Nope! Also, auch auf die Gefahr hin, zu langweilen, hier gibt’s außer Content-Snacks auch noch das komplette Menue in 12 Gängen.

Snack-Content – so kreieren Sie mundgerechte Inhalte

Nora Horn empfiehlt im Blog der Social Media Akademie am 13. April 2016, man solle den Usern im Internet Snack-Content anbieten, um gelesen zu werden, und Michael aus Obermenzing rät mir im Prinzip das Nämliche. Schon Blaise Pascal bemerkte in dem 16. seiner „Briefe an einen Freund in der Provinz“, lange Briefe entsprängen nur der mangelnden Muße, kurze zu schreiben („Je n’ai fait celle-ci plus longue que parce que je n’ai pas eu le loisir de la faire plus courte.“) (Dieses Aperçu – und ich schweife bereits wieder ab – wird wechselweise Lichtenberg, von Goethe, Swift und von Kleist zugeschrieben, stammt aber tatsächlich von Pascal, aber das nur am Rande, irgendwo muss man ja hin, mit seiner humanistischen Bildung, die heute anscheinend keiner mehr braucht.) Alle Drei – Nora, Michael und Blaise – haben sicherlich völlig Recht, und doch werde ich die guten Ratschläge zumindest hier nicht annehmen. Im 144-Zeichen-Zeitalter soll opl.guide auch dem Diskurs dienen, der ausführlichen Beschreibung, Erörterung, Abschweifung, Parenthese, Hypotaxe, dem scheinbaren Faden-verlieren und –wiederfinden (und das alles als praktizierender Legastheniker). Klar ist es einfacher, schneller, realitätsnäher und (pfui!) effizienter, ein Schnitzel mit der Funke zu photographieren und in’s Netz zu stellen denn es verbal zu beschreiben; sicherlich gibt es Bereiche, in denen die Photographie dem Wort überlegen ist, und sicherlich vermag die Photographie eine Wortwüste zuweilen optisch aufzulockern, und doch werde ich das Schnitzel in der Regel lieber beschreiben denn ablichten. Nichts gegen den geistreichen Aphorismus, die freche Bemerkung, den dummen Spruch (der nur scheinbar dumm ist, am Ende aber dann doch wieder intelligent), nichts gegen die erläuternde, strukturierende, Übersicht schaffende, erklärende, Zusammenhänge aufdeckende Graphik, nichts gegen die dokumentierende, beweisende, schockierende, schöne, ästhetische Photographie … aber daneben soll hier Platz – in Neusprech sozusagen unlimited webspace – sein für den ausführlichen Diskurs, dem niemand folgen muss, den selbiger nicht interessiert, aber opl.guide ist nun mal ganz zweckfrei im Sinne Huizingas. Unbemerkt kastrieren wir unsere Sprache mehr und mehr, nicht nur mit 144-Zeichen-Tweets (ich weiß, es sind in Wirklichkeit nur 140), mit kurzen SMS, mit Bullet-Points, auf limitierten PowerPoint-Folien, in normierten Eingabefeldern, in standardisierten Geschäftsbriefen, in rhetorisch brillanten, auf den Punkt designten Reden, in prägnanten Werbebotschaften, in effizienten Stakkato-Telephonaten, in Stichwort-Emails. Früher, da schrieb man privat noch Briefe, selbst diesen Sprach-Freiraum haben wir weitgehend aufgegeben zugunsten des direkten Telephonats, der Skype-Session oder der E-Mail. Aber hier ist Platz, Platz für das Wort und den Gedanken mit all seinen Windungen, Irrungen, Wirrungen, Verfehlungen, Wiedergutmachungen, hier muss keine Werbebotschaft in 5 Sätzen prägnant in den Köpfen der Leser platziert werden, hier muss keine Agitation oder Propaganda betrieben werden, hier muss nicht eine Nachricht in 20 Sekunden auf den Punkt rübergebracht werden, hier muss nicht die Wirklichkeit in 3 Spalten inklusive 4 Bildern komplett dargestellt werden, hier muss nicht schleichend-untergründig die Schönheit und Begehrenswertheit einer Reisedestination suggeriert werden, hier muss nicht der Gebrauch eines Dings auf 2 Seiten umfassend, vollständig und leicht verständlich dargestellt werden. opl.guide ist eine Spielwiese des Subjektiven, der persönlichen Wahrnehmung, der Erörterung, des Hinterfragens, des Vergleichens, des Abschweifens, des Verlierens und Wiederfindens … des Diskurses eben. Und das, obwohl man aus Voltaires „Abhandlung in Versen über den Menschen“ (VI. Diskurs 72) ja weiß: „Le secret d’ennuyer est celui de tout dire.“ („Das Geheimnis zu  langweilen besteht darin, alles zu sagen.“) Also, auch auf die Gefahr hin, zu langweilen, hier gibt’s außer Content-Snacks auch noch das komplette Menue in 12 Gängen.

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