Linde in Albstadt: der Funke springt nicht über

Summa summarum: alteingesessenes Gasthaus frei von Tadel, durchrenoviert, solide, sauber, wertig, doch für mich gefühlt wie aus der Retorte, ohne Herz und Charme, mit einer ebenfalls nicht wirklich zu tadelnden, aber mittelmäßigen schwäbischen Küche.

Irgendwie tue ich mich auch nach dem zweiten Aufenthalt in der Linde in Albstadt-Ebingen, mitten im Herzen der Schwäbischen Alb, schwer mit einer fairen Kritik. Sicherlich ist die Linde das erste Haus am Platze, was einerseits nicht viel heißen will, und doch ist sie andrerseits die „gute Stube“ des eingesessenen, saturierten Ebinger Bürgertums, hier trifft man sich zum schnellen Lunch und zum gepflegten Dinner, hier feiert man Omas Geburtstag und Juniors Taufe, hier politisieren alte weiße Männer bei Weißbier und Schoppen. Das Gebäude selber ist ein ganz typisches Beispiel für vorne hui, hinten pfui: von vorne präsentiert sich die Linde als wunderschönes, perfekt renoviertes, fast schon romantisches Fachwerkhaus mit roten Fensterläden und Geranien an den Fenstern mit einem netten Gastgarten davor, gelegen an einem Platz am Rande der Fußgängerzone; von hinten zeigt die Linde einen funktionalen, modernen, gesichtslosen Anbau, gelegen an einem Hinterhof-Parkplatz inmitten von alternden, fünfgeschossigen Beton-Büro Bauten. Aber dadurch gibt es auch genügend Hotelparkplätze in unmittelbarer Nähe des Hauses, wenngleich man den Gasthof durch den Hintereingang vorbei am Rauchplatz des Personals betreten muss. Ich gönne jedem seine Glimmstängel, aber ein Raucher-Spalier und dreckige Aschenbecher am Eingang eines Hotels – uns sei es der Hintereingang – machen keinen guten ersten Eindruck. Innen ist das Haus dann gepflegt, mehrere verwinkelte Gasträume, viel Holz an Böden, Wänden, Decken, nachempfundene, massive Bauernstühle, massive, blanke Tische, rote Sitzkissen, kein Deko-Tinnef, eine kleine Rezeption … daran ist nichts falsch, nichts unstimmig, nichts billig, nichts ungepflegt, und doch kommt bei mir persönlich – und das ist wirklich nur ein persönliches Gefühl – kein Wohlfühlfaktor auf, das ganze Interieur ist gestylt-künstlich, es sind die Patina, das – der Begriff sei gestattet – Terroir, die mir fehlen, das ganze Ensemble könnte auch ein frisch gebautes süddeutsches Restaurant mitten in Berlin sein, ohne Seele, ohne Geschichte, ohne lokale Verwurzelung. Aber das mag geschmäcklerisch sein, der Restaurantbereich ist nach allgemeinen Kriterien tadellos. Wirklich hübsch ist der Gastgarten vor dem Haus unter großen Schirmen, wo man dem innerstädtischen verkehrsberuhigten Treiben bei einem Fläschchen Wein kontemplativ beiwohnen kann. Auch die Zimmer sind frei von Tadel, vielleicht 25 qm groß, Möbel und Wandvertäfelung aus alter Fichte, gutes Bett, gute Kissen, weißes Leinen, halbwegs geräumiges Bad mit schwarzem Granit und grauen Fliesen, kraftvolle und doch leise Klimaanlage, Schallschutzfenster, Schreibtisch mit genügend Steckdosen und gutem Licht, Flachbildfernseher, Safe, flottes W-Lan, äußerlich sauberer Teppichboden (was in diesen Teppichböden wirklich steckt, weiß man nie und will es wahrscheinlich auch gar nicht wissen). Auch hier müsste man sich einerseits schon sehr anstrengen, um wirklich was zum Motzen zu finden; andererseits, für mich bleibt das Interieur funktional-zweckmäßig, der Wohlfühlfaktor will sich nicht einstellen. Allein der Blick aus dem Fenster auf die schmale Gasse ist unschön, heruntergekommene alte Häuser, obwohl bewohnt fast alle mit geschlossenen Jalousien, als ob die Bewohner was zu verbergen hätten, in den Brandschutz-Schneisen (oder wir immer man diese schmalen Abstandsstreifen zwischen Häusern nennt) Unrat und Dreck, ein Dönerladen, ein türkischer Barbier, ein orientalischer Juwelier, dieser Ausschnitt könnte auch in Istanbul stehen, ist aber Albstadt-Ebingen 2021. Ein wirklicher Kritikpunkt hingegen sind die Öffnungszeiten: die Rezeption ist erst ab 10:00 Uhr besetzt, man muss also Vorkasse leisten und im Restaurant bar zahlen oder aber später abreisen. Und Restaurant und der hübsche Gastgarten sind am Nachmittag komplett geschlossen, man muss sich die Zeit bis zum Abendbrot also anderweitig vertreiben, statt vor dem Haus in der Sonne kleinstädtisches Treiben zu beobachten oder zu arbeiten.

Die Speisekarte der Linde gibt sich primär schwäbisch. Suppen, Salate, dann schwäbische Klassiker wie gebratene Maultaschen mit Ei, Spätzle mit sauren Linsen und Saitenwürstchen, Zwiebelrostbraten, Rinderbraten, Kalbsschnitzel, Kässpätzle, gebratene Forellen, verschiedene Wurstsalate, Brotzeiten, zum Dessert Crème brûlée, Sorbets, Eis. Für die kulinarische Internationale gibt’s noch das übliche Steak-Potpourri mit dem üblichen Beilagen-Potpourri oder veganes Süßkartoffel-Curry, wer’s braucht … Die Weinkarte ist sehr Baden-Württemberg-/Deutschland-lastig, klug zusammengestellt, dazu ein paar europäische Flaschen, kaum Flug-Weine aus den neuen Welten, kaum eine Bouteille über 50 EURO. Im Gastgarten geht bei schönem Wetter ohne Reservierung so gut wie nichts, fast alle Tische mehrfach reserviert, spontane Laufkundschaft muss im Haus Platz nehmen oder wird abgewiesen. Die Bedienungen sind allesamt, jung, vom Fach, freundlich, flott, aufmerksam, machen mit Stammgästen auch schon mal ein Späßchen oder Schwätzchen, selbst wenn sich mal ein Weinglas über den Tisch ergießt, das passt, endlich ein Hauch von human touch in diesem funktionalen Etablissement.

Das Essen ist dann wieder durchwachsen, mein ultimativer Lieblings-Schwabe wird die Linde gewiss nicht. Vorweg der Alblinsensalat mit Crème frâiche mit einem Hauch Limette und marinierten Gemüsen ist stimmig, das Lachforellenfilet darauf einfach brutal tot und trocken gebraten. Die Grießklößchensuppe entpuppt sich als dunkle, aber nicht kräftige, dafür leicht säuerliche Brühe mit ein paar Klößchen drinnen, die allerdings nicht fluffig-muskastig wie Grießnockerln, sondern eher geschmacklos-breiig wie Schwämmklößchen aus Mutschenmehl. Die Portion Alblinsen ist groß, nicht zerkocht, weitgehend geschmackfrei-unterwürzt, die Spätzle dazu vielleicht tatsächlich hausgemacht, aber aus irgendeiner mechanischen Vorrichtung, da gibt es bessere, die Saitenwürstchen obendrauf ziemlich gut mit leichter Rauchnote und Biss. Das Kalbsschnitzel belanglos-wässerig mit angepappter Panade, die Bratkartoffeln hingegen ziemlich gut, von einer leichten Fettschicht überzogen, teilweise knusperig. Der Schwäbische Zwiebelrostbraten kommt well done, obwohl ich ihn medium bestellt hatte, die Zwiebeln darauf kalt statt frisch frittiert, dazu eine mittelmäßige braune Soße und die nämlichen Spätzle. Alles in Allem wird man satt in der Linde, aber kulinarische Höhenflüge bleiben aus, kulinarische Höhenflüge nicht im Sinne von Hummer, Kaviar und Teller-Ikebana, sondern im Sinne von leckere Sößchen, handgeschabte Spätzle, raffiniert gewürzte Linsen, usw. Ebenso wie das Haus keine Begeisterungsstürme bei mir auslöst haut mich die Küche auch nicht vom Hocker. Ich (ich ganz persönlich) kann in der Linde tadellos funktional nächtigen und tadellos satt werden; aber Lob habe ich keines.


GASTHOF LINDE
Geschäftsführer: Dirk Schulz, Manuel Taut
Untere Vorstadt 1
72458 Albstadt
Tel: +49 (74 31) 13 41 40
E-Mail: info@gasthof-linde.com
Online: www.gasthof-linde.com

Hauptgerichte von 12,50 € (Käsespätzle) bis 41,60 € (Filetsteak mit Garnelen und Beilagen), Drei-Gänge-Menue von 23,20 € bis 65,60 €

Doppelzimmer, Frühstück 140 – 160 €

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