Marginalie 74: Kinder in Paris

Ich laufe um 08:00 Uhr vom Hotel die 20 Minuten durch das morgendliche 8. Arrondissement zur Anwaltskanzlei, wo in einer Stunde das erste von vielen Meetings des Tages beginnt. Es wird Frühling in Paris, noch vor dem offiziellen Frühlingsanfang. Die japanischen Kirschbäume blühen, ganz viele Frauen tragen Miniröcke mit mehr dicken als filigranen Strumpfhosen darunter, ich würde glatt wetten, Miniröcke werden dieses Jahr mal wieder Mode, ich sehe unglaublich viele Raucher, Menschen hasten zur Arbeit, verschwinden in U-Bahn-Schächten und werden andernorts zuhauf wieder ausgespien, die Jogger im Parc Monceau laufen zwischen frisch bepflanzten Blumenbeeten, vor und in den Bistros sitzen Leute beim ersten Kaffee, einige auch beim Pastis, der Verkehr staut und stinkt und hupt und flucht und drängelt, Müll auf den Trottoirs, mehr oder minder lange Schlangen in den Boulangerien, ich würde vermuten, je Schlange desto besser, Schüler lärmen vor Schulen herum, die ersten Bettler bringen sich in Position, Großstadtleben halt.

So saumäßig die Franzosen Auto fahren, so strikt beachten sie beim Autofahren rote Ampeln, selbst die Taxifahrer, ich vermute mal, dass drakonische Strafen auf das Überfahren roter Ampeln stehen, sonst würde sich niemand daran halten. Andererseits, unter den Fußgängern schert sich hier niemand um rote Ampeln, absolut niemand, wenn es nicht gerade lebensbedrohlich ist, wird auf und über die Straße gelatscht, was das Zeug hält, egal welche Farbe die Fußgängerampel gerade zeigt. Gegen 08:30 Uhr stehe ich an einem Fußgängerüberweg mit Ampel am Boulevard de Courcelles, weit und breit kein Auto zu sehen, die Fußgängerampel auf Rot, um mich herum eine Schar Kinder mit Ranzen auf den Buckeln, wohl auf dem Weg zur Schule, ich schätze mal dritte oder maximal vierte Klasse. Als verantwortungsbewusster praktizierender Vater verweigere ich mich der allgemeinen Ampel-Anarchie und bleibe stehen, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist und ein Überqueren der Straße gerade problem- und gefahrlos möglich wäre, aber ich will den Pimpfen ja ein gutes erwachsenes Beispiel sein. Ich stehe noch nicht richtig am Bordstein, da sind die Kinder schon mitten auf der Straße und auf der anderen Seite, sie haben mich und mein gutes Beispiel nicht nur nicht beachtet, sie haben es noch nicht einmal wahrgenommen. Großstadtkinder halt. Wer hier aufwächst und überlebt, der ist wirklich gewappnet für’s Leben.

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