Ostern in Lissabon: Ostersonntag

Am nächsten – genau genommen am selben – Morgen fahren wir nach dem obligatorischen schnellen Frühstück in einer kleinen Pastelaria um die Ecke todmüde durch die engen Altstadtgassen auf der mächtigen, wirklich beeindruckenden Vasco da Gama Brücke über den Tejo, vorbei an den Flamingos von Samouco, ausgedehnten Weiden und Korkeichen-Wäldern nach Westen in’s Alentejo, nach Évora, etwa auf halbem Wege zur Spanischen Grenze, eine uralte römische Siedlung mit Ruinen eines Diana-Tempels, heute ein kleines, hübsches, beschauliches portugiesisches Provinzstädtchen, neuerdings wieder mit Universität, gut erhaltener historischer Innenstadt, trotzdem überschaubaren Touristenmassen und der gotisch-barocken Kathedrale Igreja de São Francisco mit einer makabren Knochenkapelle. Die Ostermesse feiern wir allerdings in der Ermida de São Brás, einer Kirche aus dem 15. Jahrhunderts in diesem für den Alentejo typischen manuelinischen-arabischen Stil mit zylinderförmigen Streben und konischen Turmspitzen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass sich die Gemeinde im besten Sonntagsgewand lange vor dem Gottesdienst um die Kirche herum trifft, meist Großfamilien mit mehreren Generationen, man begrüßt sich, plaudert, scherzt, hier ist Kirche nur zum Teil tief-ernste sakrale Handlung, aber Kirche ist hier auch gelebte Gemeinschaft und … Spaß, Vergnügen, Lebensfreude, etwas, was man im kalt-atheistischen Germanien weitgehend vergessen zu haben scheint. Das Gotteshaus ist brechend voll, alle Sitz- und Stehplätze sind belegt, die Leute stehen bis vor die Türen, als der Priester mit einem knappen Dutzend österlich beige gewandeter Hilfstruppen samt Kreuz und mächtigem, mächtig qualmendem Weihrauchfass einmarschiert. Und dann wird gesungen und gebetet und musiziert und gesegnet und gelesen und gepredigt und gewandelt und kommuniziert und vergeben, dass einem Hören und Sehen vergeht, auch ohne nur ein Wort wirklich zu verstehen, und eine Taufe wird auch noch gleich mit eingeschoben, wenn alle schon mal da sind, praktisch. Die ganze Veranstaltung geht weit über zwei Stunden, mir tun die Beine vom Stehen weh, ich verstehe kein Wort wörtlich, und doch verstehe ich irgendwie ziemlich viel, die Story ist ja im Prinzip in allen katholischen Kirchen irgendwie die gleiche, und das Ganze ist ziemlich faszinierend, in dieser frommen, andächtigen und doch vergnügten Lebensfreude, der Pfaffe tut am allerwenigsten bei der ganzen Geschichte, er ist mehr der alles überwachende Zeremonienmeister, der nur bei ganz neuralgischen Punkten – etwa der Heiligen Wandlung oder der Heiligen Taufe – selber eingreift und Hand anlegt, ansonsten bestreiten die Päpstlichen Hilfstruppen und die Gemeinde selber das Geschehen, lesen aus der Bibel, fideln, singen (ein ziemlich guter Sopran übrigens), zupfen die Gitarre. Da wollte man doch glatt katholisch werden, wäre man’s nicht bereits. Nach über zwei Stunden der pompöse Auszug der göttlichen Bodentruppe aus der Kirche, vor dem Gotteshaus erwarten Pfarrer und Kaplane dann die Gläubigen, man grüßt, plaudert, lacht, die Messdiener und –innen stehen etwas abseits, der Knabe mit dem noch immer qualmenden Weihrauchfass ist high wie tausend Hippies und schleudert das Fass an den langen Ketten wild und kreuzgefährlich um sich, grade so, dass er keinen anderen Ministranten damit niederstreckt, bis einer der Kaplane kommt, ihm das Fass abnimmt und es löscht. Schade eigentlich. Aber auch diese nach-oster-messliche Runde zerläuft sich irgendwann, wir kriegen auch noch nebenbei einen Gratis-Zusatz-Segen ab und trollen uns erhoben, vergeben und hungrig Richtung Innenstadt.

Die portugiesischen Freunde haben etwas abseits der Hauptstraße, in einem kleinen, für Autos zu schmalen Seitengässchen einen Tisch reserviert, und zwar im Restaurant Fialho, 1945 von Manuel Fialho ursprünglich als Fado-Bar gegründet. Hier stolpert man nicht durch Zufall vorbei, hier muss man schon wissen, was man sucht, sei es ein Geheimtipp von Einheimischen, sei es eine lobende Erwähnung in einem kulturellen Reiseführer oder exklusiven Gastronomie-Guide, seien es zweitausendundacht (fast durchweg positive) Bewertungen auf dem vermaledeiten tripadvior. Soviel zum Thema Geheimtipp. Dennoch, ohne längerfristige Reservierung geht hier – zumindest für den auswärtigen Gast, zumindest zu Stoßzeiten, und schon gar nicht am Ostersonntag – gar nichts. Dabei ist auch der Eingang durch und durch unscheinbar, sieht man von dem Chaîne des Rôtisseurs-Siegel und diversen Michelin-Bapperln einmal ab, keine große Fensterfront, kein üppiger Außenbereich, keine bunten Werbeschilder, nur ein Fenster und eine Glastür, die in einen kleinen Gastraum mit ein paar Tischen führt, fast könnte man das tatsächlich für eine Bar halten, bis man den Durchgang in die beiden hinteren Räume findet, wenig Fenster, offenes Holzdeckengebälk, oranger Steinfußboden, alte Eichentische mit doppelt weißem Linnen und weißen Servietten darauf, alte Photos und Urkunden an den groben, weiß getünchten Wänden und jede Menge Geweihe von toten Tieren, dazu ganz wenig Lokaltinnef, aber große alte Buffets zum Speisen und Getränke herrichten, die Kellner tragen Weste und Fliege, die Luft könnte trotz des relativ hohen Raumes besser sein. Das Touristischste, was wir hier entdecken können, sind ein paar Spanier, die über die nur 100 Kilometer entfernte Grenze rübergekommen sein mögen, der Rest scheinen tatsächlich Einheimische zu sein, eindeutig besser gestellte Einheimische von Stand und Bildung, keine Ahnung, wer die 2.000 tripdadvisor-Bewertungen geschrieben haben mag. Aber es soll noch einen Gastraum im Keller geben, vielleicht werden die Touristen ja dorthin gesteckt. Auf unserem reservierten Tisch für acht Personen jedenfalls stehen bei unserem Eintreffen Platten und Schüsseln mit Vorspeisen: eingelegter Oktopus, Pata Negra Schinken, gebratene und eingelegte Paprika, marinierter Stockfisch mit Kapern, Zwiebeln und Koriander, getrüffelte Champignons mit Petersilie, Kichererbsen mit Knoblauch und Artischocken, eine Art cremiger Weinbergkäse mit Rotschimmel-Rinde, dazu eine unglaublich geschmacksintensives oranges Gelee, ein anderer, härterer Käse, wahrscheinlich Schaf mit gelbem Gelee, schließlich Körbe besten weißen Brotes mit mittelgroßen Poren und knuspriger Kruste. Etwas ratlos blicken beim Platznehmen wir auf diese Pracht. Das sei eine ganz normale Sitte im Alentejo, belehren uns die Portugiesischen Freunde. Um nicht allzu verfressen zu erscheinen, lassen wir den Hartkäse wieder abräumen, noch etwas anderes zurückzuweisen, bringen wir nicht über’s Herz. Klaglos wird der Käse abgeräumt und zurück auf’s offene Buffet gestellt, für die nächsten Gäste; das ist wahrscheinlich gegen alle Hygienevorschriften, die die illegitime Brüsseler Idiotokratie je oktroyiert hat, schließlich hätten wir heimlich tuberkulös auf den Käse gespuckt haben können, haben wir aber nicht, und Brüssel ist weit. Ich mag diese Sitte. Bei der Getränke-Bestellung empfiehlt uns der Kellner weitere Vorspeisen, Wildpilze aus dem Alentejo mit Rührei, ich würde sie als Mischung von Steinpilz und ganz wenig Trüffel beschreiben wollen, geschmacklich jedenfalls unglaublich intensiv, und wilder Spargel (nicht zu verwechseln mit dem Gewöhnlichen Hopfen – Humulus Iupulus, ein Hanfgewächs – der in Deutschland oft als Wilder Spargel angeboten wird und auch nicht zu verwechseln mit dem in Frankreich gezüchteten, ebenfalls als Wild-, Wald- oder Preußenspargel in Handel gebrachte Pyrenäen-Milchstern – Ornithogalum pyrenaicum, ein Hyazinthengewächs –, sondern echter Wilder Spargel, auch Spitzblättriger Spargel genannt – Asparagus acutifolius, der ist ein echtes Spargelgewächs – bisher kannte ich ihn nur aus Kroatien und Slowenien, aber es gibt ihn offensichtlich auch auf der Iberischen Halbinsel; und – dieser Schlenker sei an dieser Stelle noch erlaubt – da diktieren die Brüsseler Idiokraten Krümmungswinkel für Bananen, aber Hanf- und Hyazinthengewächse, die dürfen ohne Reglement als Spargel verkauft werden), wieder mit Rührei; wir ordern beide, dazu einen heimischen 2017er Catuxa White aus Arinto und Antão Vaz (zwei uralte autochthone Rebsorten, die nur noch in Portugal angebaut werden) mit schmackigen 13% vom Weingut Catuxa aus Évora (das übrigens auch den berühmten und nur schwer erschwinglichen Péra-Manca macht, schmacht). Der Wein ist viel zu gut für einen Ostersonntagnachmittag bei 27 Grad und praller Sonne, aber was soll’s. Und die Vorspeisen, die munden allesamt trefflich, ein mürber, nur leicht gesalzener, aber geschmacklich kräftiger Schinken, Paprika, die nach Paprika und gutem Olivenöl schmecken, selbst der Stockfisch ist lecker, der Käse auf den Punkt reif und rahmig, die Rühreier mit Wildem Spargel und heimischen Pilzen schließlich riesige Portionen, aber unendlich gut; hier ist nichts verfeinerte, raffinierte, gehobene Küche, das sind alles miteinander heimische Dorfgerichte, aber eben aus besten heimischen Zutaten in altbewährten, tradierten Zubereitungsweisen, was will man mehr. Das gemeinsame Tafeln tut ein weiteres zur Luststeigerung, man isst nur ein Viertel der Zeit, ein weiteres Viertel ist man damit beschäftigt, Platten und Schüsseln weiterzureichen und entgegenzunehmen, da ist ein unglaublich kommunikatives Geschirr-Ballett über dem Tisch im Gange, und die Hälfte der Zeit verbringt man mit parlieren über die Speisen, beschreiben, über Zutaten und Zubereitung mutmaßen, bewerten und schließlich loben, durch die Bank weg loben. Das alles ist schön und macht sehr viel Spaß. Eigentlich sind wir nach dieser Vorspeisen-Orgie alle nahezu satt, aber – wie es so schön heißt – Einer geht immer noch. Einer, das sind in diesem unserem Falle Bacalhau in Olivenöl mit angedrückten Kartöffelchen und Knoblauch, gegrilltes Pata Negra Schwein mit Kartoffel-Gemüse-Stampf, eine gegrillte Seezunge mit Salat, ein Tauben-Ragout mit Perlzwiebel und geröstetem Brot, Schwertfisch-Kottelets in einer Koriandersauce, nochmals mit geröstetem Brot, Hasenragout in einer Blutsauce mit Reis und Pinienkernen … Bis auf die Seezunge, die definitiv nicht mehr frisch war und wohl deswegen viel zu lange auf dem Grill, war das alles tadellose, unverschnörkelte Landküche mit besten, frischen, regionalen Zutaten, traditionell und gekonnt zubereitet, und da sind die Fleischbrocken in den Ragouts schon mal groß, nicht fettfrei und teilweise zerkocht, Olivenöl wir über Gebühr großzügig verwendet, die Würzungen sind nicht raffiniert-differenziert, sondern eher sehr deutlich und klar, die Portionen sind riesig, das Fleisch liegt auf dem Grill, bis es halt durch ist (oder auch etwas länger), die angerichteten Teller sind eher plump als hübsch anzuschauen, aber das ist halt authentische Landküche. Als Nachtisch schaffen wir gemeinsam gerade noch eine Zitronen-Tarte mit Schokoeis und ein paar Biskuittörtchen. Ansonsten floss der – ausgesprochen süffige – Wein für diese Tageszeit viel zu reichlich, die Kellner waren ausgesprochen nett, flott, kompetent, die gesamte Atmosphäre im Lokal einfach angenehm, hier sind keine Menschen beisammen, die sich in Sternelokalen gegenseitig beweisen müssen, wie üppig ihre Spesenkonten bestückt und wie wichtig sie damit sind, hier sind Menschen, Familien, Freunde, Genießer beisammen, die die Freude am guten Essen in lockerer Atmosphäre ein und die ihre Rechnungen selber zahlen, dafür lasse ich jeden Gordon Ramsey, David Hawksworth oder Pierre Gagnaire gerne stehen.

Am späten Nachmittag sind wir zurück in Lissabon. Unter der Basílica de Estrela sitzen wir im Botschaftsviertel – sinniger Weise Eselsgarten geheißen – auf der Terrasse hinter dem Haus im Schatten, blicken auf den Tejo, und Freunde braten in aller Ruhe in einem großen, alten, gemauerten Ofen einer herrschaftlichen Küche ein Oster-Zicklein. Das ist privat, darüber schreibt man nicht, nur so viel: schön war es, wunderschön und lecker. Das erste Mal bin ich heilfroh darüber, dass man hier so spät zu Abend isst, ein Mahl zu früherer Stunde – nach dem Lunch – hätte ich nicht verkraftet. Ich habe in der Hausbar eine wahrscheinlich uralte, noch original verschlossene Flasche Cutty Shark entdeckt, noch von vor dem Relaunch, der irgendwann in den späten Achtzigern erfolgte, also wenigstens dreißig Jahre alt, aber tadellos trinkbar, so muss blended Scotch. Die Kids machen sich einen Spaß daraus, in dem ziemlich großen Weinkeller zu stöbern, sie entdecken Weine aus ihren Geburtsjahren, unter dicken Staubschichten, unsere Gastgeberin ermuntert sie, die Flaschen doch zu öffnen und zu probieren, die meisten sind untrinkbar, aber einige recht leckere sind noch darunter, keiner von uns hat auch nur im Entferntesten Lust, irgendeine Wine-App zu zücken um nachzuschauen, ob wir gerade einen önologischen Niemand kosten oder ein paar hundert oder tausend EURO, ist uns auch egal, der Gastgeberin auch, wir haben einfach unseren Spaß, süffeln, riechen das Kitz, blicken auf den Tejo und danken im Stillen Gott für diese Wohllebe. Zicklein, Brot, Salate, Weine spät abends vortrefflich, Kids gehen unter die Dusche, sich aufbrezeln und verschwinden auf der Piste, die Alten nehmen einen Absacker und verschwinden im Bett.

Restaurant Fialho
Love, Helena und Rui Fialho
Küchenchefin Joaquina Hammer
Lane Mascarenhas 14
7000-557 Évora
Tel.: +351 (26) 6 70 30 79
E-Mail: restaurantefialhoevora@gmail.com
Online: www.restaurantefialho.pt

Hauptgerichte von 14,50 € (Schweinefüße mit Koriandersauce) bis 24,00 € (Zackenbarsch, Garnelen, Tomatenreis), Drei-Gänge-Menue von 22,10 € bis 43,50 €

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