Das Pupp und ich oder wie wir meiner Großmutter ihren Traum ließen. (7/8)

Teil 1: Es muss kurz vor dem Ersten Weltkrieg gewesen sein, die Donau-Monarchie noch in vollem Gange, Karlsbad einer der angesagtesten Hotspots nicht nur des gesamten Habsburger Reiches, sondern ganz Europas von Moskau bis Lissabon, von Istanbul bis Edinburgh, hier traf sich, was Rang und Namen hatte, und was keinen Rang und Namen hatte, das bediente die, die Rang und Namen hatten. Zu dieser Zeit begab es sich, dass der Kaiser nach Karlsbad kam. So ein Kaiser, der kommt nicht heimlich und diskret mit dem Nachtzug, Kaiser pflegten zur damaligen Zeit noch pompöse Auftritte, so mit Parade und Soldaten und Musikzug vorweg und hintendrein mit Tätärätä und Tschingderassabummbumm und allem was dazu gehört. Während Despoten von Hitler und Stalin bis Kim Dingsbums und Ajatollah Knallbumm, und wahrscheinlich auch die Irrwische in Weißen Häusern und Honeckers Mädchen sich das Jubelvolk organisiert, gezwungen und mit vielen Drohungen oder Zuwendungen anliefern, aufstellen und medial zurechtrücken lassen, kamen in der guten alten Zeit die dankbaren Landeskinder freiwillig und gerne, um dem klugen und fürsorglichen Lenker des Reiches ihre Aufwartung zu machen und Liebe und Verehrung zu zeigen. Also machte sich auch meine Großmutter als junges, unverheiratetes Landmädel auf von seinem Neudorf, um 6 Stunden quer durch den halben Kaiserwald nach Norden nach Karlsbad zu laufen, um einmal den Kaiser zu sehen und ihm zuzujubeln. Dort stand sie dann, vor dem Pupp am Straßenrand, zusammen mit hunderten oder tausenden Anderer, in einem Kleidchen, das sie sich von einer Base geborgt hatte, mit einem Körbchen voller Wiesenblumen, stundenlang, in der prallen Sonne, bis er dann kam der Kaiser, in einer offenen Kutsche, mit Parade und Soldaten und Musikzug vorweg und hintendrein mit Tätärätä und Tschingderassabummbumm und allem was dazu gehört, und meine Großmutter jubelte was das Zeug hielt. Dann war er wieder weg, der Kaiser, das Tätärätä und Tschingderassabummbumm verklungen, und meine Großmutter dackelte nochmals 6 Stunden durch den Kaiserwald zurück nach Hause. Als Kindern hat sie uns diese Geschichte immer und immer wieder erzählt, wie sie als junges Mädchen nach Karlsbad gelaufen war und den Kaiser gesehen hatte. Das war eines der absoluten Highlights ihrer Jugend. Ein Jugendlicher von heute, der schon vor der Pubertät auf Dutzenden Großkonzerten, verschiedenen gewalttätigen Demos und regelmäßig auf Ibiza zum Sommer- und in Ischgl zum Skiurlaub war, wird dies nicht verstehen. Braucht er nicht.

Teil 2: Es muss in den letzten Jahren der Kohl-Regentschaft gewesen sein, als der Sohn des letzten Kaisers, Otto Habsburg, richtig Otto von Habsburg-Lothringen für die angeblich Christlichen für das Europaparlament kandidierte. Solche Kandidaten müssen Stimmen für sich werben, und dazu müssen sie über die Lande fahren, sich dem Wahlviehvolk zeigen und zu ihm sprechen, am besten leicht verständlich und doch flammend, wenngleich schon ohne mit Parade und Soldaten und Musikzug vorweg und hintendrein, aber gerne mit zumindest ein wenig Tätärätä und Tschingderassabummbumm. Und so begab es sich, das besagter Kaiserspross auf Stimmenfang für ein, zwei Stunden in mein nordhessisches Heimatstädtchen kam, um Stimmen zu fangen, indem er sich dem Wahlviehvolk zeigte und zu ihm sprach, und dies durchaus leicht verständlich, jedoch nicht flammend, dazu scheint ein abgehalfterter Habsburger nicht mehr fähig. Mein Großmutter – nämliche Großmutter aus dem Kaiserwald, die andere Großmutter war als Arbeiterin zeitlebens eine echte Soze und hätte einen Kaiserspross noch nicht einmal mit dem Arsch angeschaut, geschweige denn gelauscht, gejubelt und gewählt – war um die Neunzig, fast lahm, fast blind, aber als sie hörte, dass der Sohn vom Kaiser käme, setzte sie Gott, die Welt, vor allem aber ihre Söhne und ihre Enkel in Bewegung, um auf den Hafenplatz zu kommen, wo er sprechen sollte, der Sohn vom Kaiser. Die Friseuse musste in’s Haus kommen, Oma frisieren, das gute Kleid, das sie sonst nur noch zu Beerdigungen – also immer öfter – trug, musste aufgebügelt werden, die Bluse neu gestärkt und nochmals gebügelt, der wenige Schmuck, den sie hatte, wurde aus dem Tresor geholt und bereit gelegt, selber suchte sie das schönste „Daichl“ – zu Hochdeutsch „Tüchlein“, meine Großmutter wäre niemals ohne Kopfbedeckung, also Kopftuch, Hüte waren was für Männer, aus dem Haus gegangen, selbst in den Garten zog sie zumindest noch ein geflicktes Tuch über, es sei eine Sünde gegen Gott, Ihm den nackten Schädel zu zeigen, wenn Er von oben von den Wolken auf die Menschen herabblicke, sagte sie immer, im Hause könne der Kopf unbedeckt sein, da könne Gott ja nicht so direkt hinschauen, außer in der Kirche, da konnte Gott dann doch wieder schauen, in Seinem eigenen Haus, ergo hatte da der Kopf dann wieder bedeckt zu sein, zumindest bei den Frauen, die Männer mussten in der Kirche ihre Hüte oder Mützen abnehmen, komische Logik; da „Daichl“ bei meiner Großmutter absolute Pflicht waren und sie ansonsten eine äußerst bescheidene, anspruchslose Person war, die eigentlich alles besaß, was sie zum Leben brauchte, verfügte sie über eine beachtlich große Sammlung von allerlei seidenen und kunstvoll bestickten Tüchern, die wir Enkel ihr in Ermangelung anderer Bedürfnisse Jahr um Jahr immer wieder und wieder zu Weihnachten und zum Geburtstag schenkten – aus besagter beachtlichen Sammlung heraus. Der Sohn des Kaisers sollte gegen Zwei auf dem Hafenplatz sprechen, Oma war schon früh auf an diesem Tage, ab Neun saß sie gestriegelt und gesattelt und aufgeregt bereit, ab Elf drängelte sie, man solle sie doch endlich in die Stadt fahren, ab Zwölf – das Mittagessen, das es für sie immer Punkt Zwölf gab (sonst brannte der Hut, und zwar richtig!) verweigerte sie vor lauter Aufregung – wurde sie unleidig, kurz vor Eins gaben wir dann auf und fuhren Oma samt Rollstuhl auf den noch fast leeren Hafenplatz, wo einige Techniker gerade noch eine mobile Lautsprecheranlage testeten und die örtliche CDU-Jugend den Platz mit CDU-Fähnchen und Transparenten schmückte. Wir stellten Oma in die Nähe des Rednerpultes und warteten. Gegen Zwei füllte sich der Platz langsam, es kamen mehr Leute, als ich gedacht hatte, die Ankunft des kaiserlichen Sprosses bekamen wir nicht mit, der musste mit seinem Wagen irgendwie um die Ecke geparkt haben, die offenen Kutsche mit Parade und Soldaten und Musikzug vorweg und hintendrein mit Tätärätä und Tschingderassabummbumm und allem was dazu gehört hatte er nicht dabei, er kam dann eher bescheiden, fast bürgerlich, aber dennoch mit kaiserlicher Aura. Der Bürgermeister – obwohl ein Freier Wähler – begrüßte den hohen Gast in der Stadt, dann stoppelte der örtliche CDU-Vorsitzende seine Rede mit Europa und Verantwortung und Chancen und Herausforderungen und Ehre und Rhabarber- und Kirschmarmelade. Danach betrat Otto von Habsburg das Pult und sprach – es war mehr ein Plaudern – durchaus liebenswürdig, aber gewiss nicht flammend, dafür aber ziemlich klug über dies und das, über Europa und dass man ihn doch bitte wählen solle, eine wahrscheinlich hundertfach einstudierte und gut abgespulte Phrasenabfolge. Großmutter lauschte ehrfürchtig, fast andächtig. Als Habsburg fertig geplaudert hatte klatschen einige artig, Habsburg bedanke sich, verließ das kleine Rednerpult und machte seine Runde zum shakehands bei dem Wahlviehvolk. Mit als erstes kam er zu meiner Großmutter. Er beugte sich herunter zu ihr im Rollstuhl, legte seine linke Hand auf ihre Schulter, ergriff ungefragt die Rechte, schüttelte sie und sagte den simplen Satz „Schön, dass Sie auch da sind.“ Sprach‘s und ging weiter.

Oma war danach niemals mehr die Gleiche. Daheim erklärte sie uns aufgeregt ihre Sichtweise der Dinge. Der Kaiser hatte sie als junges Mädchen kurz vor dem Ersten Weltkrieg im Kleid der Base mit Blumenkörbchen vor dem Pupp stehen und winken gesehen. Das wiederum hatte er seinem Sohn, dem Otto von Habsburg-Lothringen erzählt (wahrscheinlich auf Madeira, aber das konnte und wollte Oma gar nicht wissen), und dieser Otto von Habsburg-Lothringen habe sich auf dem Hafenplatz nach seiner Rede an die Erzählung seines kaiserlichen Vaters erinnert und meine Oma als nämliches Blumenmädel aus Karlsbad wiedererkannt, meine Oma meinte also, durch die kollektive Erinnerung der Habsburger zu geistern. Wir haben sie in dem Glauben gelassen. „Der gute, gute Kaiser. Er hatte für uns alle ein Auge und ein Ohr, immer.“, pflegte sie seit diesem Erlebnis wieder und wieder zu sagen. Und sie starb auch in dem Glauben, in der kaiserlichen Familie präsent gewesen zu sein. Möge sie in Frieden ruhen.

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