Raskolnikoff Dresden: alternativ, bodenständig, gemütlich

Summa summarum: außen heruntergekommenes, innen gekonnt sanft renoviertes Gebäude mit kunterbunter Historie, versteckter romantischer Gastgarten, bodenständige, rustikale bürgerliche Küche ohne Schnörkel mit großen Portionen in ungezwungener Atmosphäre

Die Dresdner Neustadt war schon immer anders. August der Starke wollte hier einen städtebaulichen Gegenpol zur links-elbischen Altstadt schaffen, doch Alt- wie Neustadt gingen im alliierten Bombenhagel unter. Die Altstadt richteten die Kommunisten nach dem Kriege halbwegs wieder her, nicht zuletzt für West-Touristen und ihre Devisen, auf der Neustädter Seite wurde vor allem die Achse Albertbrücke – Goldener Reiter – Albertplatz entwickelt: das zerbombte, barocke ehemalige Justizministerium zwischen Albertbrücke und Japanischem Palais sollte abgerissen werden, wurde dann aber zu einem luxuriösen Interhotel (von den Zimmern zum Fluss hat man den berühmten Canaletto-Blick auf die Altstadt, und die Stasi unterhielt einen eigenen Stützpunkt in dem Hotel zur Rundumüberwachung seiner Gäste, jedes Telephon und jedes Zimmer waren verwanzt), um die Hauptstraße hinter dem Goldenen Reiter und am Albertplatz entstanden für DDR-Verhältnisse Luxus-Plattenbau-Wohnungen, entlang der Albertstraße wurden Standard-Platten hochgezogen. Der Rest der Neustadt überließ man im Wesentlichen sich selbst. Mit der Zeit zogen viele junge, kritisch denkende Menschen dorthin, und Menschen, die durch das soziale Netz der DDR gefallen waren (oder sich hatten fallen lassen), es muss ein buntes Völkchen gewesen sein, das sich dort in der Diktatur einen begrenzten Freiraum geschaffen hatte. Nach der Wende wurde die Innere Neustadt sehr schnell von Investoren entdeckt und teuer und schick herausgeputzt, die Äußere Neustadt nördlich der Bautzner Straße hingegen entwickelte sich zur leicht schmuddeligen, quirligen, alternativen Partymeile und zum Quartier für Studenten, Künstler, Alternative, aber auch junge Familien, die alle mit den alteingesessenen Bewohnern meist gut auskamen.

Doch seit Jahren toben zunehmende Konflikte in der Äußeren Neustadt. Zum einen kämpfen die Anwohner gegen die wachsende Gentrifizierung, immer mehr alte Häuser werden in gehobene Eigentumswohnungen umgewandelt, dazu entstehen teure Luxus-Neubauten, die Einwohner-Struktur ändert sich, die dicken Autos und ihre Fahrer nehmen zu. Zum anderen aber kämpfen Politik und Polizei gegen die gleichzeitig ungleich stärker zunehmende Slumifizierung der Neustadt, ein Paradoxon par excellence. Während früher zur „Bunten Republik Neustadt“ (ein jährliches, wirklich buntes, alternatives, von der Bevölkerung und nicht von Schaustellern und Subventionen getragenes Stadtteilfest) alle ausgelassen zusammen feierten und Fünfe grade sein ließen, ist heute nicht nur nach meinem Gefühl, sondern auch in unzähligen Medien- und Polizeiberichten nachzulesen, der Landfrieden nicht mehr immer und überall in der Neustadt gegeben. Straßenbahnen stellen ihren Betrieb ein, weil Pöbel die Schienen blockiert, Überfälle auf offener Straße, Vergewaltigungen, Schlägereien, Drogenhandel, sogar Mord und Totschlag. Hier geben sich gewalttätiges Linkes Pack, gewalttätiges Rechtes Pack und (jetzt wird’s schwierig, pc zu bleiben) die Vertreter der Neubürger, die sich einen Scheißdreck um unsere Gesetze und Werte scheren (das ist keinesfalls eine Pauschalverurteilung, überall gibt’s Solche und Solche) ein fröhliches Stelldichein, es ist ein Trauerspiel.

Tja, und inmitten dieses Trauerspiels steht das Raskolnikoff, das sich selber als Restaurant, Bar, Pension und Galerie bezeichnet. Das Haus war – wie so viele – heruntergekommen und stand leer und wurde tatsächlich bereits zu DDR-Zeiten Mitte der 80er Jahre besetzt; die Staatsgewalt trickste man aus, indem man einfach ein – frei erfundenes – Schild „Außenstelle der Kunsthochschule“ (HfBK) an der Tür anbrachte und damit die Volkspolizei täuschte. Allerlei Künstler und Handwerker siedelten sich dort an, vereint in einem „Kunsthaus Raskolnikow e.V.“ Das Haus und seine Besetzer gerieten in die üblichen Nachwende-Turbulenzen von Restitutionsansprüchen, Spekulationen, Prozessen, bis es von einem Vorsitzenden Richter am OLG Dresden und seiner Frau gekauft wurde, allerdings nicht als Spekulationsobjekt, sondern um es gemeinsam mit dem Kunstverein sehr behutsam zu sanieren und zu entwickeln; die Fassade wurde bis heute nicht angefasst, wohl als nostalgisches Statement, der Eingang erinnert eine wenig an eine Mischung aus Hermann Hesses „Magisches Theater“ und – wegen der immer brennenden roten Lampe – Puff. Wie die Betreiber auf den Namen Raskolnikoff – wir erinnern uns, Dostojewski, Schuld und Sühne, verarmtes Genie mit seiner Theorie vom außergewöhnlichen, überlegenen Menschen, dem Mord erlaubt ist, Axt-Doppelmord, und dann doch die ganzen Selenqualen – gekommen sein mögen, vermag ich nicht zu sagen; mir persönlich hätte ja Aljoscha besser gefallen.

Innen ist das Haus dann tatsächlich renoviert, behutsam, die alten Strukturen sind nicht angefasst worden, links und rechts zwei Gasträume, einer mit einer massigen Bar, der andere mit Blick auf die offene Küche, große Kreidetafeln mit den tagesaktuellen Angeboten, Holzböden, Sprossenfenster, wuchtige, moderne Bilder an den Wänden, stabile Echtholzmöbel, blanke Tische, das alles ist ein richtig gutes, gepflegtes, aber keinesfalls steifes, sondern sehr legeres Kneipen-Ambiente, wo man gerne verweilt. Hinter dem Haus liegt ein wunderschöner, wild-romantischer Hinterhof-Gastgarten, in den oberen Stockwerken gibt es ein paar individuell und sehr gemütlich eingerichtete, recht wohlfeile Pensionszimmer.

In den ersten Jahren gab es im Raskolnikoff „russisch-schwäbische Fusionsküche“, eine ganz kuriose Mischung, Kässpätzle und Pelmeni. Heute ist die Küche eher sächsisch-russisch orientiert, Pelmeni gibt es immer noch (wahlweise gefüllt mit Bergkäse, Rindfleisch, Karpfen oder Apfel-Ricotta), der Borschtsch im Raskolnikoff ist legendär, ebenso das riesige Kotelett, das frische Tatar mit Salat (wobei sich mir der Sinn nicht erschließt, warum das Tatar mit saurer Sahne serviert wird) und die wechselnden, wohlfeilen Eintöpfe, die jeden Studenten und Künstler mit schmalem Geldbeutel trefflich satt kriegen. Die Küche setzt konsequent darauf, nachhaltige regionale Rohstoffe zu verwenden und alles selber zu machen, Convenience ist mir zumindest bewusst noch nicht untergekommen im Raskolnikoff, noch nicht einmal Pommes. Frische, knackige Salate, leckere Dressings, gutes Fleisch, guter Fisch, mächtige Eintöpfe, das alles würde ich als „bürgerliche Küche“ betiteln, nicht „gutbürgerlich“ im Sinne von irgendwie verfeinert, anspruchsvoller, sondern vielmehr sehr bodenständig und robust, ein richtiges „Futtern wie bei Muttern“. Die ganzen kulinarischen Mainstream-Säue, die landauf, landab durch die Küchen-Ställe getrieben werden – Burger-Pest, Steak-Fetischismus, Bowlismus, Asiatisierung, exzessiver Veganismus, usw. – lässt man im Raskolnikoff selbstbewusst links liegen, und das ist gut so. Zu trinken gibt es Elbhang Rot aus der Neustädter Hausbrauerei Schwingenheuer (unbedingt probieren!) und ein eigenes Hausbier namens – wer hätte es gedacht – Raskolnikoff Bier, beide vom Fass. Die winzige Weinkarte weist nur wenige sächsische Positionen aus, ansonsten süffige, kleine, wohlfeile Weine aus Deutschland und Europa. Die Servicekräfte scheinen allesamt Studenten oder so zu sein, nett, flott, aufmerksam, aber beim Teller eindecken oder einschenken merkt man halt schon dann und wann mal, dass die formale Ausbildung wohl fehlt, das muss ja nichts Schlimmes sein, stattdessen kann man mal ein kleines Schwätzchen mit ihnen halten, wenn die Zeit dafür da ist. Auch den anderen Gästen des Raskolnikoffs dürfte das relativ schnurz sein: meist junge Leute, kartenspielende Studenten, Pärchen, junge Familien, „typisches“ Neustadt-Publikum halt. Obwohl das Raskolnikoff mittlerweile in fast jedem Dresden-Reiseführer erwähnt wird, finden sich kaum Touristen hier, und da wären wir wieder bei der unrenovierten Hausfassade, die offensichtlich auf Außenstehende tatsächlich hinreichend abschreckend wirkt.


RASKOLNIKOFF
Inhaber Ralf Hiener
Böhmische Straße 34
D – 01099 Dresden
Tel.: +49 (3 51) 8 04 57 06
Fax: +49 (3 51) 8 01 01 88
Email: gastro@raskolnikoff.de, pension@raskolnikoff.de
Online: www.raskolnikoff.de

Hauptgerichte von 6,90 € (Borschtsch) bis 24,90 € (300 g Schweinekotelett mit Beilagen), Drei-Gänge-Menue von 21,80 € bis 43,80 €

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