Hoettl Deggendorf: charmbefreite Übernachtungs-Gelasse, urige Gaststube, ordentliche Wirtshausküche, pralles Leben

Summa summarum: baulich vorne hui, hinten pfui, vorne traditioneller Gasthof im alten, schönen Haus direkt am Stadtplatz, hinten gesichtslose, funktionelle Neubau-Metastasen zwischen Parkplätzen und Hinterhöfen mit pragmatischen, gänzlich charme-befreiten Übernachtungs-Gelassen und muffigem SPA unter’m Dach, aber die Gaststuben im Altbau sind gemütlich, authentisch, vorwiegend einheimische Gäste, ein gediegener Querschnitt durch die bürgerliche Mittelklasse, ordentliche regionale Wirtshausküche ohne kulinarische Höhenflüge und ohne kulinarische Bauchlandungen, durchweg sehr freundliches, flottes Personal, und bei Kleinkunst-Veranstaltungen steppt hier der Bär, pralles Leben.

Ich wollte über’s Wochenende in den Schwarzwald fahren oder in‘ Badische, mir war nach fettem Wohlleben, nach Gänseleberterrine, brettgeschabten Spätzle, gratinierten Schnecken, frischen Forellen in einem gemütlichen, alten Gasthof auf dem Lande. Ich habe tagelang Gault Millau, Gusto, Schlemmeratlas, Varta, Guide Michelin und etliche andere einschlägige Führer gewälzt, habe mir die Webpages und die Speisekarten von wenigstens fünf Dutzend Häusern angeschaut, aber nur entweder abgespactes Nobelfutter oder plumpe Hausmannskost oder zuweilen sogar Convenience-Dreck gefunden, keine Speisekarte wollte mir so Recht das berühmte Wasser im Munde zusammenlaufen lassen und 500 Kilometer Autofahrt rechtfertigen. (Sollte ein geneigter Leser einen entsprechenden Geheimtipp haben, immer her damit!) Desillusioniert-beleidigt wandte ich mich vom Schwarzwald ab und dem Bayrischen Walde zu, dann eben Schweinshaxe statt Foie Gras, nach Spiegelau in die Glasfabrik (natürlich ist in Spiegelau längst keine Fabrik für das gleichnamige Glas mehr, seit der Übernahme durch den Riedel-Konzern sind in Spiegelau die Öfen aus und die Schotten dicht, wird alles nur noch zentral irgendwo im Konzern-Verbund des Österreichischen Glas-Multis fabriziert, aber in Spiegelau gibt’s immerhin noch ein formidables Outlet mit vorgeblich Zweiter Wahl zu sehr erschwinglichen Preisen) musste ich ohnehin zum Nachkaufen, da zahlreiche Gäste und Söhne in den letzten Monaten reichlich Trinkgläser zerdeppert hatten. In Deggendorf … Moment mal, wha the f*** is Deggendorf? Ach ja, diese Häuseransammlung zwischen Regensburg und Passau, wo man gleich zweimal die Donau überquert, wenn man hintenrum nach Wien auf der A3 über Passau fährt, um Irschenberg, Deutsches Eck und Salzburg mit den chronischen Staus zu vermeiden, da sind diese lustigen Autobahnschilder auf der Brücke, die es dem Autobahnfahrer strikt verbieten, hier Kippen und ähnliches aus dem Auto zu werfen, alldieweil sich darunter nämlich Erdölverlade-Terminals für die Flussschiffe befinden (keine Ahnung, ob die hier Öl herbringen oder abholen …). Aber ansonsten, Deggendorf? Isarmündung, Donau-Furt, Tor zum Bayrischen Wald, Böhmweg, Residenzstadt des selbständigen Herzogtums Niederbayern-Deggendorf, Deggendorfer Gnad, Heldenhain, Jahrhunderthochwasser, … daneben fiel mir wenig zu Deggendorf ein, aber man kann ja nicht jedes Vierzigtausend-Einwohner-Städtchen kennen. In Deggendorf also bot sich das Hotel Höttl dem Reisenden an, in einem stattlichen Bürgerhaus direkt am Stadtplatz gelegen, seit 1652 durchgängig Gasthaus, seit 145 Jahren im Besitz der Hoteliers-Familie Höttl, solide bayrische Speisekarte mit ein paar modernistischen Einsprengseln, funktionale Zimmer, rustikale Gaststuben, … mehr wollte ich ja eigentlich, dazu wird noch ein SPA mit einem Pool „über den Dächern Deggendorfs“ versprochen, das war mehr als erwartet.

Also auf nach Deggendorf, quer durch das schönste Niederbayern, auf kleinen Seitenstraßen zwischen Donau im Norden und Isar im Süden. Industrialisierung und Weltkrieg haben Deggendorf sein historisches Gesicht zur Gänze genommen, nur um den zentralen Marktplatz und seinen Seitenstraßen finde sich noch eine weitgehend geschlossene historische Bebauung, der Rest ist vorwiegend moderne, funktionale, architektonische Beliebigkeit bar jeglichen Charmes, viel Leerstand, Verfall, Brachgelände mitten in der Stadt, aber auch Bautätigkeit, ein neues Penthaus mit 140 Quadratmetern in der Stadtmitte kann man hier schon für weniger als eine halbe Million haben, das ist gefühlt ein Drittel oder Viertel von Münchner Preisen. Der Weg zum Parkhaus des Hotels überfordert mein Navi sichtlich, mehrfach irre ich durch das enge Einbahnstraßen-Gewirr der Altstadt, bis ich endlich die richtige Einfahrt gefunden habe; die Parkgarage selber entpuppt sich als winzig und atemberaubend eng, ich würde jedem empfehlen, besser den hoteleignen Parkplatz zu nutzen. Eintritt in’s Hotel dann über den Hintereingang, vorbei am wohl unvermeidbaren Raucher-Spalier, dann ein Gewirr von schmucklosen Gängen, Verzweigungen, Liften, Treppenauf- und -abgängen, reichliche Beschilderung, aber mehr verwirrend denn weisend, also ein kleines, altes, persönliches Stadthotel ist das hier gewiss nicht, wird dem Reisenden schlagartig klar. Nach der dieser Tage unvermeidlichen Seuchen-Kontrolle rasches und freundliches Einchecken an der Rezeption, das Einzelzimmer im zweiten Stock ein langer Schlauch, hinten düster, weit vorne eine gläserne Tür zum Balkon, durch die das Tageslicht nicht bis nach hinten dringt, als erstes fällt mir die ungebügelte Bettwäsche und das lieblos gemachte, schmale Bett auf, die Deckenbeleuchtung flackert, irgendwo ein Wackelkontakt (den der freundliche Rezeptionist umgehend mit einem dicken Stück Papier provisorisch behebt), der kleine Schreibtisch ebenfalls ohne ausreichendes Tageslicht, immerhin gibt es eine Steckdose für den Laptop und eine funzelige Tischlampe, Systemmöbel, ein Tischchen, ein Sessel, kleiner Balkon mit einem Stuhl, keinem Tisch, mit Blick auf Hinterhöfe, Parkplatz, Straße, Baustelle („romantische Aussicht“ geht gänzlich anders), fensterloses kleines Bad, die Türzarge unten aufgequollen, alldieweil die Duschabtrennung undicht ist und man das Bad beim Duschen unweigerlich flutet, dünne Frotteehandtücher, Seifenquetschflaschen an der Wand, keinerlei Ablage am Waschbecken, brummende Lüftung, Minibar mit drei kostenlosen Getränken, Safe, … das ist ein Raum zum Schlafen, Duschen, Weggehen, aber bestimmt nicht zum Wohlfühlen. Das avisierte hauseigene SPA erreicht man nach einem erneuten langwierigen Irrlauf durch die verwinkelten Gänge und Stockwerke, es entpuppt sich als ein paar Dachkammern mit – restlos belegten, eng gestellten – Liegen, muffiger Luft, zu den Saunen muss man durch’s Treppenhaus, der Dachpool ist recht klein und keineswegs „über den Dächern von Deggendorf“, sondern mehr neben den Hinterhausdächern von Deggendorf, auf die man blickt, nichts von grandioser Aussicht und Panorama wie etwa im Dachpool des Randsberger Hofs im nahen Cham.

Ich verlasse das SPA rasch wieder und unternehme stattdessen lieber einen Spaziergang durch das Städtchen, man tritt aus dem Hotel und steht direkt auf dem verkehrsberuhigten zentralen Stadtplatz. Der Spaziergang bringt auch das „Geheimnis“ des Höttls an’s Licht: vorne hui, hinten pfui. Von vorne ist das Hotel Höttl, wie gesagt, ein schmuckes, altes, viergeschossiges Bürgerhaus in bester Innenstadtlage. Geht man allerdings in großem Bogen um das Haus herum, so sieht man auf der Rückseite mehrere ziemlich große, schmucklose, funktionale, metastatische Anbauten – durchaus eines Ibis würdig – in denen die meisten der 75 Gästezimmer des Hotels – unter der Woche für Geschäftsreisende, am Wochenende vorwiegend für SPA-Gäste und fast immer ausgebucht, wie mir die freundliche Rezeptionistin stolz sagt – untergebracht sind, was auch das Gänge- und Stockwerke-Gewirr innendrin erklärt.

Da mir weder in meinem Zimmer noch im SPA gemütliches Verweilen bei Schreiben und Lesen möglich ist, beschließe ich am frühen Nachmittag, den Rest des Tages in der Gaststube des Höttls zu verbringen. Die Gaststuben des Hauses im Altbau sind rustikal-bajuwarisch-gemütlich, da beißt die Maus keinen Faden ab, die Wände dreiviertel-hoch holzvertäfelt, Dielenböden, einfache, aber wertige, typische Wirtshaustische, -stühle und –bänke, halblanger Tresen, Stammtisch, alte Bilder an den Wänden, zurückhaltender, weihnachtlicher Tischschmuck, nur Mitteldecken, die das blanke Holz der Tischecken frei lassen, Papierservietten, angenehme Beleuchtung, das passt dann alles wieder irgendwie. Nur der „Wintergarten“ in einem der Anbauten ist wieder ein beliebiger systemischer Raum ohne Charme. Ich hocke mich in der Gaststube, bewaffnet mit Laptop, Buch und ein paar Zeitungen an einen Tisch in der Ecke, ordere ein Augustiner Edelstoff vom Fass und beobachte das Tableau. Das Publikum scheint sich weitestgehend aus Einheimischen zu rekrutieren, wie man unschwer am Idiom erkennt, Alte und Junge, Familien, Pärchen, Stammtischbrüder, ein repräsentativer Querschicht durch die bürgerliche Mittelschicht würde ich sagen. Die meisten Servicekräfte tragen zwar bajuwarisch-folkloristisch angehauchte Gewänder, können jedoch ihr osteuropäisches Idiom nicht vollends verbergen. Aber die Bedienungen sind ebenso wie das gesamte Personal im Hotel durch die Bank weg – auch das muss gesagt sein – ausgesprochen freundlich, dienstbar, flott, wenngleich sie zu Frühstücks-Stoßzeiten zuweilen etwas in‘s Schwimmen kommen, was aber nicht an den Servicekräften, sondern eher an Unterbesetzung liegen dürfte. Am späten Nachmittag zecht eine Gruppe von Junggesellen-Abschiedlern, fast alle mit Bart, niederbayrischer Mundart und schwarzen einheitlichen Kappen lautstark und reichlich in der Gaststube, niemanden stört’s wirklich. Einer aus der Gruppe skandiert „Ich sag nur wo?“ und die Zechenden schmettern zurück „In den Po, in den Po!“, offensichtlich ihrem Wunsch nach Analverkehr so nachdrücklich Ausdruck verleihend. Wieder und wieder. An einigen Tischen sitzen Familien mit kleinen Kindern, kindliche Sozialisierung auf dem Lande. Zur Nacht – die Junggesellen-Abschiedler sind längst weitergezogen – finden sich drei Musikanten in der Wirtsstube ein, zwei Gitarren, ein Akkordeon. Die Drei sitzen nicht etwa auf einer Bühne, sondern an einem der Gasttische, mitten zwischen den anderen Gästen. Sie spielen und singen alpenländische Weisen und alte Schlager-Schnulzen, lautstark und gar nicht mal schlecht. Dazwischen gibt einer von ihnen immer wieder Zoten – meist weit unter der Gürtellinie – zum Besten, mal in Mundart, mal in Hochdeutsch, so in der Art „„Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen, der die Putzfrau vögelt. / Und ist das Schiff auch noch so klein, eine muss die Putzfrau sein.“ Das Publikum tobt und lacht und grölt, Bombenstimmung, pralles Leben. An einem Tisch zwei junge Frauen im Gespräch, eine Männerrunde am Tresen spendiert ihnen Drinks – in allen Ehren natürlich –, man kommt in’s Gespräch, plötzlich ruft einer der Männer „Das ist Julia. Sie hat Geburtstag, wird heute 25!“ Die Menge klatscht. Die Männerrunde lässt eine Flasche Sekt an den Tisch der Mädels bringen. Julia im roten Kleid steht auf ihrem Stuhl, die Menge feiert sie, die Musikanten spielen auf, Julia wiegt sich zur Musik. Später geht einer aus der Männerrunde am Tresen mit einer Kappe durch den Raum, sammelt einen freiwilligen Obolus für die Musiker ein, fast jeder gibt einen Fünfer oder Zehner, die Kappe wird voll, es sei den Musikanten gegönnt. Ich durfte einen Nachmittag und Abend authentisches niederbayrisches Leben miterleben, dafür bin ich dankbar, auch wenn es zuweilen durchaus derb zuging, aber das war keine für Touristen inszenierte Vorstellung, das war das Leben selber, so, wie es die Eingeborenen hier wohl leben.

Gegessen habe ich natürlich auch im Höttl. Die auf der Webpage versprochene Speisekarte gab es nicht, stattdessen wegen der pandemischen Lage nur ein deutlich reduziertes Angebot (was ich verstehen würde, wenn die Gäste wegen der Seuche ausblieben, aber der Laden war Mittags und Abends gerammelt voll, aber sei’s drum). Vorweg eine ordentliche Tafelspitzbrühe mit knackigen Julienne, frischer Petersilie, frischem Schnittlauch und zwei großen, fluffigen, leider hoffnungslos unterwürzten Grießnockerln, insgesamt gut, aber nicht sehr gut, rechtschaffende Hausmannskost. Das Schnitzel Wiener Art ebenfalls ordentlich, frisch geklopft (wie man aus der Küche hören konnte), beim Braten ordentlich souffliert, so dass sich Panade vom Fleisch abhebt und knusprig wird, einwandfreies Fleisch, der Salat frisch, ordentlich geputzt, knackig, einfache Vinaigrette als Dressing, aber bestimmt nicht aus dem Convenience-Bottich, sondern selbergemacht, nur die Butterkartoffeln entpuppten sich als gekochte, ungeschälte, halbierte Drillinge, die kurz in Butter erwärmt und leicht gebräunt wurden, nicht so mein Fall. Auch das Backhendl tadellos und gekonnt gemacht, ein Hühnerschenkel und ein Bruststück, knusprige Panade, zartes, wohlschmeckendes Fleisch, der Kartoffel-Gurken-Salat dazu etwas wässrig und unterwürzt. Richtig gut zum Schluss der Apfel-Kaiserschmarrn, luftige, wohlschmeckende, sacht gebräunte, leicht karamellisierte Pfannkuchenbrocken, vermischt mit gedünsteten/gebratenen Apfelstückchen (von richtig guten Äpfeln), dazu selbst gemachter Apfelbrei. Das Alles ist ordentliche, gekonnte, saubere Wirtshausküche, keine kulinarischen Höhenflüge, keine kulinarischen Bauchlandungen, keine Convenience-Pfuschereien, keine handwerklichen Fehler, tadellose Rohstoffe.


Hotel-Gasthof Höttl
Gasthof Höttl Beteiligungs GmbH
Geschäftsführer: Alexander Ebner
Luitpoldplatz 22
94469 Deggendorf
Deutschland
Tel.: +49 (9 91) 37 19 96-0
Fax: +49 (9 91) 37 19 96-199
E-Mail: hotel@hoettl.de
Internet: www.hoettl.de

Hauptgerichte von 9 € (Kässpätzle oder Kalbslüngerl mit Semmelkloß) bis 27,20 € (Zwiebelrostbraten), Drei-Gänge-Menue von 22 € bis 51,60 €

Doppelzimmer mit Frühstück (pro Zimmer, pro Nacht) 109 € bis 148 €

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