Marginalie 93: Dies ist keine Geschichte

Geschichten – oder Beiträge, Posts, Messages , wie es Neu-Deutsch so oft so unschön heißt – haben einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, manchmal sogar einen Höhepunkt, eine Moral oder zumindest eine Lebensweisheit oder sie berichten wenigstens von nützlichen und daher lesenswerten Dingen, etwa „Diese Lokal ist gut alldieweil …“ oder „Dieses Gericht bereitet man so-und-so zu …“, solche nützlichen und daher lesenswerte Dinge also. Was nun folgt, das hat keinen richtigen Anfang, keine Mitte und kein Ende, keinen Höhepunkt, keine Moral, keine Lebensweisheit, noch nicht einmal etwas Nützliches und daher Lesenswertes. Es ist einfach passiert und aufgeschrieben wie passiert.

„Lass doch den Idioten, er ist es nicht wert, dass man sich über seinen Dünnschiss ärgert!“ sagt Caro. Ich ärgere mich dennoch. Ich ärgere mich sehr, um nicht zu sagen, dass ich wütend bin. Es geht auf Elfe. Wieder einmal Ludwigsburg. Ludwigsburg und Wangen, offensichtlich meine beiden schwäbischen Schicksalsstädte. Das erste Haus am Platze, Monrepos ausgebucht, Nestor ertrage ich irgendwie nicht mehr, also sind wir im Dritten der drei Vier-Sterne-Häuser allhier gelandet, Fünf-Sterne-Hotels gibt es sowieso nicht, sparsame Schwaben halt. Dieses Hotel, in einem Ludwigsburger Vorort gelegen („idyllische Stadtrandlage“ umschreibt das die Hotel-Homepage euphemistisch), ist speziell. Die Zimmer sind geräumig, ziemlich sauber und funktional, seelenlose Gastronomie-System-Möbel, Linoleum- oder blaue Teppichböden, Schallschutzfenster, Klimaanlage, Flachbildfernseher, Minibar, Pflegeprodukte, das alles besitzt den Charme eines Sanatoriums-Zimmers für Kassenpatienten, kein Wunder, wenn Handlungsreisende hier deprimiert der Trunksucht verfallen. In nämlichem Stile gehalten sind Lobby, Restaurant (zugleich Frühstücksraum) und die Veranstaltungs-/Tagungsräume, ziemlich sauber und funktional, doch als wäre seelenlose Beliebigkeit das durchgängige Motto des Hotels. Zusammen mit einem Lift, einer endlos verwinkelten Tiefgarage und einem kleinen Wellness- und Fitnessbereich im Keller hat das wohl irgendwie für vier Dehoga-Sterne gereicht, und wieder einmal fragt sich ratlose Reisende, wozu diese Sterne eigentlich noch gut sind. Spektakulär allein die Hotelbar, zwischen Rezeption, Veranstaltungsräumen und Lift gelegen, ganz in orange gehalten, orange Wände, orange Barhocker-, Sessel- und Bankbezüge, orange Decke, orange, von innen beleuchtete Trennwände, orange Jalousien, oranges Licht, quasi ein Symphonie, eine Orgie, ein Gemetzel, eine Götterdämmerung in Orange, wahrscheinlich war Anthony Burgess der Innenarchitekt, es ist zuweilen grausam, was in deutschen Provinzstädten noch um die Jahrtausendwende (von Zweiten in’s Dritte, nicht vom Ersten in’s Zweite) für chic gehalten wurde.

Das sitzen wir nun also, nachts um Elfe in dieser Orgie aus Orange, und ich ärgere mich. Zuvor haben wir am Abend im örtlichen Kleinkunstveranstaltungs-Etablissement – einem alten, eigentlich ganz hübschen Kino mit dem netten Namen Scala – gegen Eintritt einem Barden namens Gisbert zu Knyphausen gelauscht, eigentlich Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen, alter, niederer friesischer Adel, ich kannte nur die ganz entzückende Liedzeile „Denn die Liebe, die Du kriegst / Ist die Liebe, die Du gibst“ von ihm, Grund genug, Karten zu erstehen und sich in sein öffentliches Konzert zu begeben. Was dann kam, war wider Erwartens. Ein Publikum, mit dem man jederzeit jede sinnfreie Lichterkette gegen jedwedes Unbill hätte bilden können lauschte ergriffen postpubertären Herz-Schmerz-Allgemeinplätzen, wie sie gemeiner kaum sein können, zu beherztem Klampfenschlag in’s Mikrophon genuschelt von einer musikalisch wie lyrisch wie gesanglich recht mäßig begabten Person, begleitet von einem Lustknaben-gleichen Jüngling mit strohblondem, dünnem Haar mit Pferdeschwanz, der recht erfolglos versuchte, mithilfe von allerlei Bögen und anderen Gerätschaften mehr aus einem Vibraphon zu machen, als es eigentlich ist, nämlich ein Vibraphon. Gegen Ende der Darbietung – Biertheke und Schnapsbar vor dem Kinosaal hatten das ganze Konzert wohlweißlich geöffnet und wurden dann doch rege frequentiert, es gibt Dinge und Begebenheiten, da hilft Alkohol kolossal – sprach der Herz-Schmerz-Nuschel-Barde zu seinem Lichterkettenpublikum und forderte Spenden ein für Dinge, die er gut fand. Dabei nannte er identitäre Bewegung und Kirche in einem Atemzug, als er von Verführern der führerlosen Jugend sprach, und diese Führerrolle würden er und seine Leute mit Hilfe der geforderten Spenden gerne übernehmen. Identitäre Bewegung und Kirche in einem Atemzug, und keiner außer mir in dem Saal reagierte mit einem Buh-Ruf, und mein Buh-Ruf wurde mit massig bösen Blicken quittiert, als ich den Saal polternd verließ. Da fragt man sich schon, was das für gute Menschen sind und welche moralischen Maßstäbe die noch haben.

Irgendwie scheint Vodka mein Schicksal zu sein in Ludwigsburg, viel Vodka. Er löst zwar keine Probleme, aber er hilft, Ärger zu übertünchen. Doch vor den Vodka, auch den in orangen Bars, haben die Götter die Bedienungen gesetzt, und just die sind massenweise nicht da, in dieser orangen Bar in idyllische Stadtrandlage um Elfe des Nachts, um nicht zu sagen, bis auf Caro und mich ist die Bar gähnend leer. Aber aus einem der benachbarten Veranstaltungsräume dringt lautes Mönen-Raunen und -Gelächter, aus einem anderen eher verhaltenes, aber geschäftiges Getuschel und Geraschel. Wenngleich gerade Mönen zuweilen recht gut einzuschenken und vor allem auszuteilen vermögen, schaue ich zum Behufe der Vodka-Order dann doch lieber in den Raum, aus dem das eher verhaltene, aber geschäftige Getuschel und Geraschel dringt, und siehe, zwei Servicekräfte in schwarzer Hose, schwarzer Weste, weißem Hemd decken dort spät abends die Tische für die nächstbeste Festivität ein, ein junges weißes Mädchen, offensichtlich eingeboren, kaum achtzehn Jahr, eher von der kompakt-robusten, bodennah gebauten, ländlichen Statur, gebrochen Deutsch, aber fließend Schwäbisch sprechend und ein vielleicht fünfundzwanzigjähriger, recht hoch gewachsener schwarzer Mann, offensichtlich ebenfalls eingeboren, aber kaum in Deutschland, deutlich besser Deutsch, aber auch deutlich schlechter Schwäbisch sprechend als das Mädchen verteilen dort einträchtig Bestecke und Gläser, beim mehr oder eher weniger kunstvollen Falten der Papierservietten scheint der eingeborene Schwarze der eingeborenen Weißen so manchen Kniff und Trick zu zeigen, wie man die Dinger faltig zum Stehen bringt, überhaupt scheinen der eingeborene Schwarze der Instruktor und die eingeborene Weiße die Instruierte zu sein, einerlei. Ob wir was zu trinken in der Bar bestellen könnten, rufe ich in den Raum, aber ja doch, antwortet der eingeborene Schwarze und gibt der eingeborenen Weißen mit dem Kopf ein Zeichen, sie möge sich unserer annehmen, derweil er sich weiter darum kümmert, eigentlich wabblige, jedoch klug gefaltete Papierservietten auf den Tischen für die nächstbeste Festivität zum Stehen zu bringen. Noch bevor ich mein Begehr äußern kann – viel Moskovskaya Vodka aus der Flasche mit dem typischen grünen Label im oberen Regal der Bar, vierte Flasche von rechts – knallt uns die bodennah Gebaute grußlos und ungefragt die hiesige Barkarte auf den Tresen, laminierte DIN lang Papperdeckel mit Spiralbindung und sehr bunt. Während Caro noch scheinbar – oder anscheinend, who knows? – interessiert die laminierten Papperdeckel mit Spiralbindung studiert – die Frau liest sonst 20 Seiten juristische Fachliteratur in weniger als einer Minute und hat das Zeugs – und das ist das eigentlich Phänomenale – verstanden – bestelle ich eigentlich unmissverständlich – wie zumindest ich meine – Moskovskaya Vodka, viel Moskovskaya Vodka aus der Flasche mit dem typischen grünen Label im oberen Regal der Bar, vierte Flasche von rechts. „Da müssen Sie mir jetzt schon helfen, ich kenne mich da nicht so aus.“ (vermutete hochdeutsche Transkription, Anm. d. Autors) sagt die Bodennahe. „Typisches grünes Label im oberen Regal, vierte Flasche von rechts.“ dirigiere ich sie, zweimal greift sie gezielt daneben, bis sie endlich die Flasche in der Hand hält. „2 cl oder 4 cl?“ fragt sie. In Ermanglung eines Tumblers oder eines ähnlichen geeigneten Glases deute ich auf ein niedriges, bauchiges Saftglas im Regal. „Das hätte ich gerne voller Eis und dann randvoll mit Vodka.“ Die Bodennahe blickt verständig wie eine Kuh und macht — nichts, außer zu blicken. „Machen Sie mir das Glas bitte voll mit Eis.“ dirigiere ich sie. Sie geht zur Eisschublade und füllt zwei Würfelchen Eis in das Glas. „So?“ fragt sie und zeigt mir das Glas mit zwei Würfelchen Eis darinnen. Hergottssakra, rede ich denn Chinesisch? „Voll bitte.“ Sie füllt das Glas halbvoll mit Eiswürfeln. Langsam beginne ich, zu meinem Ärger über den postpubertären Herz-Schmerz-Nuschel-Barden auch noch unleidig zu werden. Eiswürfel scheinen verdammt wertvoll zu sein in idyllischer Stadtrandlage, wenn die Person dermaßen damit geizt. „Ganz voll!“ sage ich in einem schärferen Ton, der sie offensichtlich tatsächlich dazu bringt, das Glas vollends mit Eiswürfeln zu füllen. „Und nun?“ fragt sie in fast schon trotzigem Ton. „Und jetzt machen Sie das Glas bitte randvoll mit dem Vodka.“ „Aber den gibt es nur in 2 cl.“ sagt sie nun wirklich trotzig. „Dann machen Sie halt so viel 2 cl rein, bis das Glas voll ist.“ Die Bodennahe nimmt ein Schnapsglaserl aus dem Regal, füllt es penibel bis zum Eichstrich mit Vodka, gießt ihn in das große Glas mit Eis und will es mir reichen. „Voll, hatte ich gesagt.“ „Wie jetzt?“ Die Dame ist sichtlich verwirrt. „Jetzt machen sie noch ein Stamperl voll mit Vodka, gießen das wieder in das große Glas, dann noch eines und noch eines, so lange, bis das Glas voll mit Vodka ist.“ Das kostetet dann aber extra.“ Tätä – ja ist denn schon Karneval, oder was soll der selten dumme Spruch, aber das Mädel meint es offensichtlich ernst, zwei Stamperl Vodka scheinen ihren Horizont und ihre Auffassungsgabe ernsthaft zu übersteigen. Nach fünf mal 2 cl Vodka ist das Glas endlich voll. „Danke, das reicht.“ sage ich. „Das hätten Sie auch gleich sagen können, dass Sie das so wollen!“ bläfft sie mich an. Gleich haue ich. Derweil ist Caro auch fündig geworden, in der Zeit hätte sie gefühlt drei juristische Standradwerke gelesen, verstanden und verbessert … oder ein paar laminierte A6-Papperdeckel mit Spiralbindung studiert. „Den Hauscocktail hätte ich gerne.“ haucht sie geradezu liebenswürdig der Bodennahen entgegen. Letztere blickt Erste fassungslos an, stapft nach hinten und ruft ihrem schwarzen eingeborenen Kollegen zu: „Das musst Du jetzt machen, das kann ich nun wirklich nicht.“ Sanft bringt dieser noch eine weitere klug gefaltete Papierserviette auf einem Tisch für die nächstbeste Festivität zum Stehen, kommt nach vorne in die Bar und lauscht seiner Kollegin, was diese ihn an Erlauschtem zu tuscheln hat. Gleichsam professionell nimmt er ein Rührglas – offensichtlich das einzige Rühglas der orangen Bar – , schippt eine Kelle Eis hinein, rückt sich sodann die laminierten A6-Papperdeckel mit Spiralbindung zurecht, studiert diese intensiv und unverhohlen – offensichtlich die Zusammensetzung des Hauscocktails –, gießt billigen Rum über das Eis, Orangenlikör, Grenadine, zwei dicke Fruchtsäfte, ich glaube, Banane und noch was aus dem Tetrapack, knallt den metallenen Shaker auf das Rührglas, drück beides der Bodennahen in die Hände und erklärt ihr (grottenfalsch), wie ein Shaker zu shaken sei, das alles nicht ohne ihre Brüste wie zufällig dabei zu berühren, und die Bodennahe shaked, wie noch nie eine Frau vor ihr geshaked hat, zaghaft, falsch, ein Jammer, dass sie offensichtlich einen BH trägt (diese sexistische Zote konnte ich mir nun wirklich nicht verkneifen, Feminismus-Klatschen bitte hier ablassen). Irgendwann befindet das Männlein, dass das Weiblein genügend geshaked habe, nimmt ihr die Gerätschaften aus den Händen, löst Glas vom Becher mit einem gekonnten Handballen-Kick und gießt den Sabber in eines dieser dem weiblichen Torso nachempfundenen Cocktailgläser, und eines muss man ihm lassen, die Menge stimmt exakt. Hektisch sucht er dann unter der Theke nach Obst zur Garnitur … und findet keines; also stapft er los und kommt alsbald wieder mit einer fetten Zuchtheidelbeere und einer Brombeere auf einem Zahnstocher, die er formvollendet auf das Torso-Glas über den Schlabber legt, sodann einen Papp-Trinkhalm hineinsteckt, um Caro die Schose schließlich mindestens ebenso formvollendet zu kredenzen. Caro blickt skeptisch, sehr skeptisch, lächelt hilflos, sehr hilflos (was sonst so gar nicht ihre Art ist), nippt artig an dem Papp-Trinkhalm, schiebt alles beiseite und sagt lautstark: „Ich hätte auch gerne ein Glas voll mit Vodka.“ „Wie jetzt?“ sagt die Bodennahe, einerseits offensichtlich beleidigt, dass ihr Geshake augenscheinlich nicht wirklich gewürdigt wird, andererseits angenervt, dass sie jetzt tatsächlich nochmals die Einschenk-Prozedur machen muss. Drauf g’schissen, Caro will Vodka. Als die angenervte Bodennahe nun schon eingeübt zum Saftglas greift, erscheint ein mittelalterlicher Mann, ganz in Schwarz gekleidet, also schwarze Hose, schwarze Weste und statt des weißen auch ein schwarzes Hemd, wenngleich ein bereits reichlich verblasstes vom vielen Waschen; er scheint sowas wie der Oberguru der Nachtschicht zu sein, so benimmt er sich jedenfalls („Auftritt Oberguru von links hinten“ stünde hier bei einem Dramen-Text als Bühnen-Anweisung). Die junge Dame also hält das Saftglas inn den Händen und schickt sich an, es wie frisch gelernt mit Eis zu füllen, da sagt der Oberguru „Das gefällt mir jetzt aber noch nicht!“, spricht’s, nimmt ihr das Glas aus der Hand und will ihr ein Longdrink-Glas aus dem Regal reichen. Schlechte Idee, ganz schlechte Idee. Caro kneift die Augen zusammen (ich kenne dieses Augen-Zusammenkneifen, In-Deckung-Gehen ist in dieser Situation immer eine gute Option) und sagt mit ziemlich scharfem Ton – das ist der Ton, in dem sie sonst vor Gericht sagt „Und daher fordere ich die Höchststrafe für den Angeklagten, und vorher öffentliches Aufhängen an den Ohren auf dem Marktplatz“ (oder so ähnlich) – „Ich hätte gerne genau dieses Glas, zuerst randvoll mit Eis, und dann randvoll mit Vodka. Hätte ich ein Longdrink-Glas gewollt, hätte ich das schon gesagt, davon können Sie ruhig ausgehen.“ Der Habitus des Obergurus wechselt in Sekundenbruchteilen zu dem eines Underdogs, er gibt dem Mädel sein Saftglas zurück, trollt sich wie ein getretener Hund mit eingefallenen Schultern und ward nicht mehr gesehen. Das Mädel grinst. Wahrscheinlich hat Caro sie gerade für dutzende von Demütigungen gerächt. Caro bekommt also ihren Vodka, nochmals besser eingeschenkt als der meine, wir sitzen nebeneinander an der Bar und lassen den Tag Revue passieren. Der Abend sollte gelaufen sein, sollte man meinen. Ist er aber nur fast.

Irgendwann, auf dem Weg zur Toilette, blicke ich in den Veranstaltungsraum, aus dem anfänglich erwähntes Mönen-Raunen und –Gelächter dringt. Caro und ich hatten vermutet, dass dort ein lustiger, ausgelassener Weiberabend stattfände, Jungesellinnenabschied, fünfzigster Geburtstag mit den besten Freundinnen, Tuppa- oder Dildo-Party, sowas halt, aber weit gefehlt. In dem Raum feiern vielleicht dreißig Leute um die vierzig, fünfzig, zur Hälfte Weiblein, zur Hälfte Männlein. Die Weiber reden laut, grölen, lachen, gackern, kichern, die Männer sitzen durchweg bedröppert dabei vor ihrem Bier, manche haben sich zu Zweier- oder Dreier-Gruppen zusammen geschlossen, stecken die Köpfe zusammen und tuscheln, andere glotzen nur stumpf vor sich hin und nehmen alle drei Minuten mechanisch einen Schluck von ihrem Bier, derweil die Weiber Spaß haben wie Bolle. Sowas habe ich auch noch nicht gesehen, fast wie eine radikal-muselmanische Party, nur mit verkehrten Geschlechterrollen und Alkohol. Einerlei, die Männer sind wahrscheinlich noch erschöpft vom Schaffe-Schaffe-Häusle-Bauen, und die Weiber sind es leid, dass niemand nach ihnen schaut. Alte Volksweisheit.

Später am Abend – die Vodka-Flasche neigt sich bedrohlich dem Ende zu, aber die Bodennahe und wir sind zwischenzeitlich ein eingespieltes Team geworden – setzt sich ein junger Mann mit Stoppelhaarschnitt und weißer Jacke mit irgendwelchen Aufnähern an einen Tisch der sonst leeren Bar, bestellen will er nichts, statt dessen starrt er frenetisch in seine Funke und tippt mit flinken Fingern darauf herum. Vor dem Hotel steht ein Reisebus, irgend so ein Profi-Sport-Depp auf Auswärts-Tour denke ich fälschlicher Weise, nur der Schriftzug Uni Lever auf seiner Jacke macht mich stutzig, den Rest kann ich nicht lesen oder zuordnen. Irgendwann kommen andere junge Männer in nämlichen Jacken und gesellen sich zu Ersterem, es entspinnen sich verhaltene, aber intensive Gespräche und Diskussionen, Laptops werden aufgeklappt, hineingeschaut, gedeutet, gesucht, verglichen, Papiere hervorgekramt und studiert, so benehmen sich keine Sportler des Nachts in einer Hotelbar. Irgendwann kann ich meine Neugierde nicht mehr bezwingen, und ich spreche einen an, was das denn für ein Verein sei. Sichtlich erfreut ob des Interesses sprudelt es förmlich aus dem jungen Mann in gebrochenem Englisch heraus: sie seien die Portugiesische Jugend-Delegation bei der gerade auf der Stuttgarter Messe stattfindenden Koch-Olympiade mit zweitausend Köchen aus aller Welt und sie seien hier in idyllischer Stadtrandlage untergebracht. Sachen gibt’s, da weile ich quasi direkt neben einer Koch-Olympiade und weiß nichts davon. Die jungen Männer sind begeistert, man kann mit vollem Recht sagen, dass sie brennen, brennen für diese Olympiade und für ihren Beruf. Sie freuen sich offenkundig, dass sich Deutsche für sie und ihr Schaffen interessieren. Begeistert erklären sie uns, dass sie gerade noch die Details für die Menues für den nächsten Wettkampftag festlegen. Am nächsten Tag werden sie früh morgens in einer nahegelegenen Schulküche ihre Wettkampfbeiträge vorbereiten und dann in die Messehallen fahren, wo sie vor den Augen der Juroren in das Finish gehen. Die jungen Männer besprechen jetzt nicht etwa Gerichte und Zubereitungsarten, die stehen seit Monaten fest und sind dutzende Mal erprobt, jetzt besprechen sie Aufgabenverteilungen, Würzungen, Timing, Beilagen-Mengen, Arten des Anrichtens, alles wird akribisch im Team geplant und jeder prägt sich seine persönlichen Aufgaben ein. Es macht Spaß, diesen jungen Köchen bei dieser Trockenübung zuzusehen. Die haben offensichtlich wirklich den richtigen Beruf gewählt. Voller Freue und ehrlicher Bewunderung bestelle ich eine Runde Bier für die Jungköche., Caro schnauzt mich an, ich solle mich gefälligst zurückhalten, schließlich müssten sie am nächsten Tage wettkämpfen, und die Bodennahe sieht mich mit einem sehr, sehr angenervten Augenaufschlag an, dass sie jetzt noch ein dutzend Biere Zapfen muss, tut’s aber dann doch widerspruchslos. Als die die Biere serviert ist da ein Hallo und ein Danke bei den jungen Männern, sie scheinen sich ehrlich zu freuen, wahrscheinlich sowohl über das Bier selber als auch über die Geste als solche. Wir prosten uns zu, wir wünschen ihnen viel Erfolg und Fortune bei ihren Wettkämpfen, zahlen und gehen zu Bett.

P.S.: Was ich dem Gisbertel noch zu sagen hätte: Veritas vincit!

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