Gaststuben im Zunfthaus der Schiffleute: Papierform gut, Ambiente ordentlich, Küchenleistung schlecht

„Du kannst mich am Samstag gegen 13:00 Uhr im Edwin-Scharff-Haus in Neu-Ulm abholen.“ hatte Caro gebeten … gesagt … naja, sind wir ehrlich: angeordnet. „Das offizielle Programm der Tagung soll um 12:30 Uhr zu Ende sein, danach gibt’s dann nochmal gemeinsames Mittagessen und Networking, wie das heute so schön heißt. Aber eineinhalb Tage mit den lieben Kollegen reichen völlig, das Mittagessen schenke ich mir, da bin ich lieber mit Dir zusammen.“ „Jawoll Cheffe!“ hatte ich am Telephon geantwortet. „Ist doch wahr, zu dem Mittagessen am Samstag bleiben doch nur die Looser, die einsamen Geschiedenen, die unglücklich Verheirateten und vor allem die Speichellecker, die jede Kontaktmöglichkeit wie einen Strohhalm ergreifen.“ Caro verstellte ihre Stimme in’s Nestelnde: „‘Ach, Frau Professor, liebe Kollegin, wenn Sie mal wieder so’nen großen Fall haben und fachkundige Unterstützung brauchen, in usbekischem Recht … in malaysischer Steuergesetzgebung …in paraguayischen Buchungsvorschriften …‘“ – Caro stellte ihre Stimme seufzend wieder auf normal – „you name it, was diese Hungerleider und Schleimer plötzlich nicht alles können, bloß um einen kleinen Sub-Auftrag zu bekommen!“ – und verfiel wieder in’s Nesteln, fast wie weiland Theo Lingen – „‘… da macht mir niemand was vor, da kann ich Ihnen aus dem ff helfen, und das zu sehr fairen Konditionen.‘“ Sie switchte wieder in ihren normalen Sprachduktus: „Und am schlimmsten sind die, die einem …“ – wieder nestelnd – „‘ganz tolle Kontakte zu höchsten us-Regierungskreisen‘ anbieten, oder ‚gute, vertrauenswürdige Freunde beim FSB‘ oder ‚ein private eye, der nicht zimperlich ist und die Sachen schnell und diskret auf seine Art erledigt, ohne Fragen zu stellen.‘“ „Ist ja widerlich!“ sagte ich, um irgendwas zu sagen. „Wieso ‚widerlich‘?“ entgegnete Caro offensichtlich verärgert. „Das ist mein tagtägliches Geschäft. Glaubst Du etwa, ich kann zehntausend EURO und mehr pro Tag chargen, weil ich bundesdeutsches Verkehrsrecht kann oder einen Korrespondenzanwalt in New York habe? Mein Geschäft geht da anders, und diese besagten Kontakte habe ich alle auch selber, und dazu weitere Kontakte, von denen die lieben Hungerleider-Kollegen noch nicht einmal wissen, dass die Kontaktpersonen existieren.“ Manchmal ist mir Caro echt unheimlich. „Samstag, 13:00 Uhr, Edwin-Scharff-Haus, Neu-Ulm, mit gewaschenem Hals.“ versuchte ich, das kritisch werdende Telephonat wieder einzufangen. „Ich freue mich!“ antwortete Caro, unvermittelt mit dem liebenswürdigsten Klein-Mädchen-Tonfall. „Und Du,“ fügte sie an, „wenn ich schon mal in Ulm bin, ich würde mir gerne dieses historische Fischerviertel anschauen, Münster und Innenstadt brauche ich nicht mehr, kenn‘ ich schon, aber dieses Fischerviertel soll ja sehr hübsch sein. Und schwäbisch essen würde ich dann auch gleich noch gerne, Maultaschen, Saure Linsen, Kutteln, Spätzle, dieses lokale Ethno-Food halt, bei Dir in Augsburg gibt’s sowas ja nicht, aber Ulm liegt doch in Kretschmar-besetzem Gebiet, vielleicht können die das ja.“ „Jawoll, Cheffe!“ entgegnete ich am Telephon, in dem irrigen Glauben, dass es ja nicht schwer sein dürfte, ein typisch schwäbisches Restaurant in Ulm an einem Samstagnachmittag zu finden. Weitaus geirrt. Typisch schwäbische Restaurants gibt es zu Hauf, nicht nur die high-end Marketing-Maschinen Gault&Millau und Michelin listen Unmengen von Adressen auf, auch Varta, Aral, Feinschmecker  und wie sie alle heißen mögen, der geballte Schwarm-Dummsinn von tripadvisor, yelp, Google und Co. sowieso, und selbst halbwegs vertrauenswürdige Quellen wie gusto und slow food nennnen eine Menge von Restaurant-Adressen für schwäbisches Essen in Ulm, die von der Papier- bzw. heutzutage Internet-Form sehr verlockend aussehen. Aber … es gibt dabei ein ganz großes ABER: nämlich durchgängig warme Küche, schließlich wollte Caro irgendwann an einem Samstagnachmittag original schwäbisch in Ulm essen. To make a long story short: was nach einigen Internet-Recherchen neben Pfannkuchen-, Flammenkuchen- und Kartoffelhäusern, Convenience-Aufwärmern, Bierschwemmen, All-you-can-eat-Chinesen und Pizza-Asia-Dönern mit home delivery noch übrig blieb, waren einzig und allein die „Gaststuben im Zunfthaus der Schiffleute“ in der Fischergasse. (Wer einen besseren Tipp für schwäbisches Essen an einem Samstagnachmittag in Ulm hat, nur her damit, ich werde sina ira et studio sofort dort hinfahren und wahrheitsgetreu berichten.)

Samstag stand ich dann wie geheißen auf dem Parkplatz hinter diesem Edwin-Scharff-Haus in Neu-Ulm, Caro kam kurz nach eins heraus, elegantes Kleines Schwarzes, man hätte sie so auch für eine gepflegte Chefsekretärin halten können, wären da nicht ihre Hermès Birkin Wochenend-Reistasche mit passenden Aktenkoffer und Handtasche, sehr herzliche Begrüßung – „Endlich ein normaler Mensch!“ hauchte sie sichtlich erleichtert –, warf ihr Gepäck auf den Rücksitz, setzte sich auf den Beifahrersitz und sagte im unschuldigsten Klein-Mädchen-Duktus „Feed me!“ „Ich dachte, Du wolltest noch das Fischerviertel anschauen? Da liegt übrigens auch das einzige outside-in erträgliche Schwäbische Restaurant mit durchgängiger Küche, das ich finden konnte.“ „Ja, einmal durchlaufen, die Füße vertreten und kucken, so groß kann das ja nicht sein.“ Wir fuhren über die Donau, quälten den Geländewagen (Geländewagen, ich fahre einen echten Geländewagen, kein Protz-SUV, das habe ich hinter mir) durch zig enge Altstadtgassen, um schließlich sehr praktisch im hoffnungslos überlaufenen Parkhaus am Fischerviertel zu parken, nachdem wir vor dem Einfahren ein Hupkonzert ausgelöst hatten, alldieweil wir das Cabrio-Dach noch zumachen mussten. Das Fischerviertel ist nett, sehr nett, fast kein Autoverkehr, alte, unzerbombte Bausubstanz, mächtige Stadtmauer der ehemaligen Reichsfeste, kleine Wasserläufe, private Terrassen am Wasser, wenig Autos, viele Gasthäuser, Tinnef-Geschäfte, gaffende Touristen, Immobilienpreise, die jedem Normalverdiener die Tränen in die Augen treiben, so ein Schön halt, das problemlos mit jedem Lindau, Rothenburg, Görlitz mithalten kann.

Tja, und dann „Gaststuben im Zunfthaus der Schiffleute“, in einem dieser schönen alten Fachwerkhäuser mit kleinen Fenstern mit Butzenscheiben und blauen Fensterläden, im Sommer stehen ein paar Tische vor dem Haus auf der Straße, innen drinnen Steinfußboden, halbhoch holzvertäfelte Wände, Balkendecke, heimelig-gedämpftes Licht, mächtiger Schanktresen mit verkupferter Zapfanlage, der Gastraum selber zweistöckig mit oben offener, umlaufender Balustrade, das erinnert mehr an die Diele eines großen westfälischen Bauernhauses, massive Wirtshausmöbel, der Location geschuldet Schiffsleute-Devotionalien wie Modelle historischer Donau-Schiffe, Paddel, alte Bilder, nun gut, blanke Tische, Papierservietten und Besteck zum Selbstbedienen in Bierkrügen auf den Tischen, das ist insgesamt ein sehr, sehr zünftiges, rustikales Ambiente, was ja nichts zwangsläufig Schlechtes sein muss. Gegen 15:00 Uhr war der Laden so voll, dass wir uns an einen Tisch dazu setzen mussten, auch nicht schlimm. Die Bedienungen sind flott, freundlich und der Deutschen bzw. sogar Schwäbischen Sprache mächtig,  die Jungs tragen kleinkarierte grüne Hemden, die Mädels zuweilen passende Schürzen. Zur Standard-Karte gibt es noch eine saisonale Tageskarte, aber spätestens bei der zweisprachigen Speisekarte klingelten bei mir alle Alarmglocken, obwohl die Schwäbischen Standards wie Maultaschensuppe, Saure Linsen mit Saitenwürsten, Kutteln mit Röstkartoffeln, abgeschmelzte Maultaschen mit Kartoffelsalat, Zwiebelrostbraten, Käsespätzle, Schwäbisch Hallisches Landschwein g.g.A., sogar Katzagschroi angeboten werden, dazu eine ordentliche Vesperplatte mit Lumpensuppe, heimischen Würsten und Käsen, das klingt alles nicht schlecht. Ein dry aged Steak, Putenschnitzel und in weißer Trüffelbutter sautierte Steinpilzravioli sind die größten Zugeständnisse an den internationalistischen Zeitgeist-Geschmack auf der Karte, Burger, Pizza, Flammenkuchen und ähnlicher Touristen-Fütterungs-Quatsch fehlen vollkommen: Chapeau dafür an den Wirt Wilhelm Schubert, Sohn einer Ulmer Wirtsfamilie, der im Hotel Zur Post in Leipheim Küchenmeister gelernt unter anderem im Hotel Schweizer Hof in Sankt Moritz gekocht hat und der das Lokal seit 2012 mit seiner Frau Birgit betreibt. Das Bier von Berg und von Gold Ochsen ist süffig, frisch und gut eingeschenkt, die Weinkarte ist keiner Erwähnung wert, aber es gibt gute Brände von Rochelt, Josef Back und Ziegler zu fairen Preisen. Die Flädlesuppe ist auch noch, ok, eine kräftige, etwas fette Rindsbrühe mit selbst gemachten Pfannkuchenstreifen.

Soweit zum Positiven der „Gaststuben im Zunfthaus der Schiffleute“, denn nach der Flädesuppe ging’s kulinarisch bergab. Die „Schwäbischen Austern“, vulgo mit Kräuterbutter überbackene Weinbergschnecken waren zwar tatsächlich fleischige, frische Mollusken und nicht diese harten kleinen Dinger aus den Dosen, aber die Kräuterbutter dazu einfach rasch geschmolzene Butter mit ein paar geschmacksarmen Kräutlein darinnen, von überbacken keine Spur, und das Weißbrot dazu zähe, labbrige Kanten vom Baguette. Die Sauren Linsen mit Spätzle, Saitenwürstchen und einer reichlich verbrannten Scheibe Speck ebenfalls enttäuschend: die Linsen verkocht in einer Mehlpampe, wenig Geschmack, kaum sauer, unangenehme Konsistenz im Maule, die Spätzle vielleicht tatsächlich selbst gemacht, aber kurze, mehlige Dinger, nur die Saitenwürstchen, die waren tatsächlich sensationell, knackig, sehr deutlicher, aber nicht unangenehmer Rauch-Geschmack. Die hausgemachten Maultaschen dann dünner Nudelteig etwa in der Größe eines Cannellone, nur platter und prall gefüllt mit einer großen Menge einer nicht wirklich leckeren Hachfleischmasse, darüber ein Teelöffelchen leicht angebratener, fetter Zwiebelwürfelchen, dazu ein Kühlschrank-kalter, breiiger, sowohl von Konsistenz als auch vom Geschmack her unangenehmer Kartoffelsalat. Der Zwiebelrostbraten ein zähes, sehniges, dünnes, totgebratenes Stück tote Kuh, irgendwann mal frisch frittierte, jetzt kalte Zwiebelringe obendrauf, Käsespätzle bis auf die Form ok, Sößchen darunter mehr als dubios. Offensicht dasselbe Sößchen schwamm dann auch unter Caros vollkommen belanglosen Schweinebraten. Die Apfelküchle zum Nachtisch waren dann ganz ok, mehr auch nicht.

Nun gut, Caro war mehr als enttäuscht, und ich glaube, auch ein wenig böse auf mich, alldieweil ich sie dort hingeschleppt habe. Aber sie wollte schließlich Schwäbische Küche am Nachmittag. Zur Strafe musste sie des Abends in’s frisch besternte Sartori von Simon Lang im Augsburger Steigenberger einladen, und die Misere ging weiter. Dazu einandernmal  mehr.

Zunfthaus der Schiffleute
Wilhelm Schubert
Fischergasse 31
89073 Ulm
Germany
Tel.: + 49 (7 31) 6 44 11
Fax: +49 (7 31) 6 44 39
Mail: info@zunfthaus-ulm.de
Internet: www.zunfthaus-ulm.de

Hauptgerichte von 8,70 € (2 Fleischküchle mit Bratensauce und Kartoffelsalat) bis 33,30 € (Entrecote von der Färse „Dry Aged“ mit Pommes), Drei-Gänge-Menue von 18,70 € bis 54,60 €

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