Mit 13 eigenen Restaurants und sieben Delikatessengeschäften im Vereinigten Königreich gehört Yotam Ottolenghi gewisse zu den gehyptesten Modeköchen und erfolgreichsten Nahrungsmittelunternehmern unserer Zeit, doch sein neuestes Werk hinterlässt einen durchaus zwiespältigen Eindruck. Sicherlich, das Buch „Simple Too“ (als Fortsetzung des 2018 erschienen und weltweit millionenfach verkauften Werkes „Simple“) liefert gewiss keine langweiligen Reproduktionen altbekannter oder sanft modifizierter Küchen-Klassiker und ist auch keine kreativ neu gemixte thematische Rezeptsammlung über ‚Mittelmeer-Küche‘, ‚Party-Gerichte‘, ‚Kochen mit dem Airfryer‘ und wie diese Remixe derzeit alle heißen. Das Buch strotzt fast durchweg vor neu erfundenen oder zumindest einfallsreich adaptierten Rezepten, statt immer nur Altbekanntes wiederzukäuen. Das zeigt kreativen Mut und bringt frischen Wind in die heimische Küche.
Die Schwerpunkte liegen – typisch für Ottolenghi – auf Mittelmeerküche, Gemüsen und orientalischen Gewürzen. Die Zubereitungen selbst versprechen einen entspannten Kochstil: die Abläufe sind zumeist erstaunlich einfach. Jedes Gericht kann in 10, 20 Minuten vorbereitet und dann in 20, max. 60 Minuten gegart werden, das entspricht durchaus dem Zeitgeist, wo Kochen weniger Muße (mit Muse) und wenn schon nicht Kunst, so doch handwerkliche Fähigkeit ist, sondern mehr leidige, rasch und möglichst einfach zu erledigende Notdurft. Es wird im Grunde immer irgendetwas zusammenrührt, gegart und mehr oder minder raffiniert gewürzt, große kochtechnische Vorkenntnisse oder Profi-Ausrüstung sind dafür absolut nicht notwendig, Kochanfänger und -muffel mag das durchaus freuen.


Der große Wermutstropfen folgt jedoch beim Blick in die Zutatenliste. Hier verliert Ottolenghi schlichtweg jede Bodenhaftung: der Autor verlangt eine Fülle an exotischen, teils vollkommen unbekannten Zutaten, die kaum jemand zu Hause hat und die im normalen Handel – insbesondere in der deutschen Provinz – schlicht und einfach nicht erhältlich sind. Wer nicht gerade in einer internationalen Metropole mit exzellent sortierten Spezialmärkten wohnt, fühlt sich beim Blättern bisweilen weniger an ein praxisnahes Kochbuch für den Alltag als vielmehr an einen exklusiven Werbeprospekt für die hauseigenen Gourmetgeschäfte – samt praktischem Online-Shop – des Autors erinnert, wo es – welch eine Überraschung – eine Vielzahl der verwendeten exotischen Zutaten gleich für gutes und reichliches Geld zu kaufen gibt; das „Simple Too Ingredients Set“ kann man für schlanke 68 £ online direkt bei Herrn Ottolenghi bestellen. Fazit: Eine inspirierende Ideensammlung für kreative Köche mit exzellenter Infrastruktur, aber für den ländlichen Alltag nur sehr bedingt tauglich
Eine persönliche Anmerkung noch: dass dieser Hohepriester der exotischen Gewürze andauernd ohne Scham in seinen Rezepten industrielles Vanilleextrakt verwendet, statt – in mühsamer Handarbeit – echte Vanilleschoten auszukratzen, das verwundert mich schon sehr – liegt aber wohl im Trend der auf Arbeitsminimierung kalibrierten Zeit.

Yotam Ottolenghi und Verena Lochmuller: „Ottolenghi Simple too: Das Kochbuch“; Photos: Jonathan Lovekin; Übersetzung: Regine Brams; Dorling Kindersley Verlag, München: 2026; Gebundene Ausgabe, 304 Seiten; 40 EURO; ISBN-10: 3831053359, ISBN-13: 978-3831053353
Photos © DK Verlag / Jonathan Lovekin

