Sugar Bakery Seattle: Blattschuss auf den Zeitgeist

Summa summarum: ich ziehe jetzt auch in’s Imperium, lasse mir eine nette Story mit viel Buzzwords einfallen, suche eine gute Location, rufe laut „Guru-guru“, koche dort irgendwas und werde reich.

Es ist immer wieder unglaublich, womit man im Imperium erfolgreich sein kann. Man nehme: zwei gut positionierte innerstädtische Verkaufslokale, nichts Besonderes, Neubau, Erdgeschoss, quadratisch-praktisch-gut, mit dem Charme eines Sanitätshauses, der Funktionalität eines Fahrradgeschäfts und der Heimeligkeit eines Kopierladens oder einer öffentlichen Toilette, aber gute Lauflage in privilegierten Wohnvierteln, dort, wo die Leute nicht auf den Cent achten müssen. Dann baue man in beide Ladenlokale in der Mitte einen u-förmigen Tresen, zum Teil mit Glasvitrinen zur Auslage von allerlei Backwaren und Fertig-Stullen, zum Teil mit Flächen für Kaffeemaschinen, Registrierkassen, Pappbecherstapel. Um den mächtigen u-förmigen Tresen stelle man Holztischlein, an die Wände montiere man Holzbänke, darüber irgendwas, was wie gewollte Kunst aussehen könnte, dazu große offene Fensterflächen und ziemlich schnelles, kostenloses W-Lan für alle. Dann biete man diverse Backwaren an – Croissants, Zimtrollen, Brioche, Muffins, Cookies, Kuchen, Torten –, dazu ein paar Sandwiches – Truthahn, Brie und Prosciutto, Eiersalat, Curry-Chicken –, Tagessuppe, verschiedene Kaffees und Drinks, darunter in kleine Flaschen abgepacktes Wasser aus Italien (8.626 Kilometer Transportstrecke) und von den Fidschi Inseln (9.400 Kilometer Transportstrecke), garniere alles reichlich mit Buzz-Worten wie „Veggie“, „Vegetarian“, „Eco“, „Housemade“, „Handcrafted“, „Bio“, „Ecological“, „Zero Miles“ , „Regional“, „Vegan“, verlange dazu happige Preise (3,60 EURO für ein Croissant z.B.) und stelle in das ganze Tableau sodann vollkommen unausgebildete, teilweise strunzend dumme oder faule, junge und durchweg hübsche, für imperiale Verhältnisse aufreizend gekleidete Frauen, die den Kaffee so ungeschickt brühen und die Backwaren  so langsam aus den Auslagen nehmen, dass sich andauernd lange Schlangen bilden … und fertig sind regionaler Kult-Bäcker und regionales Kult-Café. Als gäbe es kein Morgen, strömen die jungen Leute hier rein, holen sich ihr einfaches Frühstück oder Lunch, verschwinden mit To-go-Tüten oder setzen sich an die kleinen Tische, loggen sich in’s W-Lan ein und gehen ihren virtuellen Beschäftigungen in ihren virtuellen Welten nach. Alles schön und gut, das mag ein jeder tun, wie er’s mag … nur wirklich gut ist nichts von den Backwaren, nicht etwa richtig schlecht, eben nicht distinktiv gut, da hat so mancher deutsche Dorfbäcker besseren Stoff, und in einer Blindverkostung würde ich nicht schmecken, ob dieser Kaffee aus der Sugar Bakery, von McCafe oder von Starbucks stammt. Und doch haben diese beiden Schuppen derzeit Kult-Status in Seattle.


Sugar Bakery & Coffeehouse

1014 Madison Street
First Hill, Seattle, WA 98104
Tel.: +1 (2 06) 7 49 41 05

110 Republican Street
Queen Anne, Seattle, WA 98109
Tel.: +1 (2 06) 6 95 25 18

E-Mail: orders@sugarbakerycafe.com
Online: www.sugarbakerycafe.com


P.S.: Das beste überhaupt in der Sugar Bakery Seattle: das Bacon Chocolate Chip Cookie. Ein Karamell-Keks mit Espresso und halbsüßer Schokolade, garniert mit krossen Speckstreifen. Wer so etwas isst hat auch keine Skrupel, Kriege anzuzetteln.

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