Slow Food Führer Österreich 2019 (und sein schwaches Deutsches Pendant)

Pünktlich zum Jahreswechsel (ich weiß, ich bin etwas spät dran) ist der neue Slow Food Führer Österreich erschienen: „Unsere liebsten Wirtshäuser Österreich & Südtirol 2019“. Severin Corti (für Piefkes: man kennt den Namen von den Restaurant-Kritiken in der renommierten Österreichischen Tageszeitung „Der Standard“) und Georges Desrues stellen gemeinsam mit ihren regionalen Referenten von Slow Food 581 Wirtshäuser und Einkaufsmöglichkeiten vor, die den Slow Food-Kriterien gerecht werden. Längst ist dieser Führer zum kundigen und unentbehrlichen Begleiter jedes kulinarisch interessierten Österreich-Reisenden geworden, sofern das kulinarische Interesse jenseits von Klopsbratern, Schabefleischschabern, Sternentempeln, Erdbeeren im Januar, Riesenschnitzeln, All-You-Can-Eat-Dreck und gegrillten Timbuktu-Heuschrecken liegt. Regional, traditionell, ökologisch, fair, gut, das sind alles Slow Food-Kriterien die jeder unbesehen unterschreiben können sollte. Der Aufbau des Führers ist klar und unverschnörkelt, gegliedert nach den Bundesländern, voraus jeweils eine Übersichtskarte, dann eine Seite pro Etablissement mit Kontaktdaten, Öffnungszeiten, Preisen, Größe, Bezahlmöglichkeiten, Spezialitäten und einer kurzen Beschreibung in Fließtext. Das alles ist ausgesprochen pragmatisch gehalten, kaum stimmungsvolle Füll-Bilder, ganz wenig Werbung passender Öko-Marken, kein schwülstiges Weltverbesserungs-Geschwafel selbstdarstellungssüchtiger Gutmenschen, der Slow Food Führer Österreich will ein Restaurantführer sein, nicht mehr, aber das dann auch richtig. Und das ist hier wieder ausgesprochen gut gelungen. Die Tatsache, dass Südtirol hier wie selbstverständlich in einen Österreichischen Führer integriert wird, ist einerseits sehr praktisch, entbehrt andererseits aber auch nicht einer gewissen politischen Delikatesse. Ich find’s gut.

In weiten Strecken gänzlich anders der ebenfalls neu erschienene „Slow Food Genussführer 2019/20. Unsere besten Restaurants und Gasthäuser in Deutschland“. Klar, auch hier werden den Slow Food-Kriterien entsprechende Gasthäuser und Einkaufsmöglichkeiten nach Regionen gegliedert auf je einer Seite vorgestellt. Aber wo die Österreicher kurz und knackig sind, geraten die Deutschen regelmäßig in’s Schwafeln, wo die Österreicher meist weniger als eine Seite brauchen, um ein Restaurant treffend vorzustellen, schreiben die Deutschen Sermone bis an den Seitenrand (das muss ich Viel-Schreiber gerade monieren, aber ich befleißige mich ja auch nicht der Erstellung pragmatischer Reiseführer), wo die Österreicher gleich in medias res, die Gasthäuser nämlich, gehen, lese ich bei den Deutschen erstmal fett „Klimaneutral Verlag“, dann „2018 oekom Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH“, weiter „Herausgeber: Slow Food Deutschland e.V., Genussführer-Kommission“ (so sind sie, die Deutschen, Genuss-Kommissionen), schließlich „Papier aus verantwortungsvollen Quellen“, und dann kommen 150 Seiten Slow Food-Belehrung durchsetzt mit Werbung (für nur 15 € kann ich ein Testabo über drei Hefte von Psychologie Heute mit der Kraft des Verzeihens erwerben – wie gut, dass ich 28 EURO für das Buch ausgegeben habe, um nun dieses einmalige Angebot zu bekommen, aber Kommissionen wollen ja schließlich auch finanziert sein), bevor die ersten Gasthäuser überhaupt vorgestellt werden. Das ist kein Restaurantführer, das ist ökologischer Ideologie-Kampf mit angehängtem Restaurantführer. Die Österreicher, die verzichten auf schwülstiges Weltverbesserungs-Geschwafel selbstdarstellungssüchtiger Gutmenschen. Natürlich kann jeder machen, was er will, der Leser braucht es bei Missfallen ja nicht zu kaufen, aber in einem Restaurantführer hat sowas nichts verloren … meine ich.

Zumindest eine Randbemerkung ist die Tatsache wert, dass in dem Österreichischen Führer knapp 600 Adressen vorgestellt werden, im Deutschen hingegen gut 600. Wenn man bedenkt, dass Österreich inklusive Südtirol rund 9,3 Millionen Einwohner hat, Deutschland hingegen 82,8 Millionen, dann gibt es da ein gewisses Missverhältnis. In Deutschland kommt damit statistisch auf 138.000 Einwohner ein Slow Food-Restaurant, in Österreich hingegen auf 15.500. Was kann das heißen? Entweder tricksen die Ösis und sie zählen alles Mögliche als Slow Food (glaube ich nicht, ich bin extrem selten reingefallen, wenn ich dem Österreichischen Slow Food-Führer vertraut habe), oder die Deutsche Genussführer-Kommission ist faul und listet nicht alle in Frage kommenden Adressen auf (glaube ich auch nicht, eine Deutsche Kommission würde nie unkorrekt arbeiten, wo die Deutschen kommissionieren und missionieren, da wird jede Erbse exakt gezählt, notfalls auch doppelt!). Oder aber, … oder aber … es ist mager – um nicht zu sagen scheiße – bestellt um Slow Food in Deutschland, deutlich schlechter zumindest als in tu felix Austria, in Deutschland dominieren dann halt anscheinend doch die Klopsbrater, Schabefleischschaber, Sternentempel, Erdbeeren im Januar, Riesenschnitzel, All-You-Can-Eat-Dreck und gegrillte Timbuktu-Heuschrecken … tu infelix Germania.

 

Severin Corti und Georges Desrues (Hrsg.): „Unsere liebsten Wirtshäuser in Österreich & Südtirol 2019“; Servus Verlag by Benevento Publishing, Salzburg/München: 2018; ISBN-13 9783710401855; 500 Seiten;  20,00 EUR

 

Slow Food Deutschland e.V. (Hrsg.): „Slow Food Genussführer 2019/20: Unsere besten Restaurants und Gasthäuser in Deutschland“; oekom, München: 2018; ISBN-10 9783962380571; 752 Seiten; 28, 00 EURO

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