Marginalie 16: Es sind nur Verrückte unterwegs

Es sind nur noch Verrückte unterwegs, nur noch Verrückte. Es regnet in Nordtirol, trüb-in-trüb, dazu noch unerträglich feucht-schwül. Was liegt näher, als zum Mittagessen über’n Berg nach Südtirol zu fahren, vielleicht nach Meran, das Oetztal hoch, bei Obergurgl links abbiegen, über’s Timmelsjoch, das Passertal runter und schon ist man da. Aber vor Meran liegt die Passüberquerung, und die ist atemberaubend. Die Straße über’s Timmelsjoch alleine ist schon atemberaubend genug, 16 atemberaubende Euro Mautgebühr,  teils atemberaubende Abgründe, atemberaubende Straßenzustände, atemberaubende nicht vorhandene Leitplanken, aber gewiss auch atemberaubende Ausblicke in die wild-schöne Berglandschaft herum in 2.500  Höhe. Doch damit nicht genug, die Passstraße ist an diesem Samstag voller Irrer. Zuerst sind es die Fahrradfahrer, die sich bewundernswert, aber gänzlich sinnfrei über den Berg quälen. Sicher steht es jedem frei, sich seine Qualen selber zu wählen, aber wenn 20 Autos hintereinander zum Schritttempo fahren gezwungen sind, weil sich vor ihnen ein Selbstkasteier langsam den Berg hochquält und auf der kurvenreichen, engen Strecke nicht überholt werden kann, so fragt man sich schon, wie sozial das ist, ausgerechnet hier Fahrrad zu fahren. Und wenn man minutenlang in der dreißigsten Schlange hinter dem dreißigsten Selbstkasteier schleicht, so bekommt man langsam eine Wut auf diese Radler, die zumal weder Maut noch Kraftfahrzeugsteuer für den Erhalt dieser Straße zahlen. Aber die Radler sind noch die harmlosesten Spinner an diesem Berg. Weitaus verrückter sind die Motoradfahrer auf ihren dröhnenden Höllenmaschinen, diese Organspender-Reservoire auf zwei Rädern, die mit einem irren Tempo und mit waghalsigen Überholmanövern die engen Kurven durchrasen und Autofahrer beim Reinziehen schon mal schneiden und nötigen; sollen sie, solange sie keine Unbeteiligten mit in den Tod reißen und eben solange sie einen Organspender-Ausweis haben, die halten den Verkehr wenigstens nicht auf, es sei denn, die Straße muss mal wieder wegen eines tödlichen Unfalls gesperrt werden. Am verrücktesten aber waren an diesem Tage drei offensichtliche Automobilclubs. Zuerst ein Pulk von vielleicht 18 911er-Porsche mit Villinger Kennzeichnen, dann ein Pulk von zwei Dutzend unterschiedlichen Porsche, ausnahmslos mit roten Stuttgarter Kennzeichen, angeführt von einem böse aussehenden, schwarzen Panamera, und schließlich ein Rudel Münchner BMWs, allesamt mit wenigstens vier Auspüffen, wahrscheinlich ein Ausflug des Tuningclubs „Dickes Ofenrohr und breite Schlappen“ aus Prollhausen. Diese drei wilden Horden lieferten sich heiße Wettrennen die Passstraße hoch und wieder runter. Die Geschwindigkeiten und die Überholmanöver waren dabei nicht mehr atemberaubend, sondern schlichtweg angsteinflößend, lebensgefährlich und kriminell, nicht nur für die Deppen selber, sondern für alle Verkehrsteilnehmer, ganz einfach unverantwortlich. Motoradfahrer räumen sich zum Glück meist ja nur selber ab, aber wenn ein Panamera in ein  anderes Auto kracht, na dann gute Nacht. Selbst wenn nichts passiert, solche Leute sollten nie wieder ein Kraftfahrzeug fahren dürfen, meine ich zumindest, wer so fährt hat hinreichend bewiesen, dass er /sie nicht das Verantwortungsbewusstsein / die Reife besitzt, ein paar hundert PS über öffentliche Straßen zu steuern. Alles in Allem, die Fahrt über’s Timmelsjoch war alles andere als erbaulich.

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