Caro und ich haben uns gezofft. Gezofft nicht über die generelle weltpolitische Lage, nicht über gemeinsame Urlaubsziele, schon gar nicht über’s Geld, nein, wir haben uns gezofft um: Kässpätzle. Und das kam so: Caro hatte eine Wette verloren, der Verlierer musste dem Gewinner und gemeinsamen Freunden eine Riesenportion echte, selbstgemachte Kässpätzle kochen und servieren, mit allem, was sonst noch so dazugehört. Ich habe absolut keine Ahnung, wie sich eine durchaus vernunftbegabte Frau, die mit Kochen wenigstens ebenso viel am Hut hat wie eine Kuh mit Fahrradfahren, sich dazu hinreißen lassen kann, um die Zubereitung von Kässpätzle zu wetten. Ungleich schlimmer noch: Wie nämliche durchaus vernunftbegabte Frau sich erblöden konnte, diese Wette dann auch noch zu verlieren und so ihre Wettschuld einlösen zu müssen. Caro ist manchmal halt seltsam … sehr seltsam.
Natürlich kam die frisch gebackene Verliererin zu mir und verlangte frei heraus, ich solle ihr mal eben detailliert erklären, wie denn nun Kässpätzle zuzubereiten seien. Im Prinzip ist das ja gar nicht schwer: einen Spätzleteig anrühren, Spätzle schaben, hobeln oder pressen, frisch gekochte Spätzle sofort in einer gut vorgewärmten Auflaufform abwechselnd mit geriebenem, kräftigem Bergkäse und etwas Emmentaler schichten (zusätzlich noch Räßkäse ist mir dann doch zu heftig), über jede Schicht ein paar Butterflöckchen und ein paar Löffelchen Milch geben, gegebenenfalls noch kurz im Backofen erhitzen und mit reichlich gerösteten beziehungsweise frittierten Zwiebelringen sofort servieren. Soweit die Theorie.
Wie viel Mehl sie denn nehmen solle, fragte Caro. „Für neun Leute würde ich mal zwei Pfund rechnen“, antwortete ich. „Und wie viel Eier?“, fragte sie. „Je nachdem, so neun bis zehn“, antwortete ich. „Was nun, neun oder zehn?“, fragte Caro nach. „Keine Ahnung, kommt drauf an.“ „Kommt worauf an?“ „Kommt drauf an, welches Mehl du nimmst, wie groß die Eier sind, welche Spätzlegerätschaft du verwendest.“ „Spätzlegerätschaft?“ Sehr fragender Gesichtsausdruck seitens Caro. „Ja, willst du die Spätzle vom Brett schaben, oder hast du einen Spätzlehobel, ein Knöpflesieb, eine Spätzlepresse, eine Spätzlehex …?“ „Hä?“, sagte Caro verständnislos. „Habe ich alles nicht, muss ich noch kaufen. Was soll ich denn kaufen?“ „Kommt drauf an, was du damit machen willst.“ „Blöde Frage, Spätzle natürlich.“ „Kauf dir eine Spätzlehex“, sagte ich nur ganz leicht resigniert, „damit ist es am einfachsten und am schnellsten. Musst du wahrscheinlich im Internet bestellen. Die, die’s bei Amazon gibt, die ist scheiße, die hatte ich auch mal. Bestell lieber gleich bei Delta, die machen die Richtigen.“ „Also gut, Spätzlehex – was immer das auch sein mag – bei Delta bestellen. Weiter: wie viel Mehl genau?“ „Ein Kilo sollte reichen, aber nimm lieber mal zweieinhalb Pfund, wenn was übrig bleibt, kannst du’s immer noch einfrieren. Der Aufwand und der Dreck in der Küche bleiben fast dieselben, ich mach Spätzle immer gleich auf Vorrat.“ „Verstanden, 1,25 Kilo Mehl. Wie viele Eier?“ „Bei zweieinhalb Pfund Mehl, so elf bis 13.“ „Was nun, elf oder 13?“ „Sagte ich doch, kommt drauf an. Jedes Mehl ist anders.“ „Also, welches Mehl soll ich genau kaufen?“ „Spätzlemehl ist hier natürlich das Beste. Kriegt man hier oben aber nur schwer. Notfalls kannst du auch normales 405er nehmen, gemischt mit so zehn, zwanzig Prozent Hartweizengrieß.“ „Alles zu kompliziert. Wo kriege ich Spätzlemehl her?“ „Ich bestelle meines seit Jahren regelmäßig bei der Oettinger Mühle in Ilsfeld, das ist gut, immer gleich fünf Kilo, die reichen für ein halbes Jahr, zumindest bei mir.“ „Was will ich mit fünf Kilo Mehl? Aber einerlei, also Spätzlemehl von der Oettinger Mühle in Ilsfeld bestellen. Wie viele Eier dann exakt?“ „Kann ich dir nicht sagen. Ich würde einfach zwölf Eier und einen Schluck Mineralwasser nehmen – Salz nicht vergessen –, und wenn der Teig zu dünnflüssig wird, noch etwas Mehl dazugeben.“ „Damit kann ich nichts anfangen“, sagte Caro ungeduldig, „ich brauche exakte Gramm, Stück, Milliliter und keine kryptische Dünnflüssigkeit.“ „Genaue Gramm kann ich dir nicht geben. Jedes Mehl ist anders, jedes Ei ist anders, ich kann dir nur ungefähre Werte geben. Die Knetdauer und -geschwindigkeit beeinflussen den Teig, wahrscheinlich spielen auch noch die Luftfeuchtigkeit beim Teigkneten und die aktuelle Planetenkonstellation eine Rolle, keine Ahnung. Es geht nur darum, was hinten rauskommt, dass der Teig am Ende die richtige Konsistenz für deine Spätzlegerätschaft hat, und dazu braucht’s halt manchmal etwas mehr Mehl, manchmal etwas mehr Wasser.“
Versuchen Sie mal, einem Eleven, der noch nie in seinem Leben Spätzle gemacht hat, zu beschreiben, wie die Konsistenz des Teiges für eine Spätzlehex im Vergleich zum Teig für ein Spätzlebrett beschaffen sein muss: ‚Zähflüssig vom Knethaken fließend‘, ‚schwer reißend‘, ‚blasig‘, ‚nicht zu kompakt‘, ‚wie zäh fließender, halbfester Honig‘, ‚wie ein zähklebriger Rührteig, nur schwerer‘, ‚wie feuchter, schwerer Ton‘ … alles blumige Worte, die dem Eleven nur wenig helfen. Ich war auch mal Spätzle-Eleve; ich habe meine Lektion in unzähligen mehr oder minder misslungenen Spätzleversuchen gelernt. Heute weiß ich aus dem Effeff, wie ein guter – ich sage noch nicht einmal ‚perfekter‘, das traue ich mir noch nicht zu – Spätzleteig beschaffen zu sein hat, ob ich ihn nun vom Brett schaben, durch den Spätzlehobel jagen oder mit der Spätzlehex kurbeln will: Jedes Mal ist es eine andere Teigbeschaffenheit. Aber diese differenten Teigbeschaffenheiten exakt zu beschreiben, dazu reicht meine Sprache nicht aus, hier hilft nur Trial and Error. Caro wurde ärgerlich. „Sag mal, kannst du überhaupt kochen? Wenn du kochen kannst, musst du doch auch in der Lage sein, mir ein exaktes Rezept für diese schwäbischen Pseudo-Nudeln zu geben!!!“ „Bin ich eben nicht“, blaffte ich zurück. „Es gibt kein ultimatives Spätzle-Rezept! Es gibt Näherungswerte, das Finetuning musst du immer noch selber an der Rührschüssel vornehmen. Außerdem bist du es doch, die, wann immer ich dich was Juristisches frage, antwortet ‚Das kann man so nicht sagen …‘, und dann kommst du mir mit Paragraphen und Fällen und Ausnahmen und Abwägungen von Rechtsgütern und Unwägbarkeiten und was weiß ich noch alles. In deiner Juristerei ist es doch auch nicht anders.“ „Recht ist doch was ganz anderes als Kochen! Da gibt es als letzte Instanz immer das Gericht, und dann ist der Fall entschieden, klar entschieden.“ „Ja, und beim Kochen ist die letzte Instanz in diesem Fall halt die Konsistenz des Spätzleteigs, da gibt es vorher immer auch Unwägbarkeiten, und wenn die Spätzle gut werden, ist der Fall ebenfalls klar entschieden. Und wenn sie scheiße werden, auch.“ „Das ist doch was ganz anderes …“ „Sehe ich nicht so. Kochen ist kein mechanischer, mathematisch exakt beschreibbarer Prozess. Selbst die Kochzeit von weichen Eiern variiert nach Größe, Kühlschranktemperatur, Schalendicke, Seehöhe. Man kocht immer mit mehr oder minder Naturprodukten, und die variieren nun mal nach Herkunft, chemischer Zusammensetzung, spezifischen Eigenschaften. Mehl ist eben nicht gleich Mehl, und Ei ist nicht gleich Ei. Punktum.“ „Worauf habe ich mich da nur eingelassen, bei so einer Nullnummer als Berater? Ich dachte, du sagst mir kurz das Rezept, gibst mir vielleicht noch ein, zwei Tipps, ich koche den Schmons runter, und das war’s für mich, ich habe meine Wettschulden eingelöst.“ „Musstest du ausgerechnet um Kässpätzle wetten? Ein Steak wäre weitaus einfacher gewesen.“ „Hat sich so ergeben“, gestand Caro reichlich kleinlaut ein. „Und nun?“
Und nun? Es kam, wie es kommen musste. Ich packte meine Spätzlehex und mein Spätzlemehl ein, fuhr nach Frankfurt, kaufte die restlichen Sachen ein (der Käseladen in der Leipziger Straße in Frankfurt ist wirklich sehr gut sortiert und nett) und stellte mich bei Caro in die Küche. Caro kam dazu, sie hatte sich extra eine albern große Schürze gekauft und bemühte sich nach Kräften, diese zu bekleckern, damit ihr jeder glauben würde, dass sie auch tatsächlich gekocht hatte. Ich rührte Spätzleteig wie ein Weltmeister, gemeinsam machten wir einen Probelauf, der erste Durchgang ging voll in die Hose. Caro konnte es sich nicht verkneifen, zu bemerken: „So, so, du weißt also aus dem Effeff, welche Beschaffenheit der perfekte Spätzleteig für dein Spätzledingsbums haben muss.“ Ich ließ das dann mal unkommentiert; beim zweiten Anlauf klappte dann alles ganz ordentlich. Käse reiben, Zwiebeln in Ringe schneiden und mehlieren, Frittierfett vorbereiten, Unmengen von Salat putzen und schnibbeln, Vinaigrette rühren – Caro half hier und da mehr lustlos und unengagiert mit, sie öffnete derweil lieber die Weinflaschen. Passend zu dem schwäbischen Essen gab es einen 2024er Lämmler Lemberger vom Schnaitmann, Großes Gewächs – im Laden kostet so was über 60 Euro die Flasche, Caro wollte sich wohl nicht nachsagen lassen, sie hätte sich lumpen lassen. Vorspeise und Nachtisch machen blieb mir erspart, Caro hatte bei ihrer Haus- und Hof-Italienerin Donna Francesca Antipasti und Dolci Misti bestellt, und die sind eigentlich immer genial.
Der Rest war dann banal. Gäste kamen pünktlich und vollzählig, Caro gab die perfekte Gastgeberin, noch immer in Schürze, um ihr Gesicht zu wahren – von wegen verlorener Wette und selber kochen. Sie verschwand zuweilen zu mir in die Küche und tat so, als täte sie was, rauschte wieder raus – ich war immer froh, wenn dieses Küchen-Irrlicht wieder verschwunden war – und gab weiter Gast. Die feinen Herrschaften – alles Juristen, grässliche Leute, ich verstehe nicht, wie Caro das Tag für Tag mit denen aushält, und die Gespräche erst: Von dem, was ich am Rande mitbekam, verstand ich fast nur Bahnhof – parlierten, schnabulierten die gemischten italienischen Vorspeisen, süffelten, lachten zuweilen sogar. Ich hatte mir eine Flasche Wein für die Küche gekapert, drehte meine – Verzeihung: Caros – Spätzle durch die Spätzlehex, schichtete sie portionsweise – ganz wie auf der Alm – in zwei recht große, vorgewärmte, gusseiserne Pfannen, verteilte großzügig geriebenen Bergkäse, etwas Emmentaler, Butterflöckchen und wenig Milch auf jede Schicht und schob die beiden Pfannen bei geringer Hitze noch kurz in den Backofen, damit der Käse vollständig schmelzen konnte, derweil ich Berge von vorbereiteten Zwiebeln frittierte, die fertig geputzten Salate noch rasch mit der Vinaigrette vermischte und alles auftrug.
Das „Aha“ und „Oho“ war laut und deutlich. „Habe ich tatsächlich alles selber gemacht, er …“ – sie meint mich – „… hat mir nur ein wenig geholfen.“ Caro, du Ratte, ich hasse dich, aber ich schwieg brav und diskret, doch dafür habe ich was gut bei ihr. Der herzhafte Käsegeruch setzte sich in jede Pore des Raums, während alle kräftig und sichtlich mit großem Appetit zulangten. Ich trollte mich bald wieder aus der Runde und widmete mich der Vorbereitung der Nachtische, die Donna Francesca bereits hatte anliefern lassen. Caro ließ es sich nicht nehmen, die Nachtische, auf einem großen Servierwagen als kleines Buffet drapiert, persönlich an den Tisch zu schieben. Der penetrante Käsegeruch im Raum wetteiferte jetzt mit den zarten Aromen der Desserts, aber sie schmeckten köstlich. Dann noch Kaffee, Digestiv – darum kümmerte sich Caro tatsächlich persönlich –, zügiger Aufbruch – alle mussten am nächsten Morgen wieder in ihren Kanzleien, Büros und Gerichten sein –, große Verabschiedung, Bussi-Bussi (ich hasse das) und Tschüss, weg warn’se. Zurück blieben ein verwüsteter Esstisch, eine zerbombte Küche – obwohl ich zwischendrin schon immer nach Kräften aufgeräumt hatte – und der penetrante Käsegeruch.
Und – eigentlich – hasse ich Kässpätzle. „Danke Schatz, du hast mir echt den Arsch gerettet. Du hast was gut bei mir. Nie wieder wette ich um irgendwelche Kochsachen, nie-nie wieder. Drink und Zigarre auf der Terrasse?“ „Gerne“, antworte ich. „Aufräumen kann morgen die Putzfrau. Soll ich dir einen Martini mixen?“ „Nochmal gerne. Make it executive size!“ Ich bediente mich am Humidor, nahm zwei Bolívar Tesoros, den Zigarrenschneider und Zedernholzspäne und ging auf die Terrasse; hier roch es wenigstens nicht nach Käse.

