Mühle bei Rinchnach im Bayrischen Wald: idyllische, einfache Enttäuschung

Summa summarum: großartige Verheißungen auf der Webpage, einfaches Landgasthaus dort, wo der Bayrische Wald am tiefsten ist, durchaus idyllisch gelegen, einfache Zimmer, einfache Gaststube, ein paar Tische vor’m Haus am Waldsträßchen, viele Einheimische, fast familiäre Atmosphäre, fast durch die Bank weg mehr als enttäuschende Küchenleistung

Auf der Webpage klang alles so schön: „… Urlaub in der Natur … Platz zum Wohlfühlen, zum Entspannen mit romantischem Ambiente und ausgezeichneter, bayerischer Küche … im Bayerischen Wald … kleinen idyllischen Ort … familiär geführtes Natur- und Wanderhotel … in einem geschützten Tal, weit abseits von Lärm und Hektik direkt am Waldrand, umgeben von Wäldern und blühenden Wiesen … direkt am Hotel vorbei plätschert ein kleines, beschauliches Forellenbacherl  … gemütlicher, bayerischer Biergarten vorm Haus … traditionell-bayerischen Gerichten … ausgewählten Zutaten, regional-frischen Produkten – verfeinert mit Kräutern aus eigenem Hotel-Kräutergarten … fachgerechte Zubereitung … Geschmackserlebnis, das Ihren Gaumen auf bayerische Art verführt und verwöhnt … Chef steht selbst am Herd und zaubert immer wieder mit viel Fantasie große und kleine Köstlichkeiten der bayerischen Küche mit heimischen Produkten …“

Mit dieser Erwartungshaltung also fahre ich mit großer Vorfreude in den tiefsten Bayrischen Wald bis kurz vor die Tschechische Grenze, weit abseits der großen, luxuriösen Fünf-Sterne-Ressorts weiter im Norden, die Autobahn ist weit weg, unten im Tal, selbst Bundesstraßen gibt es hier oben nicht viele, die meisten Sträßchen sind so schmal, dass sie noch nicht einmal eine Fahrbahnmarkierung haben, viel Wald, noch nicht verschandelt durch die vermaledeiten Flapp-Flapps der Öko-Irrwische, während an der Donau bereits die Obstbäume blühen, ist die Natur hier oben Ende April noch nicht soweit, die Besiedlung besteht aus wenigen kleinen Städtchen, einigen kleineren Dörfer, reichlich einzelnen Bauernhöfen, es gibt keine – touristisch nennenswert verwertbaren – mittelalterlichen Festungen, keine prunkvollen Renaissance-Paläste, keine prächtigen Barock-Kirchen, keine anmutigen Rokoko-Schlösschen, keine Ehrfurcht-heischenden Industriedenkmale, keine spektakuläre moderne Architektur, die Bauweise dieses Landstrichs ist eher gedrungen-erdverbunden-solide-bescheiden, dennoch sind die Höfe ordentlich, irgendwas zwischen stattlich und Klitsche, grundsolide, die Wohnhäuser sind proper-gepflegt, aber (fast) niemals prahlerisch, es gibt kaum Mehrfamilienhäuser und wenn, dann als Generationenhäuser, wenig Leerstand und Verfall, außer traurig viele offengelassene Gasthöfe, und das auch nicht erst seit Corona, dazu eine beachtliche Anzahl mittelständischer Unternehmen, darunter viele Mühlen, meist Sägewerke (klar, macht Sinn, Wald + Wasser = Bauholz, das man seit Jahrhunderten unten im fruchtbaren Gäu braucht, wo auf den fetten Böden Getreide und Ölsaat wachsen, eine uralte Symbiose), die Autos mit einheimischen Kennzeichen sind fast durch die Bank weg Klein- und Mittelklasse-Modelle oder geländegängige Gefährte, dicke Mercedes‘, BMWs, Audis, gar Porsches gibt es hier kaum, und wenn, dann fast immer mit auswärtigen Kennzeichen, das sagt auch viel über den Landstrich und seine Menschen aus, die Leute grüßen sich auf der Straße, meist per Du, man kennt sich, hält ein Schwätzchen, schließt seine Autos und Fahrräder beim Parken vor dem Bäcker nicht ab, die Einkaufswägen beim Supermarkt verlangen keine Pfandmünze, denn es ist selbstverständlich, dass man die Wägen zurück bringt, sogar die Haustüren stehen weit offen, das ist so eine ganz andere Welt, verglichen mit der entglittenen Parallelwelt Berlins mit ihren Zäunen, Wachdiensten, Videoüberwachungen, gated communities und Straßen- wie Regierungskriminalität. Da also bin ich nun.

Umgeben von Wäldern ist er tatsächlich, der Gasthof zur Mühle, das Bächlein neben dem Haus gibt’s ebenfalls, ein Mühlgraben zweigt hier ab, für eine Sägemühle etwas weiter unten im Tal. Vom Hauptort Rinchnach (rd. 3.000 Einwohner) fährt man nochmals 5 Kilometer durch den Wald, um hierher zu gelangen, hier sagen sich Fuchs und Hase tatsächlich gute Nacht. Das dreieinhalbgeschossige Haus mit Nebengebäuden ist schlicht-freundlich-unauffällig. Schon bei der Ankunft zerplatzt der erste Traum, der „gemütliche, bayerische Biergarten vorm Haus“ entpuppt sich asphaltierte Freifläche, ohne Bäume oder sonstige Pflanzen, mit ein paar Tischen, Stühlen, Sonnenschirmen, begrenzt von einer Kurve der Straße, die am Haus vorbeiführt, dicke Laster fahren zuweilen mit beunruhigender Geschwindigkeit direkt auf die Tische zu, bevor sie dann nach rechts in die Kurve abdrehen.

Die Gaststube der Mühle ist ein einfaches Dorfwirtshaus, robuster Fliesenboden, Holzverstrebungen an der Decke, Schanktresen, Weinkühlschrank, in einer Ecke Buffetfläche für das Frühstück mit Kaffeemaschine, einfache, wieder robuste Wirtshausmöbel, Fake-Kaminofen, blanke Tische, aber ein paar frische Blümchen darauf, an den Wänden ein paar Bilder, ein Kreuz in der Ecke, Nebenraum für Feiern, das ist alles sehr rustikal und will auch nicht mehr sein. Hinter der Gaststube eine Mini-Rezeption, an der Treppe zu den Zimmern (kein Lift) startet ein Kitsch-Deko-Overkill mit alter Nähmaschine, bemalter Milchkanne, Kunstblumen, Kerzenständern, Bauernschrank, altem Sofa, Puppen, Plüschtieren, primitiven Landschaftsbildern in dicken Goldrahmen, altem Geschirr, diese Art von Staubfängern. Das Zimmer ist sehr schlicht, Laminatboden, Fichtenmöbel, Schrank (riesig), Doppelbett, Nachtkasterl, wackliger Tisch, zwei Stühle, ein Rattansessel, fertig, mehr gibt’s nicht, braucht man ja auch nicht unbedingt, außer vielleicht einem Kofferhocker und einem Schreibtisch mit ausreichend Steckdosen. Stattdessen gibt es einen ordentlichen Flachbildschirm, ordentliches W-Lan und wieder einen elektrisch betriebenen Fake-Kamin mit Kunstlich-Flammen, eine Gerätschaft, wie sie peinlicher nicht sein könnte. Das Bad ist winzig, schlicht, funktional, altbacken, die Fliesen könnten Augenkrebs auslösen, der Einstieg zur Dusche ist vielleicht 40 cm hoch, ein gebrechlicherer Mensch kommt da nicht mehr rein, und der Einstieg ist so schmal, dass ich mit meiner Wampe gerade noch durchkomme, und es gibt – das möchte ich betonen – deutlich dickere Menschen als mich. Das Haus soll es noch eine Sauna, Wellnessbehandlungen und einen Garten anbieten – habe ich nicht gesehen/genutzt, kann ich nix zu sagen. Vom kleinen Balkon blickt man in’s Bachtal, auf Wälder, ein paar alte Nebengebäude und auf das vorbeiführende Sträßchen, auf der nun mal auch Trecker, Holz- und Milchlaster unterwegs sind, auch schon früh morgens, man könnte hier von regelmäßig unterbrochener Stille sprechen. Dafür 86 bis 151 EURO (zwei Personen im DZ Ü/F) zu verlangen, finde ich bei der Lage und der Ausstattung nicht wirklich preiswert.

Im Gastraum trällert unablässig Radio Tirol, ich weiß alles über die aktuelle Verkehrssituation am Brenner, das Wetter in Bozen und dass ein Landrat dort abgesetzt werden soll, dazu grausamstes Schlager-Rumstata und ein paar Pop-Oldies, dem Gros des Publikums scheint’s zu gefallen. Es setzt sich zusammen aus derzeit wenigen Hausgästen – meist mittelalterliche oder alte Pärchen, die hier wandern – und einheimischen Familien und Gruppen jeden Alters, einfach so auf ein Bier, zu einer Mahlzeit, in großer Runde zu einer Familienfeier. Alle geben sich klaglos dem Gedudel hin, jetzt weiß ich endlich mal, wie die Fangemeinde von Andra Berg und Roland Kaiser aussehen mag.

Die Speisekarte ist quantitativ recht umfangreich, Rindssuppe mit verschiedenen Einlagen, dann vorwiegend Kurzgebratenes von Schwein, Rind, Pute, darunter diverse Schnitzel, Putengeschnetzeltes, Rumpsteak, Schweinefiletmedaillons mit Pfefferrahmsauce, mit Käse überbackener Schweinerücken, usw., fangfrische Bayerwaldforelle von nebenan, paniert gebacken oder Müllerin, zwei Gerichte vom Reh, Salat, zwei vegetarische Gerichte, diverse Brotzeiten wie Strammer Max, Wiener, Käse- oder Wurstbrot, als Nachtisch Apfelkücherl, Pfannkuchen, Eisbecher, usw.; zusätzlich gibt es eine wechselnde Tageskarte, u.a. mit saisonalem Spargel oder Kalbsrahmgulasch, Sauerbraten, einem „Bayerwald Gyros“ usw. Eine Linie, ein Motto, einen Stil vermag ich in dieser Karte nicht zu erkennen, das ist eine wild und planlos zusammengewürfelte Mischung verschiedener, meist sehr einfacher, rustikaler Gerichte, weniger der bürgerlichen, sondern viel mehr der modernistisch-ländlich-bäuerlichen Küche, gewiss nicht traditionell oder typisch regional; allein das im Ganzen rosa gebratene Mittelstück vom Rehrücken könnte ein Highlight sein. Nun ja, es hätte schlimmer kommen können, denkt sich der hungrige Hausgast weitab von jeder gastronomischen Alternative mitten im Wald, und siehe da, es kommt tatsächlich schlimmer.

Was an der Tasse „hausgemachter Champignonrahmsuppe“ vorweg hausgemacht sein soll, kann man sich schon fragen, in meinem Haus würde so etwas nicht gemacht, ein geschmackloses, weiß-gräuliches Sahnesüppchen mit ein paar Pilzbröcklein drinnen, da ist so manche Tütensuppe deutlich besser. Auch die Pfannkuchensuppe kommt als dünne, weitgehend geschmackfreie Brühe mit ein paar ebenfalls geschmacklosen, breiigen Pfannkuchenstreifen – so gleichmäßig, wie die Streifen geschnitten sind, tippe ich auf industriell produzierte Convenience – daher. Tatsächlich originell – aber zugleich monströs – ist das Bauernschnitzel, ein Riesenschnitzel, an beiden Seiten tief eingeschnitten, so dass um das Mittelstück jeweils vier „Schnitzel-Zungen“ entstehen, die mit Scheiben von geräuchertem Bauchspeck belegt werden, alles dann paniert und gut goldgelb und souffliert in Schmalz ausgebraten. Das Ergebnis ist ein knuspriges Riesenschnitzel mit zusätzlich frittiertem Speck unter der Panade, schlicht monströs, jedenfalls nichts für Vegetarier, nichts für Freunde kleiner Portionen, und ebenfalls nichts für Liebhaber dezenter, raffinierter, abwechslungsreicher Geschmackskompositionen, aber gewiss das Richtige für den ausgehungerten Waldarbeiter, der gerade zehn Fichten von Hand umgeschlagen hat. Die Bratkartoffeln dazu sind längst nicht so gut, wie sie auf der Webpage der Mühle beworben werden, der Beilagensalat schlichtweg in Essig ertränktes, labbriges Grünzeugs, größtenteils aus dem Convenience-Bottich. Die „Medaillons vom Schweinefilet in herzhafter Cognac-Pfefferrahmsoße“ kommen daher als drei sehnige, totgebratene Scheiben von toter Sau mit lauwarmen Tütenspätzle, dazu ein ebenfalls lauwarmes, wässriges, in keiner Weise irgendwie gebundenes, weitgehend geschmackloses Sößchen, wahrscheinlich Tüte, von Cognac, Pfeffer oder Rahm keine Spur, nur ein paar verfluchte rosa „Pfeffer“körner (rosa Pfeffer ist gar kein Pfeffer, sondern stammt von einer südamerikanischen Baumpflanze namens Schinus terebinthifolius, die enthält weder Piperin noch ätherische Öle und zählt daher eben nicht zur Gruppe der Pfefferpflanzen); der Sahnetupfer mit zwei Tomatenscheiben und einer Halben Erdbeere als Garnitur wirkt passend zu diesem kulinarischen Trauerspiel. Für den nächsten Abend habe ich das im Ganzen rosa gebratene Mittelstück vom Rehrücken mit Wild-Pfifferlingsrahmsoße vorbestellt, und siehe, die Küche hält ihr Qualitätslevel stabil. Die gleichen lauwarmen Tütenspätzle, die gleiche Garnitur aus Sahnetupfer und halber Erdbeere, allerdings zur Abwechselung mit zwei Orangenscheiben, diesmal ist das totgebratene Fleisch Rehrücken, und das lauwarme, wässrige, in keiner Weise irgendwie gebundene, weitgehend geschmacklose Sößchen ist bräunlich. Als ekelig empfinde ich die wabbligen, teils zerrupften, offensichtlich nicht sautierten oder sonst wie zubereiteten Pfifferlinge frisch aus der Dose darüber. Das Zimtblaukraut dazu ist aufgewärmte Dosenware mit einer Prise Zimt. Sehr ärgerlich lasse ich ein Gericht für 25,560 EURO nach wenigen Bissen zurückgehen. Zum Glück gibt es in der Mühle bei Rinchnach wenigstens sehr gute, tatsächlich frisch gemachte, leicht schaumige, heiße Pfannkuchen, mehr schon Omeletts, gefüllt mit erträglicher Preiselbeermarmelade, das Kompott dazu stammt wieder einfach aus industrieller Produktion im Glas. Was ebenfalls tadellos ist, ist das Krenbrot, gutes Bauernbrot mit Butter und Meerrettich bestrichen, darauf reichlich Scheiben von sehr gutem Geräuchertem und nochmals frisch gehobelter Meerrettich, als Garnitur, Ei, saure Gurke und Tomate, für eine Brotzeit genau das Richtige.

Das Frühstück ist – bleiben wir trotz allen kulinarischen Ärgers fair – für ein Landgasthaus mit nur wenigen Gästen ganz ok. Gute und frische Backwaren vom heimischen Bäcker, pro Tisch ein unter Cellophan abgepacktes Tellerchen mit ordentlicher Wurst und ordentlichem Käse vom örtlichen Metzger, ein guter Kaffeevollautomat, ein Obstteller, auf Wunsch frisch zubereitete Eier, Tetrapack-Säfte … aber … aber … „regional-frische Produkte“ verheißt die Webpage des Hauses, und dann ist der Honig aus Süd- und Mittelamerika (es ist ja allgemein bekannt, dass es im Bayrischen Wald keinerlei Imker gibt), die Marmeladen aus Lübeck, die Milch aus Berchtesgaden, der Joghurt aus Franken … Da will ich gar nicht mehr wissen, wie „regional“ der sonstige Einkauf in der Küche ist …


Gasthof Mühle
Familie Kurt und Martina Ertl
Zimmerau 10
D – 94269 Rinchnach
Tel.: +49 (99 22) 12 06
Fax: +49 (99 22) 68 33
E-Mail: info@gasthof-muehle.de
Online: www.gasthof-muehle.de

Hauptgerichte von 11,20 € (Schinkenrührei, Bratkartoffeln, Salat) bis 25,50 € (Rehrücken, Beilagen), Drei-Gänge-Menue von 18,80 € bis 38,40 €

DZ Ü/F 86 € bis 151 € (pro Zimmer, pro Nacht)

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