Kulinarische Raubritter in Hübsch-Deutschland

Ulrike hat gefragt, ob etwas mit Caro sei, alldieweil ich so lange nichts mehr von ihr geschrieben hätte, aber ich kann Ulrike beruhigen, Caro ist nicht nur Key Note Speaker, sondern auch Mit-Organisatorin der Biennial IBA Latin American Regional Forum Conference, die dieses Jahr vom 14. bis 16. März in Mexico City im Intercontinental Presidente stattfindet, und eigentlich ist Caro deswegen schon seit letztem Dezember am Rotieren, neben dem ganzen Orga-Zeugs ist ihr Thema der Einfluss von Protektionismus auf grenzüberschreitende M&A-Transaktionen, sie hat verschiedentlich versucht, es mir zu erklären, ich verstehe immer nur Bahnhof, obwohl das ja eigentlich auch meine Profession sein sollte, aber ich bleibe lieber heimisch und nähre mich redlich. Vorletztes Wochenende, kurz vor ihrem Abflug, wollte Caro nochmals eine ausführliche Oberbayern-Tour unternehmen, quasi so’ne volle Dröhnung Hübsch-Deutschland, bevor sie sich in die Niederungen mittelamerikanischer Slums begibt.

Ihre Physiotherapeutin hatte ihr immer wieder von der Kaffee-Rösterei Dinzler vorgeschwärmt, direkt an der A8 am Irschenberg gelegen, wenn man um 04:00 Uhr Morgens in Frankfurt losfährt, soll man dort um 08:00 genial frühstücken können und dann pünktlich um 10:00 in Kitz am Lift ankommen. Hatte Caros Physiotherapeutin gesagt. Na gut, wir haben ausgeschlafen und sind nicht über die A8, sondern von München aus auf verschlungenen Pfaden über Land zum Irschenberg gefahren, des Öfteren die A8 über- bzw. unterquerend.  Gefühlte tausend Mal bin ich diese Autobahn in all den Jahren ganz gewiss hoch- und runtergeschrubbelt, fast immer eilig, zuweilen doch auch ergriffen von der Naturschönheit ringsum, doch niemals mit der Muße, einfach mal von der Piste abzufahren und die Landschaft hinter den Lärmschutzwällen und Hügeln zu erkunden. Aber nun also, und ich muss sagen: hübsch dort, sehr, sehr hübsch.

Dinzler, Kaffeerösterei, Irschenberg

Nach einer Stunde Oberbayrischer Idylle erreich man dann auch ohne Autobahn den Irschenberg, und dort, direkt an der BAB-Ausfahrt 99 zur Bundestraße 472 verkehrsgünstig gelegen, zwischen Shell- und ÖMV-Tankstelle, Großparkplatz, Motel, Rasthof, McDonalds, FC Bayern Fan-Shop und öffentlicher Bedürfnisanstalt findet sich die Dinzler Kaffeerösterei. Bevor hier irgendwelche romantischen Gefühle aufkommen: 1950 gegründet, Aktiengesellschaft, die Geschäftstätigkeit umfasst Kaffeerösterei, Kaffeemaschinenhandel für Gastronomie, Einzelhandel mit Kaffee und Betrieb von Cafés, 199 Mitarbeiter, EURO 34,23 Millionen Umsatz, EURO 7 Millionen Vorsteuerergebnis, EURO 10,5 Millionen Eigenkapital in 2015, Alleineigentümer Franz Richter, Neubeuern. Ebenso nüchtern-prosaisch gibt  sich die Rösterei selber: ein – an einem Sonntagvormittag – hoffnungslos überfüllter, zugeparkter großer Parkplatz,  Schlangen wartender Autos bis runter auf die Bundesstraße, dahinter zwei große schmucklose Hallen mit Glasfronten, eher an ein Industrieanwesen gemahnend denn an eine kultivierte Kultstätte köstlichen Kaffees, beim linken Gebäude Menschenmassen unablässig hinein- und herausströmend, das rechte Gebäude offensichtlich noch im Bau. Drinnen dann eine zweigeschossige hohe Halle, in einem Seitenflügel kann man von oben die Kaffee-Rösterei anschauen, sprich die Röstöfen und die Kaffeesäcke auf Holzpalletten gestapelt sehen, alles wenig romantisch, es riecht  nach Rohkaffee und Maschinenöl, insgesamt ist die Geruchsmelange recht kurios, irgendwie nach Heu, Karbol, Öl, Frucht in einem, nicht wirklich lecker, aber in der angrenzenden Verkaufsstelle, aktuell aufgerüstet mit Ostertinneff bis zum Erbrechen, Nester, Häschen, Eier, … und zig Schütten mit Kaffee ist die Welt olfaktorisch mit dem typischer Geruch nach geröstetem Kaffee wieder in Ordnung, die Leute lassen sich Tütchen mit losem Kaffee aus den Schütten abfüllen und kaufen dazu gleich noch ihre kitschige Osterdeko. Ansonsten ist die Halle auf zwei Ebenen zum Restaurant umfunktioniert, lange Theken, alte – oder auf alt getrimmte – Wirtshausmöbel, sehr eng bestuhlt, Dielenböden, alte Fensterläden als Raumtrenner um die Größe der Hallen ein wenig zu kaschieren, Lougne-Bereiche mit Lümmel-Sitzgelegenheiten, draußen weitläufige Terrassen, hier hat ein ziemlich guter Innenarchitekt alles verbaut, was es an urbanen Lifestyle-Klischees derzeit gibt, und das Publikum passt dazu, hier frühstücken nicht die Resi und der Sepp aus Irschenberg in Dirndl und Lederhose, hier tobt sich die urbane junge Münchner Spießbürger-Mafia ungehemmt im Hier und Jetzt aus, fernerhin Durchreisende in Richtung Alpen und Retour, die sich 15 EURO und mehr für ein mittelmäßiges Frühstück leisten können. Dazu passt ebenfalls die Speisekarte, ein gesichtsloses Huren-Konglomerat von allem, was gerade irgendwie en vogue sein mag, natürlich ganz viel Bio, Vegan, Dinkel, Quinoa, Müsli, Vollkorn,  hausgemacht, Steckrübencurry, aber – quasi als Kontrapunkt – auch Pulled Pork, hausgebeizter Lachs, Gyros Pita, Coq au Vin, Zwiebelrostbaten, Pommes … und natürlich: Pizza und Berge von Torten und Kuchen. Caro ist sichtlich an genervt. „Wer konzipiert denn sowas?“, fragt sie mit Blick auf die Speisekarte. „Das ist doch nur eine hirnlose Auflistung der 100 angesagtesten Mode-Gerichte. Wer kocht das? Wer kann das alles kochen, von Pizza über Pulled Pork bis Pastinaken-Auflauf? Und wie müsste die passende Küche aussehen, in der man das alles frisch und hochwertig à la minute zubereiten kann?“ Ich zucke die Achseln, Caro hat mich hierher geschleppt. Nachdem wir tatsächlich ein Plätzchen in der oberen Fabrikhalle gefunden haben, ist der  Service – ein älterer Österreicher – ausgesprochen freundlich und ebenso überfordert angesichts der Speis und Trank verlangenden Menschenmassen; der gute Mann ist sicherlich kein schlechter Kellner, nur hat auch er nur zwei Arme und zwei Beine, an Tischen der Kollegen geht’s auch nicht schneller, da sollte die Geschäftsleitung einfach mehr Leute einstellen. Also Frühstück. Um es kurz zu machen: Kaffee – sowohl Latte Macchiatio als auch Americano als auch Espresso – exzellent, Croissant labbrig, Rührei ungewürzt und kalt, da ist es nicht so schlimm, dass ich nach dem Servieren nochmals 5 Minuten auf einen simplen Salzstreuer warte, frischer Obstsalat mit Großteils unreifem Obst, hausgebeizter Lachs fischig, … Aber den Leuten um uns herum schmeckt’s, die Warteschlangen geben den Betreibern Recht, recht teures Null-Acht-Fünfzehn-Futter in eng bestuhlten aufgepimpten Fabrikhallen auf dem Lande mit gelegentlichem Blick auf die Alpen und langen Wartezeiten, das scheint es zu sein, was Volkes Begehr ist. Da wundert die rege Bautätigkeit der Dinzlers vor Ort nicht: Seminarräume gibt es, Eventlocations für Hochzeiten und ähnliche Katastrophen, Showrooms und Ausstellungsräume, in der zweiten Halle soll wohl eine Show- und Eventgastronomie entstehen, und Metastasen in Form von Filialen in Rosenheim und Schwäbisch Gmünd gibt es auch schon. Der Bauernmarkt an der Autobahnausfahrt Dasing funktioniert übrigens nach einem ganz ähnlichen Prinzip und ist ebenfalls immer rappelvoll. Ich such‘ mir jetzt eine Autobahnausfahrt, mache eine riesige Systemgastronomie mit irgendeinem Thema auf und werde reich. Ach ja, und Caro will ihre Physiotherapeutin wechseln.

Dinzler, Kaffeerösterei, Irschenberg

Wir fahren weiter Richtung Schliersee. Das Hacker-Pschorr-gepimpte Bayern-Disney-Land des Ski-Nichtsnutzes bleibt mir zum Glück erspart, das sogenannte Museumsdorf macht erst Ende März wieder auf, und in die nur 1 Kilometer entfernte Brennerei des unsäglichen Slyrs, die man für 6 EURO besichtigen könnte, kriegen mich sowieso keine zehn Pferde, Caro hatte mir weiland eine der ersten Flaschen von dem Zeugs subscribiert, und das ist zweifelsohne der beste Beweis, dass Bayern keinen Scotch und Schotten kein Bier machen sollten, das muss einfach in die Hose gehen, außerdem hatte ich mir nach diesem Geschenk ernsthaft überlegt, ob Caro tatsächlich die Richtige für mich ist. Stattdessen landen wir spontan im monte mare, der kleinen Therme von Schliersee, direkt am See gelegen, mit ziemlich nettem Blick auf das Wasser und die Berge. Verglichen mit Erding ist hier alles winzig … und wohlfeil, Tageskarte inklusive Saunen 27 EURO, in Erding kosten gerade mal 2 Stunden am Wochenende 35 EURO. Auch ohne Badesachen im Gepäck kann man alles Notwendige – Handtücher, Latschen, Badeanzug, -hose, -mäntel – für kleines Geld leihen. Separat im Dachgeschoss, abseits des Spaßbades, finden sich 6  Saunen, ein Whirlpool, diverse Duschen und Ruheräume und ein kleiner Warmwasserpool mit Blubber auf der Dachterrasse, wie gesagt, mit hübschem Blick auf See und Berge, dazu eine kleine Gastronomie. Das Publikum ist gepflegt, meist mittelalt, ruhig, die gesamte Anlage ist bestens in Schuss, sauber und nicht überfüllt oder laut: was will man mehr?

Schliersee, Bayern, Alpen, Oberbayern

Auf dem Rückweg am Nachmittag schlage ich vor, doch Station im legendären Winklstüberl zu machen, der Michi aus Obermenzing, ein durch und durch heimatverbundener echter bayrischer Bursch (wenn er nicht gerade in Kanada wehrlose Bären erschreckt) hatte mir wiederholt dringend an’s Herz gelegt, dort doch endlich einmal den berühmten Kuchen zu probieren. Tatsächlich, wenn man auch hier einmal einen Parkplatz zwischen Wanderern, Tagesausflüglern und Touristenbussen gefunden hat, wäre der Blick auf die Alpen ziemlich hübsch, nur sitzen hier an einem Sonntagnachmittag leider schon Schwadronen von ausfüglerischen Sahnetorten-Junkies dicht an dicht auf der Terrasse, keine Chance, hier auch nur ansatzweise einen Platz zu ergattern. Also immer hinein, in das typische alt-bayrische Haus mit seinen 10 typisch alt-bayrischen Gaststüblein. Die Kuchen-Buffets sind in der Tat optisch überwältigend, und auch die Sammlung alter Kaffeemühlen an den Wänden tut gewiss das Ihrige dazu, dass der gegeigte Gast nicht etwa unter die Bänke und in die Ecken schaut, denn was die Sauberkeit anbelangt, gibt es dort noch ganz erhebliches Potential nach oben. Aber die – an einem Sonntagnachmittag vollkommen überforderten, viel zu wenigen, ob des offensichtlichen Stress ruppigen, fahrigen und teils unfreundlichen – Bedienungen tragen Dirndl (zumindest die Weiblichen), manche offerieren sogar ein herzerfreuend fülliges und tiefes Dekolleté, wenn sie sich zum Abstellen der georderten Kuchenlasten zum Tisch hinunter beugen. (Chauvi-Klastsche fertig machen zum Abwatschen …). Es ist laut, hektisch, stickig, aber wir finden einen Tisch, mitten im Raum, mal von vorne, mal von hinten kräftig angerempelt, aber immerhin. Die Auswahl an Torten und Kuchen ist, wie gesagt, gigantisch, die Stücke sind groß, die Preise wohlfeil, die Qualität ist lausig. Die Schwarzwälder Kirschtorte besteht aus wabbligem Biskuit, Sahneschaum und Kirschzubereitung aus dem Eimer, der Apfelkuchen war gewiss irgendwann mal frisch, aber strotzt vor Vanillin, die Quarktorte könnte auch aus Gips sein, das Obst darauf aus der Konserve. Der Kaffee dünn und belanglos, die heiße Schokolade niemals aus frischer Vollmilch gekocht. Das passiert also, wenn eine Provinzschauspielerin – Thekla Mairhofer alias Thekla Mayhof, bekannt aus 147 Folgen als  Gerichts-Protokollführerin Roswitha Haider im „Café Meineid“ von 1990 bis 2003 – ein elterliches Café übernimmt. Da würde man sich doch glatt wünschen wollen, sie hätte weiter an den Zwangsrundfunkgebühren zur Volksverblödung mitschmarotzt. Caro und ich fahren schweigend heim. Kulinarisch war dieser Tag für’n Arsch. Aber hübsche Landschaft.

Winklstüberl, Fischbachau, Sahnetorte


 

Dinzler Kaffeerösterei AG
Wendling 15
83737 Irschenberg
Tel. +49 (80 25) 99 22 50
Fax +49 (80 25) 99 22 51 10
E-Mail: info@dinzler.de
Internet: www.dinzler.de

Hauptspeisen: 8,50 € (Steckrübencurry oder Pizza Margherita) bis 26,50 € (Rinderfilet), Drei-Gänge-Menue 14,20 € bis 47,00 €

Das sagen die Anderen:

  • Guide Michelin (Booktable) Inspektoren: n.a.
  • Guide Michelin (Booktable) Gästebewertungen: 4,6 von 5 Punkten (bei 1.392 Bewertungen)
  • Gault Millau: n.a.
  • Gusto: 5 von 10 Pfannen (Küchenleistung);  2 von 5 Bestecken (Service, Ambiente)
  • Schlemmer Atlas: n.a.
  • Feinschmecker: n.a.
  • Varta: n.a.
  • Holidaycheck: 5,9 von 6 Sternen (bei 5 Bewertungen)
  • Yelp: 4,0 von 5 Sternen (bei 81 Bewertungen)
  • Tripadvisor: 4 von 5 Punkten (bei 328 Bewertungen)
  • Google: 4,5 von 5 Sternen (bei 1.650 Bewertungen)
  • Facebook: 4,5 von 5 (bei 11.264 Abstimmungen)

Café Winklstüberl
Inhaberin Thekla Mairhofer alias Thekla Mayhof
Leitzachtalstraße 68
83730 Fischbachau
Tel. +49 (80 28) 7 42
E-Mail: info@winklstueberl.de
Internet: www.winklstueberl.de

Kuchen: 1,90 bis 3,30 € das Stück; Hauptgerichte: 9,50 € (Schweinebraten mit Knödeln) bis 17,90 € (Grillpfanne), Drei-Gänge-Menue 20,60 € bis 37,60 €

Das sagen die Anderen:

  • Guide Michelin (Booktable) Inspektoren: n.a.
  • Guide Michelin (Booktable) Gästebewertungen: n.a.
  • Gault Millau: n.a.
  • Gusto: n.a.
  • Schlemmer Atlas: n.a.
  • Feinschmecker: n.a.
  • Varta: n.a.
  • Holidaycheck: 5,2 von 6 Sternen (bei 15 Bewertungen)
  • Yelp: 4 von 5 Sternen (bei 72 Bewertungen)
  • Tripadvisor: 4 von 5 Punkten (bei 218 Bewertungen)
  • Google: 4,6 von 5 Sternen (bei 853 Bewertungen)
  • Facebook: 4,8 von 5 (bei 755 Abstimmungen)
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