Gasthof Goldener Hirsch in Obergünzburg: Hier ist der Hund begraben, und der Leichenschmaus ist sauer-lausig

Fairer Weise muss hier vorweggeschickt werden, dass sich nachfolgende Zeilen auf den Golden Hirsch und seine Pächterin von 2016 beziehen. Den heutigen Goldenen Hirsch mit den neuen Pächtern Lena und Martin kenne ich noch nicht und kann ihn daher auch nicht beurteilen. Den beiden wünsche ich viel Erfolg und ein glücklicheres Händchen als ihre Vorgängerin, und ich komme gerne mal vorbei.

Summa summarum: eine Speisekarte ohne Stil oder Richtung, ein wildes Sammelsurium von irgendwie Essbaren, andauernd sauer, hier wird über ganz weite Strecken garantiert nicht gekocht, sondern in Convenience-Food-Katalogen planlos drauf los bestellt und aufgewärmt.

Das Ostallgäu ist sowieso traumhaft schön, aber ganz besonders schön im Frühling mit dem Cabrio oder auf Schusters Rappen. Sanfte Hügel, am Horizont die Alpen, sattes Grün, blühende Bäume in allen Farben, explodierende Natur, auch der vermaledeite Raps blüht schon, braune Kühe, fette Weiden, düst‘re Forste, sprudelnde Bäche, propere Höfe, nette Dörfchen, keine McDoofs & Co. weit und breit, selbst Pizza- und Dönerbuden sind Mangelware, aber viele rustikale Dorfgasthöfe, das Leben muss schön sein, hier, wenn man ein Leben auf dem Lande erträgt; andererseits, hier ahnt der Städter zumindest, was Otto Dix in Hemmenhofen gelitten haben muss. Wie es das garstige Schicksal so will, den durchreisenden Städter erreicht zur Mittagszeit just in Obergünzburg das Hungergefühl, und – bei Gottfried – Obergünzburg ist gewiss ein ganz schlechter Ort, um Hunger zu haben. Die Milchwerke Gabler-Saliter sind hier ansässig, gehören heute zwar zum Ehrmann-Konzern, firmieren aber immer noch unter dem alten Namen, hier werden vor allem Erzeugnisse aus Trockenmilch und Vorprodukte für Baby- und Kliniknahrung anderer Marken hergestellt sowie Milchmischgetränke, Kaffeesahne und Kondensmilch (die arme Milch von den angeblich glücklichen Allgäuer Kühen); und eine Gabler-Saliter-Bank gibt es auch noch. Ansonsten ist hier extensiv jener oben erwähnte Hund begraben. Allein, eine Besonderheit hat Obergünzburg sicherlich: die Bevölkerung generell dümpelt seit Jahren irgendwo bei +/- 6.000 Einwohnern mit ganz leicht abnehmender Tendenz, aber von 1996 bis 2016 haben sich die Katholen von 2.750 auf knapp 4.000 vermehrt, die Evangolen immerhin von 200 auf gut 500, während die Sonstigen von 3.000 auf 1.300 zurückgegangen sind: eine gottesfürchtige Gegend, trotz der 500 Lutheraner.

Gottesfürchtig hin, gottesfürchtig her, Hunger sollte man sich tunlichst verkneifen, in dieser frommen Ecke, die müssen hier alle irgendwie von Manna leben, die örtlichen Kneipen scheinen auf weiten Strecken nicht auf die kulinarische Versorgung der Eingeborenen eingestellt zu sein. Dabei hat sich um das – dorfbaulich noch nicht einmal hässliche – Ensemble von Kirche, Rathaus, Milchwerk, Banken, Notar, Heimatmuseum so etwas wie ein regelrechtes Kneipen-Cluster angesiedelt. Da gibt es das Burhanettin Uzuner Café-Bistro-Central, das wohl multinationale Gaumenfreuden aus aller Herren Tiefkühltruhen in fettgeschwängerter Luft feilbietet, daneben das „Restaurant“ Alte Post mit Pizza, Wurstsalat und Jägerschnitzel auf der verwitterten Speisekarte, dann das Gasthaus zum Lamm Reale Tafernwirtsgerechtsame (so steht’s tatsächlich prunkvoll über der Eingangstür), hier bietet die Speisekarte einen „Fernweh-Teller mit Frühlingsrollen, Chicken-Wings, Käsesnacks, Samosa, Curry Sticks, knusprigen Shrimp“, daneben „Großmutters Rinderroulade“, „Ofenfrischen Schweinsbraten“, „Obergünz-Burger“, „Pulled Pork“ und „Monster-Currywurst (34cm)“ an (jedem, dem gerade das Wasser im Munde zusammen läuft, der möge bitte das Lesen aufhören, der hat hier nix verloren!), daneben ein Eiscafé und eine Pizzeria (außerhalb der Wertung), dann noch einen Gasthof Engel, den ich wohl tatsächlich übersehen habe, und schließlich, allein von der Lage, der Größe und der Aufmachung her, wohl der Platzhirsch am Orte, der Gasthof Goldener Hirsch. Mehr als ein halbes Dutzend Speisekneipen in keinen 3 Minuten Fußentfernung in einem 6.000-Seelen-Örtchens, das ist doch mal was.

Nun also zur Küchenleistung des Platzhirsches, dem Goldenen Hirsch in Obergünzburg: schlecht, schlecht, schlecht … Dabei sieht der Gasthof grundsolide aus, altes Gemäuer, Gaststube mit mannshoher Echtholzvertäfelung, Kassettendecke ebenfalls aus Holz, grober Steinfußboden, rustikale Holzstühle, -bänke, -tische, Kachelofen, Porzellan von Seltmann-Weiden, zahlreiche Nebenräume und Säle, Terrasse mit zwei jungen Kastanien (wie es sich für ein bayrisches Wirtshaus gehört, hier werden kollektiv Hochzeiten, Taufen, Geburtstage und Begräbnisse gefeiert, das pralle bajuwarische Leben halt), eher untypisch ein Lift, eine Spielecke für Kinder (aber sehr schön), der Schanktresen wird nicht von einer Zapfanlage, sondern von einer mächtigen  Espressomaschine dominiert, und die Bedienungen tragen dazu kein Dirndl oder so, sondern schwarz – etwas spooky. Auch am Wochenende gibt es mittags die normale, komplette Karte und nicht diese „Sonntags-Menue-Unsitte“, aber vielleicht wäre hier ein Sonntags-Menue die bessere Wahl gewesen.

„Haben Sie Schweinsbraten mit Knödel und Kraut?“, fragt das alte Bäuerlein am Nebentisch etwas unsicher. „Nur was in der Karte steht.“, antwortet die Schwarze bestimmt. Und in der Karte, da stehen vier Suppen um die 5 €, ein paar Brotzeiten / Kleine Gerichte wie gebackener Camembert, der unumgängliche Toast Hawaii oder natürlich Wurstsalat zwischen 5 und 13 €, fast zehn fleischlose Gerichte (und das bei den leckersten Kühen hier überall auf den Weiden) wie Lachfilet vom Grill oder Ofenkartoffel mit Schmand und Gemüseteller, aber auch Monstrositäten  wie Fettuccine mit Scampis (!) in Curry-Ananassahnesauce zwischen 7 und 16 €, nochmals ein gutes Dutzend Fleischgerichte, vorwiegend Variationen von Lendensteak, und Rinder- und Schweinefilet, dazu einmal Lammlachs und einmal Entenbrust um die 13 bis knapp 30 €. Zusätzlich gibt es noch eine Saisonkarte, aktuell vorwiegend mit Spargel, ein paar Spargel-Vorspeisen und dann die Portion Spargel mit unterschiedlichen Beilagen. Noch schwanke ich beim Lesen der Speisekarte, ist das hier vielleicht der ambitionierte Versuch eines Jungkochs, kulinarisches Leben in die stiernackige Dumpfheit bajuwarischer Schweinsbraten-Tristesse zu bringen? Aber nein, nach meinem Dafürhalten ist das alles viel zu viel und viel zu verschieden, als dass all diese Gerichte frisch zubereitet sein könnten, besonders die Fleischlosen. Und wer den Plural von scampo falsch schreibt und Curry-Ananassahnesauce serviert, der kann eigentlich keine kulinarischen Ambitionen haben. Und so kam es dann auch.

Französische Zwiebelsuppe mit überbackenem Käsetoast: kräftige Fleischbrühe, aber unsäglich fett, darin reichlich gedünstete Zwiebel, frischer Schnittlauch, undefinierbare getrocknete Kräuter, darauf vier Eckchen Käsetoast; man sollte ja vermuten, die Zwiebeln machten solch eine Suppe süßlich, aber weit gefehlt, das Ganze war deutlich säuerlich, fast hatte ich Angst, die Rindssuppenbasis könne komplett umgekippt sein, was bei dem offensichtlichen Durchsatz an Suppe aber kaum der Fall sein dürfte.

Beilagensalat (extra zu bestellen und zu zahlen, nicht bei den Hauptspeisen dabei): frisch geputzte Blattsalate, gewürfelte frische Paprika und Gurke, keine Dosenware, ein rötliches Dressing – unendlich sauer, bei mir zog sich förmlich alles zusammen, bei dem Dressing.

Schweinefiletmedaillons in Cognac-Madagaskarpfeffer-Sauce: drei tot gebratene, trockene Scheiben vom Schweinefilet in einer Tunke aus brauner Grundsauce, etwas Sahne, einem guten Löffel eingelegter Grüner Pfefferkörner im Ganzen, von Cognac keine Spur; die Spätzle dazu erstens keine Spätzle, sondern Knöpfle (Herrgottssakra, das ist doch ein Unterschied!), und zweitens rasch erwärmte Convenience-Ware aus dem 5-Liter-Sack aus dem Kühlregal. Fleisch geschmacklos, Knöpfle geschmacklos, der einzige Geschmacksträger auf dem Teller war die Sauce, und die schmeckte natürlich nicht nach Rinder-Jus, noch nicht einmal dominant nach künstlichen Aromen oder Geschmacksverstärkern, auch der grüne Pfeffer war nicht das bestimmende Aroma, alles wurde übertüncht von einem penetrant sauren Geschmack, ich vermute, der Pfeffer wurde samt der Lake in dieses Saucen-Gebräu gekippt.

Spargel: schlecht geschält und viel zu weich gekocht, die Neuen Kartoffeln dazu warmgehalten, die Sauce Hollandaise (die mit 2 € Aufpreis berechnet wird) aufgewärmt aus dem Tetrapack, aber – und das ist beim Spargelgericht positiv zu erwähnen – nicht sauer!

Den Nachtisch haben wir uns dann erspart und fluchtartig den Ort des säuerlichen Grauens verlassen.

Eingangs bemäkelte ich die stiernackige Dumpfheit bajuwarischer Schweinsbraten-Tristesse – lieber ein ehrlicher, frisch gemachter Schweinsbraten aus dem Ofen von einer heimischen Sau als das, was küchentechnisch im Goldenen Hirschen in Obergünzburg abgeliefert wird.

Gasthof Goldener Hirsch
Pächterin Birgit Natterer
Marktplatz 4
87634 Obergünzburg
Tel.: +49 / 8372 / 7480
Fax: +49 / 8372 / 8480
E-Mail: info@hirsch-oberguenzburg.de
Internet: http://www.hirsch-oberguenzburg.de

Hauptgerichte von 11.80 € (Spaghetti mit Meeresfrüchten) bis 25.80 € (Pfeffersteak)

Teile diesen Beitrag:

One comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to Top