Luisenhof Dresden: in bester DDR-Tradition

„Was genau hat denn nicht gepasst?“ fragt uns die junge Frau in einem ganz kuriosen Tonfall, der Höflichkeit, Schnippischkeit und Unsicherheit in sich vereint. Und ihre Körperhaltung spiegelt eine Mischung aus Unwohlsein und Angriffslust wieder. Jedenfalls eine mutige junge Frau, ich möchte jetzt ehrlich gesagt nicht in ihrer Haut stecken, das sind für junge Service-Chefs immer die schwersten Gänge, die an die Tische zu nörgelnden Gästen, und genörgelt habe ich in diesem Falle gehörig, als der Kellner die Teller abräumte und sich wie immer eher beiläufig erkundigte „War alles in Ordnung?“ (vor 30 Jahren fragte man hier noch stereotyp „Sind Sie satt geworden?“), da hatte ich geantwortet „Nein, selten so schlecht gegessen.“ Die Soljanka lauwarm, von den avisierten frischen Kräutern bis auf ein Blättchen Petersilie als Garnitur keine Spur und gänzlich frei von jeglichem Wohlgeschmack. Das Würzfleisch dicke, trockene, breiig-weiche, geschmacklose Brocken von Fleisch in einer üblen Mehlsauce unter einer dicken Kruste minderwertigen Käses, immerhin wird ganz authentisch die Worcester Sauce (nicht „Worcestershiresauce“) Dresdner Art von Exzellent (eine alte DDR-Marke) dazu gereicht. Die Kartoffelsuppe naja so-la-la mit vier verbrannten Bockwurstscheiben. Die Königsberger Klopse eine Katastrophe aus grober, teils grauer, außen trockener, innen lauwarmer, übel schmeckender Fleischmasse, einer Saucen-Mehlpampe ohne erkennbare Kapern und statt des auf der Karte avisierten „körnigen Reis“ teils harte, teils verkochte, fast kalte Salzkartoffeln. Das Schnitzel hartes, wässriges Fleisch in einer hellen, zu kurz gebratenen Panade, die Champignonsauce dazu mit dem Ruch von Convenience, die Bratkartoffeln aus offenbar selbst geschnippelten Kartoffeln mit Zwiebeln, Speck und Frühlingszwiebeln vom Prinzip her gut, nur leider weder heiß noch knusprig. Alles in allem, ein kulinarisches Desaster für uns. Convenience gäbe es schon gar nicht im Haus, alle Speisen würden selber vor Ort zubereitet ohne Zuhilfenahme von Fertig-Produkten, das widerspräche der Philosophie des Luisenhofs und dem Anspruch der Betreiber, sagt die junge Frau selbstbewusst. Das wiederum ist jetzt dumm, denn Convenience wäre zumindest noch eine Erklärung gewesen für die Qualität der Champignonsauce & Co. Wenn aber so etwas tatsächlich selber hergestellt wird, dann ist das für mein Verständnis ein Armutszeugnis für jede Küche.

Gemeint ist hier die Küche des Luisenhofs in Dresden, auch „Balkon Dresdens“ genannt, im Nobel-Viertel Weißer Hirsch verkehrsgünstig vis-à-vis der Bergstation der Dresdner Standseilbahn am Elbhang hoch über der Stadt gelegen, mit einer wunderbaren Aussicht über die Stadt, den Fluss und die ganze Gegend bis in die Sächsische Schweiz und das Erzgebirge. 1895 als Ausflugslokal eröffnet, mehrfach umgebaut und erweitert, Erich Kästner war hier Stammgast, auch später unter Nazis und Kommunisten beliebter Treffpunkt, 1990 an die Alt-Eigentümer zurückgegeben, 1992 haben wir vor unserer Trauung in Radebeul mit der Familie hier gebruncht, nach Schließung, Verkauf, Umbau und Verkleinerung der Gaststätte, verschiedenen Pächtern und schließlich Zwangsversteigerung an eine Aachener Vermögensverwaltung. 2018 übernahmen Carsten Rühle, gelernter Koch und ausgebildeter Küchenmeister und seine Frau Carolin Rühle-Marten, Restaurantfachfrau das Gasthaus mit viel Elan und Plänen. Das historische Eichenparkett ist erhalten geblieben, ansonsten erinnert die neue modernistische Einrichtung in Grau-Braun-Tönen fatal an eine bessere Kantine, aber zum Glück kann man ja aus den Fenstern schauen, die Aussicht ist nach wie vor wenn schon nicht atemberaubend, so doch sehr nett. Kulinarisch versucht man in der Luisenhöhe einen Spagat: zum einen gibt es eine ziemlich authentische „Ossi-Karte“ mit Brühnudeln, Soljanka, Senfeiern, Würzfleisch, Jägerschnitzel (ein grausames DDR-Kuriosum: panierte Jagdwurst mit Tomatensauce und Nudeln), Königsberger Klopsen, Quarkkeulchen und Roter Grütze; und dann gibt es eine modernistische Küche, etwa Carpaccio mit Trüffelöl (dass ein Gastronom, der seriös sein will, sich traut, so etwas überhaupt auf die Karte zu schreiben), Mango-Kokos-Suppe mit Hähnchen-Saté, Lachs mit Rösti, vegetarische Tagliatelle mit Pesto, Schweineleber mit Kartoffelstampf, Wildgoulasch mit Semmelknödeln, Sächsischen Sauerbraten mit Kartoffelklößen, Rinderbäckchen mit Vanillemöhren, Steak mit Kartoffelecken (Kartoffelecken? – wirklich keine Fertig-Produkte?), Lammhaxe mit Rosmarinkartoffeln, Burger, Dorade auf mediterranem Gemüse, schließlich Kalten Hund (sic!), Apfelstrudel, Eisbecher. Sicherlich findet ein jeder auf solch einer vielfältigen Karte irgendwas, was er essen kann, die Handschrift eines Kochs, ein Stil, eine Richtung findet man hier nicht; und wie man solch eine riesige Speisekarte tatsächlich komplett à la minute ohne tricksen und ohne Convenience zubereiten will, ist mir gänzlich ein Rätsel; und wenn schließlich die Qualität all dieser Speisen so ist wie die Qualität der Gerichte, die wir probiert haben, na dann gute Nacht. Oder um es so auszudrücken: in der DDR hat man in Restaurants meist schlecht gegessen und wurde holprig-muffelig-langsam bedient. Der Luisenhof setzt diese Tradition heute würdig fort.

Summa summarum: ungemütliches Ausflugslokal hoch über der Stadt mit hübschem Ausblick über Dresden, konzeptloser Speisekarte, schlechtem Essen, moderaten Preisen und mangelhaftem Service.

Luisenhof Dresden
CR Gastronomie GmbH & Co. KG
Geschäftsführer: Carsten Rühle
Bergbahnstraße 8
01324 Dresden
Deutschland
Tel.: +49 (3 51) 2 8 77 78 30
E-Mail: reservierung@luisenhof-in-dresden.de
Online: www.luisenhof-in-dresden.de

Hauptgerichte von 11,90 € (Königsberger Klopse, Kapernsauce, Reis) bis 26,50 € (Rumpsteak, Liebstöckel-Remoulade, Kartoffelecken), Drei-Gänge-Menue von 22,00 € bis 51,90 €

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