Lamm in Vaihingen-Horrheim – Schwäbisches Trauerspiel in drei Akten: schlecht gegessen, schlecht geschlafen, schlecht gefrühstückt

Summa summarum: Gesichtsloses Haus ohne Wohlfühlfaktor, funktionale, durch schreiende Nachbarn laute Gästezimmer, sehr mäßiges Essen, ob die Küche zu Besserem fähig sein kann, bleibt offen, freundlicher Service, ausgesprochen mäßiges Frühstück mit industriellen Backlingen, obwohl eine heimische Bäckerei auf der anderen Straßenseite liegt.

Geschäftstermin im tiefsten Schwäbischen, allein die Logistik ist der blanke Horror, aber hey, es ist Schwaben, das Land von Maultaschen, Spätzle und Trollinger – da wird sich doch eine kulinarische Wiedergutmachung finden lassen. Die Gasthäuser heißen hier Löwen, Lamm, Rössle, Hirsch, Stern, Schwanen, Adler, die meisten sind seit Jahrhunderten im Familienbesitz, proper, historisch über Generationen im Schaffe-Schaffe-Häusle-Baue-Stil organisch gewachsen, immer wieder sanft modernisiert, vergrößert, der Mann kauft ein und kocht mit ein paar Gehilfen, die Frau macht den Service und die Gästezimmer mit ein paar Gehilfinnen, die Kinder lernen dann wieder Koch oder Hotelfachfrau, das sind Horte der örtlichen Gemeinschaft, Heimat unzähliger Stammtische, Brutstätten kommunaler Politik, große Bühnen für Heiraten, Taufen, Geburtstage, Silberne, Goldene, Eiserne Hochzeitstage und schließlich Trauerfeiern, in diesen Gasthäusern beginnt das Schwäbische Leben quasi und endet auch wieder dort, die Spätzle und Maultaschen sind perfekt und jede Abweichung würde die Dorfgemeinschaft mit öffentlicher Verachtung bestrafen, die Preise sind moderat, nicht billig, beim Essen schaut der Schwabe nicht so genau auf’s Geld, aber auch nicht überhöht, es ist ein leben und leben lassen zwischen Gastwirt und Gast, und auch Fremde werden gastfreundlich bewirtet, das passt in der Regel alles irgendwie. Also flugs gebucht und vorgefreut, die Wahl fällt auf das Lamm in Vaihingen-Horrheim, die Speisekarte klingt nach einer Mischung von bodenständig und höheren, aber nicht abgehobenen Ambitionen, Schnitzel oder Wurstsalat oder Rinderbäckchen einerseits, Sous Vide gegartes Schweinefilet mit Aprikosenfüllung oder auf der Haut gebratener Zander mit Spargelmayonnaise und Linsen Dhal oder Spargel mit Haselnuss–Sauce, Kartoffel- „Risotto“ und Shiitake-Pilzen andererseits, wer sowas auf die Speisekarte schreibt, der scheint wirklich kochen zu können; den Ausschlag geben letztendlich die „geschabten Spätzle“, für die gehe ich meilenweit.

Als städtebauliches Juwel würde Horrheim nun nicht gerade durchgehen, das alte Fachwerk-Rathaus ist hübsch, direkt daneben das Lamm, nicht historisch gewachsen, sondern funktionaler Neubau von 1994 im Dorfkern, die Dorfstraße davor so schmal, dass man in die gegenüber liegenden Fenster spucken könnte, viel Leerstand, Sanierungsrückstände ohne Ende, teilweise bereits Verfall, teilweise geradezu trotzige Bautätigkeit, alles ist eng, beengend. Ich bin im dritten Stock untergebracht, der Lift geht nur bis in den zweiten Stock, aber Kofferschleppen ist eine meiner liebsten Übungen. Das Zimmer ist recht groß, sauber, gesichtslose 08/15-Hotel-Standard-Einrichtung, nur die Kunstdrucke aus dem Baumarkt an den Wänden biegen einem die Fußnägel nach oben, Bad klein ohne Fenster, Seife in festgeschraubten Quetschflaschen, Handtücher na-ja, Matratze durchgelegen, Ausblick auf das Nachbarhaus vis-à-vis der Dorfstraße, man könnte, wie gesagt, rüberspucken, so beengt ist hier alles. Der direkt unter dem Fenster durchrumpelnde Linienbus ist das geringste Übel. Im Haus gegenüber lebt offensichtlich eine asiatische Großfamilie hinter deutschen Fachwerkmauern, wogegen ja nichts einzuwenden ist. Allerdings befleißigen sich die Asiaten – ich höre zwei Männerstimmen, drei oder vier Frauenstimmen und etliche Kinder, darunter wenigstens ein Baby – bei weit geöffneten Fenstern und gleichzeitig teilweise heruntergelassenen Jalousien eines asiatischen Kommunikations-Stils, der im Wesentlichen darin besteht, sich anzuschreien, und wenn ein Gesprächspartner laut schreit, so bemüht man sich, lauter zu schreien; sowas schaukelt sich dann hoch, jedenfalls plärren alle wie vom wilden Affen gebissen, dazwischen weinen und schreien Kinder, und die Lautstärke der  Medienwiedergabegeräte wird dem sonstigen Kommunikationsduktus angepasst, damit man auch was versteht. Wäre ich nicht verschiedentlich in Asien gewesen und hätte ich nicht selber erlebt, dass man dort eben ganz normal auf diese Art und Weise kommuniziert, so hätte ich vielleicht den Verdacht gehegt, dass man sich im Nachbarhaus gegenseitig totschlägt und die Polizei gerufen. Nicht dass ich hier falsch verstanden oder gar noch des Rassismusses gezeiht werde, wenn das der angestammte Kommunikationsstil dieser Menschen ist, so ist das der Kommunikationsstil dieser Menschen, den ich nicht zu bewerten oder gar zu kritisieren habe. Aber wenn dieser Kommunikationsstil auf bundesdeutsche Dorfidylle trifft, so ergibt sich eine gewisse Diskrepanz, wenn nicht gar Inkompatibilität. Ganz zu schweigen von meinem Ruhe- und Schlafbedürfnis. Jedenfalls werde ich in dieser Nacht bis 02:00 Uhr nicht schlafen, erst dann geben die Asiaten Ruhe. Eine zweite Nacht würde ich nicht freiwillig in diesem Zimmer verbringen wollen.

Aber das Essen wird diese Unbill gewiss wettmachen, denke ich mir. Gemütliche Dorfgaststube geht anders, die gesichtslose 08/15-Hotel-Standard-Einrichtung setzt sich hier fort, schon hunderte Male so oder so ähnlich gesehen, Heimeligkeit kommt nicht auf, wenigstens ist die Bedienung flott, aufmerksam, freundlich. Der 2017er Trollinger vom Horrheimer Klosterberg von Weingut Faigle ist wohlfeil und macht Spaß, recht wenig Säure, moderate Tannine, rote Beeren, etwas kratzig im Abgang. Vorweg die selbst gemachte Tomatenpaste – ich schätze, aus getrockneten Tomaten – ist ziemlich gut, für eine Amuse-Gueule viel zu groß portioniert, aber lieb gemeint. Die Maultaschensuppe ist zu schwach für eine anständige Suppe, zu kräftig für ein dünnes Süppchen, ein richtiges in-between, aber dafür lauwarm, die Maultaschen-Scheiben darinnen belanglos. Der Zwiebelrostbraten ist ein durchwachsenes Drum vom Entrecôte, nicht wirklich zart, nicht wirklich rosa, darauf ein Löffel von fast kalten, sautierten Zwiebeln, die gebratene Maultasche dazu von nämlicher Qualität wie die in der Suppe, die angeblich geschabten Spätzle sehen verdammt wie aus der Presse aus, jedenfalls alles andere als fluffig, eher hart-kompakt, der „Schwabensand“ (so steht es in der Speisekarte) obendrauf nicht in Butter braun geröstete Semmelbrösel, sondern einfach pures, ungeröstetes Semmelmehl, das Lemberger-Sößchen schließlich ein lauwarmer Brei unter dem Fleischstück, das Beste daran ist die Tatsache, dass es nicht viel ist. Wirklich gut und gekonnt hingegen die Portion Bratkartoffeln, die ich mir extra dazu bestellt hatte. (Erstens bin ich ein Bratkartoffel-Fetischist, zweitens sind Bratkartoffeln eine sichere Nagelprobe für die Qualität jeder Küche; wer keine ordentlichen Bratkartoffeln hinbekommt, kann auch kein getrüffeltes Hummer-Ragout kochen.) Zum Nachtisch die marinierten Erdbeeren waren einfach ein paar frische, weitgehend geschmackfreie, zerteile Beeren bar jeder Marinierung; das Eis dazu industrielle Fertigware. Passend zu dem Trauerspiel das Frühstück am nächsten Morgen. Obwohl keine 100 Meter entfernt auf der anderen Straßenseite eine Bäckerei ist, werden Backlinge serviert, aber nur bis 08:04 Uhr, um 08:05 Uhr waren alle Brötchen aus, und es gab nur noch Brot. Der junge Mann im Service war hoffnungslos überfordert, so jemanden kann man keinesfalls alleine das Frühstück überlassen. Nicht gewischte, geschweige denn desinfizierte Tische, statt dessen wird man einfach an den Nachbartisch gesetzt, der eigentlich wegen der Corona-Abstandsregeln frei bleiben sollte, Wurst steht ohne Kühlung und Abdeckung auf Tischen, auf Kaffee oder Marmelade wartet man sehr lange, … Das war ein durchaus passender Abschluss eines lauten Hotelaufenthaltes mit sehr mäßigem Essen. Was allerdings wirklich positiv in  Erinnerung bleibt von diesem kulinarisch verpatzten Abend, das sind die Tomatenpaste und die Bratkartoffeln, da beißt die Maus keinen Faden ab.


Landidyll Hotel Lamm
Hotel-Gasthof Lamm Betriebsgesellschaft mbH
Geschäftsführer: Sabine Bramm
Operative Leitung Restaurant- und Bankettbereich: Patricia Gschwender
Klosterbergstraße 45
71665 Vaihingen/Enz – Horrheim
Tel.: +49 (70 42) 83 22 – 0
Fax: +49 (70 42) 83 22 – 50
Email: info@hotel-lamm-horrheim.de
Online: www.hotel-lamm-horrheim.de/

Hauptgerichte von 13,20 € (Abgeschmälzte Maultaschen mit Salat) bis 23,40 € (Zwiebelrostbraten, Lembergersößle, handgemachter Maultasche, geschabte Spätzle, Schwabensand), Drei-Gänge-Menue von 34,00 € bis 46,10 €

DZ Ü/F 126 € bis 158 €

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