Essen in USA (16/19): Double Tree by Hilton und Third Coast Pub and Grill

Am nächsten Tag fahren wir in einem Rutsch durch bis Racine, zuerst auf der 90 stur nach Westen, die Straße heißt hier Indiana Toll Road, direkt hinter der Grenze zu Illinois, kurz vor Chicago bei Calumet, biegen wir auf die 41 ab, um uns den obligatorischen Stau durch Chicago Down Town zu ersparen und statt dessen weitgehend an der Küste – Seeufer müsste es eigentlich heißen – entlangzufahren. An späten Nachmittag sind wir in Racine und es gibt keinerlei vertretbare Gründe, um nach Racine zu reisen … außer der Suche nach einem Ort für einen Selbstmord oder aber die Hochzeit eines sehr guten Freundes, der – aus welchen Gründen auch immer – Racine schon seit Jahren ohne Suizid überlebt. Obwohl … nach den Hotels der vergangenen Tage ist das Hilton Racine – genau genommen ein Double Tree by Hilton – eigentlich recht hübsch, direkt am Wasser gelegen, vor einer Marina an der Mündung des Root Rivers, der sich träge und massig Richtung Lake Michigan durch das Städtchen schiebt. Die Hälfte der Zimmer haben Seeblick, die andere Hälfte Sicht auf das Parkhaus, das hinter dem Hotel liegt, und dahinter immerhin Blick auf die die Stadtmitte von Racine, die man in keinen 5 Minuten fußläufig erreicht und wo es tatsächlich so etwas wie eine Hauptstraße gibt, mit einigen Geschäften und Lokalen, die man durchbummeln kann (was aber wahrscheinlich kein Ami je täte). Dieses Hilton hat nicht nur eine Gäste-Registrier- und Verteil-Station, hier gibt es tatsächlich so etwas ähnliches wie eine hohe Hotelhalle über drei Stockwerke, mit Rezeption, Sitzgelegenheiten, Durchgang zur Seepromenade, einer Ecke mit abgepacktem Schnell-Frühstücks-Convenience-Dreck und Plastiknäpfen, einem Restaurant mit Bar und – größtes aller Wunder – einem Freisitz mit Tischen und Bar draußen am Wasser. Hier gibt es fast so etwas wie echtes Hotelleben, das hauseigene Restaurant – „Third Coast Pub and Grill“ ist weder übermäßig ungemütlich noch übermäßig schlecht, es gibt ein kleines, penetrant nach Chlor stinkendes, aber sehr gut geheiztes Hallenbad, die Zimmer sind geräumig, funktional, seelenlos, sauber, eine Million Fernsehprogramme, mittelgroßer Flachbildfernseher, wirklich sehr schnelles Internet, verdreckt Duschvorhänge in den niedrigen Ami-Badezubern, ordentliche Bettwäsche, viel zu weiche Matratzen, zerschlissene Handtücher, Minibar, Kapsel-Kaffee-Maschine, passabler Schreibtisch, keine Balkone, mächtige Vorhänge, insgesamt ordentlicher bis guter Standard, die Junior-Suiten sind nochmals etwas größer, haben Hafenblick und eine große, richtige Badewanne für Zwei mitten im Zimmer. Ich mag die Hilton-Kette wirklich nicht sonderlich, das Doubletree by Hilton in Racine ist ordentlich und gewiss der Einäugige unter den Blinden in weiter Umgebung, was Hotels anbelangt.

Nach ausgiebiger Dusche und langem Bad bei einem auf’s Zimmer geschmuggelten Six Pack eiskalten Buds gehen wir runter in die Waterfront Bar des Third Coast. Aufgrund des launischen Wetters ist die Bar nicht richtig offen und nicht richtig zu. Zwischen Uferpromenade und Hotel stehen auf einer kleinen Terrasse unkputtbare Stahlmöbel, klobige Stühle und quadratische Tische, dazu eine Außenbar, aus einfachem Sperrholz gezimmert, grün und blau angestrichen, das Holz an vielen Stellen vom Regenwasser aufgequollen, schmuddlige Eisbottiche, ein paar Schnapsflaschen, eine Limo-Zapf-Garnitur, Kühlschränke voller Bier, das alles erinnert ein Wenig an Karibik, arme Karibik, provisorische Strandbar in Haiti zwischen zwei Hurrikans oder so. Aber der Barkeeper – ein pensionierter Einheimischer, vielleicht siebzig, der von seinem bisschen Rente nicht leben und nicht sterben kann – ist lustig, erzählt uns viel von der Gegend, den Menschen, dem überaus launischen Wetter über dem See. Wir trinken heimisches Bier von der Racine Brewing Company aus Plastikbechern, ein RBC German Black Wheat, ein Hola Racine im Mexikanischen Stil mit Agave, ein Irish Stout Namens Rocky Road to Dublin, nichts davon wäre mir positiv im Gedächtnis geblieben; da dann schon eher die Whiskys von Brennereien wenn schon nicht aus Racine, so doch aus Wisconsin: einen sehr wohlfeilen Punjabi Club Rye Whiskey aus der Minhas Micro Distillery in Moroe mit kräftigen 50% und mit penetranten Fuselölen im Abgang, einen J. Henry 5 Year Bourbon von J. Henry & Sons aus Dane, sehr komplex, aber typisch amerikanisch viel zu viele süßliche Vanille- und Karamell-Aromen aus dem Holz, einen ganz einen kuriosen Whiskey namens Death‘s Door White Whiskey von Washington Island, gelagert in Stahl und nicht angekokelten Eichenfässern, eher Vodka als Whiskey, aber lecker, einen Driftless Glen Rye Whiskey aus Baraboo, ein brutaler, aber ehrlicher Rachenputzer, wie man sich einen primitiven Bourbon vorstellt. Dann zieht der Himmel rasch zu, Wind kommt auf, mit einem Male wird es kalt, der Barmann kassiert uns auffällig rasch ab und räumt seine Sachen zusammen, noch bevor wir ganz ausgetrunken haben und uns in’s Haus begeben, fängt es schon an zu hageln: böses See-Wetter. Innen drin ist das Third Coast Pub & Grill ebenfalls halbwegs gemütlich, Holzböden, es gibt einen netten Bar-Teil mit einer großen U-fömigen Holzbar (diesmal aus richtigem Holz und ohne aufgequollene Stellen) und obligatorischem großen Fernseher und mit Tischen in Nischen drumherum, daneben ist ein weiterer Raum mit einer holzvertäfelten Wand und dem Charme eines Jugendherbergsspeisesaals, aber immerhin haben beide Räume Wasserblick. Ansonsten wieder blanke Tische, keine Tischwäsche, wenigstens Platzdeckchen zum Essen, billiges Porzellan, Besteck, Glas (aber immerhin kein Plastik), unausgebildetes Personal, bemühte, freundliche, tapsige, junge Studenten jedweden Geschlechts würde ich sagen, die sich was dazu verdienen müssen, dazu ein großer offener Pizzaofen, an dem ein junger Mann knetet, walkt, bestreicht, belegt, hineinschiebt, herausholt, schwitzt. Die Speisekarte ist so originell wie ein Wischmob: Knabbereien als Vorspeise, z.B. industrielle Brezeln mit Bierkäse (was immer das sein mag), Nachos, knusprige Tintenfischringe, dann ein Dutzend Pizzen aus dem Holzofen mit tatsächlich sehr knusprigem Boden, ein paar Alibi-Salate, Burger, Sandwiches, ein paar richtige Hauptgerichte wie Steak, Fish&Chis, Chicken Alfredo, gebackener Fisch, als Highlight Nudeln mit vier Käsesorten und darauf geräucherter Gouda und Parmesan, schließlich die üblichen Nachtische Cheesecake, Brownies, Ice Cream. Wie gesagt, originell wie ein Wischmob. In Deutschland würde so etwas für eine bessere Jugendkneipe reichen oder für eine provinzielle Convenience-Franchise-Kette; hier in Racine scheint die bessere Gesellschaft zusammenzukommen, um vor Ort diese Fragwürdigkeiten zu genießen, das Publikum jedenfalls ist besser gekleidet und halbwegs gepflegt, etablierte Mittel- bis Oberschicht würde ich sagen, keine blue colour worker und keine Studenten, aber diesmal – im Gegensatz zum Fricker’s am Vorabend – ethnisch gemischt, und doch fast durchgängig Manieren wie’d Sau. Aber für das Futter braucht man auch keine besseren Manieren. Die gegrillten Hähnchenflügel vorweg schwimmen in einer süßlich-rauchigen Sauce und sind alles andere als knusprig, dafür aber reichlich fleischig; zusammen mit der industriellen Knoblauch-Trockenkräuter-Fett-Tunke, die dazu gereicht wird, ergibt das eine Geschmacksmelange im Maule, die hart in Richtung Körperverletzung geht. Die Pizza ist dann ordentlich, kein Backling, gute Tomatenpampe, wenig Schinken, Analogkäse, ein paar frische Kräutlein, heiß gebacken, nicht durchgeweicht, richtig knusprig, diskret gewürzt, das ist für amerikanische Verhältnisse ganz gut. Wirklich herausragend sind dann die frisch gebratenen rosa Thunfischwürfel mit Schnitzen von perfekt reifer Avocado in einer Koriander-Vinaigrette, nur die sauer-scharfen Jalapeño-Scheiben aus dem Glas stören sehr. Das Geschnetzelte vom Steak auf Eiernudeln schließlich eine Tütensaucen-Glutamat-Verdickungsmittel-Orgie der besonderen Ekeligkeit, alle, aber auch wirklich alle Pluspunkte, die sich der Koch mit Thunfisch mit Avocado zu Recht erarbeitet hatte, macht diese Saucen-Fleisch-Teigwaren-Pampe dann wieder zunichte. Wir lassen uns noch einen großen Drink auf die Hand geben, holen unsere Jacken, setzen uns eingemummelt vor das Haus, der ganze Hagel-Spuk ist schon wieder vorbei, der Mond steht fahl über dem See und es ist empfindlich kalt geworden.


DoubleTree by Hilton Hotel Racine Harbourwalk
223 Gas Light Cirle
Racine, WI 53403
USA
Tel.: +1 (2 62) 6 32 77 77
Online: https://www.hilton.com/en/hotels/racgldt-doubletree-racine-harbourwalk/?SEO_id=GMB-DT-RACGLDT

DZ (Ü/F) US$ 116 – US$ 438

Third Coast Pub and Grill
c/o DoubleTree by Hilton Hotel Racine Harbourwalk
207 Gas Light Circle
Racine, WI 53403
USA
Tel.: +1 (2 62) 6 35 05 33
Email: 3coast@thirdcoastracine.com
Online: http://thirdcoastracine.com

Hauptgerichte von US$ 10,00 (Burger) bis US$ 28,00 (NY Strip Steak mit Beilagen), Drei-Gänge-Menue von US$ 21,00 bis US$ 48,00; Frühstück US$ 5 bis US$ 10

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