Sauftour in Wien: 5. Akt im Grande

Vor dem Hotel nieselt es, dazu weht ein unangenehmer kalter Wind. Wir zwängen uns mal wieder in ein Taxi, diesmal sitzt Siegrid vorne, ich komme hinten zwischen Mona und Caro zum Sitzen, an Anschnallen nicht zu denken zu dritt auf der Rückbank eines Fiat. „Josefstädter Ecke Kupkagasse, ins Grande“, dirigiert Siegrid den Droschkenkutscher, „und machen Sie bitte den Krach aus.“ Der Fahrer ist sichtlich erbost, dass diesmal Siegrid arabisches Kulturgut als ‚Krach‘ bezeichnet, schaltet aber widerwillig das Radio aus. Wir fahren schweigend durch die Wiener Nacht, zurück auf den Ring, vorbei am neuen Museumsquartier und der Hofburg, hinter dem Parlament links in Richtung Josefstädter. „Wie findest Du das neue Museumsquartier?“ will ich von Siegrid wissen. „Affig-verfehlt, da werden hochsubventioniert irgendwelche Spinner mit Beziehungen in super-renovierten, super-teuren, super-schicken, super-Innenstadt-nahen Räumen einquartiert, die dann Quatsch machen, den sie Kunst nennen.  OK, das Leopold Museum ist vielleicht noch ganz nett, aber das könnte auch überall sonst stehen. Den Rest kann’ste komplett in der Pfeife rauchen, außer vielleicht noch die Event Locations, da gibt es öfters mal geile Partys. Dem Vernehmen nach sehr wohlfeil zu mieten, wenn man über die entsprechenden Beziehungen verfügt – heißt es.“ Da fahren wir auch schon vor dem Grande vor. Irgendwie ist das Grande eine Show für sich. Einerseits, durch und durch American Cocktail Bar, langer L-förmiger Tresen mit raumhohem, dahinter verspiegeltes Regal und eine Wandnische voller Schnapsflaschen und Leder-bezogene Barhockern davor, kleiner, gar nicht schlecht, vorwiegend mit kleinen Kalibern aus Kuba bestückter Humidor, eine Wand mit groben roten Backsteinen, die üblichen Barutensilien super-aufgeräumt und ergonomisch angeordnet, hier versteht jemand sein Mise en Place richtig gut, kleine Tischchen mit gemütlichen, niedrigen Sesseln, gedecktes, rötliches Licht; andererseits aber kann – und will wahrscheinlich auch nicht – das Grande seine Geschichte verhehlen, ich vermute, es war mal ein Vorstadt-Café (Café, nicht Kaffeehaus, ein himmelweiter Unterschied in Wien), grober Fliesen-Fußboden, Rüschen-Gardinen, Innen-Baldachine über den Fenstern, Stuck und Kronleuchter an den Decken; dieses Zusammenspiel von ausgedientem Vorstadt-Café und American Bar schafft ein ganz eigenes, ungewöhnliches, ambivalentes Ambiente. Dieses Ambiente wird nochmals verstärkt durch das Publikum, allesamt Eingeborene, schätze ich, hierher verirren sich weder Touris noch Barflys. Obwohl nur ein paar Gehminuten vom Ring entfernt, findet kaum ein Tourist des Abends in den 8. Bezirk, zumal so nah am verruchten Gürtel. Die Touristen werden im 1. Bezirk und Grinzing Heurigen-selig eingelullt und abgezockt oder sie verbarrikadieren sich nach Geschäftsschluss in ihren englisch-, russisch- und arabisch-sprachigen internationalen Hotelbunkern mit ihren für Österreich so landestypischen Speisekarten voller Big Burger, halāl Hammel, Schwertfisch-Sushi, Sirloin-Steak, kosherer Kreplach, veganer Vermicelles, Burgenländer Borschtsch und was man sonst noch so traditionell in Österreich isst; nein, solche Leute komme gewiss nicht des Nachts in die Josefstadt. Und für internationale Barflys ist das Grande bei weitem zu unspektakulär; man stelle sich vor, man hat als weltweit marodierender Profi-Säufer ein paar Nächte ein Wien, um dort saufender Dings neue, spektakuläre Highlights zu erkunden, von deren Entdeckung man dann in internationalen Hochglanzmagazinen, Nobel-Blogs und auf High-Society-Partys allseits bewundert Kunde tun kann – in diese Kategorie fällt das Grande ganz gewiss nicht, dazu ist es wieder viel zu wenig extravagant, und auch das ist gut so. Entsprechend rekrutiert sich das Publikum aus gepflegten, gewiss auch gebildeten und Kaufkraft-starken Wienern aus der Josefstadt und den angrenzenden Bezirken, was allesamt keine schlechten Wohnviertel sind. Die typischen Szenegänger fehlen ebenso wie die Bussy-Bussys und die Schickys und die Mickys; allerdings fehlen auch der statistisch repräsentative Handwerker beim Feierabendbier, der nette Rentner von nebenan und die Likör-trinkende Hausfrauenrunde (gewiss alles Klischees, weswegen man jetzt überlauniger Dings beherzt auf mich einschlagen kann; wer mag, nur zu, der Rest versteht‘s). Hier trifft man sich zum stil- und genussvollen Trinken, nicht zum Saufen (das wird später, im Torberg, so sein), zum Plaudern und Balzen, oder man sitzt einfach alleine an der Theke oder in einer Ecke und beobachte das Treiben, vielleicht in der Hoffnung, auch einen Plauder- oder Balz-Partner zu finden. Die Barkeeper machen einen professionellen Eindruck, blütenweiße Hemden, Armbinden, rote und schwarze Fliege (das erleichtert die Unterscheidung, mit dem Merken von Gesichtern tue ich mich immer schwer, nach zehn Drinks), breite Hosenträger (wie weiland in „Wallstreet“, heute eher anachronistisch), schwarze Hosen mit Bügelfalte: so muss Barkeeeper, nichts diese Jeans- und Polo-Lümmel. Die Bedienungen – ebenfalls adrett weiß-schwarz gekleidet, die Mädels in schwarzem Rock von geziemender Länge – sind flott, freundlich, kompetent, wo immer Enge und Gedränge es zulassen, wird von rechts serviert (durchaus aufgefallen, mir zumindest), nur wenn es zu eng wird oder ein Gast direkt an der Wand sitz, geht auch mal pragmatisches Servieren von Links, aber ein Glas mal eben über den Tisch rübergereicht – wie in lockeren Szenekneipen durchaus üblich – findet hier nicht statt, die Servicekraft geht brav um den Tisch herum. Warum ich das so ausführlich beschreibe? Nun, weil das alles heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist; klar, die Bedienungen hier sind keine ausgebildeten Servicekräfte, sondern wahrscheinlich wechselnde Studenten, und wir sind hier nicht im Bristol, wo ich all dies gar nicht erwähnen, sondern als selbstverständlich voraussetzen würde (aber Gift und Galle speien würde ich, wäre dem im Bristol nicht so); und doch hat sich wohl jemand die Zeit genommen, den jungen Leuten ein paar Basics erfolgreich zu erklären und deren Einhaltung zu überwachen, und das finde ich für eine Vorstadt-Bar schon beachtenswert. Auch die Barkarte ist durchaus interessant, neben fast allen Klassikern finden sich auch ausgesprochen interessante Drinks, Eigenkreationen, wie ich vermute, ein Persian Mule etwa, aus Apfel, Ingwer, Kaffirblättern, Zitronengras-Vodka, Gurke und Ginger Bier, ein Koriander Brumble aus mit Kaffir aromatisiertem Gin, Limettensaft, Zucker, Brombeerlikör und Koriander oder ein Rucola-Mojito mit Rucola, Gin, Szechuan-Pfeffer, Chilli-Honig, Mandarinensirup, Soda und frischer Minze. Die relativ große Auswahl von Bourbon Whiskeys und Rye Whiskys zeigt, dass jemand im Einkauf hier eng am Puls der Zeit ist und kommende Trends kennt. Mit 10 bis 15 EURO pro Cocktail ist die Grande Bar nicht wirklich preiswert, aber die Drinks sind jeden Cent wert, und nicht nur gute Zutaten, sondern auch gute Keeper und Bedienungen wollen fair bezahlt sein, von daher sicherlich angemessene Preise für die Josefstadt. Wir bestellen, Mona wechselt – welch ein Wunder – zu einem Knob Creek Rye Whiskey, die Frau ist wirklich hart im Nehmen, Caro folgt ihr gewissermaßen und bestellt einen Cocktail namens Presbyterian aus Maker‘s Mark, Antica Formula (ein wirklich kräftig-kräuteriger roter Nobel-Wermut aus Turin) und Angostura, Siegrid schwächelt etwas und nimmt einen Kaffee, ich lasse mir einen tadellosen trockenen Martini Cocktail mit Tanquery #10 rühren, es gibt sogar richtig kaltes Bareis (und nicht dieser lauwarme Dreck aus den versifften Thermo-Kübeln hinter dem Tresen) und gefrostete Gläser: ich bin sehr positiv beeindruckt von dieser Barleistung muss ich neidlos zugeben. „Sag‘ mal, wie findest Du nun eigentlich Deine Kunden?“, will Mona von Siegrid wissen. „Inserierst Du im Playboy oder auf youporn oder im Manager Magazin: ‚Möbele jede Nudel auf!‘?“ „Quatsch“, entgegnet Siegrid. „Es gibt tatsächlich Kollegen, die inserieren im Internet auf Google oder so, die werden dann als erste gefunden, wenn jemand den Begriff ‚Penisverlängerung‘ oder ‚Penisvergrößerung‘ eingibt, aber das ist nicht meine Liga. Es gibt hier ein paar Tageskliniken und Spezialisten, manchmal, bei wirklichen Mickerlingen werden solche OPs auch von der Kasse bezahlt. Aber meine Patienten würden selten zu einem niedergelassenen Arzt in Mödling gehen.“ „Und wie findest Du diese besonderen Patienten dann?“ „Gar nicht, die finden mich. Ich bin mittlerweile so etwas wie ein ‚Geheimtipp‘.“ – Siegrid lacht etwas verlegen, bestellt sich rasch einen Gin Fizz mit Hendricks, der Kaffee war wohl doch nicht das Wahre, und fährt fort – „Marketing-technisch würde man wohl sagen, dass ich gleich drei value prepositions habe. Erstens bin ich richtig gut, ‚Göttliche Hände‘, wie mein alter Prof. immer sagte, wenn ich etwas kann, dann sind das Penis-Operationen, ansonsten bin als Ärztin eher eine Niete, kommt besser nicht mit einem Schnupfen oder Armbruch zu mir, da gibt es viel Bessere! Zweitens bin ich eine Frau, und die meisten Kerle lassen sich lieber von einer Frau da unten rumfummeln als von einem Mann, und zwar insbesondere die ganzen Macho-Scheichs und Schlitzis …“ „Schlitzis?“ frage ich verwundert. „Schlitzis, so nenne ich politisch völlig inkorrekt pauschal alle Asiaten. Auch wenn wir hier das noch nicht so wahrnehmen, die habe Geld ohne Ende, da gibt es Multi-Millionäre und Milliardäre wie Sand am Meer. Nur im Gegensatz zu den Amis und den Scheichs lassen das die Asiaten meist nicht so penetrant raushängen, die sind eher diskret reich, dafür aber richtig. Und die haben oft meine Dienste weiß Gott bitter nötig.“ „Wieso gerade die?“ will Mona wissen. „Ich war ja gerade lange da unten. Ich habe zwar die lokalen Früchte nicht direkt gekostet – abgesehen davon, John würde mich auf eine Tretmine setzen, wenn er erfährt, dass ich ihn betrogen habe – aber da ist kein Mann rumgelaufen und hat über seinen kleinen Kleinen gejammert, und die Frauen haben sich auch nicht direkt beschwert.“ „Weist Du, früher war das alles eher diskret, unbekannt, ohne richtige Vergleichsmöglichkeiten – außer vielleicht die Nutten in den Hafenstädten. Aber heute braucht man sich nur ein paar Pornos im Internet anschauen, dann sieht man sofort, dass der durchschnittliche Asiate – natürlich gibt es immer Ausnahmen – eher bescheiden bestückt ist, statistisch glaube ich sowas um die 10 cm. Verglichen mit einem Schwarzafrikaner ist das tatsächlich eher mickrig, so ein Kongolese oder Senegalese legt durchaus seine statistisch durchschnittlichen 20 cm hin. Ich brauche Euch nicht zu sagen, dass für Frau dazwischen Welten liegen können.“ „Und wo liegt der statistisch repräsentative Mitteleuropäer so?“, will Caro wissen. „Die liegen in der Mitte, so bei 15 cm, die Franzosen ein bisschen mehr, die Italiener ein bisschen weniger. Aber wenn Ihr Bedarf habt“ – Siegrid deutet kurz mit dem Kopf in meine Richtung – „kann ich Euch gerne helfen, ich mache Euch einen Sonderpreis.“ Wenn Caro jetzt etwas sagt, irgendetwas, einen zustimmenden Mucks nur … dann haue ich sie einfach, dann haue ich sie einfach richtig dolle. Caro ist Lady genug, sich jeden Kommentar zu verkneifen, aber den Hauch eines Grinsens, der ganz kurz über ihr Gesicht huscht, kann selbst sie nicht unterdrücken. „Und was ist Deine dritte value preposition, die Du für Deinen Job hast?“, versucht Caro abzulenken und die Situation zu entschärfen. „Ach so, meine dritte value preposition ist ganz einfach die Tatsache, dass ich eine bindungsunfähige promiskuitive Kampf-Lesbe bin …“ – ich pruste fast in meinen Martini – „… und das entspannt die ganze Situation ungemein, die Fronten sind von Anfang an klar, mein Interesse an den Kerlen da unten rum – und auch ansonsten – ist rein medizinischer und geschäftlicher Natur, und damit basta.“ „Und wie läuft das dann ab?“, hakt Mona nach. „Das ist in der Regel ganz einfach. Meist erhalte ich einen Anruf oder eine Mail von einem Sekretär, dem alles furchtbar peinlich ist. Nach einigem Rumgestoppel und Gedruckse rückt er mit der Wahrheit raus, eine hochgestellte, ungenannte Persönlichkeit sei daran interessiert, meine Dienste in Anspruch zu nehmen, und wie das ablaufe, wer alles eingeweiht werden müsse, wie lange das dauere, welches Ergebnis zu erwarten sei, wann das Teil und sein Besitzer wieder einsatzfähig sein werden, welche Risiken es gebe, … nur eine Frage wird niemals gestellt, nämlich was es kostet. Das ist das Schöne an dem Job: mein Preis ist deren Preis, gehandelt wird nicht, haben meine Kunden auch nicht nötig. Ich mache dann eine kurze Recherche, wer mein Kunde sein wird und ob er solvent und vertrauenswürdig ist; im schlechteren Falle fliege ich dann mit meinem OP-Team – alles freie Kollegen – First Class irgendwo hin, sehr oft werden wir auch von Privatjets – mehr Boings als Lear Jets – in Schwechat abgeholt, entweder haben die Kerle eine oder zwei Stockwerke in einem lokalen Krankenhaus gemietet, damit ja niemand was mitbekommt, ganz oft haben sie auch komplett eingerichtete OPs und Sanitätsbereiche in ihren Palästen. Wir machen unseren Job, bleiben noch ein paar Tage für die Nachversorgung und das war’s dann auch. Bezahlt wird ganz oft bar, so richtig der Koffer voller Geld, wie im Krimi. Wenn wir Linie fliegen, versteuere ich es ganz brav; wenn wir mit einer Staatsmaschine fliegen, haben wir eh‘ quasi Diplomatenstatus und werden nicht kontrolliert, dann mache ich meistens auch kreative Steuergestaltung …“ „Und wie funktioniert sowas genau?“, will Mona wissen. „Wie bei den Weibern mit Silikon?“ „Es gibt Kollegen, die arbeiten mit Silikon, aber ich lasse die Finger davon, ich mache es rein biologisch … Es gibt eigentlich drei gängige Methoden um einen Penis länger oder dicker zu machen.“ „Die einfachste Methode ist die Durchtrennung des Haltebandes …“ fängt Siegrid an. Jetzt reicht es mir endgültig, jetzt geht’s für meinen Geschmack viel zu tief unter die – unter meine männliche – Gürtellinie. Wie ein bockiges Kind stecke ich mir demonstrativ die Daumen in die Ohren, wackele mit den restlichen Fingern, verdrehe die Augen und sage recht laut „La-la-la!“ Die anderen Gäste in der Bar und selbst der reichlich abgeklärte Barkeeper schauen verwundert bis indigniert, während ich mich auf die Toilette flüchte, um diese blutigen Schnippel-Geschichten nicht mit anhören zu müssen. Als ich zurück komme sind die Frauen schon ganz wo anders in ihrem Gespräch, und ich bin nicht wirklich böse darüber. Siegrid hat bereits gezahlt und fragt mich mehr rhetorisch „Ist es OK, wenn wir wechseln? Torberg?“ Mir entfährt nur ein „Oh je!“, in dem Wissen, dass es jetzt nochmals richtig hart wird.

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