Gordon Ramsay in London: Was sind das nur für erbärmliche Menschen?

Großes Theater: Tischreservierung Wochen vorher, trotzdem erst um 21:45 Uhr einen Platz bekommen, unauffälliges dreigeschossiges Reihenhaus im noblen  Londoner Viertel Chelsea, Vordach bis zur Straße, Türsteher, rigoroser Dress-Code, ohne Blazer und Kragenhemd gibt’s keinen Einlass, schwarz lackierte Türe, groß der Schriftzug „Gordon Ramsay“ auf einer Schieferplatte daneben, innen gedämpftes Licht, gedämpftes Reden, edle Stoffe und Materialien überall, gleich neben dem Eingang ein beeindruckender Käsewagen, serviles Personal im Übermaß, höflichste, fast schon unterwürfige Begrüßung, abgenommene Jacken und Mäntel, zum Tisch geleitet von schwarz-weiß gewandeten Männlein und Weiblein im Pulk, zurückgezogene und dann unter die Ärsche geschobene Stühle, zurechtgerückter Tisch, darauf eine einzige, große, wunderschöne, violette Rose, das ganze große Theater halt, nur nochmals Eins draufgesetzt. Ich mag es ja durchaus, wenn man freundlich und aufmerksam in einem Restaurant begrüßt wird, aber das hier ist einfach zu viel, zumal die guten Leute zwar durchaus aufmerksam sind, aber alles andere als freundlich; nicht, dass die Servicekräfte hier unfreundlich wären, nein, sie spulen ganz einfach ihre tagtägliche Show ohne eine Spur von Menschlichkeit, von Persönlichkeit, von Interesse, von Individualität ab. Den ganzen Abend über wird sich keine wie auch immer geartete persönliche Beziehung zu den Servicekräften entfalten, niemand wird verbindlich sagen „I’m your waiter tonight.“ oder „Welcome, I’m the sommelier, may I help you with the wine?“ Ständig werden irgendwelche wechselnden Leute um den Tisch wuseln, sie werden höflich sein, höflich und distanziert, sie werden stets in der Überzahl sein, sie werden ihren Job vom Tisch Abkehren und Stühle Vor- und Zurückrücken über das Servieren und Abräumen bis zum Käse Präsentieren und Erklären perfekt durchziehen, und sie werden unpersönlich, anonym bleiben, sie haben kein Interesse, uns als Menschen irgendwie kennenzulernen, und sie werden uns keine Chance geben, sie in irgend einer Weise als Menschen wahrzunehmen, und nicht nur als recht perfekte Service-Roboter, als die sie sich hier geben,  wozu sie wohl angestellt sind und bezahlt werden.

Das siebengängige „Prestige Menue“ ist für 145 GBP zu haben, das „Saisonale Menue“ für 175 GBP, drei Gänge  à la carte kosten 110 GBP fix, das dreigängige „Lunch Menue“ ist  da des Mittags mit 65 GBP regelrecht preiswert (jew. zuzüglich der in Großbritannien üblichen 12,5% service charge); aber des Abends verlässt niemand unter 200 EURO Zeche diese Lokalität, will man noch ein wenig Käse, Wein, Aperitif, Digestif, Kaffee und Wasser dazu haben, ist man problemlos rasch bei 400 oder 500 EURO pro Nase. Die Weinkarte ist – wie nicht anders zu erwarten – fulminant, hier werden auch die ganz großen Tropfen im vier- und fünfstelligen Preisniveau angeboten, aber auch ordentliche Flaschen für unter 100 GBP. Sterneschuppen halt. Nur, dass es 3 Michelin-Sterne Futter auch deutlich preiswerter gibt. Und deutlich besser auch. Und in deutlich angenehmerer Atmosphäre auch. Auch das Restaurantführer-Blubb-Sprech des Guide Michelin reißt das Ganze nicht heraus, zeigt eher die mafiöse Berufsblindheit der Tester:

„Drei MICHELIN Sterne: eine einzigartige Küche – eine Reise wert! Die Handschrift eines großen Küchenchefs! Erstklassige Spitzenprodukte, pure Aromen und intensiver Geschmack, harmonische Kompositionen: Hier wird das Kochen zur Kunst. Perfekt zubereitete Gerichte, die nicht selten zu Klassikern werden. Großer Komfort.“

Das Futter selber ist rasch abgehandelt. Die meisten Gerichte auf der Speisekarte sind alte Bekannte, die hier schon seit Jahren stehen und unter dem derzeitigen Küchenchef Matt Abe wieder und wieder reproduziert werden, vielleicht nach Vorgaben des Restaurant-Namensgebers (ob er gut kochen kann, weiß ich nicht, was man da im Fernsehen von ihm sieht, ist wenig ermutigend), ohne Neuerung, ohne Kreativität, ohne Liebe. Der Spargel fehlt diesmal auf der Karte, die Trüffelnudeln und das Kaninchen, bei den amuse geuls gab es diese panierten Eilein nicht mehr, ansonsten ist alles wie bei den letzten Malen: Recht ordentliche Brötchen und Brioche, dazu dieses immer noch alberne gedrehte Buttertürmchen. Kleine furztrockene Speckpastetchen, Sushi-ähnliche Röllchen mit rotem Fischrogen obendrauf im zähen Nori-Mantel und ebenfalls furztrockne, an einen Bovist erinnernde, eher geschmacklose weiße Kügelchen als amuse geul.

Ein kleines, zum Stab geformtes Stücklein von hoffnungslos unterwürzter Foie Gras mit einem geschmacklosen Weingelee obendrauf, dazu kunstvoll dünn geschnittene Röllchen von Apfel und Rettich, konfierten  Zwiebelstücklein und irgendwelche hübschen, aber kulinarisch sinnfreien Blüten.

Ein klares Tomatensüppchen mit ein paar Gemüsekügelchen darinnen, hübsch anzuschauen, keine Spur von dem Michelin-gepriesenen „intensiven Geschmack“, und lauwarm.

Wie immer ein Raviolo gefüllt mit ziemlich harten Stücklein von Hummer, Langusten und Lachs auf einem giftgrünen Spiegel von Sauerklee-Sauce, wie immer optisch ganz nett, wie immer viel zu dicker Nudelteig, wie immer nur lauwarm.

Dann eine Heilbuttschnitte, hervorragender Fisch, nur leider zu Tode gegart, keine Spur von glasig, auf irgendwelchem Krabbenzeugs in einer Brühe gewürzt mit Maghrebinischen Gewürzen, Koriander und noch immer sinnfreien Blüten, wieder nur lauwarm.

Als Hauptgang dann ganz viele kleine, offensichtlich jeweils anders zubereitete Stücklein von Lamm oder von der Taube, dazu viel – nach wie vor sinnfreies – Teller-Ikebana mit geschnitzten Möhrchen und glasierten Rübchen-Kügelchen, wie immer geschmacklich ok, das Fleisch diesmal tatsächlich auf den Punkt gegart, aber alles andere als interessant oder gar sensationell, und wie immer lauwarm.

Der mit viel Tam-Tam vorgefahrene, prall gefüllte Käsewagen: da habe ich in unbesternten Gasthäusern in Frankreich, dem Allgäu oder Tirol schon viel bessere Käse gegessen; und bei der obligatorischen Frage nach food intolerances zu Beginn des Males hatte ich der namenlosen servilen Person gesagt, dass ich hochgradig allergisch auf Wallnüsse bin, trotzdem landete ein Berglein von Wallnusskernen auf meinem Käseteller, das mich im schlimmsten Falle hätte umbringen können, solche Kommunikations-Lücken darf es in dieser Liga einfach nicht geben. Sorbet und Nachtisch kamen dann auch noch, das Riegelchen Lemon-Parfait mit dem Klümpchen Blattgold auf der filigran-kunstvollen Zuckerverzierung ist fast schon legendär, ich finde das Parfait belanglos und mehlig, das Blattgold ist geschmack- und geruchlos, von der Textur eher zäh, wenn man darauf herumkaut, ernährungsphysiologisch vollkommen sinnlos, da es nicht verdaut werden kann, aber immerhin scheißt man regelmäßig etwas Gold nach einem Besuch bei Gordon Ramsay. Und zum Schluss gibt’s dann noch allerlei Süßzeugs, das es aber auch nicht mehr rausreist.

Summa summarum: das Futter ist wie am Fließband reproduzierte Standardware aus guten Zutaten, viel Tam-Tam in der Präsentation, weitgehend unspektakulären Geschmackserlebnissen, dazu – was Gargrade, Servier-Temperatur, Würzung anbelangt – vielen handwerklichen Unzulänglichkeiten.  Das alles ist keine weitere Auseinandersetzung wert, das ist vor allem kulinarisch seinen Preis nicht wert …

 

… aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass es hier längst nicht um kulinarische Genüsse geht. Ginge es um kulinarische Genüsse, müssten da nicht hier und dort einzelne Gourmets und Gourmands an den Tischen sitzen und verzückt für sich allein genießen (was man in anderen Futtertempeln durchaus regelmäßig beobachten kann)? Nicht so bei Gordon Ramsay. Hier genießt keiner für sich still allein die (vermeintlichen) Köstlichkeiten, hier tafeln auch keine fröhlich zechenden Runden, hier sitzen keine brennenden Liebhaber der guten Küche. Fast alle Tische sind mit zwei, max. drei Personen besetzt, wenigstens die Hälfte der Gäste sind Araber und Asiaten (als objektive Feststellung gemeint, nicht als Rassismus), die andere Hälfte sind Angelsachsen. Entweder sitzen zwei, drei Geschäftsleute zusammen, einer hat jeweils eingeladen, die anderen müssen ihn für sein Spesenkonto bewundern; oder ein reicher Macker hat eine Tusse eingeladen, für die er das teure Essen bezahlt und danach gewisse „Gegenleitungen“ erwarten dürfte. Am Nachbartisch saß diesmal eine vielleicht 40 jährige, offensichtlich einflussreiche und wohlhabende Kampf-Lesbe in voller Montur, die ihren Gast, ein sichtlich verstörtes, provinzielles Mädel massiv  anbaggerte; wir waren uns einig, jeder Mann hätte für dieses aggressiv-sexistische Verhalten sowas von die Chauvi-Klatsche erhalten. Aber das ist ja letztendlich nicht die Schuld des Restaurant-Namensgebers. Seine Schuld – oder vielmehr sein Verdienst – ist es gewiss, hier mit Bravour eine Luxus-Scheinwelt (oder eine Schein-Luxuswelt) geschaffen zu haben, in der man anderen seinen Reichtum trefflich vorführen kann, sei es zum Behufe der Erlangung eines Vertragsabschlusses, sei es zum Behufe der Erlangung eines Beischlafes, mehr ist das alles nichts, mit wirklichem, exzeptionellen kulinarischen Genuss und mit Lebensfreude hat das alles längst nichts mehr zu tun. Wohl aber mit value for the  money, nicht etwa im kulinarischen Sinne, aber hier kann man für 1.000 GBP Geschäftspartnern und Buhlen trefflich demonstrieren, dass man tatsächlich oder scheinbar (oft wohl eher scheinbar) über Millionen und mehr verfügt. Um auf die Überschrift zurückzukommen: einfach nur erbärmlich.

 

P.S.: Anfang des Jahres hatte mich Caro mitgeschleift, zu einem Geschäftsessen in das Restaurant Gordon Ramsay in Chelsea, dem mit Drei Michelin-Sternen ausgezeichneten Flagship-Restaurant des umtriebigen Schotten ohne Kochausbildung, aber dafür mit einem großen Maul und noch größeren TV-Einschaltquoten.  Ich war nur „i.B.“ wie es im Geschäftsleben so schön heißt, „in Begleitung“, der eigentliche Gast war Caro, die zur Feier irgendeines gelungen Vertragsabschlusses von ihren Geschäftspartnern eingeladen worden war, auf Kosten der anderen Firma versteht sich, und wer zahlt – das weiß jeder Bayer – schafft bekanntlich oh‘; und einem geschenkten Gaul schaut man – selbst wenn er Gordon Ramsay heißt (oder wenn zumindest Gordon Ramsay draufsteht, bei 18 Restaurants weltweit, die irgendwie seinen Namen tragen, kann da gewiss nicht überall Gordon Ramsay drinnen sein) – nicht in’s Maul, auch nicht wenn’s heraus unappetitlich schallt und riecht, das weiß ebenfalls jeder in Bayern und vielleicht sogar noch darüber hinaus. Von daher verbat sich ein kritischer Erguss über das Erfahrene weiland quasi von selber, über Bande eingeladen werden und dann auch noch rummaulen. Auch nach dem kurzen „business lunch“ zusammen mit Caro im Sommer hatte ich noch immer keine Lust, das Kritteln anzufangen, dazu waren die kulinarischen Erlebnisse einfach zu banal, gleichwohl aber recht preisintensiv. Außerdem ist Caro bis heute noch irgendwie leicht angesäuert über meine kritischen Worte zu Joël Robuchon, zu dem sie bei der vorletzten CES in Las Vegas ins MGM Grand eingeladen hatte. Vorsicht und kluge, abgewogene Wortwahl war also angesagt, aber jetzt war ich nochmals im Gordon Ramsay, auf eigene Rechnung, die Jungs wollten unbedingt dort hin, nachdem sie die Sendungen mit dem unflätigen Schimpfkanonaden im Deppenfernsehen (was schauen meine Jungs da eigentlich so?) hinlänglich angefixt hatten.

 

 

 

Restaurant Gordon Ramsay
68 Royal Hospital Rd, Chelsea
London SW3 4HP
Tel.: +44 (20) 73 52 44 41
Email: royalhospitalroad@gordonramsay.com
Online: www.gordonramsayrestaurants.com

Preise: Nur Menues, 110 GBP bis 185 GBP

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One comment

  1. Reinhard Daab

    Lieber Hr. Opl,

    nun wurde auch einmal über ein Drei-Sterne-Restaurant geschrieben, sehr schön! Hat mich allerdings doch einigermaßen erstaunt, denn bisher dachte ich, solche Institutionen würden Sie meiden. Gerade in der letzten FAZ-Sonntagszeitung war ein Artikel von Martin Maria Schwarz mit dem Titel

    Wir brauchen mehr Lässigkeit

    Im Grunde genommen wird innerhalb dieses Berichts das Thema Sterne-Gastronomie beschrieben.
    Schwarz schreibt u.a. folgendes:

    Ein Sternerestaurant irgendwo im Hessischen. Eine fast schon gespenstische Stille liegt im Raum. Einige wenige Tische sind mit Gästen – alles Zweierkonstellationen – besetzt, sie flüstern fast, um bloß nicht von den Kellnern und anderen Gästen gehört zu werden. Die Stimmung ist andächtig, wie in einer Kirche. Der Raum wirkt fast abgeschnitten von der Außenwelt – wie in einer künstlichen Blase. Eines der vielen Fenster zu öffnen (es ist Spätsommer) um Vogelgeschzwitscher zu hören und frische Lust zu bekommen, wäre schön. Ist aber verboten. Luft gibt es nur über die Klimaanlage.

    Die Restaurantchefin ist reizend und gastorientiert, der Sommelier hingegen bedient von oben herab.

    Tenor dieses Berichts läuft im Grunde genommen darauf hinaus, dass es in solchen Häusern ruhig etwas lockerer und lässiger zugehen sollte.

    Allerdings über die Londoner Preise wundere ich mich nicht, in Deutschland ist es auch nicht sehr viel anders. Gerade bei meinem letzten Besuch in einem Spitzenrestaurant, es war bei Douce Steiner in Sulzburg, konnte ich mich vom personellen Aufwand eines solchen Haues überzeugen. Douce Steiner arbeitet mit insgesamt 10 Köchen. Im Service kümmern sich dann nochmals 4-5 gut ausgebildete Leute um den Gast. Das Restaurant hat ungefähr 30 Plätze, nun fangen wir mal an zu rechnen. Allerdings muß ich sagen, es geht hier sehr freundlich und familiär zu, von oben herab gibts hier nicht, sogar die Mutter von Douce ist hier immer noch anwesend. Auf meine Frage, weshalb sie es im bereits fortgeschrittenen Alter noch macht, sagte sie, es würde ihr noch immer sehr viel Freude machen. Dies alles, auch die Speisen haben mir ausnehmend gut gefallen Nach dem Service kommt Douce an jeden Tisch um mit dem Gast zu sprechen, ausgesprochen sympathisch. Solche Erlebnisse bleiben haften, da ist kein Euro zuviel bezahlt.

    Viele Grüße

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