Dicky Bird Weser Dry Gin: von brennender Begeisterung für’s Gin-Machen

Wer den Unterschied zwischen „etwas machen“ und „für etwas brennen“ kennenlernen möchte, der sollte in die Lange Straße 53 nach Lauenförde gehen. Dort entsteht seit Neuestem eine Gin-Destillerie namens Strandwetter.

Es ist ein drückend heißer Spät-Juli Samstagnachmittag im Weserbergland. Caro und ich haben uns das Tecta Museum in Lauenförde angeschaut; Tecta sagt wahrscheinlich kaum jemandem etwas, es ist wohl die bedeutendste Manufaktur für Sitzmöbel im Bauhaus-Stil, die Smithsons, van der Rohe, Ruegenberg, Prouvé, Wewerka oder Ati Gropius (die Tochter des Bauhaus-Gründers) haben für Tecta Sitzmöbel entworfen. Und das hier im verschnarchten Weserbergland. Caro hat sich eine Einkaufsliste gemacht, die mein komplettes Jahres-Budget um ein Vielfaches übersteigen dürfte. Aber die Partys der Könecke-Söhne, der Gründer von Tecta, in den siebziger und achtziger Jahren waren immer mega-geil, ihre Privat-Villa in Bad Karlshafen lag nur eine Straße über der meines Elternhauses, und wir sind zusammen zur Schule gegangen, damals verstand ich lediglich, dass sie endlos Kohle hatten, Möbelfabrikanten halt, null Ahnung von Bauhaus. Zwei Häuser-Ecken entfernt von der Tecta Manufaktur und dem Museum entsteht gerade eine neue Destillerie, Strandwetter geheißen, in einem alten Bauernhof mit Wohnhaus, Stallungen, Wirtschaftsgebäuden und Scheune direkt an der Weser, nach den drei architektonisch doch beeindruckenden, von Alison und Peter Smithson buchstäblich auf der grünen Wiese entworfenen Museumshallen einerseits ein vollkommen unscheinbares Ensemble, andererseits aber historisch in den alten Ort integriert, natürlich gewachsen, insgesamt ein erhellender Kontrast. Auf unser Klingeln öffnet niemand, schade, aber das kommt davon, wenn man unangemeldet kommt. Wir gehen einmal um’s Haus, sehen uns die Terrasse direkt zur Weser an, die Wirtschaftsgebäude stehen dörflich ohne Argwohn weit offen, Amazon- und DHL-Pakete liegen vertrauensvoll vor der Hintertür, wir wollen enttäuscht gerade wieder fahren, als ein junges Paar – Mitja Fehring und Sandra Treml – vorfahren, wir stehen wohl auf ihrem Parkplatz, peinlich. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde beginnen beide, uns das im Entstehen begriffene Anwesen zu zeigen und zu erklären, engagiert, enthusiastisch, kenntnisreich, freundlich. Ursprünglich hat das Familien-Team von Joachim Kalitzke, Kerstin Moritz, Mitja Fehring und Sandra Treml im Nebenerwerb einen Fieldfare Diemel Dry Gin mit einem Krammetsvogel auf dem Etikett im nahegelegenen hessischen Liebenau erfunden und hergestellt, als ersten nordhessischen Regional-Gin überhaupt, mit handgepflückten Wachholderbeeren vom Kalkmagerrasen des Diemeltals. Dort gab’s wohl Zoff mit Geschäftspartnern, so dass Kalitzke das Original-Rezept für seinen Gin einpackte und man sich trennte; in Liebenau wird heute unter der Firmierung St. Albert’s Distillery von Eike Irene und Kai Seidenhefter der St. Albert’s Diemel Dry Gin, noch immer mit dem Krammetsvogel auf dem Etikett, produziert, von dem an anderer Stelle zu sprechen sein wird.

Zurück ins niedersächsische Lauenförde. Kalitzke und sein Familienteam haben den alten Bauernhof hier erworben und bauen ihn Stück für Stück selber um, in den Stallungen soll eine Event-Location um die zukünftige Destillations-Anlage (eine Holstein-Anlage ist bereits projektiert und geordert) entstehen, in den Scheunen ein Shop, nicht nur für Gin, sondern auch für andere lokale Produkte und weitere Event-Locations, hinter dem Haus gibt es eine idyllische, unmittelbar am Fluss gelegene Terrasse. Noch ist alles weitgehend Baustelle mit herausgerissenen Wänden und Stapeln von Baumaterialien. Doch Mitja Fehring und Sandra Treml erzählen mit so viel Begeisterung und Energie von ihren Visionen, dass kein Zweifel aufkommt, dass sie das durchziehen und schaffen werden. Die eigentliche heutige Brennerei ist vorerst in der ehemaligen Milchküche neben den Stallungen untergebracht, ein kleiner Raum mit einer Handvoll 330 Liter Stahltanks mit den Ausbeuten aus einer kleinen, mehr provisorischen ukrainischen Stahl-Brennblase, dazu Regale voll mit akribisch händisch beschrifteten Botanicals. Nein, nicht Botanicals, erklärt mir der junge Mitja Fehring, ursprünglich ausgebildeter Küchenmeister von der Bundeswehr, mittlerweile diplomierter Destillateur, das Zeugs heiße Drogen, nur Schicki-Micki-Mode-Gin-Connaisseurs sprächen von ‚Botanicals‘ (erwischt!); klar, mein eigener Vater war noch Drogist – ein heute weitestgehend ausgestorbener Beruf – und handelte mit Salbei, Wachholder, Eisenkraut, alles Drogen, und er konnte diese Drogen auch zu allerlei heilsamen Tees, Salben, Tinkturen verarbeiten, an Gin hat er sich leider nie versucht. Die beiden erzählen über die verwendeten Rohstoffe, deren Lieferanten und Gewinnung – der heimische Wachholder wurde längst durch qualitativ höherwertigen toskanischen ersetzt, wenngleich nicht mehr selber gepflückt –, über die Verwertung von Überschussprodukten – aus dem Fruchtfleisch sizilianischer Bio-Grapefruits, von denen man eigentlich nur die getrockneten Schalen braucht, wird kurzerhand ein sehr eigenwilliger, exzeptioneller Limoncello kreiert  (Caro hat gleich drei Flaschen geordert) –, über geschmackliche Unterschiede von Destillaten aus Kupfer- und Stahlblasen (natürlich begleitet von einem vergleichenden Tasting), … Mitja Fehring und Sandra Treml erzählen mit Leidenschaft, großer Sachkenntnis und mit Herzblut. Die beiden machen nicht nur Gin, sie brennen für Gin und für alles, was dazugehört, von der Herkunft, den Erzeugern, der Qualität, der Weiterverarbeitung der Rohstoffe über den subtilen Brennvorgang selber, bis zur Verpackung und Vermarktung des fertigen Produkts, seinen Verwendungsmöglichkeiten in Form von Cocktails und Longdrinks und natürlich seinem Ausschank in der – zukünftigen – eigenen Weserstrandbar. Selten habe ich so viel Begeisterung gespürt. Und man glaubt den beiden, dass sie im Team dieses Gesamtprojekt „Strandwetter“ vom Mauern rausreißen und Steine schleppen bis hin zur kenntnisreichen Rohstoffauswahl und dem diffizilen Brennen und auch die drögen organisatorischen Aufgaben drumherum wie Rechnungen schreiben und Vertriebspartner finden nicht nur lieben, sondern auch schaffen.

Der Dicky Bird Weser Dry Gin jedenfalls kann sich sehen bzw. schmecken lassen. Als Grundalkohol dient heimischer Kornbrand. Die ganze Gegend ist Kornanbaugebiet, die nahe Warburger Börde ist eine der Kornkammern Deutschlands. Warum, fragt Mitja Fehring, solle man da Grundalkohol aus Kartoffeln oder Obst verwenden, nichts liegt für einen regionalen Gin hier näher als Korn. Wie früher beim Fieldfare Diemel Dry Gin dominieren auch beim Dicky Bird kräftiger Wachholder und Zitrus-Aromen (deutlich die oben erwähnte Grapefruit-Schale), dann Zimt, Nelke, Minze, Sanddorn, Eukalyptus und der eigenwillige Umami-Geschmack von der Wakame-Alge. Wahrscheinlich ist es die Alge, die den Dicky Bird nicht zu einem unmittelbaren Nasenschmeichler macht. Neben Zitrus-Aromen rieche ich beim ersten Schnuppern – positiv ausgedrückt – Anflüge von Grappa oder – negativ ausgedrückt – feuchte Socken, aber dieser olfaktorische Eindruck gibt sich spätestens nach dem zweiten oder dritten Schluck. Insgesamt ist der Dicky Bird ein runder, stimmiger, geschmacksintensiver Gin, dem man seine 45% nicht anmerkt, pur vielleicht eher für die kältere Jahreszeit geeignet, aber eine sehr gute Basis für sommerliche Cocktails und Longdrinks. Obwohl er eigentlich zum Mixen zu schade ist, er ist so gut, dass man ihn am besten pur oder auf Eis trinkt. Im Martini Cocktail mag ich Dicky Bird nicht so sehr, hier ist er mir zu komplex. Abgefüllt ist er in einer klassischen Halb-Liter-Apotheker-Flasche mit echtem Naturkork, sehr schön und optisch ansprechend, nur das Abfieseln der Plastikkappe über dem Korken mit einem viel zu kurzen Abriss-Bändchen ist für einen alten Mann mit Wurstfingern wie mich eine Strafarbeit.

Neben der wohl unvermeidlichen Sloe Gin Likör-Variante des Dicky Birds hat er auch noch eine „kleine Schwester“, den Strandwetter Aperitif, fruchtig, leichte Säure, nicht zu süß, ich tippe auf Rote Johannisbeere, 17,5%, ein perfekter Sommer-Aperitif. Mitja Fehring mixt uns einen Longdrink daraus: Eis, 1 Teil Strandwetter, 2 Teile Ginger Ale (oder Prosecco oder Mineral oder …) direkt im Glas gemischt, dazu eine Himbeere und Minzeblatt als Garnitur – lecker!

Mit 80 EURO für den Liter ist der Dicky Bird Weser Dry Gin im mittleren Preissegment der handcrafted, small batch Gins angesiedelt und allemal sein Geld wert.

Zu beziehen über: https://shop.strandwetter-destille.de/

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