Der neue Jamie Oliver: ich kann damit nichts anfangen

Weder die Popularität noch der Erfolg von Jamie Oliver sind zu übersehen. Er gilt als einer der bekanntesten und einflussreichsten Köche unserer Zeit. Britischen Köche, sollte man vielleicht noch ergänzen. Millionen Zuschauer seiner diversen Kochsendungen, Millionen verkaufter Kochbücher, publikumswirksames soziales Engagement für besseres Schulessen und die Ausbildung benachteiligter Jugendlicher, das brachte ihm nicht nur mediale Aufmerksamkeit und Sympathien ein, obendrein wurde er 2003 von Königin Elisabeth II zum Member of the Order of the British Empire ernannt, zwar kein Adelstitel, aber immerhin. Die fulminante Pleite seiner weltweiten Franchise-Restaurants (eigentlich bessere Imbissbuden) interessierte bald niemanden mehr.  

Dabei wurde Oliver eher durch Zufall Ende 1996 durch ein Fernsehteam der BBC entdeckt, das eine Doku über das Londoner River Café drehte, wo er als Sous-Chef mach einer klassischen Koch-Ausbildung tätig war. Seine erste Kochshow – The Naked Chef – war ein Riesen-Erfolg (wobei sich das naked nicht auf den Koch bezog, sondern darauf, dass er Rezepte alltagstauglich entzauberte, quasi nackich machte). Das ist bis heute Olivers Markenzeichen geblieben: statt eines hochdekorierten, Sterne-gekrönten, steifen Chefkochs mit Toque blanche, Fachkauderwelsch, kaum nachkochbaren Gerichten mit kaum beschaffbaren Zutaten bietet Oliver Einfachheit, Alltagstauglichkeit, Nachkochbarkeit, entkrampfte, verständliche Sprache, lockeres Auftreten, flapsige Sprüche und Jeans. Vermischt mit einer gehörigen Portion sozialen Engagements und zeitgeistigen Öko-Vegetarisch-Grün-Bio-Anwandlungen ist das ein Konzept, das bis heute trägt und Oliver ununterbrochen Millionen-Auflagen, -Einschaltquoten und -Vermögen beschert.

Nun hat er sein neuestes Kochbuch präsentiert, das dreiundzwanzigste seit 2002): „Fast Food – Gut kochen in 20 Minuten“ (übrigens exakt eine Woche nach Ottolenghis – der andere derzeit populäre britische Star-Medien-Koch – „Simple Too“, der einfache Rezepte für Gerichte in 30 Minuten im Angebot hat). Die knapp 150 Rezepte in Olivers Buch sind tatsächlich weitgehend neu und weder zeitlose Klassiker noch wieder und wieder aufgewärmten alten kulinarischen Kamellen (wie in so vielen anderen Kochbüchern). Ob man z.B. „Harissa-Thunfischbällchen“, „Bohnen-Süßkartoffel-Topf“ oder „Noblen Dosenfisch-Tomaten-Salat“ tatsächlich mag, das muss jeder für sich selber entscheiden. Insgesamt sind die Gerichte very british mit starken Anleihen aus dem ehemaligen Kolonialreich. Sie lassen sich tatsächlich in 20 Minuten nachkochen, man benötigt weder besondere Küchengerätschaften noch besondere Kochkenntnisse. Die Rezepte sind klar strukturiert, verständlich und ohne Küchenlatein. Zu jedem Rezept gibt es ein ganzseitiges Photo, wie das Gericht  dann fertig auszusehen hat; die Bilder von David Loftus – dem Haus- und Hof-Photographen von Jamie Oliver, die beiden arbeiten seit Jahren  zusammen – sind unverschnörkelt, klar, ohne Deko-Schnickschnack, auf die Darstellung des Gerichts fokussiert. Und doch kommt man sich als Leser etwas –mit Verlaub – verarscht vor, wenn jedes Rezept, in dem heißes Wasser benötigt wird (und das dürfte ein Drittel aller Rezepte sein), stereotyp mit dem Satz „Den Wasserkochen füllen und einschalten.“ beginnt. Das legt durchaus die Frage nahe, ob die typische Leserschaft von Jamie Oliver noch nicht einmal mehr weiß, wie man Wasser kocht.

Für problematisch halte ich die von Oliver vorgegebenen Zutaten, problematisch in verschiedener Hinsicht. Das Buch beginnt mit einer Liste von Basis-Zutaten, die man immer zuhause haben sollte. Zum Ersten erfordert diese Sammlung von Gewürzen, Fertigsaucen, Pasten, Dosenvorräten und Fertiggerichten vorab eine Investition von einigen hundert EURO. Zum Zweiten sind viele dieser Zutaten vielleicht in London, aber kaum in der Provinz erhältlich, Gochujang-Paste, Chipotle-Chilipaste oder Korma-Currypaste zum Beispiel. Zum Dritten muss jeder für sich selber entscheiden, ob man tatsächlich – wie Oliver – mit Konservierungsstoff-schwangerer Industrie-Mayonnaise von Hellmann’s kochen will. Und zum Vierten schließlich sind für mich persönlich Kartoffeln und Ananas aus der Dose oder vorgegarter Körnermix oder Beutelreis kulinarische no-goes, ebenso wie TK-Suppengrün oder Beutel-Gnocchi. Aber diese Art von Convenience entspricht wohl dem bequemen Zeitgeist, Hauptsache, die Leute kochen selber und hobeln noch einen frischen Zucchino in den Topf oder verwenden sonst irgendwie was Frisches, Grünes, Gesundes. Das ist immer noch besser als die fettige Pizza vom Lieferdienst.

Doch bei genauerem Hinsehen hat auch die Öko-Monstranz, die Oliver zeitgeistig-mediengerecht vor sich herträgt, deutliche Beulen. Wenn zum „Gedämpften Fisch mit Estragonsauce“ grüne Bohnen und grüner Spargel verkocht werden, dann kann das nur wenig mit der gepriesenen Saisonalität in der Küche zu tun haben, denn grünen Spargel gibt es in Mitteleuropa frisch nur bis Mitte  Juni, frische grüne Bohnen werden bei uns hingegen frühestens ab Mitte Juli geerntet; irgendwas muss da eingeflogen sein oder aus dem Gewächshaus stammen. Oder das gedankenlose Verkochen von Lachsforellen: Lachsforellen sind nichts weiter als künstlich gepimpte Regenbogeforellen, in Aquakulturen aufgezogen, mit Pelletfutter aus Fischmehl und Fischöl großgezüchtet, mit Astaxanthin rot eingefärbt, die hohe Sterblichkeit in Folge von Überbesatz und Fäkalien mit Parasitenbekämpfungsmitteln und Antibiotika in Grenzen gehalten. Jedem Koch mit echtem ökologischem Verantwortungsbewusstsein sollte sich die Zubereitung von Lachsforellen eigentlich von selber verbieten. Bar jeder Küchen-Realität ist schließlich ein Rezept, das 100 Gramm Wirsing als Zutat fordert. 100 Gramm grüne Bohnen kann ich vielleicht noch bei dem netten (und leicht angenervten) Gemüsehändler auf dem Wochenmarkt kaufen, bei Wirsing muss man einen ganzen Kopf nehmen, und da stellt sich dann die Frage: was tun mit dem restlichen Wirsing? Das macht einem auch ganz schnell klar, dass all diese Rezepte eben nicht am Marktstand und am Herd entstanden sein können, sondern am Reißbrett.

Leider weist das Buch auch schlichtweg Mängel beim Lektorat auf. „Eier in kochendem Salzwasser exakt 6 ½ Minuten kochen“ steht da immer wieder in den Rezepten. Das ist natürlich vollkommener Nonsense und gaukelt eine Regel vor, wo es keine gibt. Woher sollte Herr Oliver wissen, wie groß mein Ei ist, wie kalt, wie alt, in welcher Höhe über dem Meeresspiegel ich es kochen will – all das beeinflusst die Kochzeit von Eiern, jede Minuten-Vorgabe ist hier schlichtweg Scharlatanerie, und einem Lektor sollte so etwas auffallen. Oder wenn in einem Rezept Zwiebelringe vorgegeben werden, auf dem dazugehörigen Bild ist aber nichts von Zwiebeln zu sehen.

Dennoch ist „Fast Food“ von Jamie Oliver ein durchaus interessantes neues Kochbuch. Neu designte, noch nie dagewesene Reißbrett-Rezepte mit Fokus auf Grünzeugs und Gesund, Fleisch kommt zwar noch vor, aber eher am Rande, alles pragmatisch und schnell unter Zuhilfenahme von viel Luxus-Convenience machbar, locker und – Verzeihung – idiotensicher erklärt, dazu hübsch bebildert. Wenn ein Küchenhistoriker in 200, 300 Jahren die Küche des 21. Jahrhunderts beschreiben will, so wird er gewiss nicht Christian Baus „Paris Tokyo“ als Referenzpunkt nehmen, sondern schon eher Jamie Olivers „Fast Food“.


„Fast Food: Gut kochen in 20 Minuten. 120 nährstoffreiche Rezepte. Easy machbar mit maximal 10 Zutaten. Jamies unschlagbare 20-Minuten-Gerichte“ von Jamie Oliver (Autor), David Loftus (Photos), Helmut Ertl (Übersetzung); München (Dorling Kindersley Verlag): 2026; gebunden, 320 Seiten, 28 EURO; ISBN-10: 3831054533, ISBN-13: 978-3831054534

Photos © DK Verlag / David Loftus / Rachel Louise Brown

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