Sachen gibt’s: Wing Wah in Crescent City

Summa summarum: Sauguter Chinese in einfachster Umgebung mit einfachen, aber authentischen, selbst gemachten, Convenience-freien, wohlfeilen, gut portionierten, unprätentiösen, schlichtweg leckeren Gerichten, netten flotten Bedienungen, und das alles in einem primitiven Holzbau am Großparkplatz einer Kleinstadt in Kalifornien.

„Wenn Ihr nach Crescent City kommt, müsst Ihr unbedingt in’s Wing Wah gehen, total unscheinbar, aber einer der besten Chinesen ever.“ Keine Ahnung, wie Caro auf solche Tipps kommt, aber würde ich es je wagen, ihr zu widersprechen? Crescent City, das ist ein kleines Kaff in Nord-Kalifornien direkt am Pazifik, 30 Kilometer hinter der Grenze zu Oregon, direkt an der 101 gelegen, keine 10.000 Einwohner, imperiale Provinz pur. Wie in den meisten Käffern dieser Art existiert kein Stadtzentrum, keine zentraler Marktplatz, schon gar keine Fußgängerzone, noch nicht einmal ein klimatisiertes Einkaufszentrum, stattdessen gibt es irgendwo einen großen Parkplatz mit ganz vielen Läden, Restaurants und Imbissen drum herum, alle in primitiven einstöckigen Holzbaracken. Hier spielen sich große Teile des öffentlichen Lebens ab. Manche Leute schaffen es sogar, vor den Liquor Store zu fahren, zu parken, ihren Sprit zu kaufen und dann die dreißig Meter bis zum Pet Shop mit dem Auto über den Parkplatz zu fahren, bloß nicht unnötig bewegen. Hier also ist besagtes Wing Wah Restaurant in einem der Holzschuppen, neben Papa Murphy’s Pizza, einem Martial Arts Kampfstudio und Toyama Sushi. Die Einrichtung des Ladens – kaum Tageslicht, abgewetzter Teppichboden, Kunstlederbänke, Plastik-Tischdecken, ein Aquarium, ein wenig Fernost-Tinnef, schlechte Luft …– würde manchen Deutschen Betriebsrat auf die Barrikaden bringen, wenn man eine Werkskantine so bauen würde. Das Publikum ist eher rustikal gestrickt, Feingeister, Millionäre, Gourmets und Harvard-Absolventen sind hier deutlich in der Unterzahl, dazu passen Blechbesteck, Plastikgläser, teilweise auch Plastikgeschirr, Papierservietten. Die Speisekarte ist sauber (das ist ja schon mal was), umfangreich, in Kunstleder gebunden, reich bebildert und identisch-beliebig wie die Speisekarten tausender ähnlicher Chinesischer Restaurants in Nordamerika und Europa. Da gibt es Frühlingsrollen und panierte Riesengarnelen als Vorspeise, Suppe Scharf-Sauer oder mit Wan Tan, verschiedene gebratene Nudeln und gebratenen Reis, dann Geflügel, Schwein, Rind, Fisch, Meeresfrüchte, Gemüse in fast immer den gleichen Zubereitungsarten, „Kung Pao“, „Sweet and Sour“, „Spicy and Sweet Garlic“, „Huan“, „Mandarin“ und so weiter, schließlich ein paar Familien-Menues, bei denen man gleich fünf bis zehn Gerichte für US$ 12,75 bis US$ 14,75 pro Person gemeinsam ausprobieren kann und wohlfeile Mittags-Menues unter US$ 10. Personal ist im Überfluss vorhanden, meist junge, artige, flotte, sehr bemühte chinesische Mädels, durch die offene Küchentüre sehe ich vorwiegend junge asiatische Männer, alle dirigiert von einer resoluten , verhunzelten alten Frau, der eigentlich nur noch die Pfeife im Mundwinkel fehlt, um das Klischee perfekt zu machen, und mit der ich mich nicht anlegen wollte.

Bis hierher ist das alles sowas von normal und tausendmal gesehen, dass ich mich frage, warum Caro uns hierher geschickt hat. Bis das Essen kommt. Die Frühlingsrollen kommen nicht aus dem Tiefkühler, sondern sind frisch selbst gemacht, darinnen wohlschmeckendes Fleisch und noch knackiges Gemüse. Das BBQ Pork rosa, lauwarm, mit Sesam zum eintunken. Dann eine der besten Scharf-Sauren Suppen, die ich je gegessen habe, mit kräftiger Hühnerbrühe und wieder frischem. knackigem Gemüse. Witzige frittierte Wan Tan in Sternform. Noch eine extra Portion Frühlingsrollen, weil sie so gut waren. Dann sehr gutes Rindfleisch in einer dicken braunen Sauce mit wieder viel frischem knackigem Gemüse, Hühnchen in Knoblauch mit grünem Sellerie und Esskastanien, gebratener Reis mit Schweinefleischsteifen. Dazu einfach nur lauwarmer Jasmintee. Ich bin sicher nicht der Experte, Chinesisches Essen fachgerecht zu bewerten. Ich kann aber tatsächlich sagen, dass ich selten so gut chinesisch gegessen habe. Der Laden ist unbedingt einen Abstecher wert. Und dabei hat das Wing Wah noch nicht einmal eine Internet-Seite.


Wing Wah
383 M Street
Crescent City, CA 95531
Tel.: +1 (7 07) 4 65 39 35

Hauptgerichte von US$ 7,95 (Gebratener Reis) bis US$ 15,25 (Riesengarnelen in Pfeffer-Honig-Sauce), 3-gängiges Menue US$ 17,45 bis US$ 34,50

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