Weichandhof: wieder einer weniger …

Summa summarum: erfolgreich renoviertes, gemütliches Traditionslokal mit hübschem Biergarten am Münchner Stadtrand, heute von Großgastronomen bewirtschaftet, in die kulinarische Allerwelts-Beliebigkeit abgerutscht, und das bei mehr als mäßiger Küchenqualität, aber für Amis und Tagungsteilnehmer reicht’s

Rund um die alte St. Georgskirche in Obermenzing, heute ein Stadtteil von München, da gab es im letzten Jahrhundert ein festes Dreigestirn von Bayerischen Gaststätten. Gleich neben der Kirche der Alte Wirt, mit über 600 Jahren das älteste Gasthaus Münchens, hier verkehrten der Herr Tischler und die Frau Lehrerin, vor allem aber die (ehemaligen) Bauern, die durch den Ausweis ihrer Äcker als Bauland allesamt quasi über Nacht zu Multi-Millionären geworden waren, und mit den Sterns als Pächterfamilie und Benni dem großen, gutmütigen Sennhund mit dem immer zotteligem Fell war der Alte Wirt jahrzehntelang immer eine bodenständige, aber sichere und authentische gastronomische Bank. Die einfacher gestrickten und weniger betuchten und mehr durstig als hungrigen bajuwarischen Zeitgenossen verkehrten rustikaler vis-à-vis auf der anderen Seite der Pippinger Straße im Bayrischen Hof. Und die G’stopften schließlich, der Herr Unternehmer  und die Frau Richterin, die gingen gepflegt (und höherpreisig) speisen zu Peter und Eva Hiebl in den Weichandhof. Das war einmal. Heute sitzt die Familie Schlegl als Pächter auf dem Alten Wirt, und was die dort abliefern, ist für mich einfach nur noch erbärmlich. Im ehemaligen Bayrischen Hof schabt ein Grieche Gyros vom Spies. Und im Weichandhof haben heute Großgastronomen das Sagen. Nach dem Tode von Peter Hiebl wurde bereits der Übernachtungsbetrieb mit seinen 21 Zimmern 2010 an den Hotelbetreiber Christian Lehmann outgesourct und heißt jetzt Weichandhof by Lehmann Hotels. Und seit Anfang 2018 ist das Restaurant in den Händen des kurzzeitigen Sternekochs Peter Kinner (mit 21 Jahren war er im Sabitzer der jüngste Sternekoch Deutschlands) und des Clans des Wies’n-Festzelt-Betreibers Schottenhammel. Ehemaliger Sternekoch, das hört sich für ein Restaurant durchaus erstmal vertrauenserweckend an, aber schaut man sich die geschäftlichen Aktivitäten des Herrn Kinner insgesamt an, so ist es zumindest doch fraglich, ob so einer noch wirklich kocht oder sich auch nur intensiv um seine diversen Küchen kümmern kann; zu diesen Aktivitäten zählen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Kinner Logistik im Küchenbereich GmbH, Schlosswirtschaft Schwaige Nymphenburg GmbH, Weichandhof Gaststätte GmbH, Alter Hof Gastronomie GmbH & Co. KG c/o Schlosswirtschaft Schwaige Nymphenburg GmbH, Tegernseer Tal Gastronomie GmbH, SAS Immobilienverwaltung GmbH (vormals Nymphen.Burg Catering & Locations GmbH), Respekt kann man da nur sagen. Ich glaube, es war Bocuse, der sagte „Ich koche heute nicht mehr. Ich trinke Champagner und zähle Geld.“

Dabei hat die Renovierung durch die neuen Betreiber dem Wirtshaus durchaus gut getan. Die alten Parkettböden und dreiviertel-hohen hölzernen Wandvertäfelungen sind geblieben, das Mobiliar ist weitgehend unverändert, gemütliche Tische und Sitzecken, weiße Tischtücher, ein zünftiger Wirtshaus-Biergarten, blau-weiße Fensterläden, zuweilen brennt sogar der Kamin, alles nur etwas behutsam erneuert und frisch gestrichen, fast könnte man sich auch heute noch in den guten alten Achtzigern wähnen. Bis man in die Speisekarte blickt. Für mich liest sich die wie früher eine Speisekarte im Speisewagen eines TEE, als die Bahn bzw. Mitropa noch versuchte, in Zügen richtig und frisch zu kochen und nicht nur Packerl aufzuwärmen, wie heute. Diese Speisekarten mussten für jeden Geschmack etwas bieten und die Zubereitung durfte nicht aufwändig sein, so klingt es für mich heute auch im Weichandhof. Da gibt es einerseits eine Handvoll traditioneller Bayerischer Gerichte, Obazda, Nürnberger, Schweinskrustenbraten (natürlich von der glücklich totgekitzelten Bio-Sau), Ente, Eglifilet, Apfelkücherl und so; andererseits spukt Allerwelts-Küchen-Ausstoß durch die Karte, „Ziegenkäsescheiben in Pumpernickel-Kürbiskern-Mantel gebraten auf süß-saurem Kürbis mit Rucolasalat und Preiselbeer-Vinaigrette“, „Kürbiscremesuppe mit Chili-Vanille-Apfel und Kernöl“, „Veganer Kürbis-Krautstudel mit Maronen-Tomaten-Kokos-Sauce und Blattsalaten in weißem Balsamicodressing“, „Bisonfetzen mit pikanter Senfkruste an Knödel-Gröstel und Gurkensalat“ und natürlich der heute bei Ami-Publikum offensichtlich unvermeidliche „Alpen-Burger vom bayrischen Rind 180g mit Bergkäse, Speck und Pommes frites“ (und warum steht beim Rind nicht auch, dass es biologisch totgekitzelt wurde, sondern nur bei der Sau?). Wer braucht so etwas in einem angeblich Bayerischen Wirtshaus? Das ist Allerweltsküche mit der man Touristen, Geschäftsleute und Tagungsteilnehmer aus aller Welt bequem abfüttern kann. Eine Handschrift, einen Stil, ein Gesicht hat so eine Küche nicht, das ist beliebig. Und dazu noch schlecht gemacht. Der Feldsalat zur Vorspeise schlampig geputzt und gewaschen und knirschte beim Kauen. Die Rinderbrühe ein dünnes Süppchen, das Grießnockerl bereits in Auflösung begriffen, die Julienne matschig-zerkocht. Die Matjes von mäßiger Qualität, Sauce wahrscheinlich irgendeine Konservierungsstoff-schwangere Fertigmischung mit saurer Sahne, Äpfel, Gurken, Zwiebelringen, dazu mitten in der besten deutschen Bohnenzeit lauwarme genormte Keniabohnen, die geschmacklosen Sättigungsbeilagen-Kartoffeln warmgehalten. Der Schweinekrustenbraten faserig-trocken und gänzlich Krusten-frei; und die dünnen, fettigen Sößchen vom Schweinebraten, dem Zwiebelrostbraten, den Nürnbergern und der Ente ähnelten sich geschmacklich sehr frappierend, fanden wir alle Vier. Ach ja, die Ente, warmgehalten, ledrige Haut, nicht wirklich fleischig, eher ein Hunger-Vogel, Fleisch nicht zart, sondern weich, aber faserig, und wenn zur Ente ungefragt ein massives Steakmesser serviert wird, so sollte das zu denken geben. Der Zwiebelrostbraten nicht wie bestellt medium, sondern totgebraten, die frittierten Zwiebeln darauf kalt und zäh, die Bratkartoffeln einmal kurz in der Pfanne geschwenkt und nicht heiß, geschweige denn resch, das Gemüse breiig. … Und so weiter.

Im Sommer kann ein Nachmittag im Biergarten des Weichendhofs noch Spaß machen, bei süffigen Bieren vom Tegernseer Brauhaus und der Weißbierbrauerei Miesbach, dazu vielleicht ein Wurstsalat oder Obazda und eine resche Brezn (die wirklich nicht schlecht sind), das ist noch halbwegs urig-authentisch. Auch die Servicekräfte sind flott, freundlich und ziemlich professionell. Nur vor der Essenszeit sollte man tunlichst einen anderen Ort aufsuchen.

 

Weichandhof Gaststätte GmbH
Geschäftsführer Peter Kinner
Betzenweg 81
81247 München
Tel.: +49 (89) 8 91 16 00
Fax: +49 (89) 89 11 60 12
E-Mail: mail@restaurant-weichandhof.de
Internet: www.restaurant-weichandhof.de

 

Hauptgerichte von 11,50 € (Burger mit Pommes) bis 35,50 € (Großes Bisonsteak mit Beilagen), Drei-Gänge-Menue von 22,30 € bis 58,30 €

 

Doppelzimmer mit Frühstück (pro Zimmer, pro Nacht) 93,80 € bis 137 €

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