Zwischen Magie und Macke: Rhöner Botschaft reloaded

Summa summarum: schönes, altes, gut renoviertes Gasthaus in der Ortsmitte eines verschlafenen Dörfchens in der Rhön, schöne Gasträume und schöner Biergarten, gesichtslos-modernistisch-funktionale Hotelzimmer von der Stange, alles leider an einer lauten, vielbefahrenen Bundesstraßen-Kreuzung, freundliches, engagiertes Service-Team und eine herausragende, heimatverbundene, frische, nicht gewollt leichte, mal traditionelle, mal moderne Küche, die ihre gutbürgerlichen Wurzeln nicht verleugnet und ich sich zuweilen gleichzeitig mit Bravour zu höheren kulinarischen Weihen aufschwingt.

Kochen kann er, der Bjoern Leist, nach wie vor, unverändert, gut, sehr, sehr gut. Zwischenzeitlich sind er und sein Team auch wirklich im Saxenhof in thüringischen Dermbach in der Rhön angekommen, die Abläufe in Gastronomie und Hotellerie laufen wieder reibungslos ab, von der Zimmerbuchung bis zum Tischabräumen, da hatte es in der jüngeren Vergangenheit doch das eine oder andere Mal geknirscht im Getriebe, aber sei’s drum, auch Umzüge fordern ihren Tribut. Die Zimmer in dem Fachwerk-Altbau sind nach Hemingways Ehefrauen benannt – Hemingway soll allhier nämlich beim Fliegenfischen in der Felda genächtigt haben – und, nun ja, sagen wir mal funktional, von Historie oder Patina keine Spur, moderne Standard-Hotel-Möblierung von der Stange, was in Hilders zu viel an Schnickschnack und Tinnef war, ist hier zu wenig an persönlicher Note. So schön das alte Fachwerk-Gebäude mit dem geschnitzten Petrus an der Hausecke von außen ist, so schön die Gasträume im Erdgeschoss auch sind, so schön der Biergarten vor dem Haus unter alten Bäumen auch ist, das Anwesen liegt halt an der Bundesstraße an einer Kreuzung. Die Zimmer nach vorne blicken auf die Kreuzung, unter der Woche fahren hier unablässig Busse, alte Trecker, schwere Holzlaster, laute LKW, dröhnende aufgemotzte Kleinwagen der präpotenten Dorfjugend, alte Unimogs mit rumpelnder Kupplung, am Wochenende kommen bis spät in die Nacht  noch knatternde und scheppernde Motoraddeppen en masse beim Rhön-Ausflug hinzu. Die Zimmer hinten raus blicken auf den selten hässlichen Parkplatz des Hauses und das neu errichte Badehaus, das gewiss von einem arbeitslos gewordenen Architekten anti-imperialistischer Schutzwälle entworfen wurde. Und die Zimmer zur Seite, nun ja, die haben von beidem etwas. Der neue Anbau – mit Tagungsräumen im Erdgeschoss, so ein Haus will ja auch unter der Woche ausgelastet sein – beherbergt ein halbes Dutzend zweigeschossige Appartements mit Kochecke; wenn die Zimmer im Altbau funktional möbliert sind, so sind diese Räume herzlos und kalt eingerichtet und besitzen den Charme maximal eines Ibis. Zugegeben, das Meiste ist da, sogar drei Steckdosen oben am Schreibtisch (mein alter und chronischer Nörgelpunkt der fehlenden oder unpraktischen Stromversorgung), Sofa, Sessel, Esstisch, Bett, Kunstdruck, Kunstblume, Balkon mit zwei Stühlen, Badewanne, Dusche, Großbild-Fernseher (nur unten, aber keine oben am Bett), aber es bleibt ungemütlich-herzlos-beliebig. Die Fenster – direkt zu besagter Kreuzung – kann man ohnehin nur verbunden mit massiver Lärmbelästigung öffnen. Und für 160 EURO pro Nacht würde ich in einem vorgeblichen Vier-Sterne-Haus dann schon ein paar Pflegeprodukte erwarten, und nicht nur zwei Diebstahl-sichere Seifen-Quetsch-Flaschen an der Wand. Ebenso würde ich nicht nur kleine, kratzige, alte Handtücher erwarten, sondern zumindest ein großes, flauschiges Badehandtuch. Die Badewanne ist so klein, dass an ein Bad zu zweit nicht zu denken ist. Am PC Arbeiten ist bei dem verschnarchten W-LAN auf dem Zimmer kaum möglich, trotz ausreichender Steckdosen. Und romantische Abende zu zweit auf dem Balkon können maximal für die Liebhaber von Motorrad-Lärm-Terror romantisch sein.

Aber lassen wir das Genörgel, man fährt ja zum Essen nach Dermbach, nicht für romantische Balkon-Abende an einer Bundesstraßen-Kreuzung. Und hier hat sich Bjoern Leist ganz eindeutig nochmals deutlich in der Qualität gesteigert, selbst im „normalen“ Restaurant des Hauses, dem Wohnzimmer, wird eine Küche geboten, die für mich persönlich durchaus in Richtung eines Sternes geht, selbst wenn sie in der gutbürgerlichen deutschen Küche – Deutsches Beefsteak mit Zwiebel und Ei, ganz ohne Allüren, aber von welcher Güte – verwurzelt bleibt, sich aber dann wieder – Cremesuppe von jungen Erbsen mit Blutwurst und Jakobsmuschel-Ceviche – selbstbewusst zu Höherem aufschwingt. Das macht Spaß, das ist ein entspanntes, genussvolles Schmausen, ein Spiel von Bekanntem und dezent Neuem, alles sehr gekonnt gekocht, nett, aber ohne Firlefanz und Teller-Ikebana angerichtet und freundlich serviert, und das in einem legeren, fast schon familiären, aber nicht ordinären Ambiente. Was will man mehr. Bjoerns Ox, das Premium-Restaurant des Hauses, hatte während/nach Corona noch nicht wieder geöffnet, hier gibt es ab Punkt 18:30 Uhr nur für angemeldete Gäste ohne Speisekarte und große Auswahlmöglichkeit ein acht-gängiges Menü mit diversen Amuse Gueuls und Bouches für jetzt 129 EURO, und Vegetarier sind hier nicht willkommen. Vieles von dem aktuellen kulinarischen Mode-Gedöns – farm to table, regional, nose to tail, bio, nachhaltig, zero kilometers, öko, ursprünglich, kleine lokale Erzeuger, artgerecht … you name it (ich kann diese zu bloßen Werbesprüchen verkommenen Buzzwords nicht mehr hören) – wird bei  Bjoern Leist einfach als Selbstverständlichkeit praktiziert, ohne viel darüber zu reden, und ohne es wie eine unappetitliche Werbe-Ikone dem eigenen plan- und gesichtslosem Tun voranzutragen, sondern es wird einfach gemacht, und das ist gut so, punktum.

Tja, und dann gibt es für Hausgäste jeden Abend ein Menue, das kann ungefähr so aussehen.

Rosa marinierte Barbarie-Entenbrust mit Honigs-Senf-Dressing, Balsamico-Erdbeeren und Wildkräutersalat +++ Cremesuppe vom Felda-Bärlauch mit Rote Beete und geräucherter SaxenHof-Forelle +++ Beefsteak LeistStyle mit Röstzwiebeln, Spiegelei und unseren FranzFrites +++ Gebackenes Kachelstück vom Landschwein mit Lauch-Schmand-Sauce und Bräterkartoffeln +++ Lauwarmer Topfenknödel  mit Karamell, Joghurt und eingelegtem Rhabarber

Hauchdünner Rhöner Landschinken mit Wassermelone, Avocado und Basilikumpesto +++ Doppelte Kraftbrühe vom RhönlandRind mit geröstetem Knoblauchbrot und hausgemachten Maultaschen +++ Sautierte Filetspitzen vom RhönlandRind mit Rahmpilzen, Mandelbrokkoli und knusprigem Raviolo +++ Gebratene SaxenHof-Forelle mit Balsamico-Gemüse, Bärlauch und Kartoffelschaum +++ Parfait vom Reinolz-Kaffee mit frischen Erdbeeren und Mandelkrokant

Tartar vom RhönlandRind mit Sauerrahm, mariniertem Fenchel und Essig-Radieschen +++ Cremesuppe von jungen Erbsen mit Blutwurst und Jakobsmuscheln-Ceviche +++ Lende vom Rhöner Landschwein mit gebratenem Spitzkraut, Ackermöhre und knusprigem Zwibbelsploatz +++ Deutscher Stangenspragel mit rohem oder gekochtem Schinken, Petersilienkartoffeln und Holly +++ Weißes Schokoladenmouse mit Pfirsich, Basilikum, Meringue

Lassen Sie es mich so sagen: bis auf die – selbstgemachte Pommes hin, selbstgemachte Pommes her – wabblig-lauwarmen FranzFrites, die geschmacklosen Versuche von selbstgemachten Grissini und den total zermatschten Zwibbelsploatz (eigentlich die Rhöner Variante des Zwiebelkuchens, hier ein vollkommen durchgeweichtes, breiiges, mit sautierten Zwiebelstreifen gefülltes, kaltes Blätterteigtörtchen unter toter Sau) war alles – alles! – hervorragend; nicht nur ok, nicht gut, sondern hervorragen bis außergewöhnlich. Bei den Salaten jedes Blättchen offenbar frisch und einzeln gezupft, alles in verschiedenen leichten Vinaigrettes, dann zusätzlich gebettet auf eine Creme – atemberaubendes Basilikumpesto  oder geschmackvoller Sauerrahm – auf dem Teller, dazu dann erst weitere Zutaten wie ein zarter Hauch eines hervorragenden Schinkens oder geräucherte Entenbrust. Diese Salatteller von Bjoern Leist sind äußerst stimmig, komplex und lecker sowieso; sie haben absolut nicht zu tun mit Bergen aufgetürmten Grünzeugs mit Tunke und teurer Alibi-Zutat, das sind wirklich sehr gekonnte, dezente Kompositionen, die ihresgleichen suchen. Dann eine Lauch-Schmand-Sauce, für die Leist wahrscheinlich von den Weight Watchern zusammen mit den letzten Nouvelle Cuisine-Apologeten öffentlich verbrannt würde. Ein Stück auf den Punkt glasig gebratene Forelle auf knackigem Gemüse, nicht aus der TK-Tüte, sondern frisch vom örtlichen Gärtner. Spargel, der nach Spargel schmeckt, perfekt auf den Punkt gegart, mit einer Hollandaise zum niederknien, selbst die Petersilienkartoffeln dazu nicht irgendwelche Beilagenkartoffeln, sondern ebenfalls von herausragender Qualität. Ein nicht zu süßes, kräftig-kaffeeiges Kaffe-Parfait in Form einer übergroßen Kaffeebohne, flankiert von einer Kaffee-Creme mit Mandelhippe. Undsoweiter. Undsofort. Bis auf ein paar zeihliche – nobody is perfect – Macken ist das Essen im Wohnzimmer des Saxenhofes hervorragend, serviert von einer jungen, engagierten, freundlichen, kompetenten, dienstbereiten, sehr flotten Service-Truppe, dazu gibt’s süffiges Bier aus der Rhön, eine deutsch-österreichisch-lastige, kluge, recht umfangreiche und meist wohlfeile Weinkarte und Brände aus Schlitz. Das Leben kann einfach schön sein.

Auch wenn es noch nicht wieder eine hauseigene Metzgerei gibt, so ist das Frühstück – Brettchenfrühstück genannt und bis 14:00 Uhr serviert – unverändert ebenfalls sehr gut. Gutes frisches Gebäck, keine Backlinge, sondern vom Bäcker, ordentlicher Kaffee, den Rest bestellt man à la carte, und es gibt fast alles, was das Frühstücksherz begehrt, auch ohne dass Berge von Wurst aufgeschnitten auf einem Buffet vor sich hin welken und am Ende des Morgens weggeworfen werden. Es gibt zwar nahezu alles von Obstsalat bis Rührei, von hausgemachter Marmelade bis Käse, Wurst und Mett, von Birchermüsli bis Joghurt, jedoch ärgerlich ist, dass etwa ein Cappuccino einen EURO extra kostet, frisch gepresster O-Saft zwei EURO oder ein Omelette drei EURO. Sei’s drum.


Saxenhof
Rhöner Botschaft GmbH
Thomas Fickel, Bjoern Leist
Bahnhofstraße 2
D-36466 Dermbach
Tel.: +49 (3 69 64) 86 92 30
E-Mail: info@rhoener-botschaft.de
Online: https://www.rhoener-botschaft.de/

Hauptgerichte von 10,50 € („Himmel und Erde“ gebratene Blutwurst mit Stampfkartoffeln und Apfel) bis 35,00 € (Rinderfilet mit Beilagen); Drei-Gänge-Menue von 24,50 € bis 64,50 €

DZ Ü/F 50 € bis 180 € (pro Zimmer)

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One comment

  1. Phillip Steinerer

    Hallo Herr Opl,
    „im Prinzip ja“, würde Radio Eriwan sagen. Einerseits, so schlimm, wie Sie schreiben, sind die Zimmer nun wirklich nicht, da habe ich für den Preis auch auf dem Lande schon weitaus Schlimmeres erlebt. Andererseits, ich kann nicht verstehen, wie Sie den Service so über den grünen Klee loben können. Ja, die Mädels sind freundlich und bemüht, aber schon ziemlich chaotisch und unkoordiniert. Salz zum Beispiel wurde auch auf mehrfache Nachfrage einfach nicht gebracht, ich hatte die Wahl, meine Spiegeleier ungesalzen oder aber kalt zu essen. Und das passierte nicht nur einmal. Wir haben für drei Personen drei Orangensaft bestellt, gebracht wurde nach Nachfrage einer. Dieses Brettchenfrühstück war ein einziges Hazardspiel, was man bekam und was nicht: Brotaufstriche, Wurst, mehr Butter, neue Brötchen. Statt dass eine der jungen Frauen konkret für einen Tisch zuständig ist, wuseln sie wild durcheinander und alle scheinen alles zu machen, oder keine einzige ist für gefühlte Ewigkeiten zu sehen und alle sind weg. Das ist zuweilen Chaos pur, beim Abendessen ist es nicht besser. Und aus dem vertrockneten, überlagerten, seifigen, Brie und dem Reblochon hätte man maximal noch sehr stark gewürzten Obatzten machen dürfen, aber nicht mehr zum Frühstück servieren. Der Safe in unserem Zimmer ging nicht zu, und heutzutage lässt man Laptops ungern offen rumliegen. Viermal (viermal!!!) haben wir diversen Leuten an der Rezeption und im Service gesagt, man möge doch bitte den Safe auf unserem Zimmer in einen funktionsfähigen Zustand versetzen, viermal wurde uns dies zugesagt, viermal ist nichts passiert. Sowas ist doch eine Frechheit gegenüber dem Gast. Da ist noch viel Potential nach oben. Und dieser Björn Leist, der kann sicherlich kochen wie ein junger Gott, seine Küche ist unbestritten phänomenal, aber wirklich sozial scheint der nicht zu sein. Ihn mal zu sprechen ist offenbar sowieso unmöglich, er rennt durch seinen Laden, ohne uns Gäste auch nur mal zu grüßen. Ich will ja gar nicht, dass der Koch jeden Abend wie ein Lafer- oder Schubeck-Clown ins Restaurant kommt und sich seine Ovationen bei dem blöden Zahlvolk abholt, aber unnahbar sollte ein Koch auch nicht sein, das ist arrogant, und so kommt Leist bei mir rüber, arrogant oder ängstlich oder beides.
    Auch wenn ich oft mal anderer Meinung bin, Ihr Blog gefällt mir sehr gut. Weiter so!
    Freundliche Grüße
    Ihr
    Phillip Steinerer

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