Grünes Türl im Hausruckviertel: idyllisch gelegen, gemütlich, enttäuschende Küche

Summa summarum: wirklich idyllisch gelegener, uralter, gut gepflegter Vierkanthof, innendrinn unprätentiös-gediegenes, ländliches Siebziger-Jahre-Ambiente, nette, kleine Hotelzimmer mit Balkon an der Schwelle zwischen funktional und gemütlich, aber fast durch die Bank weg enttäuschende Küchenleistung

Irgendwann lässt man den hässlichen Industrie-Gürtel von Linz hinter sich, das Oberzentrum diffundiert in Städte, die Städte in Städtchen, die Städtchen in Vororte, die Vororte in Dörfer, die Dörfer schließlich in einzelne, freistehende Gehöfte, dahinter nur noch brachiale Natur, Felder und Wälder des Hausruckviertels. Eines dieser freistehenden Gehöfte ist – nicht spektakulär in grünem Tal, in dunk’lem Forst, an alter Ruine, in lieblicher Flussau, sondern einfach so in der Landschaft gelegen, aber durchaus idyllisch – ein alter zweigeschossiger Vierkanthof, historische Bausubstanz aus dem 15. Jahrhundert, gut erhalten und sacht renoviert, hohe alte Bäume um’s Haus, darunter ausreichend Parkplätze, hübscher Gastgarten mit einem romantisch zugewachsenen, großen ehemaligen Sandsteinbrunnen, daneben ein kleines Bächlein, allein die Höhe des aufgeschütteten Hochwasserwalls davor macht klar, dass dies zuweilen zu einem bösen Bächlein werden kann, hinter dem Gebäude ein paar wenige Camping-Stellplätze, ein jeder von einer hohen Hecke eingerahmt: das ist das Hotel Restaurant Grünes Türl im Weinzierlgut.

Die Hotelzimmer sind neu hergerichtet, verhalten modern, zweckmäßig und halbwegs wohnlich, nicht allzu groß, Doppelbett (mit Besucherritze), ordentliches Bettzeug, Nachtkasterl, kleiner Schreibtisch, winziger Tisch mit zwei Stühlen, Mini-Fernseher, Einbauschrank, modernes Bad mit großer Schwalldusche, flauschige Frotteehandtücher, jedes Zimmer hat einen kleinen, schmalen Balkon samt zwei klapprigen Plastikstühlen (keinen Tisch) mit Blick in die reichliche Landschaft oder in den Innenhof des Vierkanthofes, alles ordentlich sauber, das passt alles schon, zum Übernachten reicht’s gut, noch knapp unter der Wohlfühl-Schwelle, weit entfernt von jedem Luxus. Vor den Zimmern mit Landschaftsblick verläuft ein Sträßchen, auf dem zuweilen Autos, Traktoren, Milchlaster fahren, das stört die Idylle und Ruhe ein wenig; störender sind da die zahlreichen Fasane auf den Wiesen, bunte Männchen, graue Weibchen, des Tags hübsch anzuschauen, nur im Frühling beginnen die Viehcher pünktlich um 05:15 Uhr das Balzen, Kopulieren, Rivalen vertreiben, und das nicht ohne reichlich Geschrei, gehört wohl zum ländlichen Idyll dazu.

Das Hauptrestaurant des Grünen Türlds befindet sich in einem Tonnengewölbe, Fliesenboden, schmiedeeiserne Lampen, Kuchentheke, schwere, dunkle Holzmöbel, gemusterte grüne Samtbezüge, auf den Tischen Kerzen, dezenter Blumenschmuck, einfaches Besteck, einfache Leinentischtücher, einfache Gläser, aber alles sehr proper und gediegen. Außerhalb der Restaurant-Öffnungszeiten ist das Haus weitgehend tot, Café, Tagesbar oder Bar gibt es nicht, Landgasthof ohne durchgehenden Betrieb halt, keine Bauern, die nachmittags kartelnd in der Stube hocken. Aber des mittags und abends kommen fast durchweg ältere, honorige Einheimische allein oder in Grüppchen zum Essen, zumeist offensichtlich Stammgäste, das ist immer ein gutes Zeichen. Um diese Jahreszeit sind wenig Hotelgäste im Haus, ein paar Wiener Wagen stehen auf dem Parkplatz, es ist ruhig, das Restaurant weit entfernt davon, ausgelastet zu sein.

Auf der täglich leicht variierenden Speisekarte findet sich weitgehend österreichische Standard-Hausmannskost, drei Suppen, darunter natürlich Tafelspitzbouillon, drei Vorspeisen und Salate wie Backhenderlsalat oder Carpaccio, drei vegetarische Gerichte wie Spinatnocken oder Sojalaibchen, drei arg nach TK klingende Fischlein, als Hauptgerichte Klassiker wie diverse Schnitzel, Backhendl, Zwiebelrostbraten, Spinatnudeln, ein paar typisch regionale Gerichte wie Innviertler Knödel oder Wasserschnitten, in der Saison Bärlauch, Spargel,  Ente usw., als punktuelle Hommage an den kulinarischen Internationalismus eine Hühnerbrust süß-sauer, stolz drei weitgehend in kulinarische Vergessenheit geratene Innereiengerichte (Kalbsrahmbeuscherl, Rahmnierndl, Kalbsbries), dann noch ein paar Brotzeiten und eine ausgiebige, typisch österreichische Dessertkarte. Schließlich wird ein täglich wechselndes dreigängiges Mittagsmenue um 11,90 EURO angeboten, am Wochenende für etwas mehr. Dieses Speisekarte ist ziemlich groß. Ende April gibt es nur wenig Hausgäste und Laufkundschaft, die meisten Tische im Restaurant sind leer; da fragt sich der geneigte Betrachter schon, wie man die Zutaten für solch eine umfängliche Speisekarte frisch vorhalten will. Die Weinkarte ist dementgegen sehr übersichtlich gehalten, eher kleine österreichische Weine, keine zwei Dutzend Positionen, alles auch offen erhältlich.

Die Tafelspitzbrühe ein nicht mehr als dünnes Süppchen, leicht säuerlich, die Fritatten wohl selbst gemacht; der Versuch, dem Geschmack mit etwas Salz auf die Sprünge zu helfen, scheitert daran, dass der Salzstreuer auf dem Tisch voller Reis ist, aber kein Salz enthält. Die Tomatencremesuppe wäre in Ordnung, nicht wirklich intensiv tomatig vom Geschmack, mir fehlt Basilikum, darauf ein riesen Klecks Sprühsahne, der das Süppchen fettig und lauwarm bis kalt macht. Der gebackene Spargel als Vorspeise besteht aus vier dicken, halbe Spargelstangen, schlecht geschält, Fäden beim Schneiden, frisch paniert und heiß aus der Fritteuse, die Petersilie zur Garnitur nicht frittiert, sondern verwelkt, wenn die Remoulade dazu hausgemacht ist, will ich Eusebius heißen, der Beilagensalat extrem ölig, verwelkt, zermatscht, eine Zumutung. Die Innviertler Knödel (in Wasser gekochte Knödelchen, vielleicht so groß wie Tischtennisbälle, der Teig wird aus Mehl, Milch, Wasser, Eidotter, Öl gemacht, unterschiedlich gefüllt mit Faschiertem, Grammeln, Selchspeck, was geschmacklich große Unterschiede macht und beim Essen positiv überrascht) sind frisch gekocht, werden in einem Bratenjus schwimmend serviert, die Füllen sind kräftig-geschmackvoll, dazu gibt es gutes Sauerkraut.  Das Schweineschnitzel – eigentlich die Nagelprobe für jedes österreichische Restaurant – ist zwar souffliert, aber die Panade hell, lauwarm, lätschert, das Fleisch ist teils sehnig, die Petersilienkartoffeln sind lauwarm, der Salat dazu zwar frisch angerichtet, aber ölig und sauer; ich würde sagen, Nagelprobe mit Bravour nicht bestanden. Die Palatschinken zum Dessert sind frisch gemacht und tadellos, die Füllen aus Powil (Pflaumenmus) bzw. Marillenmarmelade hingegen wieder mäßig, tippe auf Industrie-Ware. Dementgegen ist der Kaiserschmarrn zwar eine wirklich riesige Portion, aber nicht fluffig, sondern breiig, weder braun noch karamellisiert, weitgehend geschmacklos, die wenigen Rosinen gehen unter, dazu ist er lauwarm: wie kann ein Kaiserschmarrn frisch aus der Pfanne lauwarm sein? Das Kompott dazu, naja … Passend zu alledem das Frühstück minimalistisch: mäßige Backwaren, abgepackte Aufstriche und Joghurts, ein paar Sorten Wurst, Schinken, Käse, mäßiger schwarzer Kaffee, als „Milchkaffee“ wird ein halbvolles Kännchen Kaffee und ein Krüglein kalte Milch serviert; vielleicht fällt das Frühstück ja üppiger aus, wenn das Haus besser belegt ist.

Wie das Hotel Restaurant Grünes Türl im Weinzierlgut – bei aller Idylle, Gediegenheit und ordentlichen Zimmern – mit dieser kulinarischen Performance im Falstaff 81 Punkte und eine Gabel erreichen kann, bleibt nach diesem Besuch ein Rätsel.


Hotel Grünes Türl im Weinzierlgut
Geschäftsführung: Herbert Ameshofer
Gebersdorf 1
A-4701 Bad Schallerbach
Tel.: +43 (72 49) 4 81 63
E-Mail: hotel@gruenes-tuerl.at
Online: www.gruenes-tuerl.at

Hauptspeisen von 10,60 € (Vollkorn-Käsnockerl, Salat) bis 19,20 € (Kalbs Cordon Bleu, Beilagen), Drei-Gänge-Menue à la carte von 17,40 € bis 43,70 €

Doppelzimmer Ü/F ca. 142 € (pro Zimmer, pro Nacht)

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