Marginalie 46: Mieses Fünf-Sterne-Hotel-Frühstück

Alles ist eigentlich wie immer. Der Portier blickt mich skeptisch an, als ich mit meinem offensichtlich nicht Fünf-Sterne-tauglichen Geländewagen mit weit offenem Verdeck vorfahre. Zaghaft öffnet er mir die Türe, wohl jederzeit bereit, mir nachdrücklich zu sagen, dass ich hier nicht parken könne und mich doch bitte trollen möge. Ich lasse den Schlüssel stecken, steige durch die wie gesagt nur zaghaft aufgehaltene Türe aus, bitte den völlig konsternierten Menschen, doch meinen Wagen zu parken und sich um mein Gepäck zu kümmern, lasse ihn sodann mit seiner Konsternation, meinem Wagen und Gepäck alleine zurück, betrete, nachdem mir ein flinker, nicht so von Auto-Vorurteilen belasteter Page die Türe aufgerissen hat,  die Hotelhalle, nach Nennung meines Namens und Gegencheck in der Reservierungsliste lässt der Rezeptionist seine anfängliche Reserviertheit – Mögen die keine Leute in dreckigen Geländewagen, in Jeans und Polo, ohne Uhr und andere Orden- und Ehrenzeichen hier in dem Laden? Und Leute, wenn ihr wissen wollt, ob ich hier reinpasse, dann vergesst diesen Tand und schaut gefälligst auf meine Schuhe! – fahren und wird regelrecht freundlich, als regelmäßiger guter Gast dieser Hotelkette – das scheint der Mensch in seinem Computer zu sehen, welche Daten er wohl noch über mich dort parat hat? – erhalte ich ein Upgrade von meinem bescheiden gebuchten Business Zimmerlein mit Stadtblick in ein Deluxe Zimmer mit Balkon und Seeblick, kann man ja erstmal nicht meckern. Das Deluxe-Zimmer ist tatsächlich deluxe, geschätzte 50 qm, großer Balkon mit Blick auf See, Alpen (und Hauptbahnhof), eine separate Toilette, die größer ist als die meisten Badezimmer in normalen Mietwohnungen, dazu viel Marmor, schwere Stoffe, dicke Teppiche, Bettwäsche aus ägyptischer Baumwolle, edle Materialien, wo man hinschaut, nix von 08/15-Hotel-Einrichtung, sondern durchweg wertige Designer-Möbel, teure Marken-Pflegeprodukte, flauschige Handtücher und Bademäntel, Beleuchtungs-, Unterhaltungs-, Kommunikations- und Klimatechnik vom Feinsten, Wein, Konfekt und Obst mit ein paar angeblich handgeschriebenen Zeilen der Direktion zur Begrüßung, so gehen Fünf Sterne halt. Irgendwo in einem der Schränke klebt verschämt das kleine, obligatorische Bapperl, das den Gast nochmals über den Preis zu informieren hat, dort steht die sehr hässliche Zahl 650 (und die dazugehörige Währung sind weder der Albanische LEK noch Uganda-Schilling), ergänzend ist zu lesen, dass in diesem Preis weder Nutzung des SPAs noch Frühstück inklusive sind, aber das hat mich ja nicht weiter zu scheren, ich bin ja all-inclusive upgegradet. Das SPA ist wie meistens in diesen alten Grand-Hotel-Schuppen nachträglich in eines der unteren Stockwerke gequetscht worden, viele edle Materialien, wenig Tageslicht, nicht sonderlich groß, blitzsauber, basst scho, die Hotelbar wie meistens eine Show, großes Bar-Theater, schwere Lederfauteuils, Zigarrenrauch, ich mag diese Mixer nur in Weste nicht, es gibt doch so hübsche weiße Barkeeper-Jacken, aber perfekte Drinks, nur dummer Weise nicht all-inclusive, das Sterne-Restaurant des Hotels an diesem Tag leider bereits ausgebucht, am nächsten Tag geschlossen, aber auch in der hauseigenen Brasserie kann man recht gut essen, Austern, Schnecken, Foie gras, das lässt sich alles recht gut an, wenngleich die Weinkarte ziemlich kümmerlich – kümmerlich, nicht etwa billig – daher kommt.

So weit, so gut. Und dann das Frühstück, das für den Nicht-All-Inclusive-Gast mit nochmals 40 zu Buche schlagen würde, angeboten auf der üblichen Buffet-Landschaft am Rande des Frühstückssaales mit diversen Vitrinen, Tischen, Kühltheken, Bratstationen, wo scheinbar alles, was das Frühstücksherz auch nur begehren kann, feilgeboten wird, frische Brote und Gebäck, Wurst, Schinken, Fisch, Käse, süße Brotaufstriche, frisches und saures Gemüse, Cerealien, Säfte, Champagner, Milchprodukte, eine asiatische Ecke mit Miso-Suppe und ähnlichem, frisch gebratene Eier in allen Formen, Speck, Omelette, Waffeln, Pancakes, … you name it, scheinbar nichts, was es hier nicht gibt. Aber viel muss ja nicht unbedingt auch gut sein. Pars pro toto – und hier ist mir wahrlich der Kamm geschwollen – greife ich das frische Obst heraus, das geschält und geschnitten auf von unten gekühlten Platten auf den Gast wartet, und das ist rasch gewürdigt: die Mango ist schlichtweg überreif und schon matschig, bombastischer Duft, bereits leicht fauliger Geschmack; die Orangen hingegen noch nicht reif, sauer, nicht richtig geschält, viel weiße Haut, dazu nicht filetiert, sondern einfach in Ringe geschnitten, selbst die Kerne noch drinnen gelassen; und die Ananas schließlich ebenfalls nicht reif, daher weitgehend geschmacklos, ebenfalls schlampig geschält, längs geviertelt und dann mit der Maschine in feine Scheiben geschnitten, das aber samt hartem Strunk in der Mitte. Da fragt man sich schon, wer in diesem Fünf-Sterne-Haus den Einkauf, die Überprüfung des Wareneingangs und die Vorratshaltung verantwortet und wer für die Anleitung und Überwachung der Küchenhilfskräfte zuständig ist. Lebensmittel in solcher Qualität– sicherlich essbar, aber doch nicht in solch einem Haus und noch dazu zu solch einem Preis – und solcher Verarbeitung haben hier aber ganz und gar nichts verloren. Vielleicht könnte man noch ein Sorbet oder einen Saft daraus machen, aber doch nicht Gästen servieren. Sapperlot! Das Obst war hier nur pars pro toto. Ein Fünf-Sterne-Haus mit Sterne-Restaurant sollte schon eine eigene Patisserie haben, aber die Croissants waren eindeutig schäbige Backlinge, die Säfte nicht frisch gepresst, sondern aus dem Tetrapack, der Käse frisch aus der Kühle, die Konsistenz irgendwo zwischen steinhart und gummizäh, die Eierspeisen in Öl, noch dazu viel zu heißem gebacken, der Lachs wahrscheinlich ein Fall für Greenpeace, … t.b.c. Um es so auszudrücken: hätte ich für dieses Frühstück-genannte Machwerk tatsächlich gezahlt, ich hätte Rabatz gemacht, der sich gewaschen hätte. Aber so, geschenkter Gaul und so weiter … Dennoch schade, wieder ein eigentlich schönes altes Grandhotel auf meiner persönlichen Schwarzen Liste, zumindest was das Frühstück anbelangt, aber was will ich mit einem Hotel ohne Frühstück?

Und das reißt’s jetzt auch nicht mehr raus …
Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top