Eureka Inn: Auf den Hund gekommenes Kleinod

Eureka (griechisch „Ich habe gefunden“), das ist ein Mittelstädtchen mit aktuell 27.000 Einwohnern auf der legendären U.S. Route 101 an der kalifornischen Pazifikküste im Humboldt County, ca. auf halbem Wege zwischen San Francisco und Portland. Nach dem erfolgreichen Genozid an den indigenen Ureinwohner, den Wiyot, übrigens erst Mitte des 19. Jahrhunderts, verhalfen Goldrausch, Holzindustrie – die Redwoods sind nahe –, Fischerei, Eisenbahn, Handel und die Einwanderung billiger chinesischer Arbeitskräfte der Siedlung rasch zu Größe durch Alle und Wohlstand für Wenige. Während fast die gesamte historische Bausubstanz in San Francisco durch das Große Erdbeben von 1906 und die verbliebenen Überreste dann durch ungehemmten Raubtierkapitalismus zerstört wurde, konnten sich in Eureka bis heute eindrucksvolle Beispiele viktorianischer Architektur und repräsentativer Art-Deco Bauten erhalten, die Stadt verfügt sogar über eine relativ geschlossene, unverhunzte historische Altstadtbebauung. Dennoch merkt man hier allerorten ein Sterben, ein langsames, schleichendes Sterben. Viele Geschäfte stehen leer oder sind mit sinn- und mietfreien Galerien gefüllt, das Theater Eurekas steht zwar im National Register of Historic Places, wird aber dennoch nur an Wochenenden als Kino für gesponserte Filmvorführungen genutzt, die Lokalzeitung The Eureka Reporter wurde 2008 eingestellt, The Times-Standard mit einer Auflage von ehemals 20.000 Stück pro Tag, gibt es seit 2018 nur noch online mit nur einer Ausgabe pro Woche, die große Zellstoffmühle wurde 2013 geschlossen, das Pro-Kopf-Einkommen in Eureka liegt mit 23.000 US$ p.a. rund ein Drittel unter dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen in Kalifornien von 32.000 US$ p.a., … Die Liste ließe sich fortsetzten, und obwohl Eureka eigentlich ziemlich hübsch ist, riecht man den Niedergang förmlich an jeder Ecke.

Besonders schmerzlich bewusst wird dieser Niedergang, wenn man im Eureka Inn eincheckt, einem traumhaft schönen Hotel im Tudor Revival Stil aus dem Jahr 1922. Hier könnte man jeden Hitchcock-, Chaplin-, Charly Chan- oder Al Capone-Film ohne jegliche Umbauten spielen lassen, sogar die historischen Telephonzellen mit den alten Telephonapparaten samt Messing-Klingeln sind noch erhalten. Hohe Hotelhalle, dunkle Vertäfelungen aus Redwood-Holz, Kronleuchter, Ledersessel und –sofas, ein mächtiger Kamin, echte Teppiche, schwere Türen, Bleiverglasung, Pinano, altertümlicher Pool im Innenhof, nobles Hotel-Restaurant, legeres Café, Hotelbar mit Life-Bühne und langer Theke, große, einst verschwenderische Veranstaltungsräume, knarzende Lifte, geräumige Zimmer mit dicken Teppichböden und wieder Holzvertäfelungen, Marmorbäder, Installationen offen auf den Wänden verlegt (Ami-Land halt), King-Size-Betten, so geht ganz großes country-side Hotel-Theater. Ungleich beeindruckender als die sehr beeindruckende Architektur und das Interieur sind allerdings die Bilder, allesamt halbwegs gute Ölgemälde von den ehemaligen prominenten Gästen des Hauses, wahrscheinlich könnte man hier mehr als eine Seite voll nur mit Namen schreiben, John F. Kennedy, Winston Churchill, Ronald Reagan, Shirley Temple, Humphrey Bogart, Walt Disney, Steven Spielberg, … alle waren sie da … bis das Eureka Inn 2004 geschlossen wurde. Hier muss echt mal der Bär gesteppt haben. 2009 kaufte der kalifornische Geschäftsmann Libo Zhu das Hotel, um vorerst 50 der 104 Zimmer orginalgetreu zu renovieren, 2010 zerdröselte ein Erdbeben dem Investor den Haupt-Schornstein, live can be such a bitch, 2012 wurde das Haus mit einem Jahr Verspätung wieder eröffnet. Ja und heute? Die Kunstblumen auf dem Zimmer sind ja fast noch typisch-amerikanisch-liebenswert, der Staub unter den Betten ist es nicht, die Minibars sind leer und abgestellt, die Kleiderbügel fast alle geklaut, und auch ansonsten sind die Zimmer grenzwertig, noch nicht schlecht, aber längst nicht mehr komfortabel-gemütlich. Hinter der Rezeption zwei junge bemühte Asiatinnen, die nicht den Eindruck gelernter Hotelfachfrauen machen, sonstiges Hotelpersonal – Doorman, Page, Parkservice, Bewirtung in der traumhaft schönen Hotelhalle, Zimmerservice – alles Fehlanzeige, die beiden Damen an der Rezeption müssen für das gesamte Haus reichen, der Pool nicht geheizt, defekte Birnen in den Kronleuchtern nicht ersetzt, der Kamin kalt … Das ehemalige gehobene Restaurant Redwood Lounge gibt es längst nicht mehr, nur die verblichene Speisekarte zeugt noch von dem Lokal, auch das Bristol Rose Cafe ist geschlossen, soll aber an Wochenenden zuweilen noch in Betrieb sein; allein die Hotelbar namens Palm Lounge Bar öffnet jeden Abend tapfer ihre Pforten, eine bemühte junge Dame, die bei einem Cocktail-Wunsch und Kassen-Problemen ihren „Boss“ via Funke um Rat fragen muss, bemüht sich sehr; die Spirituosen-Auswahl allerdings ist beachtlich, das sei zugestanden. Aber an dem Abend sind außer uns eh‘ nur ein deutscher Service-Techniker und sein niederländischer Kollege, die in der Gegend Kühlaggregate warten, in der Bar, man spricht also Deutsch, in der Palm Lounge Bar im Eureka in Eureka, CA. Das „Frühstück“ schließlich ist imperialer Dreck, der von einer wenig vertrauenserweckenden Person in Form von meist abgepacktem Zeugs in einem Nebenraum auf zwei Tische geknallt wird; die Amis fressen’s, wir aber begnügen uns mit höllisch heißem braunem Wasser, Danone-Joghurt und unreifen Bananen. Nun ja, wer Zimmer für gut 100 US$ die Nacht anbietet darf sich nicht wundern, wenn er Gäste bekommt, die für gut 100 US$ die Nacht nächtigen. Einer trägt sein Rennrad durch die Halle und nimmt’s mit auf’s Zimmer, eine wahrscheinlich dutzende Male erfolglos schönheitsoperierte Siebzigjährige mit Strähnchen in den Haaren und Löcherjeans versucht jung auszusehen und lacht dabei enervierend, ein Ehepaar posiert vor dem Churchill-Portrait, zeigt sich gegenseitig Eselsohren und lässt sich so ablichten, eine junge Schönheit schmachtet ihren Begleiter unübersehbar an während er sie keines Blickes würdigt und in seine Funke starrt, eine Familie macht es sich mit Pizzaderivaten aus Pappkartons und Colaflaschen am Pool gemütlich und erschließt für den Begriff „unappetitlich“ neue Dimensionen … solche Leute halt. Da kann ich es schon verstehen, dass die Liste der Artikel über das Hotel auf der hauseigenen Homepage 2012 abrupt abbricht: als Investor hätte ich auch keine Lust, weiter in ein Hotel in so einem Zustand zu investieren.

Etwas Positives gibt es aber doch zu vermelden: Entenhausen, im Original von Carl Barks Duckburg im Staate Calisota, wurde von Don Rosa exakt in Eureka verortet wurde: „I won’t bother to say precisely where I situated Duckburg and Calisota on America’s west coast… but if you get out a good map and compare the coastline, you’ll see that I stuck the old gold-prospector’s adopted hometown directly across the bay from a very appropriately named actual city.” (Don Rosa, On The Life and Times of Scrooge McDuck, Gemstone Publishing, 2005)

Eureka Inn
518 7th St.
Eureka, CA 95501
USA
Tel.: +1 (7 07) 4 97 60 93
Fax: +1 (7 07) 4 97 61 85
Online: www.eurekainn.com

Doppelzimmer mit Frühstück (pro Zimmer, pro Nacht) 109 US$ bis 221 US$

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