Alpenhotel Gösing: Vergessenes Hide-out auf halbem Wege zwischen Donau und Alpen

Konversation mit dem Navi: Navi: „Nenne Sie einen Ort in Österreich.“ Ich: „Gösing.“ Navi: „Wollen Sie eine Straße eingeben?“ Ich: „Ja.“ Navi: „Es gibt nur eine Straße in Gösing – Gösing.“ Das sagt eigentlich schon alles aus über das Alpenhotel Gösing: ein wunderbares Hide Out am Ende der Welt. Wer Action, Nighlife, Halli-Galli, Party, Entertainment, Animation, Sport und Spiele, Disco und Paarungsrituale sucht ist hier ganz gewiss völlig, aber so was von völlig falsch. Gösing ist Ruhe, Entschleunigung, Kontemplation, Natur, Nichts-Tun, Lesen, Dösen, vielleicht noch Wandern, Schwimmen, Tennis, nicht mehr und nicht weniger.

Gösing liegt vielleicht 50 km Luftlinie südlich vom Kloster Melk an der Donau, von St. Pölten führt eine elektrifizierte Schmalspurbahn hierhin, der Marienwallfahrtort Mariazell ist quasi um die Ecke, mitten im Mostviertel, nicht mehr fette Donauebene und noch nicht spektakuläre Kalkalpen, sondern ein typisches In-Between aus hügeliger, waldiger und doch schon rauer Landschaft mit wilden Gebirgsbächen  in schmalen, zerklüfteten Tälern, schroffen Steilhängen, Hochwiesen, kleinen Bauerndörfern, kurvigen Straßen. Touristen kommen hier weniger hin, entweder wollen sie die Kunstschätze an der Donau sehen oder abenteuerliche Hochalpen, da bleibt das Mostviertel oft auf der Strecke; vor allem ältere Wiener findet man hier als Sommerfrischler. Auf dem Weg nach Gösing verlässt man die Bundestraße auf knapp 1.200 m Seehöhe und fährt 12 Kilometer ein kleine Sackgasse abwärts durch den Wald, bis man auf eine Hochebene mit Wiesen hoch über der Erlauf gelangt. Der Flecken selber besteht aus dem Alpenhotel Gösing, einer beachtlichen Bahnstation der Mariazeller-Bahn und vielleicht einem Dutzend Bauernhäusern verteilt über viele Quadratkilometer. Kein Geschäft, keine Kneipe, kein Kino, kein Arzt, kein Amt, noch nicht einmal eine Telephonzelle (aber immerhin ein Briefkasten!). Das Hotel selber ist ein freundliches, landschaftstypisches Gebäude, das in mehreren Etappen seit dem vorletzten Jahrhundert gebaut wurde. Alles ist gepflegt, gut in Schuss, sauber, etwas altertümlich vom Stil, gediegen halt. Hallen- und Freibad, Tennisplatz, ein ganz kleiner Parkt mit Teich, Sonnenterrasse, Massageräume, Bar, alles da, was man von einem Vier-Sterne-Haus erwarten kann, und noch etwas mehr. Unbedingt ein Zimmer mit Ötscher-Blick nehmen, auch wenn es ein paar Euro mehr kostet, allein der Blick ist es wert. Die Rezeption scheint fest in Österreichischer Hand, ansonsten verrichten herzlich-freundliche (nicht bezahlt-freundliche, sondern wirklich herzlich-freundliche) Angestellte anscheinend aus allen ehemaligen kuk-Landen ihre Dienste.

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Mangels echter Alternativen (zum nächsten Lokal sind es vom Alpenhotel Gösing wenigsten 20 km – eine Strecke) ist es angeraten, Halbpension zu buchen. Und dies ist in der Tat der einzige Wermutstropfen in diesem sonst wunderschönen Urlaubs-Paradies: das Essen ist richtig, richtig schlecht. Es fängt an bei den aufgebackenen Semmeln zum Frühstück. Am Abend hartes Steak, dünne Süppchen, trockener Fisch, in der Mikrowelle aufgewärmte Palatschinken, sehniges Wiener Schnitzel mit bleicher, fettgetränkter Panade, zähes Wildragout in Mehlpampe, schlecht geschälter, aufgewärmter Spargel mit Tüten-Hollandaise … Allein das Carpaccio mit Pesto, das war wirklich gut, der ganze Rest eher ein Fall für die Spontan-Diät. Hoffen wir, dass in der Vor-Saison (in der wir in Gösing waren) der Haustechniker oder der Gärtner in der Küche dilettiert hat, und dass ansonsten ein richtiger Koch hier kocht.

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