Marginalie 119: ausgerechnet Beilngries oder echte italienische Gastfreundschaft

Eigentlich mag ich Beilngries, und eigentlich mag ich das Altmühltal. Eigentlich. Eigentlich ist die Altmühl ein weitgehend unreguliertes, naturbelassenes Flüsschen, das romantisch und idyllisch zwischen Kreidefelsen, Wachholderwiesen und dichten Wäldern, vorbei an alten, kleinen Örtchen (Pappenheim liegt an der Altmühl, die gefürchteten Kürassiere unter Gottfried Heinrich zu Pappenheim kamen von hier, und der Ausspruch „Daran erkenn‘ ich meine Pappenheimer.“) vorbeimäandert. Eigentlich. Seitdem Horden von Fahrrad- und Bootstouristen die Altmühl ganzjährig belagern und sich die örtliche Gastronomie ganz und gar auf diese lukrative Belagerung eingestellt hat, ist es weitgehend vorbei mit Romantik und Idylle. Und eigentlich ist Beilngries ein verträumter Flecken, nicht Dorf, nicht Stadt, unprächtige Barockbauten stehen einträchtig neben veritablen Fachwerkhäusern, historisch gewachsenes Ortsbild ohne Bombenschäden und ohne architektonischen Nachkriegs-Brutalismus, ein wenig Stadtmauer steht auch noch rum, durch den Ort schlängelt sich die Sulz zur Altmühl, die Innenstadt ist verkehrsberuhigt, es gibt noch lokalen Einzelhandel und Gasthäuser, viele Gasthäuser, sehr viele Gasthäuser, wenigstens 30 zähle ich, dazu Pensionen und Ferienwohnungen, 1.800 Gästebetten listet der örtliche Tourismusverband auf, das entspricht  fünf bis sechs Einwohnern auf ein Gästebett; im Bundesdurchschnitt kommt ein Gästebett auf 21 bis 24 Einwohner. Deshalb eigentlich. So hübsch Beilngries ist, so touristisch überlaufen ist es, nicht nur erholungs- und erlebnishungrige Touristen marodieren zuhauf durch das Örtchen, dazu kommen unzählige freiwillige und unfreiwillige Tagungsgäste. Fuchsbräu, Schattenhofer, Millipp, Gams, alle bieten auch Tagungen an, dazu Schloss Hirschberg und das AGB Tagungszentrum. Zuweilen hat man den Eindruck, die halbe Belegschaft des Audi-Werks aus dem nahen Ingolstadt ist hier gleichzeitig zum Tagen. So überfüllt macht Beilngries keinen Spaß.

Trotzdem hatte ich mich breitschlagen lassen, als Key Note Speaker zu einer Konferenz nach Beilngries zu kommen, mein altes Leben hatte mich wieder mal eingeholt, einem langjährigen Weggefährten als Veranstalter konnte ich nicht absagen, drei Nächte in einem Vier-Sterne-Gasthaus, Fahrtspesen, dazu ein sehr anständiges Handgeld für eine Stunde erzählen und zwei Stunden diskutieren, ansonsten rumsitzen, zuhören, wichtig sein, dazu ordentlich und reichlich essen, small talk und socializing betreiben: es gibt wahrlich härtere Wege, sein Geld zu verdienen. Nach Apéro und Abendessen am zweiten Tag hatte ich jedoch keine Lust mehr auf dieselben Leute und dieselben Gespräche über dieselben Themen bei Drinks im Innenhof und in der Lounge – man könnte sagen, ich werde älter; man könnte aber auch sagen, ich habe es nicht mehr nötig. Also trollte ich mich still und heimlich davon. Es war einer dieser brüllend heißen Tage im letzten August, selbst um 21:00 Uhr hatte es noch über 30 Grad, die Luft stand ölig-schwül. Die Innenstadt von Beilngries ist rasch durchmessen. Die Altmühl selber verweigert sich hier dem Wanderer, also schlenderte ich auf Feldwegen parallel zum Wasser flussabwärts. Irgendwann kam Wind auf, der Himmel verdunkelte sich langsam bedrohlich, ich machte mich auf den Rückweg, bei den ersten Regentropfen war ich noch immer um einiges entfernt von Beilngries, und zwar am Flughafen des Städtchens – Beilngries hat tatsächlich einen Flugplatz, eine kurze Graspiste, ein paar kleine Hangars, ein niedriger, aber wuchtiger Tower, ein Wohnwagenstellplatz und eine Halle, darin – gänzlich unromatisch – ein italienisches Restaurant namens Alta Quota. Ich hatte keine Lust, jetzt nass zu werden, also kehrte ich spontan bei dem Italiener ein. Die letzten Gäste – offenbar keine Touristen und Tagungsteilnehmer, sondern einheimische Stammgäste – waren zumeist gerade am Gehen. Ein Kellner – offensichtlich ein echter Italiener – brachte mir trotz der vorangeschrittenen Stunde flugs die Speisekarte, wies allerdings sehr höflich darauf hin, dass die Küche bereits schließe, ich also zügig bestellen solle. Ich entgegnete, eigentlich suche ich nur Schutz vor dem einsetzenden Gewitter und wolle lediglich etwas trinken. Kein Problem, entgegnete der Kellner, man sei noch länger da. Die Speisekarte bot das übliche italienische Einerlei von Antipasti, Nudeln, Pizzen, etwas Fleisch und Fisch, Salaten und Dolce, dazu eine sehr, sehr kleine Weinkarte. Immerhin, die Carbonara wird hier ohne Sahne gemacht, immer ein gutes Zeichen. Und was ich auf den letzten besetzten Tischen an Pizzen und Desserts sah, das sah richtig gut aus. Ich stellte mich auf einen längeren Regenguss ein, orderte eine Flasche eines kleinen, aber ordentlichen Primitivos und Wasser und dazu – mehr aus Höflichkeit und Neugierde – die „Bruschetta Gourmet“ des Hauses mit karamellisierten Zwiebeln und Stracciatella, mit Büffelmozzarella und getrockenten Tomaten sowie mit Friarielli und Sardellen, vor allem, weil ich auf deutschen Speisekarten noch niemals weder Stracciatella (nicht das Eis, sondern der cremige, zerrupfte Kern einer Burrata) noch Friarielli (Blüten und Blätter einer Rübe, die es in Deutschland gar nicht gibt) gesehen hatte. Um das Schauspiel des heraufziehenden Gewitters besser verfolgen zu können, wechselte ich nach draußen auf die überdachte, regengeschützte Terrasse. Trotz des Windes und des Regens war die Luft noch immer schwül und drückend. Ich saß bei Wein und Häppchen (sehr lecker alles) vor mich hinsinnierend da und blickte auf den Regen und das leere Flugfeld, von Ferne waren die ersten Donnergrollen zu hören, näherkommend.

Eine vielleicht mittelalte Frau fuhr im Regen mit ihrem Fahrrad vor der Veranda vor, bereits reichlich nass, stellte rasch das Rad ab, flüchtete unter das trockene Dach und blieb etwas unschlüssig stehen. Der Chef persönlich – er heißt Riccardo, hatte ich mitbekommen – kam raus und erklärte der Frau sehr höflich, man sei gerade dabei, zu schließen, sie könne aber gerne noch was zu trinken bekommen. Die Frau entgegnete, sie wolle gar nichts konsumieren, sie könne gar nichts konsumieren, da sie kein Geld habe – das Fahrrad, mit dem sie gekommen war, vermittelte ein anderes Bild –, sie wolle sich nur während des Gewitters unterstellen, da sie panische Angst vor Gewittern habe. Der Chef lachte, sagte, das sei alles kein Problem, stellte ihr einen Stuhl neben den Eingang und bat sie, Platz zu nehmen. Jetzt starrten wir schon zu zweit auf der Terrasse in das Gewitter, ich mit Wein, die Frau mit Angst, während die Angestellten drinnen im Restaurant die Stühle hochstellten, die Küche putzten, Fettfilter säuberten, Herde und Böden schrubbten, Zapfanlagen durchspülten, was man halt so macht, in einem Restaurant nach Dienstschluss. Wir kamen in’s Geplauder, das zuerst das übliche belanglose kommunikative Geplänkel unter Fremden. „Jetzt fängt’s richtig an zu schütten.“ „Ja, das Gewitter kommt immer näher.“ Der Chef kam raus, stellte der Frau ein großes Glas Mineralwasser hin. „Aber ich wollte doch nicht …,“ versuchte sie zu widersprechen. „Schon gut, geht auf’s Haus,“ brummte der Chef und verschwand in seiner Küche. Dann erzählte sie: sie machte gerade eine Fahrradtour quer durch Deutschland, nicht etwa mit E-Bike von Gasthof zu Gasthof mit Gepäckbeförderung und so, sondern ganz bodenständig mit einem Fahrrad ohne Motor, Zelt, Campingkocher und Rei in der Tube. Campingplätze leiste sie sich nur selten, da sie kaum Kohle habe und die auch schon 20, 30 EURO pro Nacht kosteten. Stattdessen zelte sie meist wild – juristisch müsste man wohl korrekt ‚illegal‘ sagen – im Wald oder im Gebüsch, abgelegen von anderen Leuten. Ganz schön mutig, dachte ich mir, hart im Nehmen, für mich wäre das nichts. Jetzt stünde ihr Zelt ‚da oben im Wald‘ – sie zeigte in Richtung Funkturm –, sie habe bereits geschlafen, aber als das Gewitter aufkam, habe sie panisch alles stehen und liegen gelassen und sei im Halbdunkel in’s Tal gerast, um Schutz zu suchen, denn sie habe furchtbare Angst vor Gewittern, seit ein Blitz in ihr Elternhaus eingeschlagen habe, als sie noch Kind war. Tja, und deshalb sei sie jetzt hier. Sie habe keine Ahnung, was derweil mit ihrem Zelt geschehe, ob es der Wind es wegpusten würde, oder ob ihre Sachen geklaut würden, egal, Hauptsache erstmal hier in Sicherheit vor dem Gewitter, Regen mache ihr nichts aus, aber Blitz und Donner, das ängstige sie zutiefst. In diesem Augenblick kam der junge Kellner aus der – eigentlich schon geschlossenen – Küche und servierte der verängstigten, Kohle-losen Radlerin eine frisch zubereitete Pizza. Wieder stammelte sie reichlich verdattert „Aber …“ „Geht auf’s Haus,“ sagte der junge Mann, lächelte freundlich und verschwand. „Ich wollte doch gar nicht … außerdem habe ich schon gegessen,“ maulte sie. „Da müssen Sie jetzt durch,“ sagte ich, „alles andere wäre unhöflich. Außerdem sieht die Pizza verdammt gut aus.“ Sie sah tatsächlich verdammt gut aus, fast bekam ich auch nochmal Hunger. Die Frau mümmelte – sichtlich genussvoll – ihre Pizza, während wir weiter redeten. Irgendwann zog das Gewitter dann ab, die Belegschaft der Pizzeria war längst nach Hause gegangen, inklusive des Chefs, nur der junge Kellner war noch geblieben. Die Frau versuchte, ihre Pizza zu zahlen – keine Kohle hin, keine Kohle her. Der Kellner lehnte höflich ab, die Frau insistierte, der Kellner hob an, sichtlich ärgerlich zu werden: nein, sie sei vom Haus eingeladen, er wolle ihr Geld nicht, und sie solle es gefälligst behalten. Der Kellner gewann den kurzen, aber heftigen Disput nach Punkten, seufzend steckte die Frau ihren Geldbeutel wieder ein. Das nenne ich mal gelebte, live erlebte, echte italienische Gastfreundschaft. Nun gut, die ganzen Gastronomen und Servicekräfte in Beilngries – und fast überall auf der Welt – sind auch freundlich, gastfreundlich … doch diese Gastfreundschaft hat fast immer ein Preisschild, das unauffällig und doch irgendwie wahrnehmbar an jeder Freundlichkeit dranhängt. Nicht so in diesem Moment im Alta Quota bei Riccardo: diese Freundlichkeit gegenüber dieser verängstigten, nassen, materiell nicht so gut gestellten Radfahrerin hatte kein Preisschild, und das macht sie so wertvoll, im doppelten Wortsinne unbezahlbar.

Das Gewitter war weitergezogen, der Regen hatte aufgehört, die Frau verabschiedete sich noch, vom Kellner freundlicher als von mir, und verschwand in der Dunkelheit Richtung Wald. Ich trabte zurück nach Beilngries, wo die wichtigen Tagungsteilnehmer noch immer in der trockenen Hotellounge parlierten und süffelten. Ich gesellte mich nicht mehr zu ihnen und trollte mich auf mein Zimmer.

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