Das Pupp und ich oder warum ich traurig bin. (8/8)

Dann kam der Untergang des Ostblocks, Grenzöffnung, West-Annäherung, freie Wechselkurse. Vorbei war es mit dem spottbilligen Leben im Pupp, auch die Einladungen meines Vaters dorthin nahmen angesichts der zunehmenden Kosten zusehends ab. Für junge Familien mit Kindern, wie wir dann recht bald, sind Grandhotels ohnehin nichts, nicht nur aus Kostengründen. Kleine Kinder sind in der Regel Recht wenig erbaut von Grandhotels (ok, das Adlon fanden die Jungs richtig geil, aber nur wegen Liftanzeigen in Form von Messing-Uhren, der Liftboys mit Pagen-Mützen, so wie sie der junge Spirou in den alten Franquin-Comics trug, und natürlich wegen der frisch gerösteten Nüsslein auf einem Silbertablett am Pool), mit jungem Nachwuchs ist man in Kinderhotels mit Rundum-Bespaßung oder auch einem Club Med weitaus besser aufgehoben. So geriet das Pupp – wie das Grandhotel Moskva zwischenzeitlich wieder heißt – etwas aus unserem Fokus. Nun, Weib weg, Kinder weitgehend aus dem Haus, wollte ich an die alte Familientradition anknüpfen und habe mich der Erholung wegen für eine Woche im Pupp einquartiert. Schlafen, spazieren gehen, aus den Mineralquellen heilendes Wasser trinken, baden, Böhmische Knedlíky essen, Alkohol missbrauchen, eine reiche, hübsche russische Oligarchen-Tochter ehelichen, das war der grobe Plan für diesen Urlaub. Nun ja, bis auf den letzten Punkt habe ich alles konsequent und erfolgreich durchgezogen, und doch …

In Karlsbad allgemein und im Pupp speziell hat sich viel getan, die letzten Jahrzehnte. Neue Hotels sind entstanden, alte renoviert, die gesamte marode Bausubstanz des Ortes hat eine Verbesserung erfahren, wirkt aber noch immer marode. Die Kurpromenade entlang der Tepl ist zugepflastert mit Kitsch-, Tand- und Luxusgeschäften dicht an dicht, Bekleidung, Schuhe, Schmuck, Uhren, Wohnaccessoires, böhmisches Glas, Geschirr, Mitbringsel, Oblaten, Becherovka, dazu Schönheitssalons und –kliniken für wahrscheinlich Alles, die kyrillischen Werbetafeln lassen vermuten, dass vor allem Russinnen diese Dienste in Anspruch nehmen. Für Restaurants ist kaum noch Platz in dieser Konsum-Phalanx, wahrscheinlich sind die Deckungsbeiträge beim Verkauf von Seidenroben und Swarovsky-Tand höher als die von Schnitzeln und Sahnetorten. Die wenigen Restaurants haben meist nur schmale Eingänge zur Promenade und Tische draußen, der eigentliche Gastraum ist dann irgendwo versteckt im Hause, hinter den Flitter-Läden. Allein das Wirtshaus zum Schwejk, mit der lebensgroßen Schwejk-Figur in Uniform vor dem Hause, schlägt sich wacker mit grober, aber ehrlicher und authentischer Böhmischer Küche seit Jahrzehnten.

Das Pupp ist schon lange nicht mehr die teuerste Adresse vor Ort, die beste ebenfalls längst nicht mehr. Vielleicht fünf ganz kleine Beispiele dafür: Auf den Zimmern gibt es keine richtigen Kleiderbügel mehr, sondern nur noch Plastikbügel ohne Haken, statt dessen mit einem speziellen Knubbel oben dran, den man ausschließlich in eine spezielle Schiene im Kleiderschrank hängen kann, ansonsten sind die – ohnehin nicht sonderlich wertigen Plastikdinger – wertlos, es macht also keinen Sinn, sie zu klauen. Auf Bademantel und Regenschirm im Zimmer (immerhin gibt es sie noch) kleben dicke, fette Zettel in Tschechisch, Deutsch, Englisch und Russisch, dass diese Utensilien ausschließlich für den Gebrauch während des Hotelaufenthalts gedacht seien, sollte man sie mit nach Hause nehmen wollen, so könne man entsprechende Pendants in der Hotelboutique käuflich erwerben. Bei der Abreise bat ich nach dem Frühstück an der Rezeption im Vorbeigehen – wie ich es eigentlich immer tue – man möge meine Rechnung fertig machen, meinen Wagen vorfahren und sich um mein Gepäck kümmern; ich war gerade auf dem Zimmer angelangt, da klopfte auch schon eine Hausdame und kontrollierte unverhohlen vor meinen Augen, ob ich noch etwas aus der Minibar genommen hätte, ob Bademantel, Handtücher und Regenschirm noch da seien und verschwand wieder. Dresscode im Hotel ist ausdrücklich smart casual, was für ein Grandhotel ja eigentlich selbstverständlich sein sollte, Burkas und ähnliche Komplettverhängungstücher sind explizit nicht erwünscht; und doch laufen Leute in Muscle-T-Shirts, kurzen Hosen, Flipp-Flops, Jogginghosen, Turnschuhen und ähnlicher legerer Kleidung durch die Räume und sitzen in den Restaurants, selbst Komplett-Schandfetzten (wahrscheinlich mit Weibspersonen darunter) werden ohne Mullen und Knullen vom Personal geduldet. Als fünftes und letztes Beispiel noch dies: ich saß vor dem Café Pupp an einem Tisch im Freien, auf meinem Tisch ein Aschenbecher mit ausgedrückten Kippen darin – nicht von mir, ich bin Nichtraucher –, viermal war eine Bedienung an meinem Tisch, viermal wurde der volle Aschenbecher einfach ignoriert; beim fünften Male fragte mich eine Servicekraft, ob ich den Aschenbecher benötige, als ich verneinente, stellte sie den (nach wie vor vollen) Aschenbecher ungeleert auf den Nachbartisch, wo Suchtkranke nach einem Nämlichen gefragt hatten (war da nicht mal was mit leeren Aschenbecher auf vollen Aschenbecher auf dem Tisch setzten, beide Aschenbecher aufeinander abräumen, den vollen Aschenbecher zum Behufe der Entleerung und darauffolgenden Säuberung beiseite stellen, den leeren Aschenbecher wieder vor den Gast auf den Tisch stellen, erstes Jahr Hotelfachschule glaube ich?). Tja, solches Klientel verkehrt offensichtlich zwischenzeitlich im Pupp, diebisch und bar westeuropäischer kultureller Selbstverständlichkeiten. Wenn ich diebisches Multi-Kulti will, gehe ich in’s Bahnhofsviertel und nicht  in’s Grandhotel. Großteils ist das Hotel auch selber daran schuld. Das Pupp besteht eigentlich aus vier Gebäudeteilen, dem klassischen Haupthaus, dem Anbau mit den großen Ball- und Festsälen und sodann dem Riverside- und dem Parkside-Flügel. Die Zimmer im Riverside-Flügel sind im vorderen Teil des Gebäudekomplexes, zumeist mit Blick auf das Flüsschen Tepl vor dem Hause (oder mit Blick auf den Berg) und ziemlich komfortabel und gut im Schuss. Der Parkside-Flügel befindet sich hinter dem Hauptgebäude, wobei Parkside ein Euphemismus sondergleichen ist, tatsächlich blickt man von dort auf den Großparkplatz des Hotels. Die Zimmer im Parkside-Flügel sind traditionell einfacher gestaltet, der Flügel hat einen eigenen Eingang mit eigener Rezeption, hier wurden früher die Devisen-schwachen Reisenden aus den sozialistischen Bruderländern untergebracht und auch in eigenen, separaten Speisesälen abgefüttert, in’s Haupthaus kamen die kommunistischen Gäste nur, wenn sie Funktionäre waren. Heute stehen vor dem Parkside-Flügel Geschwader von Omnibussen, die ihre „See-Europe-in-10-days-all-inclusive“-Massentourismus-Fracht aus aller Herren Länder, vor allem Asiaten und Imperial-Amis, dort auskehren, nur leider gibt es im Parkside-Flügel keine eigenen Restaurants mehr, auch Mitmenschen mit einer nicht zu leugnenden gewissen Kultur-Ferne bevölkern heute die Restaurants und Bars des Haupthauses und verbreiten dort ein so ganz anderes Ambiente (für das ich fürwahr keine 200 EURO und mehr pro Nacht zu zahlen bereit bin).

Dabei ist man sicherlich durchaus bemüht, im Pupp. Das Personal ist durch die Bank weg zahlreich, höflich, zuvorkommend, mehrsprachig, zumeist auch ausgebildet (sehen wir von dem Aschenbecher im Café Pupp einmal ab). Der Zimmerservice ist prompt und unauffällig, wenn man Frühstück zurückkehrt, ist das Zimmer i.d.R. schon gemacht. Es gib zwar – außer vor besagtem Café Pupp neben und in der PKW-Vorfahrt zum Hotel-Haupteingang – nach wie vor keine Terrasse, Freifläche, Garten o.ä. für Hausgäste, aber wenigstens hat man in den letzten Jahren ein kleines und noch gar nicht mal hässliches SPA mit viel Schiefer, kreuzförmigem Pool, drei Entspannungsbecken, ein paar Saunen im fensterlosen Keller und allerlei Behandlungsräumen nachtäglich eingebaut; aber  auch hier, Außen-Becken oder Sonnenliegen Fehlanzeige, statt dessen partieller Blick auf eine alte Sandsteinmauer am Berg, da kenne ich zahlreiche Vier-Sterne-Häuser mit schöneren und mit größeren SPA-Bereichen. Die Bäder der Zimmer sind nach und nach auf neuen Stand gebracht worden, Flachbildschirme und Kabel haben die alten Röhrenmonster abgelöst, Teppichböden tadellos, Matratzen in einem Zimmer durchgelegen, im anderen nicht. Die Sesselbezüge und die Vorhänge auf den Gängen haben dasselbe Muster, der Ohrensessel auf dem Zimmer und die tadellose Stofftapete (!) haben dieselben Farbtöne und Motive, nur auf dem Sessel größer als auf der Tapete, das ist großes Grandhotel-Theater und sehr hübsch für jemanden, der das mag; aber dann ist der Sesselbezug total durchgewetzt, heraus aus dem Loch kommt aber nicht etwa wenigstens Rosshaar, sondern Plastikgewebe. Was mir als digital Zua’graster sehr gefällt ist, dass es  einen guten alten analogen Hauptschalter für die Lichtelektrik im Zimmer gibt, schaltet man den aus, dann sind tatsächlich alle Lampen aus, und nicht etwa eine elektronische Lichtsteuerung oder gar einen digitalen Zimmer-Computer, für die man ein Elektrotechnik-Studium braucht. Andererseits, außer den obligatorischen Steckdosen für den Staubsauger des Zimmerservice und den Rasierer im Bad gibt es keine freien und schon gar keine frei zugänglichen Steckdosen auf den Zimmern, statt dessen muss man unter dem Schreibtisch kniend an einer suspekten Steckerinstallation rumfummeln und die Schreibtischlampe ausstecken, um eine freie Steckdose für den Laptop zu bekommen; für die Funke muss man dann noch die Stehlampe hinter dem Sessel ausstöpseln.

Das Frühstück ist so lala. Eine reichlich frequentierte Eierbratstation mitten im neobarocken Prunkspeisesaal ohne Lüftung, das hat schon was. Und eine Woche lang 3 Sorten der immer selben Wurst, 2 Sorten Schnittkäse und Pressschinken, das hat auch was. Und bei sicherlich zwei Dutzend verschiedener Brötchen-Sorten nicht ein einziges knuspriges Brötchen darunter, das ist tatsächlich eine Leistung. Eine Woche lang 2 Sorten frische Melone, Ananas und geschälte, aber nicht filetierte Orangen, das wird auch rasch langweilig, aber wenigsten war das Obst durch die Bank weg reif und gut geschält. Der Rest passt eigentlich schon. Man muss ja nichts von den Bergen an Nudel-, Wurst-, Fisch-, Fleischsalaten nehmen, irgendwas findet sich schon zum Frühstück. Und die Kaffee- und Teeauswahl sind reichlich und gut. Also, Cappuccino und Croissants mit abgepackter deutscher Meggle-Butter, das geht. Aber das frisch gepressten O-Saft nur gegen Extra-Bezahlung erhältlich ist, ist dann wieder wenn nicht ein Armutszeugnis, so doch peinlich. Von der Kulinarik ließe sich ansonsten noch berichten, dass das Café Pupp quietsche-bunte und papp-süße Kuchen und Torten bietet, dazu Salat geheißenes Grünzeugs und ein paar wabblige Sandwiches; vom Grandrestaurant Pupp wird separat zu berichten sein, das ist schlichtweg unterirdisch schlecht; Becher’s Bar bietet convenience-schwangeres 08/15 American-Bar-Futter, dessen Verzehr durch das schummrige Licht ungemein erleichtert wird (wären da nicht noch Geschmack, Geruch und Textur), 50% der Barkeeper dort (einer von zweien) hatte vom barkeepen so gut wie keine Ahnung, der andere ging halbwegs; und was den Pauschal-Busreisenden des Mittags im Rahmen ihrer Halbpension auf dürftig gekühlten Platten, in Warmhaltebottichen und großen Schüsseln serviert wird, müsste fast schon als hinlängliche Rache an den Massentouristen angesehen werden.

Um es so zusammenzufassen: das war für lange, für sehr lange Zeit mein letzter freiwilliger Aufenthalt in Karlsbad allgemein und im Pupp speziell. Schade eigentlich …

GRANDHOTEL PUPP Karlovy Vary, a.s.
Mírové náměstí 2
360 01 Karlovy Vary
Tschechische Republik
Tel.: +420 (3 53) 10 91 11
Fax: +420 (3 53) 22 40 32
Email: pupp@pupp.cz
Online: www.pupp.cz/de

DZ Ü/F 188 € bis 680 € (pro Zimmer, pro Nacht)

P.S.: Um der Wahrheit die Ehre zu geben, kein Jahr, nachdem ich den letzten Text geschrieben hatte, war ich trotz aller Enttäuschung wieder im Pupp. Es war nicht wesentlich besser, das Frühstück eher noch grausliger, ebenso das Pauschalpublikum. Dennoch kann ich’s einfach nicht lassen. Muss in unserer Familie wohl in den Genen liegen.

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