Marginalie 80: Eine Nacht in Paris bringt’s wieder rein

Napoleons Groß-Stallmeister, der Herzog von Vincenca, notierte am 07. September 1812, nach der Schlacht von Borodino mit 75.000 Toten den vergnügten Kommentar des Kaisers: „Eine Nacht in Paris bringt’s wieder rein.“

So ähnlich scheinen Menschen, zumal menschliche Arbeitskraft in Manhattan speziell, aber auch in den USA generell behandelt zu werden. Rund um Timessquare, Broadway, Central Park, Wall Street und Battery Park stehen Myaden vorwiegend junger Menschen mit großen Schildern an langen Stecken, die protestieren nicht etwa gegen den Krieg oder den Hunger oder für die Gleichberechtigung schwarzer oder sexuell behinderter Menschen, die machen vielmehr Werbung für Hopp-on-hopp-off-Bustouren, Mietfahrräder, Droschkenfahrten im Central Park, Bootstouren zur Freiheitsstatue, Broadway-Shows, und die Tickets verkaufen sie auch noch gleich auf der Straße. Und das sind alles noch lucky guys, verglichen mit der armen Socke, einer korpulenten, vielleicht fünfzigjährigen Schwarzen, die in Giftgrüner Weste einer Straßenecke der 8th Avenue pitschnass im Regensteht, ein Schild in der Hand haltend, man solle hier abbiegen und nach 220 ft in Harald’s Garage parken, für nur 18,90 US$ pro halber Stunde (zzgl. Tax versteht sich, full SUVs extra charge). Ganz abgesehen von diesem menschen-verachtenden Job würde ich hinter diesen armen Schilderhalterin ebenso wie hinter den Straßen-Ticketverkäufern gerne mal die Ecconomies sehen, welchen Wertschöpfungsbeitrag leisten diese Menschen mit ihrem Schilder-Halten, welche Gewinnspannen bei den Unternehmern stehen dahinter und welchen Anteil haben die Leute mit den Schildern daran. Wirklich viel kann es wahrscheinlich nicht sein.

Während speziell die Deutsche, generell die Europäische Hotel- und Gastronomie-Branche über Personalmangel ohne Ende klagt, so over-staffed erscheinen mir imperiale Etablissements dieser Tage noch mehr als früher. Türsteher, Kofferträger, Security Personal sowieso, Rezeptionisten, alles im Überfluss vorhanden, Wartezeiten für den Gast: Null. Heute beim Frühstück im Hotel: 6 Gäste (allesamt weiß), 4 Waiter (3 weiß, 1 schwarz), 5 Leute in der Küche (5 hispanic), 1 Maitre (weiß), 3 Security (schwarz). (Ich versuche hier gerade nicht, die Ethnien der Menschen festzuhalten – und das wahrscheinlich auch noch mit einem politisch unkorrekten Wording – um irgendjemanden irgendwie zu diskriminieren, sondern um existierende Zustände zu beschreiben.) Mittagessen beim Billig-Chinesen („billig“, das heißt in Manhattan, 15 bis 25 US$ pro Hauptgericht, 6,95 US$ für ein Tsing Tsao): hinter dem Counter eine Phalanx von 6 Chinesischen Weibern, ich schätze Oma, zwei Töchter, zwei Enkelinnen, eine Urenkelin nur mit telephonischer Bestellannahme, Ausgeben bestellter Speisen an Selbst-Abholer, Einweisung der wie die Arbeitsbienen ein- und ausfliegenden Zusteller und kassieren der Abholer und Restaurant-Gäste beschäftigt, für die vielleicht 15 Zweier-Tische im Lokal selber 5 Servicekräfte (chinesisch), hinter den Kulissen eine nur selten sichtbare Armee weiterer Chinesen/innen in der Küche. Wartezeiten für den Gast: nahe Null. Auslastung der Tische: nahe 100%. Muss wahrscheinlich auch so sein, bei den vermuteten Mietpreisen in Manhattan. Fast noch extremer im alteingesessenen Nobelsteakhouse, gedämpftes Licht, dunkles Holz, tiefe Lederfauteuils, Steaks ab 110 US$ (ohne Beilagen), Vanderbilt, Rockefeller, Trump und andere Verbrecher haben hier angeblich schon verkehrt, living Lobster, 3, 4, 5 and ocasionally 6 pounder according to MKP, only 30 days dry aged prime Schieß-mich-tot-Guru-Guru-Beef, ein Waiter für je vier zweier Tische, plus Back-up-Manager, Sommelier und Schlepp-Hilfspersonal, Gäste zu 100% weiß, sichtbares Personal zu 100% weiß, nur Security zu 100% schwarz.

Das Perfideste an dieser Menschen- … (ich hadere gerade mit mir selber: was ist das richtige Wort: „Menschenverachtung“, „Menschenverschwendung“, „Menschendemütigung“ … oder ist es eine brutale Form des „living and let live“ oder eine Form des contraict social, die ich nicht verstehe?), das Perfideste jedenfalls steuert Amazon bei. Klicka-di-klicka-klack. Manhattan ist dieser Tage voll mit kleinen Zieh-Wägelchen, vielleicht 1 Meter lang, 30 Zentimeter breit, mit jeweils vier grauen, normierten Plastikboxen darauf, manchmal auch sechs übereinander gestapelt, manchmal auch zwei Wägelchen aneinander gehängt . Klicka-di-klicka-klack. Gezogen werden diese Wägelchen fast ausschließlich von jungen Negern (scheiße, wohl gerade wieder politisch unkorrekt gewesen!). Es hat etwas gedauert, bis ich verstanden hatte. Überall in Manhattan halten dieser Tage ständig irgendwo rental trucks (keine eigene hardware, die kostet nur und macht unflexibel!), erwartet von diesen Klicka-di-klicka-klack-Wägelchen-Ziehern. Von den Trucks werden auf offener Straße Amazon-Päckchen und –Pakete auf diese Klicka-di-klicka-klack-Wägelchen umgeladen, und die Klicka-di-klicka-klack-Wägelchen-Zieher machen sich auf, Amazons same-day-delivery oder wie das auch immer heißen mag true becomen zu lassen. Vordergründig betrachtet: ich wohne in Manhattan, verlange nach einer Möhre, fummele am Computer, und habe die Möhre Stunden später vor meiner Wohnungstüre. Hintergründig betrachtet: Amazon, der wertvollste Konzern der Welt, lässt das Kuli-tum erneut aufleben, ausgebeutete, unterprivilegierte Arbeiter am Rande des Existenzminimums, damit ich meine Möhre in einer Gegend mit der besten Versorgungs-Infrastruktur der Welt in Stundenfrist vor die Wohnungstüre geliefert bekomme. Wie mögen hier die Econnomies aussehen: wie viel von Verkaufspreis bekommt der Bauer (natürlich ökologisch), wie viel Großhändler und Transporteure, wieviel der Klicka-di-klicka-klack-Kuli, und vor allem, wieviel Amazon, und wie ist die Öko-Bilanz meiner home-deliverten Möhre am Ende des Tages?

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