Helmsdale … oder die Viagra kannst Du zuhause lassen

Zuweilen hat Caro ein Rad ab, oder nein, das kann man so nicht sagen, ich muss mich korrigieren, zumindest was das „Zuweilen“ anbelangt. „Hast Du übernächstes Wochenende schon was vor?“, hatte sie scheinheilig gefragt. Obwohl ich immer etwas zögerlich bin, Caro solcherlei terminlichen Freibriefe auszustellen – und das aus guten Gründen – hatte ich diesmal voreilig, ohne wirklich nachzudenken, wahrheitsgemäß geantwortet: „Nein, bisher noch nicht.“ Trottel. „Gut“, hatte Caro gesagt, „ich hole Dich dann Freitagmittag ab, Reisepass und Zahnbürste mitnehmen, Hals waschen, wir kommen erst Montag zurück, Viagra kannst Du zuhause lassen, ich kümmere mich um den Rest.“ Caro kann so ein Arsch sein. ‚Viagra zuhause lassen‘, meine erste Idee waren Exerzitien in einem Kloster, Caro ist alles zuzutrauen. Aber es kam anders, ganz anders.

Freitag komme ich kurz vor 12:00 zu dem von Gutmenschen und Spekulanten weitgehend tot-protestierten Regionalflughafen, wie geheißen mit gewaschenem Halse, Reisepass, Zahnbürste und ohne Viagra, Caro ist bereits gelandet und erwartet mich hinter der Sicherheitskontrolle, wo sich gleich drei Flughafen-Mitarbeiter, sichtlich erfreut, mal etwas zu tun zu haben und damit ihr Dasein als solches rechtfertigen zu können, röntgenderdings um meine Tasche und meine Jacke und röntgender- und auch abtastenderdings um meinen Körper kümmern. „Vereinigtes Königreich.“ ruft Caro dem Zollbeamten zu, den ich ziemlich ratlos anblicke, nachdem er mich nach dem Ziel meiner Reise gefragt hat. „Britisches Kloster also“, denke ich mir, „das kann ja heiter werden. Zur sexuellen kommt dann wohl auch noch die kulinarische Enthaltsamkeit, bei dem Britischen Essen. Ob ich Caro was getan habe und sie mich bestrafen will?“ Rascher Kuss, kurze Begrüßung, kühl-professioneller kann es bei keinem Ehepaar nach 25 Jahren Zusammenlebens zugehen, aber so ist Caro nun mal. Wie immer müssen wir die 100 Meter zu ihrer Maschine direkt vor dem Terminal mit einem überdimensionierten Bus für 10 Personen fahren, wir könnten sonst ja leicht unter die Räder oder in die Düsen geraten, bei dem Verkehr auf dem Vorfeld hier, ich schmeiße mein Gepäck auf den Rücksitz und wie immer steige ich mit einem mulmigen Gefühl in die Blechkiste, eine D42 von Diamond, auch noch gebraucht gekauft, was meinen Emotionen zusätzlich nicht gerade gut tut. Wir fliegen nach Nordwesten, das kann alles werden von Norwich bis Plymouth, Canterbury kommt mir in den Sinn, weil ich noch immer an dem unverdienten Klosterwochenende hänge. Der Flug wird allerdings länger, viel länger als von mir angenommen, und so plagt mich zusehends ein menschliches Bedürfnis, „Deswegen gehe ich doch jetzt nicht extra runter.“, fertigt Caro mich ab.

Schließlich landen wir gegen 17:00 Uhr bei herrlichem Wetter in Inverness, wir müssen noch auf den Tankwagen warten, nachdem Caro ihre fliegende Blechbüchse endgültig abgestellt, ausgeladen und verankert hat, wieder das gleiche Spiel, wieder Abholung mit einem überdimensionierten Bus, hier werden Grenzkontrollen noch strenger gehandhabt, wo wir herkämen, was wir in Schottland zu tun gedächten, wie lange wir bleiben wollten, ob wir Devisen, Schmuck, Lebensmittel dabei hätten, das volle Programm also, und das in einem Idiom, das mich zweifeln lässt, ob ich jemals die Englische Sprache erlernt habe, diese vielleicht schon, aber gewiss nicht die Schottische, aber auch das geht vorüber, gnädig lässt man uns in’s gebeutelte Brexit-Ländle. Während ich zur Toilette haste, geht Caro schon mal zum Avis-Counter, wo sie Mietwagen vorbestellt hat, diesen SUV-Verschnitt Jaguar E-Pace, der hier – sehr zu meinem Erstaunen – noch unter den mittelpreisigen Wagen rangiert und so teuer tatsächlich nicht ist, wie ich das mit der Indischen Marke Jaguar verbunden hätte, teurer sind da schon die F-Types; wenn Caro einen Roadster ausschlägt und statt dessen ein SUV nimmt, dann verspricht es, rustikaler zu werden. Vom Flughafen aus fahren wir erst nach Süden, an Inverness vorbei, auf der A9 über die Mündungsbucht des River Beauly und die Cromarty Brigde, dann auf der A9 immer die Küste entlang nach Norden. Kurzzeitig vermute ich, Caro will mich auf die eindundertdreiundachtzigste Scotch-Brennereien-Besichtigungstour entführen, hier oben müssten Glen Ord, Dalmore Glenmorangie, Bora, Dornoch zu finden sein, die fallen mir auf die Schnelle ein, aber wahrscheinlich sind’s noch viel mehr, das würde auch erklären, warum keine Viagra, die kann nach ein paar ordentlichen Scotch-Tastings auch nicht mehr helfen. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass Caro wegen solch eines ausgelutschten Touri-Programms solch einen Aufwand betreiben würde, Scotch-Destillen haben wir in den 80er und 90er Jahren besichtigt, während der großen Whisky-Kriege, als der heilige Single Malt über das des Steinhägers, Asbach Uralts, Eckes Edelkirschs, Schladerers und Courvoisiers überdrüssige Deutschland kam, als man allseits weitgehend unkundig über Torfnoten, Fässer, Farbtöne, Brennverfahren, Alterungsprozesse und Salzgehalt zu schwafeln begann, und als die guten alten Blended Scotchs wie Black and White oder Racke Rauchzart mit Verachtung gestraft wurden und aus den Regalen verschwanden, und als bekennende Blended Scotch-Trinker – wie ich einer bin – öffentlich in großen Autodafés verbrannt wurden, nein, deswegen muss man im 21. Jahrhundert wahrlich nicht mehr nach Schottland fliegen, zumal die meisten der bekannten, besuchbaren Destillen ihren Charme längst verloren haben, mit Visitor Centers, Whisky-Museen, kostenpflichtigen Fabrikführungen, kostenpflichtigeren Tastings am laufenden Band, 14 Pfund gezahlt, Gruppe rein, vier Noargerl Single Malt probiert, dazu irgendwas wie vom Band abgespult, mehr oder meist minder fachkundig über den Schnaps erzählt bekommen, Gruppe raus in den Fabrik-eigenen Verkaufsraum, wo es neben allen möglichen Jahrgängen und Abfüllungen der hauseigenen Single Malts auch noch bedruckte T-Shirts, Whisky-Jams, Landschaftsbilder, Wikingerschwerter und –schilder für die Kleinen, Whiskys der geschätzten Mitbewerber, Schneekugeln mit Nessi, Poster von Lady Di und allerlei sonstigen Tinnef für teures Geld gibt, um die optimale Ausbeutung der Ressource Tourist zuverlässig sicherzustellen. Als wir vorbei an all den Destillen-Fallen unbeirrt weiter Richtung Norden fahren, rechts von uns immer die Nordsee, dämmert es mir so langsam.

„Helmsdale?“, frage ich Caro. „Hat aber ganz schön lange gedauert, Herr Doktor“, antwortet sie hörbar spöttisch. „Kann ja nicht jeder habilitiert sein, so wie Du“, versuche ich ziemlich dumm und erfolglos zurückzugiften, die Frau schafft mich. Caro grinst vom linken Ohrläppchen rüber bis zum  rechten Ohrläppchen quer über’s Gesicht, dass ihr die Überraschung so perfekt gelungen ist: Helmsdale. Es war ein Sommer in den späten Siebzigern, oder was man in Schottland so Sommer nennt. All unsere Freunde – oder was man so Freunde nennt – waren in Jugoslawien (Tito lebte noch), auf Malle, Ibiza, in Rimini, an der Côte d’Azur, in Marokko oder auf Sylt … oder sie schufteten auf dem Bau und in Kneipen, um sich Jugoslawien, Malle, Ibiza, Rimini, Côte d’Azur, Marokko oder Sylt leisten zu können. Markus und ich waren da anders. Wir waren mit dem Nachtzug nach Amsterdam gefahren, hatten uns dort die Birne weggekifft und höchstleichtsinnig reichlich eingedeckt, dann mit dem Hoverspeed von Calais nach Dover, von dort mit dem Zug mit einmal Umsteigen bis nach Inverness, schließlich mit der Far North Line, der nördlichsten Eisenbahnlinie Großbritanniens, bis fast ans Ende der Gälischen Welt, bis Helmsdale. Dort hatten wir im Voraus mit damals erheblichem Aufwand, lange vor dem Internet und lange vor airbnb, ein wohlfeiles Haus gemietet, direkt an der Nordsee (dachten wir, tatsächlich war aber noch die besagt Bahnstrecke zwischen Haus und Küste – Strand konnte man das beileibe nicht nennen, aber Baden will man dort oben ohnehin nicht, selbst im Sommer (oder was man in Schottland so Sommer nennt), – aber Google Maps gab’s ebenfalls noch nicht, und der aus der Oberstufe geklaute (ähhh, vergessen zurückzugeben) Westermanns Weltatlas half in solchen Situationen recht wenig), es gehörte dem Sohn einer einheimischen Frau, der drei Monate am Stück auf einer der Erdölplattformen vor der Küste verbrachte, dort wohl ein Schweinegeld verdiente und dann wieder für drei Monate am Stück frei hatte und heim kam. In der Zwischenzeit vermietete seine Mutter sein komplett möbliertes Haus, so waren wir über eine Anzeige – in … ich weiß nicht mehr wo – an dieses Haus gelangt, drei Schlafzimmer, komplett ausgestattete Küche, Keller, Wohnzimmer, Veranda mit Gleis-/Meerblick, etwas außerhalb, aber fußläufig von Helmsdale. Jeden Tag am frühe Nachmittag – aber darüber wurden wir im Vorfeld informiert – kam Jack, ein uralter Schottischer Schäfer mit einem Schlüssel für das Haus, parkte seine beachtliche Schafherde vor der Veranda und kochte sich Tee, er war sozusagen im Mietpreis inkludiert, ob man wollte oder nicht. Als Jack erfuhr, dass wir „Boys from Germany“ seien wurde er regelrecht freundlich bis euphorisch, obwohl es sprachlich recht schwierig war, seinen Ausführungen in Schottisch zu folgen. Was wir aber verstanden war, dass er in zwei Weltkriegen gezwungener Maßen auf Seiten der dammed British gegen die guten Deutschen (getreu der Logik „Der Feind Deines Feindes ist Dein Freund“) kämpfen musste und jedes Mal den Tommys am liebsten in ihre Englischen Rücken geschossen hätte; ob er’s dann zuweilen auch tatsächlich getan hatte, blieb immer offen in seinen Erzählungen. Auch die Vermieterin war ausgesprochen entzückend zu uns „Boys from Germany“, ich weiß nicht ob das die historische Achse Deutschland – Schottland war oder ob Schotten zu allen Fremden so ausgesprochen freundlich sind. Auf jeden Fall hatten wir – trotz sehr begrenzter Kaufkraft – jeden Morgen einen Plastikballon Milch, Joghurt, Labber-Brot, zweimal die Woche Butter und Eier sowie regelmäßig diverse Spezereien – selbst gemachte Marmelade, ein Töpfchen Honig, Kuchen, hausgeräucherter Lachs, ein Körbchen Obst – vor der Türe stehen, und alle Versuche, etwas davon zu bezahlen, scheiterten an der standhaften Weigerung unserer Wirtin. Eines Tages fragte die gute Frau, ob sie uns denn auch mal des Abends zum Essen einladen und uns dem Teil ihrer Familie, der nicht auf Erdölplattformen oder beim Studieren oder Arbeiten in der Stadt rumturnte vorstellen dürfe; dank unserer Vorurteile über die Schottische Küche – die bis heute in jedem Detail zutreffen!!! – nahmen wir mit gemischten Gefühlen an, aber wir nahmen an. Schottische Küche, da stellten wir uns Haggis, Hammel und Hattit kit vor (was ja nicht falsch ist), und dem suchten wir nun zu entgehen, ohne unhöflich zu sein. Am örtlichen Hafen hatten wir gesehen, dass dort Hummer frisch vom Kutter feilgeboten wurden, zu 1 Pfund das Stück, immer noch 4 Mark, aber immerhin. Hummer für postpubertäre Nordhessen, Mondkalbsteak hätte nicht exotischer sein können. Andererseits, die Neugierde war groß, und 4 Mark sprengte selbst unsere schmalen Geldbeutel nicht, außerdem sahen die Dinger ja recht groß aus, zwei Leute sollten schon satt werden von so einem Hummer für 4 Mark vom Hafen. Also fragten wir unsere Wirtin, ob sie uns Hummer zubereiten könne, wir kämen auch gerne für die Zutaten auf, 2 oder 3 Hummer, das konnte ja nicht die Welt sein. Freudig stimmte unsere Vermieterin zu, wir sollten uns am nächsten Abend gegen 19 Uhr in ihrem Hause einfinden zum Hummerschmaus. In Erwartung kulinarischer Sensationen ließen wir das Mittagessen am folgenden Tage ausfallen und begaben uns des Abends zu Fuß zum Hummerschmaus nach Helmsdale. Was uns erwartete haute uns –mit Verlaub gesprochen – das Blech weg. Auf einem Gaskocher im Garten stand ein 20 oder 25 Liter-Topf mit Wasser mit Dillblüten, Pfeffer- und  Pimentkörnern, Kümmel, Zitronenscheiben und Butter, daneben drei mit Wasser gefüllte Blechwannen mit offensichtlich lebenden Hummern, insgesamt zwei, eher drei Dutzend, dazu ein Tisch mit Schalen von Gurkenscheiben, Silberzwiebeln, Labberbrot, diversen Chemo-Saucen in Plastik-Spritz-Flaschen, Tabasco, Butter, Pfeffer und Salz. Die Getränkekarte war einfach, aber deutlich, heimischer Whisky und eigenes Quellwasser (Quell-, nicht Leitungswasser, das Anwesen der Mutter verfügte über eine eigene Quelle), das Quellwasser überließen wir aber großzügig weitgehend den Hummern. To make a long story short: nach unserer Ankunft und einem Begrüßungs-Scotch (mit hauseigenem Quellwasser verlängert!) brachte unsere Gastgeberin das Wasser im Topf zum Sieden, warf vier Hummer hinein, fischte sie mausetot nach 15, 20 Minuten wieder heraus, halbierte sie mit einem schweren Messer auf einem großen Holzbrett, zerschlug den Panzer der Scheren, frumselte irgendwelches ziemlich unappetitlich aussehendes bläulich-grünlich-gräuliches Zeugs aus dem Inneren heraus, servierte uns, der jüngsten Tochter des Hauses und sich selber je zwei Hummerhälften, stellte die Chemo-Saucen und Labberbrot dazu und los ging’s, eine orgiastische Hummerorgie, die weder von Besteck noch von Tischsitten viel vernommen hatte, dazu sparsam Wasser und verschwenderisch Scotch. Ich weiß nicht, wie viele Hummer wir postpubertäre Knaben an dem Abend verspeisten, jedenfalls waren die Folgen dieses Eiweiß-Flashes für zwei ohne Damenbegleitung reisende junge Herren bar jeglicher homoerotischer Neigungen fatal … falls Sie wissen, was ich meine.

Helmsdale, Schottland, Belgrave Arms

Davon hatte ich Caro tatsächlich irgendwann mal erzählt, und sie wollte sich schlapp lachen, besonders über den Teil mit dem Eiweißschock. Caro ist Weltmeisterin darin, selbst belanglose Kleinigkeiten zu registrieren und über lange Zeit abzuspeichern, was sie ja auch hier wieder unter Beweis gestellt hat. Caro hat im Belgrave Arms ein Zimmer reservieren lassen, direkt an der Mündung des Flüsschens Helmsdale, mitten in der Stadt, oder was man hier so Stadt nennt. Schon von außen sieht der langgestreckte, weiße, zweigeschossige Bau schäbig aus, Farbe blättert ab, das Dach ist windschief, die Speisekarte vergilbt, die Türe knarzt. Gut, denke ich mir, diesmal hat Caro Hotel-technisch in’s Klo gegriffen, sonst bin ich meistens schuld, wenn das Hotel mies ist. Wieder daheim wird Caros Sekretärin, die Arme Socke, richtig Ärger bekommen, das erste Haus am Patze – so werden wir am nächsten Tag feststellen – wäre das Bridge Hotel am Ende der Straße gewesen, da hat die Sekretärin wohl das falsche Hotel gebucht. Einerlei, jetzt sind wir hier, wird uns auch nicht umbringen. In der dunklen, bedrückend niedrigen Hotelhalle mit einem versifften roten Teppichboden – Hausflur wäre der bessere Ausdruck – empfängt uns eine mürrische, vielleicht sechzigjährige Frau mit einer schreiend fliederfarbenen Bluse – die so gar nicht zur Farbe des Teppichbodens passt – und einer abgewetzten grauen Strickweste an einer Theke vor einem abgetrennten Kabuff, das wohl Rezeption und Büro in einem darstellt, wir checken mit der geringstmöglichen Anzahl von Worten ein – maulfaul ist sie auch noch, die Alte – und gehen die knarzende Holztreppe nach oben. Das Zimmer ist ebenso versifft, abgenutzte Kieferholzmöbel, quietschendes Bett, dreckiger Boden, auf dem man bestimmt nicht barfuß gehen möchte, zugige Fenster, die Bettwäsche irgendwie feucht-klamm, wie es immer der Fall ist in schlecht beheizten Häusern am Meer, düstere Lampen, billiges, kleines Bad, Schimmel in der Dusche, keine Pflegeprodukte, kratzige, zerschlissene Handtücher … so das volle Kontrastprogramm zu den Häusern, in die Caro ansonsten einlädt. Ein Hotelkritiker jedenfalls könnte hier Seiten über Seiten mit berechtigter Kritik füllen, oder einfach schreiben, dass das Hotel schlichtweg Scheiße und unter aller Kanone ist. „Was anderes suchen?“, fragt Caro mit einem doch geschockt-schuldbewussten Ton angesichts dieses Dreckslochs. „Wir sind doch nicht aus Zuckerwatte. Wird uns schon nicht umbringen, außerdem ist es schon nach sieben.“ antworte ich tapfer. „Ok“, stimmt Caro zu, um nach einer kurzen Gedankenpause zu ergänzen: „Alkohol. Viel Alkohol. Sofort.“ Wir schmeißen unsere Taschen in die Ecke, gehen runter in die leere Bar und flezen uns auf die Barhocker. Nach einiger Zeit schlurft dieselbe alte, mürrische Frau, die uns eingecheckt hat, herbei und fragt offensichtlich nach unserem Begehr, „Wadayawannadrink“ oder so ähnlich sagt sie. Wir fangen erst gar nicht mit Bier oder sowas an, in einem Fach des Spirituosen-Regals hinter der Bar haben wir links oben besonders exponiert eine Flasche Einar entdeckt, eine Sonderedition der Highland Park Destillerie von den benachbarten Orkneys, benannt nach dem angeblich grausamsten und blutrünstigsten Wikinger ever, mit einer Streitaxt auf dem Etikett, kann man witzig finden oder auch nicht, geschmacklich jedenfalls eine ganz famose Mischung aus Torf und Vanille, dafür lasse ich jeden Lagavulin stehen. Wir ordern Soda und Einar, als die mürrische Alte und 4 cl einschenken will wird Caro rebellisch und fordert volle Gläser, was die Alte doch sichtlich erstaunt, da die Tumbler wenigstens 150 ml fassen, aber ihr Schaden ist’s ja nicht. Wir fragen, ob wir was zu essen bekommen können und ob wir dazu rüber in den Gastraum müssen oder ob wir an der Bar essen können. Wortlos reicht uns die Alte zwei zerfledderte Speisekarten. Uns ist weder nach home made Haggis noch nach Lasagne mit Knoblauchbrot, Fish and Chips ist wahrscheinlich mit dem geringsten Risiko verbunden in diesen Etablissement. Tatsächlich bringt die Alte – sie scheint der einzige Mensch außer uns in diesem Hause zu sein … spooky, ich stelle mir vor, wie sie des Nachts mit einem großen Messer in unser Zimmer schleicht – nach einiger Zeit zwei Teller, wie sie britischer nicht sein könnten, labbrige, fettige Pommes, ein Stück paniertes und frittiertes Fischfilet, dazu ein Schälchen mit Mikrowellen-erhitzten giftgrünen Tiefkühlerbsen und ein Schälchen Flaschen-Mayo. Caro hätte mich nie und nimmer hierher geschleppt, nur um mit mir in ein mieses Hotel zu gehen und das Wochenende einfach nur so in Nord-Schottland zu verbringen, da gibt es lauschigere Orte. „Wozu?“ frage ich sie, während ich ein Stück vollkommen geschmacklosen Fisch, nur die mit Frittierfett geschwängerte Panade schmeckt nach Frittierfett, mit einem großen Schluck Einar hinabspüle. „Wart’s ab.“ grinst Caro mich an. „Warum keine Viagra?“ hake ich nach. „Warte es doch ab, Du bist so ungeduldig. Du wirst schon sehen.“ Den Rest des Abends reden und trinken wir, irgendwann öffnet die Alte die zweite Flasche Einar mit skeptischen Blicken, sie hat wohl Sorge, dass wir vom Hocker fallen, irgendwann kommen auch ein paar Eingeborene in die Bar, sie mustern uns misstrauisch, setzten sich mit dem größtmöglichen Abstand zu uns an die Bar und trinken schweigend. Die Nacht verbringen wir im klammen, durchgelegenen Bett, schön und romantisch geht anders. Dazu passend das Frühstück auf einer Metalltheke, die auch in der Pathologie stehen könnte in einem Raum, der stark an Kantine erinnert, und zwar an eine miese. Wir schauen uns flüchtig die abgepackten Grausamkeiten zur Selbstbedienung an, nehmen uns einen warmgehaltenen Kaffee und setzten uns hinter’s Haus, nach kurzem googeln gehen wir dann um die Ecke in’s Thyme and Plaice zum Frühstück, etwas gemütlicher, kulinarisch deutlich vertrauenserweckender, wir frühstücken selbst gemachten Kuchen und richtig guten Cappuccino. Danach schlendern wir durch’s Städtchen, runter zum Hafen, ich habe den Eindruck, es sind mehr Fischerboote als vor vierzig Jahren, aber das kann täuschen. Caro sagt noch immer kein Wort.

Gegen Mittag sagt Caro unvermittelt „Auf geht’s, gemma.“ „Gemma wohin?“ frage ich. Keine Antwort. Wir laufen vorbei an unserem Hotel die Hauptstraße hinunter, Richtung Bridge Hotel, an einer Ecke zu meinem großen Erstaunen ein Spar Supermarkt, um die Ecke in ein Restaurant namens La Mirage, daneben – nicht sehr vertrauenserweckend – ein Takeaway gleichen Namens und mit dem recht selbstbewussten Claim „Simply the best take away food“. Die Einrichtung des La Mirage ist etwas verstörend: viele dunkle, nicht wirklich zusammenpassende Rottöne an den Wänden, Tischdecken Stuhlbezügen, Fenstern, Servietten, der Restaurant-Name in knalliger roter Leuchtschrift, die lebensgroße Figur eines imperialen Polizeischergen mit Helm, Sonnenbrille und Hand an der Waffe, bestrumpfte Frauenbeine in Netzstrümpfen, wohl von einer Schaufensterpuppe, darauf eine unbeschreibbare Mischung aus Korsett, Minirock und Lampe, alles wirkt so, als hätte ein bekiffter mittelmäßiger Designer Omas altbackenes Lokal mit begrenzten Mitteln und noch begrenzterem Geschmack aufzupeppen versucht. Caro tuschelt kurz mit der Bedienung, dann kommt eine Frau mit undefinierbarem Alter, vielleicht eine altaussehende Vierzigjährige, vielleicht eine jung aussehende Sechzigjährige aus den hinteren Räumen, begrüßt Caro mit einer Umarmung, wie man alte Freunde begrüßt, ich bin doch etwas perplex, die Frauen reden, schließlich kommen sie zu mir, der ich noch immer etwas dämlich und nicht richtig dazugehörig an der Türe rumstehe. Die Frau begrüßt auch mich herzlich, allerdings nur mit Handschlag und sagt so etwas wie „Soyouathelukyone, welcome, I’m Pam.“

Pam bringt uns zu einem Tisch, stellt einen Krug Wasser und eine Flasche Scappa auf den Tisch, verschwindet kurz, kommt dann mit einem Eiskübel und einer Flasche Mosel-Riesling zurück, öffnet ihn, lässt Caro kosten, diese befindet ihn für gut, Pam schenkt Scappa, Wasser und Wein ein und verschwindet erneut. Jetzt erst löst Caro das Geheimnis auf. Klar, sie hatte sich an meine Geschichte von Helmsdale und den Hummern erinnert. Dann begab es sich, dass sie dieses Jahr noch dringend ein paar Flugstunden absolvieren muss, also hat sie das eine mit dem anderen verbunden. Auf das La Mirage war sie gestoßen, weil es wohl bekannt aus Funk und Fernsehen ist und in einigen Reise- und Restaurantführern steht, tatsächlich ist der Laden in Nordschottland legendär für sein Seafood und – weiß der Geier warum – für sein Design, ich jedenfalls meine, dass man Augenkrebs von dem Anblick bekommen kann. „Tja, dann habe ich eine Mail geschrieben, ob die für uns ein Hummer-satt-Menue organisieren könnten. Pam hat dann sofort zurück geschrieben, erstens war sie begeistert, dass sie jetzt schon Anfragen aus Deutschland bekommt, zweitens fand sie die Idee einer amourösen Hummer-Orgie zu zweit toll. Tja, und als sie fragte, ob gekocht oder gegrillt, da konnte ich mich nicht entscheiden. Deswegen sind wir morgen nochmals hier …“ „… Schatz.“ ergänzt sie nach einer kurzen Pause. Ich bin etwas perplex, ich glaube, Caro hat mich noch nie Schatz genannt, und ich glaube auch nicht, dass sie das wirklich ernst meint. Wir trinken Scappa, nur mit ein wenig Kuchen im Magen, das wird böse enden, denke ich mir, und siehe da, es wird tatsächlich bös geendet haben. Bestellung ist nicht nötig, hat Caro alles schon vorab organisiert. Nach zwei Gläsern Scappa kommt Pam mit einer großen Platte mit zwei Dutzend Austern auf Eis, dazu ein paar Zitronenschnitze und ein Näpfchen mit einer Schnittlauchvinaigrette. „Du weißt doch, dass ich keine Austern mag!“ protestiere ich. „Iss!“ befiehlt Caro und ich esse, schlürfe besser. Die Viecher sind wirklich frisch, wahrscheinlich erst vor ein paar Stunden aus dem Meer geholt, und keine Spur von diesen leichten Amingeruch, den Austern im Binnenland meist haben, sondern Geschmack nach Meer, Salz, Algen, tatsächlich nicht unlecker, wenn man es schafft, die glibbrige Molluske an Stück runterzuschlucken / runterzuwürgen, ohne daran zu denken, dass man einem Mann gerade erfolgreich einen geblasen hat, und das schaffe ich – trotz Mangels jeglicher Erfahrung in dieser Richtung – nicht jedes mal. Ich probiere eine pur, nur im eigenen Saft, eine mit einem Spritzer Zitrone, die Auster zuckt tatsächlich noch, als sie die Säure spürt, eine mit Schnittlauchvinaigrette, und entschließe mich dann, die anderen Neun tatschlich pur zu schlucken, so gut ist der reine Meergeschmack. Zum Glück hat Caro großen Appetit, als ich meine achte Auster schlürfe hat sie die anderen bereits verputzt. Pam räumt ab, gießt uns Wein ein, beginnt das Plaudern mit Caro, wie alte Freundinnen, ich sitze wieder irgendwie deplatziert rum. Nach einiger Zeit kommt sie mit einer Platte mit fünf gekochten Hummer, die sie uns sichtlich stolz präsentiert. Die Tiere erscheinen mit nicht so groß wie bei uns auf dem Markt, aber das muss ja nichts Schlechtes sein, die köstlichen Nordsee-Seezungen sind ja auch deutlich kleiner als Atlantik-Seezungen. Zuerst dreht sie vor unseren Augen die Scheren der Hummer ab, dann zerteilt sie auf einem Brett sie die Viecher, halbiert sie den Körper, dann den Kopf, schält gekonnt irgendwas sehr unappetitlich Aussehendes, den Darm, wie sie uns erklärt, heraus und drapiert die zehn Hälften zwischen uns. Dazu stellt sie ungerührt drei Plastik-Quetsch-Flaschen mit Mayonnaise, Remoulade, Ketchup (!), Tabasco auf den Tisch und Labber-Toastbrot aus der Tüte – wie damals, denke ich seufzend –, dazu noch zwei Hummer-Zangen und Zitronenviertel. An den Beilagen müssen die hier echt noch arbeiten, aber die Hummer sind köstlich. Wir essen mit den Fingern, nach einigen Bissen wagen wir uns an die Plastik-Quetsch-Flaschen, Saft trieft, Schalen knacken, Whisky fließt, mehr als Wein, wir sauen uns ein, Finger, Arme, Hemd, Hose, alles voller Hummer-Saft, Ketchup, Remoulade, Mayonnaise, einerlei, ein archaisches Bacchanal. Nach einer guten halben Stunde ist alles vorbei, satt sind wir noch nicht, so ganz ohne Beilagen, aber eine Pause tut gut. Irgendwann erscheint Pam mit einer zweiten Platte mit Hummer, same procedure as last time, eine zweite Flache Scappa wird auch notwendig, zwei Flaschen Scotch und zwei Flaschen Wein bei einem Essen, ein guter Schnitt. Pam serviert noch irgendwelche bunten Kuchen und dünnen Kaffee nach dem Essen, wir probieren nur noch lustlos.

Schweren Schrittes gehen wir zurück zu unserem Hotel, Caro holt noch zwei Flaschen Wasser und eine Flasche Scappa bei der mürrischen Alten für’s Zimmer, wir wanken die knarzende Treppe hoch, auf dem Zimmer duschen wir erst einmal ausgiebig, um den Saft und den Geruch der Hummer wieder los zu werden. Was folgt im klammen Bette, voller Eiweiß und Alkohol, schreibt jeder Bespottung.

Am nächsten Morgen frühstücken wir kurz im Thyme and Plaice und fahren einfach so die Küste hoch bis nach Wick, dann rüber nach Thurso, unabsichtlich vorbei am alten Kernkraftwerk Dounray, wobei ich mich noch immer frage, wozu braucht in Kernkraftwerk eine eigene Landebahn, und zurück über Croick und Kinbrace nach Helmsdale: ereignislos, landschaftlich reizvoll, aber ereignislos. Am Mittag fast dasselbe Spiel wie am Vortag. Wir gehen wieder in’s La Mirage, wieder ist unser Tisch vorbereitet, wieder herzliche Begrüßung durch Pan, wieder Wasser, Whisky und Wein. Heute gibt es keine Austern, sondern zuerst einen phantastischen geräucherten Lachs, leider mit Meerrettich aus der Tube und leider, leider wieder mit Wabbel-Weißbrot, dann eine formidable Seafood-Platte mit Muscheln, Krabben, Langusten, auch wieder archaisch von Hand zu Essen. Als wir diese niedergemacht haben, gönnt uns Pam eine kleine Pause. Caro trinkt wie ein Großer, obwohl sie Morgen fliegen muss, das macht mir schon etwas Sorgen. Irgendwann kommt Pam sichtlich aufgeregt, etwa so wie ein Kind vor der Bescherung zu Weihnachten, und führt uns durch einen düsteren Gang, vorbei an den Toiletten, hinter’s Haus. Dort ist ein ziemlich großer Grill aufgebaut, eigentlich kein richtiger Grill, sondern ein großes, vielleicht zwei Meter langes und einen dreiviertel Meter breites Gitter, auf Kniehöhe auf Ziegelsteinen aufgebockt und darunter glühende Holzkohle einfach so auf dem Betonboden, das wird eine schöne Schweinerei das wieder sauber zu kriegen, denke ich mir, aber soll nicht meine Sorge sein. Auf dem Grill liegen wenigstens drei Dutzend halbe Hummer und grillen vor sich hin. Ich erschrecke bei dem Gedanken, die alle essen zu müssen, aber Pam beruhigt uns, das sei heute auf das daily special auf der Restaurant-Karte, aber wir sollten uns keine Sorgen machen, für uns seien genug Hummer da, bis wir satt seien. Wir gehen zurück an unseren Tisch, Pam serviert für jeden von uns erstmal zwei Hummerhälften, statt der Fertig-Saucen von gestern triefen die Hummer heute von einer ziemlich guten Kräuterbutter, aber das Labber-Weißbrot verfolgt uns unbarmherzig. Ich schaffe sechs halbe Hummer, Caro deutlich mehr. Irgendwann rollen wir zurück ins Belgrave Arms und alles kommt erneut, wie es kommen muss.

Am Montag schlafen wir länger, nehmen nur einen warmgehaltenen Kaffee, fahren nach Inverness, geben die Mietwagen zurück, Hunger hat keiner von beiden, aber diesmal gehe ich ausgiebig auf die Toilette, bevor ich Caros Blechbüchse besteige, und wir fliegen zurück: unspektakulär.

 

P.S.: Eigentlich mag ich dieses ganze Seafood-Zeugs nicht wirklich.

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