Notfallseelsorger; danach kämen sie hierher zurück, Morast-verschmiert, verschwitzt, manche lachend, manche zankend, ob man den Gurt nun besser links oder rechts herum um den Gaul hätte anlegen sollen, aber alle zufrieden, der Wirt würde wahrscheinlich eine Runde Freibier für die Retter ausgeben, und der Gesprächsstoff für die nächsten zwei Monate wäre auch gesichert.

Irgendwann habe ich es dann geschafft, meine Bestellung für’s Mittagessen aufzugeben. Danach wieder ewiges Warten. Nach mehreren Nachfragen kommen Suppe und Hauptgang gleichzeitig. Die Suppe ist ein belangloses, dünnes Rindssüppchen, der Leberknödel darinnen Katzenkopf-groß und gar nicht mal schlecht. Die Schweinshaxe ist richtig, richtig gut, rundum resch, fleischig, kurzes Sößchen, zwei ordentliche Kartoffelknödel, und das für geradezu lächerliche 13,40 EURO (wohlgemerkt für eine ganze, nicht etwa eine halbe Haxe). Wenn mein altes Diktum stimmt, je schlechter der Salat, desto besser das bayrische Restaurant, so befinde ich mich hier offensichtlich im Epizentrum der bayrischen Spitzengastronomie. Denn der Salat besteht weitgehend aus eingelegten Sauergemüsen und verwelktem, labbrigem, schlecht geputztem Grünzeugs, ertränkt in einer weißen, essig-sauren, Konservierungsstoff-schwangeren Tunke mit dunklen Punkten, die wohl getrocknete Kräuter darstellen sollen. Aber niemand hier braucht wirklich Salate, die Haxe hat genügend Potential zum glücklich machen (zum satt machen sowieso allemal). Derweil wuselt um mich herum das Ballett der unkoordinierten Servicekräfte, am meisten rennt der Junior-Chef. Am Nachbartisch sitzen wohl die beiden jungen Männer – nicht in Tracht, aber nichtsdestotrotz irgendwie dazu gehörend – für die der bucklichte Senior-Chef die Spezial-Goaßen-Halbe mit 8 cl Schnaps mischt; dazu trinken sie – wie sollte es anders sein – große Gläser Schnaps pur. Einer der Kellner – er heißt Tom – serviert ein um’s andere dieser Gedecke sichtlich missmutig; sorgt er sich etwa um den Alkoholmissbrauch seiner Gäste? Irgendwann kommt der Buckel heraus, hält lachend ein freundliches Schwätzchen mit den beiden, verschwindet, kommt mit drei großen Schnäpsen wieder, stellt den beiden je Einen hin, prostet ihnen mit dem Dritten zu und kippt ihn mit einem Schluck, die beiden tuen es ihm nach, Tom blickt böse. Wie zum Trotz verzieht sich Tom mit einem Tablett voller Biere an einen der Burschen-Tische, serviert die Biere und setzt sich dazu, er hat sich auch eine Halbe mitgebracht, zündet sich eine Zigarette an, prostet den anderen zu und beginnt das Ratschen, als würde nicht gerade mitten im Mittagsgeschäft im Service die Luft brennen. Der Junior-Chef und die anderen Servicekräfte rennen sich derweil die Hacken ab, der Senior schwätzt mittlerweile an einem anderen Tisch mit offensichtlichen Stammgästen, ganz wie es sich für einen Senior-Chef gehört, Relationship-Building würde man das in modernem Marketing-Sprech nennen. Irgendwann wird der Junior-Chef gewahr, dass Tom seine Hacken schont und stattdessen ratscht, raucht und süffelt. Er brüllt quer durch den Gastgarten „Tom, wir müssen reden“. Tom macht keine Anstalten, sich zu erheben. Wutentbrannt stapft der Junior durch die Tischreihen, geht mit Tom etwas abseits, laute, sehr laute Worte fallen, Tom schnappt sich sein Tablett und geht sichtlich schlecht gelaunt, mürrisch und demotiviert wieder an seine Arbeit, derweil der Junior noch kurz am Burschentisch redet, wahrscheinlich rechtfertigt er den Anschiss vor den Gästen.

Am späteren Nachmittag wird der Tisch neben mir von älteren Bauern besetzt, ich kann nicht umhin, ihre Gespräche mitzuhören. Hätte ich besser aufgepasst, ich wüsste jetzt alles über die Eignung der Felder in der Region für bestimmte Kornsorten, über die Dribbel-Taktiken beim FCB unter besonderer Berücksichtigung des Neger-Dribbel-Gens, über die einfache Lösung aller globalen Probleme und über den Seitensprung des Dingsda-Bauern im Bumsda-Jahr mit der Was-weiß-denn-ich-Frau. Wirklich denkwürdig wird es allerdings erst, als es zum unausweichlichen Thema Missbrauch kommt. Sagt der Eine: „Das war doch normal, jeder Bauer hat früher seine Mägde gevögelt, und wenn ein Malheur passiert ist, hat er sich entweder wie ein Hundsfott benommen und sie vom Hof gejagt, oder wie ein Ehrenmann und sie mit einem guten Handgeld mit einem Knecht verheiratet.“ „Ja, so war das halt früher,“ pflichtet ein Anderer bei, „und jeder wusste, dass der Lehrer seine Jungs hatte“ (diese Information war selbst mir neu), „und jeder Priester seine Messdiener, das war halt so, sind auch nur Menschen, und geschadet hat’s gewiss keinem, mit ein Bisschen Erfahrung zum ersten Madl zu gehen.“ „Ja,“ fällt der Dritte ein, „nur heute heulen sie gleich bei jeder Kleinigkeit rum, ist doch alles nicht so schlimm. Aber dass dieser Kölner Kardinal unsere Kirchensteuer nimmt, um diesen Spielepriester freizukaufen, das ist doch wirklich ein Skandal, da brauchen die sich nicht zu wundern, wenn die Leute reihenweise aus der Kirche austreten.“ „Da hast‘ Recht. Aber beim Ulrichsritt bist Du schon dabei?“ „Natürlich bin ich dabei, den würd‘ ich mir doch nie entgehen lassen.“ Wieder habe ich ein Stücklein Welt besser verstehen gelernt.

Gegen Neun leert sich der Gastgarten rapide. Tom, der redselige Kellner, schnappt sich sein Fahrrad und fährt offensichtlich hackedicht schlingernd davon. Zwei Kellnerinnen übernehmen das finale Abräumen der Tische, letzte Biergläser, Stuhlauflagen, Pfeffer- und Salzstreuer, Aschenbecher, Eiskarten-Aufsteller, das Übliche halt. Auf jedem Tisch liegt eine kleine, einlagige Serviette als symbolischer Tischtuch-Ersatz; die Service-Damen nehmen die Dinger, legen sie ordentlich wieder zusammen und stapeln sie auf einem Tablett; am nächsten Morgen werden sie nämliche Servietten von nämlichem Tablett wieder entfalten und wieder auf die Tische legen. Ich habe das zum Spaß und aus Interesse mal gegoogelt: 5.000 (fünftausend!) solcher Papierservietten 33x33cm 1-lagig, 1/4 Falz weiß kosten sage und schreibe 36,64 EURO, das Stück also noch nicht einmal einen Cent; der schonende Umgang mit Ressourcen ist ja schön und gut, aber Arbeitskraft ist auch eine Ressource, ob sich das der Wirt jemals überlegt hat?

Am nächsten Morgen sitze ich wieder Kaffee trinkend und rauchend im Gastgarten, genieße die Mai-Morgensonne, lese mit großer Freude eine gedruckte Ausgabe der hiesigen Lokalzeitung (eine Messerstecherei in der örtlichen Asylbewerber-Unterkunft, drei augebüxte Kühe, der Anstich bei einem Volksfest und ein an Corona erkrankter Lokalpolitiker sind neben den hiesigen Sportergebnissen vom Wochenende die lokalen Top-Themen), die Semmeln und Brezn zum Frühstück sind frisch und resch vom örtlichen Bäcker, die Wurst aus der eigenen Metzgerei, die Marmeladen selbst gemacht, ein Berg von frischen Erdbeeren, Filterkaffee, Butter direkt vom Bauern im großen Pfund-Stück, Eierspeisen bestellt man à la minute bei der dicken, flinken Kaltmamsell, was braucht es mehr zu einem gelungenen Tagesbeginn? Die Bedienung, die am Vorabend die dünnen Servietten zusammengefaltet und auf ein Tablett gestapelt hat, entfaltet die Servietten wieder, legt sie auf die Tische und stellt Pfeffer, Salz, Aschenbecher und Eiskarte darauf, gegen 09:30 finden sich die ersten einheimischen Gäste zum Frühschoppen ein, Weißbier und Weißwürste. Um 10:00 Uhr fährt der Laster der hiesigen Brauerei in den Hof, ein altertümliches Gefährt, ich schätze, 60er, max. 70er Jahre, aber es fährt. Zwei Bierkutscher mit den traditionellen Lederschürzen laden Bierfässer – darunter drei Holzfässer mit dem Maibock – aus, karren Leergut aus dem Gasthof. Als sie mit ihrer Lieferung fertig sind, hocken sie sich an einen der Tische, der Junior-Chef hockt sich zu ihnen, die Servietten-Entfalterin serviert eine große Terrine mit Weißwürsten und dazu Weißbier (nicht alkoholfrei) und die Drei beginnen ein ausgiebiges Weißwurstfrühstück. Ich bin irgendwie trapped, denn der Bierlaster hat meinen Wagen trefflich zugeparkt. Also gehe ich erstmal zahlen, der bucklichte Seniorchef wuselt wieder im Gastraum umher. Es ist die Zeit, wo die Kartenlesegeräte bundesweit ihren Dienst versagt hatten, und siehe, auch meine Karte akzeptiert der Blechkasten nicht, und ich habe gerade noch 20 EURO Bargeld bei mir. Peinliche Situation. Ich könne versuchen, zum Bankautomaten zu gehen, biete ich dem Senior an. Schmarrn, entgegnet der, ich solle das Geld halt einfach überweisen, Kontonummer stünde auf der Rechnung. Ob er eine Sicherheit haben wolle, frage ich. Schmarrn, entgegnet er, ich würde schon zahlen. Ich will ihm wenigstens meine Visitenkarte geben, damit er wisse, wer sein Schuldner sei. Schmarrn entgegnet er, das würde schon passen. Ich fühle mich beschämt von so viel Vertrauen. (Das Erste, was ich daheim gemacht habe, war das Pensionsgeld zu überweisen.)

Das war’s auch schon, mehr habe ich bei diesem Kurzaufenthalt im Pfaffenwinkel nicht erlebt.

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