Gasthaus Settele Augsburg-Haunstetten: Generationenwechsel mit viel Werbe-Tam-Tam und unverändert mäßiger Küchenleistung

Summa summarum: Da hat also der junge Settele das Zepter in der alten Gastwirtschaft im (spieß-) bürgerlichen Augsburger Vorort übernommen, ein wenig die Gaststube umgebaut, ein verglastes Loch in die Küche hauen lassen und sodann PR-Berater angeheuert, die auf der hauseigenen Webpage mit Superlativen und Eigen-Lobhudeleien nur so um sich werfen („visionärer Ort für Spitzen-Gastronomie“ haha!). Dabei herausgekommen ist ein volles Haus, eine sacht modernisierte Speisekarte und eine fast durchweg mäßige bis sehr mäßige Küchenleistung, selbst in der Kategorie „gut-bürgerlich“ ist das unterdurchschnittlich. Besuch lohnt nicht.

Vergesst Goethe und Konsorten, der wahre neue Fürst in Sachen Deutscher Sprache stammt aus Haunstetten. Erfürchtiglich erschaudernd liest der gegeigte Gast im Internet unter www.gasthaus-settele.de wohlklingende, klug gesetzte und zeitlos weise Worte: „Tradition und Vision … ehrgeiziges Motto … beeindruckende Metamorphose vom traditionsbewusstem Gasthaus zum visionären Ort für Spitzen-Gastronomie … moderne, zeitlos elegante Innenräume … architektonische Akzente … lange Tafel … beeindruckendes Deckenkunstwerk … elegant geschnittenen Bar … eine ganz besondere Atmosphäre … endlose Leidenschaft und Liebe … kulinarisch gezaubert …  hervorragende traditionelle und frische regionale Küche … schon häufig ausgezeichnet und schon ewig bekannt … die gewohnte Herzlichkeit … exzellentem internationalen Feinschmeckeranspruch …“ Noch eine Selbstbeweihräucherung mehr und ich kotze. (Und wer findet den Grammatik-Fehler in dem Sermon?) Das Gasthaus Settele, das seit 1905 im Augsburger Vorort Haunstetten biedere bayrische Braten und Brotzeiten bietet, hat umgebaut und der Sohn des Hauses, Stefan, hat endgültig das Ruder in dem Traditionsbetrieb übernommen. Gelernt hat der junge Settele im gewiss Sterne-freien Augsburger Steigenberger und bei Romeo Hofer im Allgäu, Ex-Sterne-Koch, dem der Guide Michelin nach nur drei Jahren den Stern wieder aberkannte und der kochend durch Tagungshotels und gut-bürgerliche Kleinstadthotels wie die Alte Post in Wangen oder den Fürstenhof in Landshut tingelte. Sicherlich zehn Jahre hatte ich diesen Hort Schweinsbraten- und Schnitzel-seeligen schwäbischen Spießertums nicht mehr betreten, aber nach so viel Tam-Tam wegen eines Generationenwechsels, verbunden mit ein paar rausgerissenen Wänden, ein paar neuen Möbeln und einem vermuteten ausgegebenen Vermögen für PR-Berater, Werbung und Internet-Auftritte sollte der grantelnde Gritiker schon mal wieder einen Blick und einen Happen riskieren.

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Settele Homepage am 02.09.2016 (http://www.gasthaus-settele.de/)

Gleich geblieben ist die Umgebung des Gasthauses, eine Seitenstraße in einer spießigen Wohnsiedlung am Rande des Siebentischwaldes, gepflegte, kleine Einfamilienhäusern mit Geranien an den Balkonen, drapierten Gardinen, Weber-Grills auf akkurat Stoppelhaarschnitt-kurze Rasen und Gartenmöbeln aus dem Bauhaus, so bieder, dass man spontan den Zug nach München suchen mag. Hier rekrutiert das Settele auch seine Klientel, gleich zu gleich gesellt sich gern. Unverändert geblieben sind der hübsche Biergarten unter den noch jungen Kastanien, die abstruse Tennishalle und die desolate Parksituation. Innen drin ist es nach wie vor düster, aber das alte Mobiliar ist rausgeflogen, jetzt wird die Gaststube dominiert von einer langen Tafel unter einer monströsen Deckenkonstruktion aus Holz, einem großen Tresen und einem dieser Chemo-Pseudo-Kamine; alles erinnert ein Wenig an die System-Einrichtung der Café-Ecken in den Filialen der Großbäckerei Wolf, das kann man mögen oder nicht.

Aber alles nur Beiwerk, sofern das Essen stimmt. Ach ja, das Essen. Ganz ok waren die Blattsalate in Balsamicodressing mit gebratenen Champignons, gerösteten Nüssen und geriebenem Bergkäse: sauber geputzte und gezupfte Salatblätter, ordentlicher Balsamico und nicht diese industrielle Balsamico-Creme, frisch gebratene, lauwarme Champignons; beim ersten Servieren fehlten allerdings die gerösteten Nüsse, ich reklamierte, der Teller wurde zurück in die Küche getragen und kam wieder mit ein paar Kürbiskeren auf dem Salat sowie der Bemerkung, die Nüsse seien sehr wohl da, allerdings unter dem Salat. Unter dem Salat war Salat, und keine einzige Nuss, Leute, wollt ihr mich verarschen? Wenn die Nüsse aus sind, gut, das kann mal passieren, aber dann sagt es und verkauft Eure Gäste nicht für blöd. Zefix! Hochzeitssuppe wieder ordentlich, allerdings hatten die Grießnockerln die Konsistenz eines Ziegelsteins. Das Lachsfilet in der Sesam-Pfefferkruste war alles andere als kurz gebraten und glasig, sondern schlichtweg trocken und tot gegart, und ob die Mangosalsa und der Wakame-Algensalat tatsächlich hausgemacht waren und nicht aus dem großen Bottich kamen, würde ich jetzt einfach mal bezweifeln. Der Tafelspitz vertrocknet warmgehalten, die Bratkartoffeln dazu lauwarm und verwässert (vermutlich tropfendes Kondenswasser beim Warmhalten), der Löffel Meerrettich aus dem Glas dazu ein Witz und keinesfalls der auf der Karte angekündigte „Apfelmeerrettich“, allerdings guter, noch knackiger Wirsing. Die Schweinelendchen entpuppten sich als drei furztrocken totgegrillte Stücklein Schweinefilet in einer Allerwelts-Sahnesoße mit ein paar frischen Pilzen, die Spätzle dazu stammten wohl aus der famosen Buchsteiner Spätzlepresse mit den unterschiedlich großen Löchern, die Spätzle wie handgeschabt aussehen lassen sollen. Die extra dazu bestellte Portion Rösti war tatsächlich hausgemacht, aber aus langen, fadendicken, zusammengeknüllten Kartoffelbändern gebraten, dazu fettig und gänzlich ungewürzt; mit einer Rösti hat dieses Zeugs gewiss nichts zu tun. Die Pfifferlinge in Rahm mit Semmelknödelsoufflé knirschten schlichtweg beim Essen, das Soufflé muss irgendwie mit der Grießnocke aus der Hochzeitssuppe verwandt sein und hatte wieder die nämliche Konsistenz des Ziegelsteines. Wo da der „exzellente internationale Feinschmeckeranspruch“ (s.o.) wohl stecken mag fragt man sich dann schon.

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Das Personal, das dieses kulinarische Trauerspiel den Gästen servieren muss, ist durchaus bemüht und freundlich, aber selbst bei einem nur halbvollen Biergarten schon sichtlich überfordert. Lange Wartezeiten, selbst auf die Speisekarten und Getränke, ein vergessenes und reklamiertes, zwei falsch servierte Getränke und ein falsch serviertes Gericht an nur einem Abend an nur einem Tisch, eine fehlerhafte Rechnung zu unseren Ungunsten, auch wenn es nur 60 Cent waren, das alles zeugt von Unprofessionalität und/oder Überforderung. Und trotzdem strömt das Publikum, viele Gäste mussten die Bedienungen an dem Abend abweisen bzw. in die düstere Gaststube verweisen. Wenn man auf die kulinarische Umgebung vom Uni-Viertel bis Königsbrunn blickt, dann versteht man auch, warum; trotz der äußerst mäßigen Küchenleistung ist das Settele weit und breit das einzige „gutbürgerliche“ Gasthaus für Männer in kurzen Hosen und Sandalen mit weißen Socken und für Frauen in Sommerkleidchen von C&A und gefälschten Gucci-Täschchen.

 

Gasthaus Settele GbR
Stefan Settele
Martinistraße 29
86179 Augsburg
Tel.: +49 821 8 40 86
E-Mail: info@gasthaus-settele.de
URL: http://www.gasthaus-settele.de

 

Hauptgerichte von 9,80 € (Käsespätzle) bis 20,80 € (Rumpsteak), 3 Gänge-Menue 21 € bis 33,30 €

 

Das sagen die Anderen:

  • Tripadvisor: 4 von 5 Punkten
  • Holidaycheck: n.a.
  • Varta: n.a.
  • Guide Michelin: n.a.
  • Gault Millau: n.a.
  • Schlemmer Atlas: n.a.
  • Gusto: 5 von 10 Pfannen, 1 von 5 Bestecken

 

 

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