It-Tokk in Victoria: ziemlich gute Küche, und wahrscheinlich sogar authentisch

Summa summarum: eine derbe, gehaltvolle, schnörkellose, wahrscheinlich authentische, auf jeden Fall ehrliche Küche mit frischen Zutaten und großen Portionen in einem rustikalen, gemütlichen Ambiente mit flotter, freundlicher Bedienung

Victoria, der Hauptort von Gozo, der Insel nördlich von Malta, lebt vom Tourismus, jede Ader des Städtchens schlägt für die und durch die zahlenden Gäste. Vor allem Juweliere jeder Art bieten ihre Waren an, dazu die üblichen Kitschgeschäfte und massenhaft Erzeuger abgepackter oder eingemachter – und damit transportabler – heimischer Lebensmittel, allen voran der für Gozo typische Gbejna-Ziegenkäse in Öl. Und natürlich unzählige Restaurants und Cafés. Der gemeine Tages-Tourist verlässt nach dem Frühstück sein Quartier auf Malta, fährt mit dem offenen Hopp-On-Hopp-Off-Bus (für ein Heidengeld), der geführten Pauschaltour, dem Taxi oder – wenn er (wie wir) richtig mutig ist – mit öffentlichen Bussen (für wohlfeile 1,50 €) nach Cirkewwa im Norden der Insel, dort gehen halbstündig Fähren nach Gozo, der Hafen-Ort dort, Mgarr, ist relativ unspektakulär, also fährt der gemeine Tourist als solcher weiter in den Hauptort der Insel, eben Victoria, die alte Festung alldorten ist dann spektakulär und wird gerade für ein Vermögen luxus-saniert (85% EU-Finanzierung, 15% von Malta, belehrt uns ein Schildchen in den neu angelegten Designer-Gartenanlagen; anscheinend wir alles, was gerade in Malta gebaut oder saniert wird, zu 85% von der EU und zu 15% von Malta finanziert, denn nämliche Schildchen hängen an fast allen der zahlreichen öffentlichen Baustellen), wenn man kein extensiver Museums-Gänger ist und sich auch weigert, für den Besuch einer katholische Kirche Eintritt zu zahlen, hat man Festung und Städtchen nach zwei, drei Stunden komplett durch, und dann … dann ist Mittagszeit, und Mittagszeit ist eben Essenszeit. Die meisten der Touristen sitzen dann in den Straßenrestaurants auf dem kleinen Marktplatz und vor der St. Georg’s Basilica auf dem gleichnamigen St. Georg’s Square. Vor allem Kaninchen-Gerichte werden als typisch regional angeboten, dazu Nudeln, Fisch, Vorspeisenplatten mit heimischen Spezereien und die obligatorischen Pizzen. Alles ist wie immer in touristischen Hotspots: große Speisekarten in verschiedenen Sprachen, zuweilen sogar mit Photos der Speisen für die Ganz-Dummen, Animateure an den Eingängen der Lokale, die die vorbeigehenden Touristen anquatschen und zum Bleiben drängen, … ich finde das immer abstoßend.

Ein Etablissement in Victoria verweigert sich dieser Art der Prostitution. Klein und unscheinbar liegt das It-Tokk, das seit nunmehr acht Jahren von der Familie Grech betrieben wird, an der östlichen Seite des Marktplatzes. Vor dem Haus zwei kleine, schmucklose, un-eingedeckte und un-einladende Tische, eine niedrige Tür führt in den etwas düsteren Gastraum, die Wirtin quatscht lässig an den Türstock gelehnt mit einer Nachbarin auf Maltesisch, als wir auf die Speisekarte blicken nickt sie uns freundlich zu und quatscht unbeirrt weiter. Sie prostituiert sich nicht. Hat sie auch gar nicht nötig, bei der Küchenleistung. Die Speisekarte an sich bietet auf den ersten Blick nichts Besonderes, die übliche Mischung von kalten Vorspeisen, Nudeln, Fleisch und Fisch, Pizzen, wieder viel Kaninchen als Ragout-Sauce, in großen Stücken mit Knochen gebraten oder gekocht. Bugs Bunny und Luc mögen diese Speisekarte gewiss nicht. Der Gastraum ist in der Tat düster, die Wände aus nackten Steinquadern, Holzbalken, blanker Steinfußboden, einfache Holztische und –stühle, irgendwelche Bilder von Menschen an der Wand, die sicherlich eine tiefere Bedeutung für Eingeweihte haben, großer, hässlicher, aber funktionaler Kühlschrank, kurioser Kronleuchter aus Weingläsern, in einer Nische hinten im Raum führt eine enge, steile, knarzende Holztreppe auf die Dachterrasse. Von dieser schattigen, mit sechs steinernen Rundbögen ummauerten Terrasse hat man einen hübschen Blick auf den Marktplatz und das quirlige Treiben dort.

Eine junge, unglaublich flinke und freundliche Bedienung läuft leichtfüßig die knarzende Holztreppe herauf und bringt uns die Speisekarten; sie spricht lupenreines Cockney, „You are British, aren’t you?“, frage ich, „No Polish, but for seven years a boyfriend from London.“ antwortet sie. Das ist Malta. Wir teilen uns eine Gozo-Platte als Vorspeise: kräftiger, Gbejna-Ziegenweichkäse cremig pur und bissfest in Kräutern, getrocknete Tomaten, Kapern, Oliven schlicht auf einem Bett von frischem, gut geputztem Salat. Alles köstlich und ich bin gewillt zu glauben, dass heimische Bauern all diese Köstlichkeiten der kargen Erde Gozos abgerungen haben. Nur irgendwie komisch, dass wir kreuz und quer über die Insel gefahren sind und keine einzige Ziege, keinen Olivenhain, keinen Tomatenstrauch gesehen haben. Seltsam, seltsam … Das Kaninchenragout ist eine dicke, bräunliche, sämige bis breiige, unansehnliche Sauce mit verkochten Fleischfasern … und mit einem unglaublich kräftigen, guten Geschmack. Wenn man sich an die Konsistenz gewöhnt hat, ist das eine richtig leckere Sauce zu al dente gekochten Spaghetti. Ein kulinarisches Monster ist die Ricciole au Gratin: mit Ricotta und Spinat gefüllte Nudelrollen, Stücke von frischen Tomaten und gekochtem Schinken, überbacken mit Käse und Sahne, das nenne ich mal ein hochkalorisches Gericht. Wie dem auch sei, unglaublich lecker mit frischem Spinat, Nudeln noch mit Biss, geschmack- und gehaltvoller Sauce und brauner Kruste. Für so etwas braucht man einen Waffenschein. Nicht minder monströs die Spaghetti Ai-Olio: ein großer Suppenteller mit einem Berg von wieder perfekt al dente gekochten Nudeln mit Unmengen kleiner Chili- und Knoblauchstückchen und frischer Petersilie in gutem, von Chili rot gefärbtem Olivenöl, alle vier Geschmäcker – Chili, Knofl, Petersilie, Olivenöl – gut austariert, keiner davon dominant, so etwas hatte ich selten. Und von der Menge her wäre das im richtigen Leben eine Vorspeise für wenigstens Drei. Ebenso tadellos die hausgemachten Ravioli mit Ricottafüllung in einer ganz leichten Tomatensauce. Gigantisch die fangfrischen Riesengarnelen, gebraten in Olivenöl mit viel Knoblauch und Petersilie, mit 19,50 € für sieben Stück nicht wohlfeil, aber fair bepreist. Messer und Gabel sind hier fehl am Platze, hier muss man archaisch mit den bloßen Händen zu Werke gehen. Die Garnelen wurden gebraten, wie sie aus dem Meer kamen, mit Schale, Beinen, Kopf, Innereien, Darm samt Füllung. Beim Essen reißt man den Tierchen dann zuerst den Kopf ab, irgendetwas, von dem ich gar nicht wissen möchte, was es ist, ergießt sich dabei aus dem Rumpf, sodann reißt man die Beinchen aus und beginnt, die Schale aufzubrechen und das weiße Fleisch herauszuschälen. Schließlich reißt man dann den Schwanz ab. Hartgesottene und/oder dumme Genießer stecken darauf das erkämpfte Garnelenfleisch mit zwei, drei Bissen in den Mund; pingelige und/oder schlaue Genießer wissen, dass sich im Rücken noch immer der gefüllte Darm der Garnele befindet und pulen diesen noch heraus, bevor die den – dann reichlich zerbombtem – Rest genüsslich verzehren. Wie auch immer, dieser Garnelenschmaus ist eine sehr archaische und rabiate Angelegenheit, aber (oder vielleicht gerade deswegen?) köstlich.

It-Tokk Restaurant
Independence Square
Victoria, Gozo
Malta
Tel: +(356) 21 551213
Internet: http://www.it-tokkrestaurant.com/
Hauptgerichte von 6,00 € (Spaghetti Ai-Olio) bis 22,50 € (T-Bone Steak)

Das sagen die Anderen:

  • Tripadvisor 4 von 5 Punkten
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