Mendocino: Vergessene Alt-Hippie-Kolonie (2/2)

Halt stopp, ein weiteres Highlight gibt es noch in Mendocino, nämlich Dick’s Place, quasi direkt neben dem Mendocino Hotel gelegen. Dick’s Place, das ist eine echte Spelunke vom Feinsten. Pierers Universal-Lexikon von 1863 definiert Spelunke als ‚schmutzigen, unansehnlichen Ort, wo sich gemeine Leute versammeln‘, und das ist das Dick’s Place garantiert. Abgewetzter Holzfußboden, rechts ein raumlanger, mächtiger Tresen, große, aber wohlfeile Auswahl an einfachen Spirituosen, Craft Beers und sogar Zigaretten, links einfache Holztische und –stühle von der Art, die in Film-Schlägereien immer über den Schädel gezogen werden und zuhauf zu Bruch gehen, und das alles mit Meeresblick. Die Wände sind voll mit Tinnef, ein Hirschkopf mit Geweih, Plastikbeine mit roten Strapsen, vergilbte Banknoten aus aller Herren Länder, alte Bilder, Boxplakate, dumme Sprüche auf Emaille, eine Single Schallplatte, Kappen, bedruckte T-Shirts, die man käuflich erwerben kann, so’n Zeugs, und natürlich zwei große Flachbildfernseher, auf denen nebenbei unterschiedliche Sportprogramme laufen. Hinter dem Lokal gibt es einen kleinen, lauschigen Innenhof, vorwiegend wohl für die Raucher, bei unserem Besuch grillt ein junger Mann hier mit viel Anteilnahme anderer Männer und noch mehr Bier jede Menge Würstchen, irgendwelche speziellen Würstchen mit Wildfleisch, wenn ich das recht verstanden habe, die später dann zu Hot Dogs verarbeitet werden, die der Wirt kostenlos an die trinkenden (und zahlenden) Gäste ausgibt; Dick mache sowas oft, mal Hotdogs, mal Burger, mal Chili, mal Pulled Pork, unregelmäßig, aber immer gut und immer kostenlos, das sei einer der Gründe, warum die Leute so gerne und häufig hier her kämen, erklärt mir mein Tresen-Nachbar. Kundenbindung auf nord-kalifornisch. Die Gäste sind zu drei Vierteln männlich, Einheimische, Stammgäste, deutlich mehr Hand- denn Kopfarbeiter, sehr rustikal, die meisten kommen mit ihren dicken Pick-ups, die sie direkt vor dem Lokal parken (und mit denen sie später, nach einigen Bier und Schnaps, auch wieder wegfahren, so viel zu Null Promille in Kalifornien), man kennt sich, der Wirt begrüßt fast einen jeden mit Namen und mit der Frage „As always?“, es wird viel getrunken, und nicht nur Bier, das ist – so denke ich mir – genau der Menschenschlag, der nach zwei, drei Lokalrunden gerne mitkommt, um im Fackelschein ein wenig zu lynchen oder Indianer zu meucheln, aber wahrscheinlich habe ich nur zu viele Western-Filme gesehen. Eine ganz besondere Spezies sind die Frauen in Dick’s Place, das sind keine verschüchterten Mäuschen an der Seite ihres starken Mackers, das sind keine genervten Ehefrauen, die ihre saufenden Gatten heimholen, das sind auch keine It-Girls, die sich‘nen muskulösen Cowboy aufreißen wollen, und das sind schon gar keine Damen, die einen gepflegten Drink nehmen wollen, das hier in Dick’s Place sind gestandene Weibsbilder in einem sehr positiv gemeinten Sinne, die lassen sich kein X für ein U vormachen, die trinken wie die Mannbilder, manchmal auch mehr, auf jede sexistische Zote der Männer setzen sie eiskalt eine noch sexistischere drauf, und auch ansonsten nehmen sie kein Blatt vor den Mund, Mäuschen, It-Girls oder Damen sind die jedenfalls bestimmt nicht, sie sind rau wie die alten Kolonien. Nun gut, an diesem Ort lässt sich gar trefflich ein ungepflegter Aperitif nehmen und ein wenig mit den Einheimischen – Eingeborene im eigentlichen Sinne sind sie ja nicht, die haben ihre Vorfahren sehr erfolgreich getötet und reserviert – über das Wetter und die weltpolitische Lage plaudern, und siehe da, fast alle hier mögen Trump. Das also sind seine typischen Wähler, so-so. Ein Highlight darf ich noch erleben, als ich nach einem Brandy aus Kalifornien frage, Dick versteht zuerst gar nicht, was ich meine, dann beginnt er, in seinen unter der Theke stehenden Flaschen zu graben und kommt zurück mit einer nicht angebrochenen Flasche Brandy No. 89 aus der berühmten Charbay Distillery in Ukiah, von der selbst ich schon was gehört hatte. Dick betrachtet die Flasche genauer, ui, sagt er, von 1989, die muss aber auch mal weg, 30 Jahre alt. Später schaue ich nach, der Ladenpreis für so eine Flasche liegt heute irgendwo bei 200 EURO, wenn man sie überhaupt noch bekommt. Dick jedenfalls macht die Flasche wohlgemut und bar jeder Ehrfurcht auf, riecht kurz dran, wohl, ob der Inhalt noch gut sei, befindet ihn für gut du gießt mir ein großes, ein ziemlich großes Glas ein und schaut mich fragend an: „Are 5 bucks a glass ok?“ „It’s ok“ antworte ich großmütig. Der Brandy No. 89 von Charbay ist ziemlich genial und ich bald ziemlich betrunken.

Zum Dinner in den Victorien Dining Room des Hotels jedenfalls reicht es noch. Die Atmosphäre ist in der Tat gediegen, dicker Teppichboden, alte Möbel, gedämpftes Licht, dunkles Holz, großzügige Bestuhlung, weiße Tischwäsche, aber dann doch nur wieder Pressglas, der Kellner trägt schwarzen Anzug mit Weste, schwarzer Krawatte und weißes Hemd, ganz klassisch, er kann sogar richtig kellnern, kein Wunder, er stammt aus Dublin und hat in Europa gelernt, durchaus distinguiertes Publikum, fast könnte man meinen, in der Zivilisation zu sein. Die Speisekarte lehrt einen allerdings rasch wieder das Gegenteil. Suppen, Salate, Meeresfrüchte für US$ 7 bis US$ 15 vorweg, dann jede Menge gerillte tote Kuh, Schweinekotelettes, Paella, Hühnchen, Catch oft he Day, Lachs, Krabben als Hauptspeisen für US$ 30 bis US$ 40, zum Dessert jede Menge Cremes in Form von Eis, Cheese Cake, Mousse für um die US$ 10. Kreativ geht anders, aber unkreativ muss ja nicht zwangsläufig schlecht sein, ganz im Gegenteil … Nur leider bleibt das Gegenteil zur Gänze aus. Die gratinierten Austern sind vier Austern unter einer dicken Kräuter-Reibekäse-Kruste, da hätte man auch Styropor drunter packen können, von Austern-Geschmack keine Spur mehr.  Der Bay Shrimp Salad besteht aus einer Lage Tomaten-Matsch von wohlschmeckenden, reifen Tomaten, dann einer Lage Avocado-Matsch aus nicht wohlschmeckenden, unreifen Avocados, schließlich einer dicken Lage von nach nichts schmeckenden gekochten Shrimps, gekrönt von einem Tupfen knofliger Mayonnaise, umgeben von ein paar frischen gemischten Salatblättern der Saison ohne Dressing, und das alles zusammen in einer Menge, die für eine Hauptspeise reichte. Dann das Filet Mignon dann wenigstens klein, tote Kuh halt mit ein paar kalten, irgendwann wohl mal frittierten Zwiebelstückchen obendrauf, kurzes Sößchen, fetter, wahrscheinlich tatsächlich selbst gemachter Kartoffelbrei mit grünen Punkten – Schnittlauch, sagt die Speisekarte –, diesmal eine halbierte große Tomate mit dick Kräutern und Reibekäse gratiniert – die Karte nennt das dann „Tomato Gratin“ –, die avisierten „Sautéed Greens“ fehlen einfach, ich bin nicht böse drum. Das Fourteen Ounce Grilled Ribey wieder ein großer Flatschen tote Kuh, mit ein paar kalten, irgendwann wohl mal frittierten Zwiebelstückchen obendrauf, kurzes Sößchen, fetter, wahrscheinlich tatsächlich selbst gemachter Kartoffelbrei mit grünen Punkten – Schnittlauch, sagt die Speisekarte –, dazu vier viel zu weiche, fettige, unten holzige Stangen grüner Spargel. Die Desserts hätten wir uns dann auch sparen können, der Mednocino Hotel Sundae ist ein Becher übervoll mit Industrie-Eis, -Schokosauce und –Sprühsahne, dazu ein paar kandierte Pecanüsse und eine Maraschinokirsche, die warmen Brombeeren mit Vanilleeis und Blätterteigtasche ist warmer Brombeermatsch, wahrscheinlich TK-Ware, mit schmelzendem Vanille-Eis, darauf ein irgendwann man frisch gebackenes Stück kalten Blätterteiges: wer macht denn sowas. Beim Digestiv ist es ruhig geworden im Lokal, wir sind fast die letzten Gäste, die heimischen Imperialen schaffen den Speiseverzehr deutlich schneller und effektiver, wir plaudern ein Wenig mit dem irischen Kellner, er vermisse Irland schon, aber hier verdiene er halt viel, viel besser, aber spätestens zur Rente werde er zurückgehen, eines dauerhaften Bleibens sei es hier gewiss nicht, und gemeinsam mit uns regt er sich auf über die hier offensichtlich prinzipiell servierten großen bis riesigen Portionen, drei von vier Teller räume er halbvoll ab, weil die Leute die Portionen einfach nicht schafften, aber die Chefs sagen, das müsse so sein, Amis wollen Mengen auf dem Teller sehen, quasi als Qualitätsmerkmal, auch wenn sie die Mengen dann garantiert nicht schaffen, das sei nicht weiter schlimm, Lebensmittel selber hätten hier kaum wert, niemand zucke zusammen, wenn an einem Tag ein Zentner (50 kg!) angefressene Steaks, halbe Portionen Kartoffelbrei, fast volle Salatschüsseln, Brotberge weggeworfen würden, schlimm hingegen sei es, kleine Portionen zu servieren, selbst mit der Möglichkeit, etwa Beilagen kostenlos nachzubestellen, da würden die Gäste sofort mosern, das sei zu wenig und – ganz kurios – das sei nicht gut, als ob Quantität irgendwas mit Qualität zu tun hätten. Dieser irische Kellner hat eine ziemlich schlechte Meinung von seinen imperialen Arbeitsgebern und Gästen, aber er verdient gut.

Das Frühstück am nächsten Tag dann noch ziemlich gut, sehr ordentlicher, heißer French Toast mit vielen frischen Früchten, Eggs Benedict mit selbst gemachter, guter Hollandaise, auf ordentlichen, festen Buns (kein Labberbrot), guter Schinken, sehr ordentliche Hashbrowns, fast schon Rösti, dazu frischer O-Saft, guter Cappuccino, und das alles serviert auf der kleinen Terrasse vor dem Haus mit Meerblick – was will man mehr?

Mendocino Hotel & Garden Suites
45080 Main Street
Mendocino, California 95460
USA
Tel.: +1 (7 07) 9 37 05 11
Email: frontdesk@mendocinohotel.com
Online: www.mendocinohotel.com

Hauptgerichte im Restaurant von US$ 28 (Schweinskottelet, Kartoffelbrei, Grilltomate) bis US$ 40 (Filet Mignon, Kartoffelbrei, Grilltomate, frittierte Zwiebeln), Drei-Gänge-Menue US$ 40 bis US$ 65,95; Bistro-Gerichte US$ 15 bis US$ 20 (Pizza, Salate, Tacos, Burger)

DZ/F 145€ bis 353 € (pro Nacht, pro Zimmer mit Bad; preiswerte Zimmer ohne eigenes Bad)

Dick’s Place
95460, 45070 Main St
Mendocino, CA 95460
Vereinigte Staaten
Tel.: +1 (7 07) 9 37 60 10

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