Essen in USA (12/19): Mary’s Family Restaurant

Am nächsten Morgen fahren wir nach Washington Heights im Norden Manhattans, um einen Mietwagen abzuholen. Die Preisunterschiede zwischen den Stationen in Midtown und nur etwas weiter außerhalb sind beträchtlich, selbst bei den selben Anbietern. Der Grund ist einfach: Parkraum ist in Zentral-Manhattan absurd teuer, zum z.B. 44 Dollar pro Stunde für einen einfachen Stellplatz. Etwas weiter draußen ist Raum noch immer sehr teuer, aber nicht mehr so absurd teuer. Daher ist es billiger, ein Auto etwas abseits zu mieten. Im Internet haben wir vorab einen Mittelklassewagen zu einem sehr guten Preis gebucht; jetzt versucht dieser Hurensohn von Autovermietungs-Mitarbeiter uns wie üblich noch irgendwelche Upselling-Sachen anzudrehen, Navi soll extra kosten, Toll Box soll extra kosten, Vollversicherung (die wir bereits haben) soll nochmals extra kosten, Rückgabe mit beliebiger Tankfüllung soll extra kosten (und zwar mehr als eine Tankfüllung selber), gerade, dass er uns nicht Extra-Kosten für ein Lenkrad und vier Räder berechnen will. Dieses Upselling beim Mietwagen-Abholen ist widerlich, und je besser geschult diese Jungs und Mädels im Aufschwatzen sind, desto widerlicher ist es. Aber auch das überstehen wir, irgendwann haben wir Berge von Papier unterschrieben, ohne genau zu wissen, was wir da unterschreiben – „Mach nur“, ermutigt mich Caro, „wenn’s nicht koscher ist, haue ich uns da schon sowas von raus.“: Die Axt im Hause ersetzt bekanntlich den Zimmermann, und die Anwältin als Reisebegleitung ersetzt das Lesen von Verträgen – und wir erhalten Schlüssel und Papiere von einem sichtlich angepissten Autovermietungs-Mitarbeiter, der nicht für einen Groschen bzw. Cent upgesellt hat, was sich wahrscheinlich direkt auf seine Prämie auswirkt. Gut so. der Wagen wird irgendwann auch vor der Türe vorgefahren, Caro photographiert das Teil akribisch, um evtl. Schäden zu dokumentieren, während ich das Gepäck einlade.

Über die George Washington Bridge fahren wir auf der 80 Richtung Westen nach New Jersey, vorbei an Hackensack (das gibt’s wirklich) rein nach Pennsylvanien, den alten Quäkerstaat, errichtet auf den Leichen der Susquehannock. Am Wochenende sind wir auf eine Hochzeit in Racine in Wisconsin am Lake Michigan zwischen Milwaukee und Chicago eingeladen, sehr zu Caros Missfallen hatte ich keinerlei Lust, für noch nicht einmal 100 Dollar nach Chicago zu fliegen und von dort einen Mietwagen für die verbleibenden 60 Meilen nach Racine zu nehmen, ich will was vom Land sehen, New York – Racine, das sind knapp 1.000 Meilen oder 1.500 Kilometer, in drei Tagen locker zu schaffen, selbst ohne Interstates und Highways. Für’s erste schrubbeln wir auf der 80, Christopher Columbus Highway heißt sie hier Richtung Westen, um ein wenig Strecke zu machen und New Jersey so schnell als möglich hinter uns zu lassen, denn niemand braucht New Jersey (heißt es). Pennsylvanien ist landschaftlich reizvoll, hat was von einem deutschen Mittelgebirge, aber dies ist ja kein Reisebericht, es geht allein um’s Essen. Und zu Mittag essen – sofern man das noch als Essen bezeichnen kann – wir in Mary’s Family Restaurant irgendwo am Straßenrand in der Nähe eines Örtchens namens Drums.  Eine Kreuzung zweier Überlandstraßen irgendwo im Nirgendwo, eine Tankstelle mit angebauter Donkin‘ Donuts-Filiale, ein Wendy’s, auf einem eingezäunten kleinen Gelände werden kleine Gartenhäuser aus Holz zum Kauf angeboten, auf der anderen Straßenseite ein großer geteerter Platz mit ein paar einfachen Hallen darauf, hier werden Lastwagen repariert und Gebrauchte verkauft, vor und in den Hallen stehen jede Menge große und riesige Trucks, hier werden die ganz großen Schraubenschlüssel geschwungen, vis-à-vis eine weitere, kleinere Halle, kein richtiges Haus, sondern vier Wände mit Ziegelmuster, tatsächlich aber nur verkleidetes Holz, Pressspan und Dämmwolle, Pappdach oben drauf, gänzlich schmucklos bis hässlich (eher letzteres), das könnte auch ein Ersatzteillager der Lastwagen-Werkstatt sein, ist aber tatsächlich Mary’s Family Restaurant, vor dem Eingang parken viele PKWs, SUVs und Pick-Ups, an der Tür tatsächlich eine handgeschriebene Tageskarte, heute gibt es gekochten oder panierten Schellfisch, Schwein mit Kraut, Scampi mit Broccoli und Fettuccine, hausgemachte Crab Cakes oder Land & Sea, das sind Streifen vom New York Steak, mit Krabbenfleisch gefüllten Schellfisch, das klingt alles nicht wirklich schlecht, und für US$ 9,99 bis 14,99 auch nicht wirklich teuer. Innendrin könnte es nicht spartanischer zugehen, Steinfußboden, Tische und Stühle aus Blech und Pressspan, Besteckt und Geschirr aus ähnlichem Material, Getränkebecher sowieso nur aus Plastik, vielleicht 100 Plätze, ein paar halbhohe Raumteiler, an einem klebt ein mit krickliger Schrift geschriebener Zettel, genau genommen ein in der Hälfe durchgerissenes Platzdeckchen aus Papier, „Dishwasher wanted!“, steht drauf,  mächtige U-förmige Theke, alles aus Pressspan, darüber eine große Schiefertafel, auf der handgeschrieben steht, dass dies Mary’s Family Restaurant sei, dass man Frühstück – verdeutlicht mit einem primitiven Bildchen eines Kaffeepotts und eines Tellers wahrscheinlich mit Eiern und Zeugs –, Mittagessen – diesmal Sandwich, Getränketüte und Napf – und Abendessen – ein Teller mit einem großen Flatschen Fleisch, 2 Brötchen und ein Getränk – haben könne und dass man patient sein möge, da alle Speisen à la minute („cooked to order“) zubereitet würden, darunter eine Kokarde in den imperialen Nationalfarben, und alles im fahlen Scheinwerferlicht der Deckenbeleuchtung, denn viel Tageslicht findet seinen Weg nicht durch die Fernsterlein ach so klein, da kommt kaum ein Licht herein, das nicht fein, doch hier stört’s wohl kein Schwein, aber für uns ist’s eher‘ne Pein, und jetzt ist Schluss mit diesem Reim. Der Laden ist gut voll um die Mittagszeit, ich würde sagen, hier ist das pralle pennsylvanische Post-Quäker-Leben versammelt, alte Paare, junge Pärchen,  Familien mit kleinen Kindern, Lastkraftwagenfahrer, Landwirte, Männertische, Frauentische, gemischte Tische, hier ist alles aus der blue colour Fraktion anwesend, fast alle übergewichtig, alle durchweg sehr leger gekleidet, gewiss keine übertriebene Körperpflege, garantiert keine Touristen oder Auswärtige, wahrscheinlich sind wir die einzigen hier, die Pennsylvanien oder zumindest die USA schon mal verlassen haben, entsprechend misstrauisch sind die Blicke, als wir eintreten. Obwohl kein Schild „Please wait to be seated“ rumsteht, fängt uns die Chefin an der Tür ab und fragt nach unserem Begehr, nur was trinken oder auch essen. Sie dürfte um die 50 sein, sieht aber aus wie 60 oder 70, trägt rosa Plastik-Sandalen, in denen man ihre eingewachsenen Fußnägel gut sehen kann, die eingewachsenen Fußnägel sind wahrscheinlich das Liebreizendste an der Frau, der Rest ist dann deutlich herber. Sie weist uns einen Tisch zu. Als ich nach dem Code des hiesigen W-Lans frage antwortet sie bedeutungsschwanger mit einer Stimme, die klingt wie Marianne Faithfull mit Mandelentzündung nach einer durchzechten Nacht und fünf Joints auf Lunge geraucht „We don’t have such things here.“, und tatsächlich hat der Laden weder W-Lan noch eine eigene Webpage. Die Chefin gibt uns zwei mehr als speckige, laminierte Speisekarten, betet die Tageskarte in einem für Nicht-Pennsylvanier nur schwer verständlichem Idiom herunter, fragt nach unseren Getränkewünschen, verschwindet, kommt mit zwei Pepsi light („We don’t have Coca Cola here, we all drink Pepsi!“ hatte sie uns mit nämlicher Stimme in nämlichen Tone belehrt, der zugleich zum Ausdruck brachte, dass man sich mit dem Wunsch nach Coca Cola hier quasi außerhalb der Gemeinschaft stellt) und fragt nach unseren Wünschen. Nach dem eher sparsamen Frühstück und der Fahrt haben wir beide Hunger, ich bestelle vorab ein kleines Chili, Caro hat richtig Kohldampf und ordert vorweg ein Brötchen mit Käse-Steak und Pilz-Zwiebelsauce, dazu Pommes Frittes mit Gravy Sauce und Käse, mein Magen macht sich zum Umdrehen bereit, als ich das höre; danach bestellt sie einen Cheeseburger, ich einen Hackbraten von der Tageskarte. So viele Leute, die hier so viel essen, das kann ja eigentlich gar nicht schlecht sein.

Caro blickt sich nachdenklich um. „Was hast Du?“, frage ich. „Ich überlege nur grade, was wäre, wenn die hier jetzt alle aufstünden, uns eins überzögen, uns aufschlitzten und unsere Organe verkauften.“ „Spinnst Du jetzt, wieso Organe verkaufen?“ „Am meisten bringen Nieren auf dem Schwarzmarkt, so um eine viertel Million Dollar das Stück, Leber 150.000, Herz gut 100.000, und Magen, Augen, Gallenblase, Blut und so weiter, das sind nochmal Kleckerbeträge, die sich aber auch aufsummieren. So ein komplett zum Organhandel ausgeschlachteter Mensch ist eine knappe Million wert.“ „Sofern er gesund ist und halbwegs jung.“ fügt sie bedeutungsschwanger hinzu. „Bist Du noch betrunken?“ „Nein, nein. Ich denke nur. Wir kennen hier niemanden, und niemand weiß, wo genau wir sind. Was wäre denn, wenn wir hier in einem Räubernest gelandet wären? Uns totmachen, Geld und Wertsachen klauen, Handys und Kreditkarten solang es geht weiterbenutzen, Mietwagen umspritzen und verkaufen … das wäre trivial, nach ein paar solcher Coups hätte die Polizei diese Leute überführt.“ „Was willst Du mir sagen?“ frage ich noch immer verständnislos. „Ich denke ja nur. Was wäre, wenn die hier in diesen Hallen einen OP zum ausweiden von Leuten hätten, und die frischen Organe dann mit Expressboten an Schwarzmerkt-Kunden zum Höchstpreis liefern? Unser Auto mit Handys fährt Einer noch ein paar hundert Meilen weiter und lässt es dort stehen oder versenkt alles im See, wir wären für die Polizei einfach irgendwo anders unerklärlich verschwunden, während wir hier aufgeschlitzt und ausgenommen – im wahrsten Sinne des Wortes wie eine Weihnachtsgans – werden. Wenn hier alle zusammenhalten, keiner was sagt und alle was abbekommen, wäre das ein ziemlich geniales Verbrechen. Uns – oder was dann noch von uns übrig ist – würde doch niemals jemand hier suchen.“ Manchmal ist Caro komisch, richtig komisch, aber einmal Jurist, immer Jurist. Rein theoretisch hat sie gar nicht so unrecht mit ihrer Überlegung. Wenn hier alle zusammen halten. Aber die Leute sehen so harmlos, normal aus. Auf den ersten Blick. Ich schaue mich etwas genauer um. Das alte Ehepaar an dem Tisch in der Raumecke. Auf den ersten Blick hätte ich gesagt, freundliche, harmlose Alte; was aber, wenn der jetzt ein Messer zückt, das Gesicht dazu hätte er? Die drei Trucker an dem Tisch in der Raummitte, die riesige Burger verdrücken; sind das tatsächlich Trucker, oder lauernde Mörder? Der Tisch mit Jugendlichen, alle so um die sechszehn; sind das tatsächliche harmlose High-Schüler, gibt es hier überhaupt eine High School, haben die vielleicht längst die Trost- und Aussichtslosigkeit ihres Lebens hier erkannt und täten alles für jedweden Ausweg? Und die Wirtin; ist die tatsächlich nur Wirtin, oder in Wirklichkeit Chefin eines Organhändlerrings – die Statur dafür hätte sie ja, und ob das hier tatsächlich ein „family restaurant“ ist, würde ich auch noch glatt bezweifeln. Meine Phantasie geht mit mir durch. Blöd-Caro. Wenn die Phantasie erst einmal arbeitet, sieht man überall Nachtmahre …

… bis das kleine Chili und das Brötchen mit Käse-Steak unter Pilz-Zwiebelsauce kommen, die Vorspeisen, und größere Nachtmahre sind alle Male geeignet, kleinere zu vertreiben. Das sogenannte Chili ist ein – zum Glück kleiner – Napf voller Ketchup und stückiger Tomaten aus dem Tetrapack, dazu etwas angebratenes Fleisch – von welchem Tier auch immer … Rind, Waschbär, Katze –, ein paar Dosenbohnen, Pfeffer und Salz, alles kurz erhitzt, keine Spur von Kreuzkümmel oder mexikanischem Oregano, dafür viel Zucker und dazu ein paar koschere, furztrockene, geschmackloser Kräcker; Michele, mein sizilianischer Freund, würde sagen, dass man dort, wo er herkommt, Leute schon für viel weniger umgebracht habe. Das Käse-Steak besteht aus einem länglichen, aufgeschnittenen, industriellen Wabbelbrötchen, gefüllt mit teils sehnigen, teils harten, meist fettigen, fast kalten, durchgängig geschmacklosen Streifen von toter Kuh, darüber geschmolzene industrielle Käsemasse aus der Quetschflasche, darauf die Pilz-Zwiebelsauce besteht aus der gefürchteten Gravie-Sauce (ein später Nachkomme – Bastard wäre die treffendere Wortwahl – der Sauce Espagnol, man könnte beschreibender Dings jetzt viel Papier verschwenden, aber breiig aufgelöster, billiger Brühwürfel aus lange gekochten Fleischabfällen, Salzsäure und Natronlauge umschreibt das Ganze wohl am besten) mit ein paar gedünsteten Zwiebelabschnitten und rohen, wabbligen Pilzscheiben aus der Dose. Die Pommes dazu sind so ok, wie Tiefkühlpommes sein können, die Käsesauce ist dieselbe geschmolzene industrielle Käsemesse aus der Quetschflasche wie in dem Brötchen, auch die Gravie-Sauce ist wohl dieselbe, nur ohne Zwiebeln und Dosen-Champignons. Caro nimmt einen kleinen Bissen von dem Brötchen mit seinen Innereien, ich nehme ebenfalls einen kleinen Bissen, wir beide würgen, das kalte sehnige Fleisch in Verbindung mit dem streng-salzigen Saucen-Brei sind eine echte Herausforderung, hier kommt der Käse gerade richtig, er schmeckt zwar auch scheiße, hilft aber kolossal, den Dreck die Kehle herunterrutschen zu lassen, es flutscht dadurch besser. Einen zweiten Bissen schaffen wir beide nicht. Auch ein einziges Pommes mit Käse und Gravie reicht, nur noch die Pommes herauszufischen, die nicht mit den Saucen in Berührung geraten sind. Es ist einfach grauselig. Die Chefin blickt uns sehr böse an, als sie das angebissene Brötchen wieder abräumt. Der Cheesburger ist dann tatsächlich nicht sooo schlimm, Wabbelbrötchen, trockener Brocken grob gewolften, kaum gewürzten, totgebratenen Fleisches, zwei geschmolzene Scheiben Analogkäse, Salatblatt, Streifen von süß-saurer Gurke und Tomatenscheibe zum Burger-Selber-Bauen, ein kleines Plastiknäpfchen industrieller Krautsalat aus dem Eimer und richtig gute, leicht braune, knusprige Fritten. Der Hackbraten schließlich ist ein absolut plumper gebackener Berg grob gewolften Fleisches fragwürdiger Herkunft, keine Würzung, kein hartes Ei, kein Gemüse, furztrocken, dazu ein Schlag Tüten-Kartoffelbrei, Coleslaw wieder aus dem Eimer und ein Näpfchen dieser Monstersauce. Wir beide sind froh als wir gezahlt haben und lebend raus aus dieser Kaschemme gekommen sind. Was hier serviert wird, das ist gewiss authentisches amerikanisches Essen, wie es die Einheimischen Tag für Tag essen, in authentischer amerikanischer Umgebung, und das Alles ist komplett inakzeptabel.


Mary’s Family Restaurant
540 N Hunter Highway
Drums, PA 18222
USA
Tel.: +1 (5 70) 7 08 10 94
Email: n.a.
Online: n.a.

Hauptgerichte von US$ 8,25 (Burger mit Pommes und Coleslaw) bis US$ 14,99 (Steak, Crabcake, Beilagen), Drei-Gänge-Menue von US$ 12,98 bis US$ 25,67

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top